Kapitel 1 - Timing ist eine Bitch


โOh, how โbout a round of applause?
Oh, and the award for the best liar
Goes to you
For makinโ me believe
That you could be
Faithful to meโ
- Rhianna - Take A Bow -

Es gibt beschissene Momente im Leben, die man einfach nicht kommen sieht.
Sie tragen kein Warnschild, kommen nicht mit Posaunengetรถse und besitzen keinen dramatischen Vorhang. Sie liegen einfach da โ unscheinbar und still โ und warten darauf, dass man hineintritt.
รhnlich wie ein Haufen Hundescheiรe.
So erging es Alice an diesem sonnigen Spรคtsommermittag, als sie frรผher als geplant von der Arbeit nach Hause kam.
Es war kurz nach zwรถlf, doch der silberne Honda ihres Mannes stand bereits in der Einfahrt. Als sie den Schlรผssel ins Schloss steckte und die Tรผr des kleinen Hauses in Long Beach aufschob, zog sich etwas in ihrem Magen zusammen.
Alice hรคtte rufen kรถnnen. Normalerweise hรคtte sie es getan. Doch heute tat sie es nicht. Vielleicht weil es ein besonderer Tag war.
Vielleicht weil ein leiser Instinkt sie warnte.
Der Schlรผssel klirrte leise, als sie ihn in die kleine Kristallschale im Flur legte. Ihr Blick verfing sich kurz an ihrem eigenen Spiegelbild.
Aus dem hรผbschen Spiegel, der von einer hรถlzernen Fassung mit goldenen Ornamenten umrahmt wurde, blickten ihr blaue Augen unter langen Wimpern entgegen. Wie immer trug sie ihr langes, leicht gewelltes schwarzes Haar zu einem strengen Zopf mit Knoten am Hinterkopf gebunden. Eine einzelne Strรคhne hatte sich gelรถst und fiel ihr in die Stirn โ ein Makel im perfekten Bild, den sie mit einem schnellen Handgriff korrigierte.
Auf ihrer Nase saร eine moderne, schwarze Browline-Brille, die sie mit einem leisen Seufzen abnahm und neben die Schlรผsselschale legte. Eigentlich brauchte sie das Ding lรคngst nicht mehr. Sie trug sie nur noch zu Terminen mit selbstgefรคlligen Mรคnnern, die verstaubte Erwartungen an eine weibliche Marketingberaterin hatten.
Alice atmete tief durch, griff sich in den Nacken und massierte die verspannten Muskeln. Arbeit, Termine, Rollenbilder. All das wรผrde gleich keine Rolle mehr spielen โ fรผr heute zumindest.
Keine Meetings. Kein Stress.
Nur noch Jake und sie.
Mit diesen Gedanken wandte sich Alice vom Spiegel ab und lieร ihre Handtasche auf der Kommode liegen. Die Sonne schien durch die groรen glรคsernen Dachfenster ins Haus und tauchte das Wohnzimmer und den cremefarbenen Sitzbereich in ein harmonisches, goldgelbes Licht. Frische Blumen setzten Farbtupfer im Weiร und Creme. Alles wirkte perfekt. Wie immer.
Das hieร ... Nein.
Nicht ganz.
An der Ecke des modernen Glastisches, wo sonst auรer Blumen nur ihre Zeitschriften wie Forbes oder The Drum auslagen, hing ein roter Spitzen-BH.
Alice fรผhlte sich, als hรคtte man ihr eine Ohrfeige verpasst. Fassungslos starrte sie auf das Kleidungsstรผck, das zwischen all dem Weiร und Creme hervorstach wie eine rote Beere im Winter. Ein Kleidungsstรผck, das ihre ganze kleine Welt in Flammen aufgehen lieร.
โNein ... Nein, nein, nein. Das darf nicht wahr sein.โ
Fรผr einige Sekunden starrte Alice auf die Spitzenwรคsche und wรผnschte sich, alles wรคre nur ein Albtraum.
