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[GER] Sinware — Dreams are a Glitch

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Zusammenfassung

Enodia ist eine staatlich optimierte Killerin, deren Auftrag es ist, „Dissonanzen“ aus dem Manuskript der Gesellschaft zu löschen. Doch was tust du, wenn dein eigener Tod bereits protokolliert wurde? In der Megacity Node 09 herrscht die absolute Ordnung der Kohärenz. Enodia ist eine Lektorin — ein chirurgisches Werkzeug in den Händen ihres Vaters, dazu bestimmt, jeden Systemfehler mit dem Monodraht zu korrigieren. Sauber. Effizient. Endgültig. Doch als sie die neueste Revision antritt, gerät alles außer Kontrolle. Während ihr Interface absolute Ruhe meldet, brennt in Enodia ein Hunger, den kein Update stillen kann. Als sie auf die Genetikerin Ilo Vayne angesetzt wird, kollabiert ihre programmierte Realität: Die Hardware versagt, verbotene Bücher flüstern von einer verlorenen Welt und ein einziger Kuss wird zum fatalen Systemfehler. Zwischen der klinischen Kälte des Lektorats und den pulsierenden Abgründen der Unterwelt wird Enodia von der Jägerin zur Gejagten. Sie muss entscheiden, ob sie ein gehorsamer Satz im Manuskript der Kohärenz bleibt — oder der Fehler wird, der die Ordnung der Kohärenz für immer vernichtet.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
36
Rating
5.0 7 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 🧬 Die Revision

Jahr 491 nach der Großen Korrektur


Der Gestank im “Dead Signal” war das Einzige, was mich noch daran erinnerte, dass ich aus Fleisch und Blut bestand.

In der Untergrundbar roch es nach schwerem, süßlichem Moschus, nach verschüttetem, fermentiertem Zucker und dem salzigen Dunst von Körpern, die sich aneinander rieben, als könnten sie die Kälte der Stadt durch bloße Reibung vertreiben.

An der Oberfläche war alles gefiltert und geruchlos, eine Welt aus klinischer Leere. Aber hier unten, in der Senke, roch das Leben noch nach Sehnsucht und Verfall.

Ich beobachtete ihn.

Er tanzte nicht wie die anderen — nicht dieses abgehackte, effiziente Zucken der Optimierten, deren Glieder nur den Taktfrequenzen ihrer Implantate gehorchten. Er bewegte sich flüssig, fast verschwenderisch, als besäße er eine Freiheit, die in unserem Sektor längst wegrationalisiert worden war. Jede Bewegung seiner Hüften, jedes Vorbeugen seines Rumpfes war ein hämischer Mittelfinger gegen die Logik unserer Stadt — Node 09.

Sein Shirt klebte an seinem Rücken, ein dunkler Schatten auf hellem Stoff, und ich starrte auf die Stelle, an der seine Wirbelsäule in den Nacken überging.

Dort, wo die Haut weich war. Wo das Leben pulsierte.

Ein dumpfer, fast schmerzhafter Sog riss an meinem Inneren. Ich nannte es Hunger, weil mein Verstand kein Wort für das Gefühl besaß, die mich jedes Mal überkam, wenn ich jemanden sah, der noch fähig war, sich zu verlieren. Ich fixierte den Schlag seiner Halsschlagader unter der feuchten Haut. Es war die einzige Wahrheit in einem Raum voller simulierter Empfindungen.

Ich brauchte dieses Pulsieren. Ich brauchte die Hitze seines Körpers, um das ewige Eis in meinen eigenen Adern für einen Wimpernschlag zu schmelzen.

Ich wollte ihn nicht nur auslöschen. Ich wollte ihn einatmen, bis meine Lungen durch das Leben in ihm brannten.

Er drehte sich im Licht einer sterbenden, bernsteinfarbenen Neonröhre zu mir um. Sein Lächeln war kein programmiertes Skript, es war wild, hungrig und erfüllt mit einer Traurigkeit, die ich nur zu gut kannte.