Das wรผrde er nicht tun. Nicht hier. Nicht in ihrer Wohnung. Und schon gar nicht heute.
Doch die Worte klangen hohl, selbst in ihrem eigenen Kopf.
โScheiรe, ja! Genau so!โ
Die hohe Frauenstimme drang schrill wie das Kratzen von Fingernรคgeln auf einer Schiefertafel an ihr Ohr โ ekelhaft.
Alice setzte sich fast mechanisch in Bewegung. Man musste kein Detektiv sein, um der Spur zu folgen, die quer durch die Wohnung in Richtung Schlafzimmer fรผhrte. Eine Hose. Ein weiรes Hemd. Ein schwarzer Rock. Und schlieรlich ein roter String.
Die Ahnung war lรคngst da. Nein, es war mehr als das. Ihre Schritte auf dem teuren Parkett klangen dumpf neben ihrem drรถhnenden Herzschlag. Vielleicht dauerte es deshalb ein paar Sekunden, bis sie begriff, dass das Stรถhnen aus dem Schlafzimmer real war.
Kein Hirngespinst. Kein Irrtum.
Die Schlafzimmertรผr stand einen Spalt offen, und der folgende Anblick war, als wรผrde sich ein gewaltiger Schwall eiskalten Wassers รผber ihren Kopf ergieรen.
Die Rolllรคden waren heruntergelassen und in den Ecken brannten Teelichter, die den Raum in schummriges Licht tauchten. Die Fotos auf der Kommode waren umgekippt.
โFuck, Baby! Du bist so eng!โ
Auf dem groรen Kingsize-Bett mit den weichen Laken aus รคgyptischer Baumwolle war ihr Ehemann gerade dabei, einer Blondine von hinten das Gehirn rauszuvรถgeln. Seine Lenden klatschten rhythmisch gegen ihren dรผrren Arsch, wรคhrend sie ihn immer wieder darum anflehte, sie hรคrter zu nehmen โ und er stรถhnte begeistert.
Sein Kรถrper verdeckte sie fast vollstรคndig, doch ein Augenblick genรผgte, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte. Die Art, wie sie den Kopf zur Seite neigte. Wie ihr Haar รผber das Kissen fiel. Wie vertraut ihr Stรถhnen klang.
Dann blieb Alices Blick an einem Detail hรคngen: dem kleinen Muttermal knapp unterhalb des Schlรผsselbeins. Ihr Herz setzte aus.
Das dort ... das war nicht irgendeine Blondine.
Es war die Frau, mit der sie unzรคhlige Abende auf dem Sofa verbracht hatte. Die ihre Hand hielt, wenn Alice ihr von ihrer Ehe, ihren Hoffnungen oder Jakes schwierigen Seiten erzรคhlte. Die mit ihr lachte, Wein trank und ihre Geheimnisse kannte. Die sie umarmte, wenn sie Trost brauchte.
Alexa.
Lexy. Lexa.
Ihre Vertraute.
Ihre Komplizin fรผr alle Schandtaten.
Ihre verdammte beste Freundin.
Fรผr einen Moment weigerte sich alles in Alice, das Gesehene zu akzeptieren. Es war, als hรคtte jemand zwei Bilder รผbereinandergelegt, die nicht zusammengehรถrten.
Ein dumpfes Rauschen erfรผllte ihre Ohren, die Gerรคusche im Raum verloren ihre Konturen und wurden fern, als stรผnde sie unter Wasser. Ihr Blick konnte sich nicht losreiรen und etwas in Alice wartete, hoffte und flehte nach einem Zeichen, dass all das nicht real sein konnte.
Ein Irrtum. Ein schlechter Scherz.
Ein Albtraum, aus dem sie gleich erwachen wรผrde.
Aber da waren nur Lexy und Jake... und die Realitรคt.
Und diese Realitรคt traf Alice wie ein Kinnhaken.
Zuerst kam der Schmerz und โ dann die Wut.