Er sah mich — nicht als Lektorin. Mein Beruf stand mir nicht auf die Stirn geschrieben. Er sah mich als einen anderen verlorenen Buchstaben in einem Text, der keinen Sinn mehr ergab.

Und vielleicht war ich genau das.

Mein Herz schlug gegen meine Rippen — ein nicht optimierter, fehlerhafter Rhythmus, der nichts mit der viel gelobten Effizienz der Kohärenz weit über unseren Köpfen zu tun hatte. Ich wusste, dass ich ihn heute Abend in den Abgrund führen würde. Aber bevor ich ihn löschte, würde ich ihn benutzen, um die Schwärze hinter meinen Augen für einen Moment zum Leuchten zu bringen.

Ich stieß mich vom Tresen ab.

Mein Gang war geschmeidig, die lautlose Annäherung eines Raubtiers, das vergessen hatte, wie es sich anfühlt, keine Beute zu machen.

“Du suchst nach etwas”, sagte er, als ich vor ihm stehen blieb. Seine Stimme war rau und warm, ein direkter Angriff auf meine Beherrschung.

“Ich habe es gerade gefunden”, antwortete ich und legte meine kalte Hand in seinen brennenden Nacken. “Ich bin Enodia.”

“Miro.”

Er wartete nicht auf eine Einladung.

Seine Hand grub sich in mein Haar, riss meinen Kopf zurück und seine Lippen trafen meine mit einer Wucht, die nach Eisen und einem unterdrücktem Schrei schmeckte.

Wir taumelten aus dem pulsierenden Licht des “Dead Signal” in die feuchte Schwüle der angrenzenden Gasse. Der saure Regen von Node 09 zischte auf den heißen Entlüftungsrohren, aber wir spürten nur das Feuer zwischen uns.

Er drückte mich gegen die vibrierende, korrodierte Wand eines Energieverteilers. Das Metall war eiskalt, doch sein Körper war ein Hochofen.

Seine Hände waren überall — ungeduldig, grob, getrieben von derselben existenziellen Gier, die mich zerfraß. Er schob mein Kleid hoch, seine Finger krallten sich in meine Oberschenkel, als ich meine Beine um seine Hüften schlang, um näher an diese verbotene Hitze zu kommen.

Ich biss in seine Schulter, nicht aus Zärtlichkeit, sondern um mich zu vergewissern, dass er real war. Unter uns wummerte der Bass der Bar wie das schlagende Herz eines trauernden Riesen.

“Nicht hier. Nicht unter den Augen der Sensoren”, keuchte er gegen meine Kehle, während seine Lippen die Stelle suchten, an der mein Puls wie wahnsinnig raste. “Zu mir. Es ist nicht weit.”

Sein Atem brannte auf meiner Haut, ein kurzes, stoßweises Versprechen von etwas, das über die bloße Biologie hinausging. Ich löste meine Beine von ihm, doch meine Finger ließen sein Shirt nicht los. Wir waren beide atemlos, die Lungen gefüllt mit der giftigen, schweren Luft der Senke, die Augen geweitet vor einem Hunger, den keine Ration der Kohärenz jemals stillen könnte.

Wir rannten.

Er zerrte mich durch ein Labyrinth aus verrosteten Treppenaufgängen und feuchten Korridoren, tiefer in das Eingeweide seines Wohnblocks. Seine Wohnung war kein steriler Kubus wie meine, sie war eine Höhle aus Chaos, vollgestopft mit illegalen Tech-Teilen, alten Büchern und dem beißenden Geruch von Menschsein.

Sobald die schwere Metalltür hinter uns ins Schloss krachte, gab es kein Halten mehr.

Wir rissen uns die Kleidung vom Leib, als müssten wir eine Schande abstreifen. Das einzige Licht kam vom bläulichen Flimmern eines defekten Bildschirms an der Wand, der rhythmische Schatten auf seine nackte Haut warf, während wir auf seine durchgelegene Matratze krachten.

Es gab kein Vorspiel. Nur den Zusammenprall zweier Welten.

Ich umschlang ihn, zog ihn tiefer in mich hinein, als könnte ich durch seinen Körper hindurchkriechen, um das Licht zu finden, das er ausstrahlte. Es war schmerzhaft und vollkommen zugleich.

Das Echo seiner Stöße hallte in meinem Becken wider, ein rauer, urtümlicher Takt, der die logischen Algorithmen in meinem Kopf einfach übertönte.

Er stieß sich mit einer harten, verzweifelten Kraft in mich, die meinen Rücken von der rissigen Matratze bog. Meine Fingernägel gruben sich in das Fleisch seines Rückens, rissen Furchen in die Haut, während ich sein Stöhnen mit meinem Mund auffing. Es schmeckte nach einem wilden, ungezähmten Leben, das sich mit Verhängnisvollerem als Datendiebstahl beschäftigte. Jeder Millimeter Haut, der auf meine traf, fühlte sich an wie eine verbotene Berührung, wie ein Kurzschluss im System.

Ich wollte mehr.

Wollte die totale Zerstörung meiner Beherrschung.

Ich umschlang seine Hüften mit meinen Beinen, presste mich so eng gegen ihn, dass unsere Schweißschichten zu einer Gleitbahn wurden. In der Dunkelheit der Wohnung, unter dem Flackern des sterbenden Bildschirms, waren wir keine Optimierten mehr. Wir waren zwei Tiere, die sich in einem Käfig aus Stahl und Silizium zerfleischten. Seine Hände umklammerten meine Handgelenke, drückten sie über meinem Kopf in das Laken, während er sein Gesicht in meiner Halsbeuge vergrub und meinen Namen keuchte — nicht die Nummer meines Dienstplans, sondern das Echo einer Frau, die ich längst vergessen hatte.

In diesem Moment war es keine Romantik. Es war die nackte, existenzielle Gier zweier Ertrinkender, die sich aneinander klammerten, während die Welt um sie herum zu Stein erstarrte. Ich schmeckte den Schweiß und die Verzweiflung auf seiner Haut, und zum ersten Mal an diesem Abend fühlte ich mich nicht mehr wie ein kybernetisches Konstrukt.

Ich fühlte mich wie eine Mörderin, die kurz davor war, sich zu verlieben — und das war das Gefährlichste, was man in Node 09 sein konnte.

In diesem Moment explodierte das Rauschen.

Es war kein kurzer Blitz mehr. Es war ein Dammbruch. Hinter meinen geschlossenen Lidern riss der schwarze Vorhang der Gleichförmigkeit mit einem Kreischen auf.

Ich sah es.

Mehr noch. Ich fühlte es. Beinahe.

Brennende Horizonte, das Tosen eines Meeres, das ich nie gesehen hatte, und die unerträgliche Helligkeit einer Sonne, die unter die Haut ging. Ich trank ihn förmlich aus, während meine Endorphine die chemischen Sperren meiner Kybernetik wie morsche Dämme brachen.

Es war kein Akt der Liebe. Es war ein Raubmord am Gefühl.

Ich schluchzte auf — hohl, gebrochen. Ein qualvoller Laut, der in seinen Mund floss, während die Lust mich wie eine Welle aus flüssigem Feuer überrollte. Für diesen einen, ewigen Augenblick war ich frei. Ich war nicht das Werkzeug des Lektorats.

Ich war Teil des Bildes.

Und dann kippte die Welt.

In der Sekunde, in der sein Körper unter der letzten, heftigen Welle erzitterte und er seinen Kopf schwer an meine Schulter legte, kehrte die Kälte zurück. Die Bilder verblassten, das Meer versiegte, wurde zu grauem Staub. Übrig blieb nur der metallische Geruch von seinem Schweiß und das vertraute, bleierne Schweigen von Node 09.

Er hatte seinen Zweck erfüllt. Er war die Brücke gewesen, und nun, da ich das andere Ufer verlassen musste, brauchte ich ihn nicht mehr.

Ich löste mich nicht von ihm. Im Gegenteil, ich zog ihn fester an mich, legte meinen rechten Arm um seinen verschwitzten Nacken, als wäre es eine letzte, zärtliche Umarmung. Mit einem bewussten Gedankenbefehl entsperrte ich die Mechanik in meinem Unterarm.

Da war kein Zittern.

Mein Wille war so scharf wie die Waffe selbst.

Unter der Haut meines Handgelenks löste sich die Arretierung mit einem fast unhörbaren, metallischen Klicken. Der Monodraht — eine hauchdünne Faser aus molekular verdichtetem Kohlenstoff — glitt aus einer feinen Pore in meiner Handfläche. Er war für das bloße Auge unsichtbar, ein schwarzes Nichts, das nur als winziges Flimmern im fahlen Licht des Raumes existierte.

Ich führte meine Hand hinter seinen Kopf. Ich spürte die Hitze, die immer noch von ihm ausging, das langsame Pochen seines Herzens an meiner Brust.

Dann zog ich die Faser straff.

Ich spürte den minimalen Widerstand, als der Draht die weiche Haut an seinem ersten Halswirbel berührte. Mit einem kurzen, harten Ruck meiner Handfläche schloss ich den Kreis. Die Faser schnitt durch Fleisch, Sehnen und das Rückenmark, so mühelos und schnell, dass sein Nervensystem den Schmerz nicht einmal registrieren konnte. Es gab keinen Kampf, kein Aufbäumen. Nur das leise, feuchte Geräusch von trennendem Gewebe.

Er gab keinen Laut von sich.

Eine feine, rote Linie zeichnete sich um seinen Hals ab, kaum dicker als ein Haar. Sein Kopf sackte schwer in meine Armbeuge, und das Licht in seinen Augen erlosch augenblicklich.

Sein Herzschlag, der gerade noch gegen meine Brust gehämmert hatte, setzte einfach aus. Die Wärme begann sofort aus seinem Körper zu weichen, flüchtete aus dem Fleisch und machte der stickigen Luft seiner Wohnung Platz.

Mit einem leisen Zischen spulte sich der Draht zurück in die Halterung unter meiner Speiche. Die Pore schloss sich und hinterließ nichts als glatte, unschuldige Haut.

Umschlungen von einer Leiche, blieb ich liegen und starrte auf die schimmelige Decke. Ich hatte ihn benutzt, hatte ihn und seine ungezügelte Rohheit leergetrunken und dann gelöscht, um keine Zeugen für meine Schwäche zu hinterlassen.

Ich hatte meinen Job erledigt.

Mein Interface flackerte auf, ein hämischer, roter Gruß in der Dunkelheit.

LEKTORAT // REVISIONS-CHECK

SUBJEKT: REF-4412

STATUS: GELÖSCHT.

NACHRICHT: DIE KOHÄRENZ DANKT FÜR IHRE EFFIZIENZ.

“Gern geschehen”, flüsterte ich in die Stille des Zimmers.

Ich stieß seinen kalten Körper von mir ab und stand auf. Der Boden war eiskalt, aber das Gefühl in meinem Inneren war kälter.

Ich war wieder ein korrekter Satz im Manuskript der Kohärenz.

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4 vorherige Kommentare anzeigen…
author

Der Auftakt ist heftig 😲
Wieder eine Geschichte von dir, die
mich sofort mitreißt. Wie machst du das?

3 Monate
2
author

Hui, das nenne ich mal einen Einstieg. Und, auch wenn es der Teaser fast vermuten lässt, ist der Schwenk extrem. Extrem packend geschrieben. Extrem spannend. Es ist schwierig, das nächste, nicht wie eine Relativierung klingen zu lassen: Aber ich habe nichts anderes erwartet - und wurde trotzdem noch positiv überrascht.

3 Monate
3
author

Heftig, intensiv und grausam. Macht die Protagonistin erstmal nicht grade sympathisch. Spannend.

3 Monate
1

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