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Schatten der Vergessenen

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Zusammenfassung

Inmitten des pulsierenden Berlins der Gegenwart, wo U-Bahnen rattern und Smartphones die Realität filtern, lebt Livia Brandt, eine 28-jährige Grafikdesignerin, die ihre Visionen seit Jahren als Halluzinationen abtut. Bis eines Nachts eine uralte Magie in ihr erwacht: Sie ist eine Schattenweberin – die letzte Nachfahrin der Wächter, die die fragile Grenze zwischen Menschenwelt und Schattenreich schützen. Als der Schleier zwischen den Welten zu reißen beginnt, wird Livia in einen uralten Konflikt gezogen. Der mächtige Schattenlord Valerian, einst selbst ein Beschützer, plant, die Barrieren niederzureißen – aus Rache an einer Menschheit, die die Magie vergessen und seine Liebe zerstört hat. Unterstützt von einer ungleichen Gruppe Verbündeter – dem charmant-chaotischen Hacker und Halb-Elf Finn, der weisen Hexe Mira und dem innerlich zerrissenen Werwolf-Polizisten Lukas – muss Livia lernen, ihre Gabe zu beherrschen. Doch je stärker sie webt, desto mehr kostet es sie: Menschlichkeit, Kontrolle, vielleicht sogar sich selbst. Während die Stadt in Chaos versinkt und Schatten und Menschen aufeinandertreffen, erkennt Livia, dass der wahre Kampf nicht gegen Valerian geführt wird – sondern um Verständnis, Vergebung und die Frage, ob Liebe stärker sein kann als Verlust. Ein modernes Urban-Fantasy-Epos über Identität, mentale Gesundheit, den Preis der Macht und die heilsame Kraft von Zusammenhalt – in einer Welt, in der Magie und Technologie kollidieren und niemand mehr allein ist

Genre:
Fantasy,Romance
Autor:
J.BdK
Status:
vor 7 Monaten
Kapitel:
30
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Das Flüstern der Schatten



Berlin, Ende Februar. Die Stadt roch nach nassem Asphalt und verbranntem Kaffee aus den Imbissbuden an der Warschauer Brücke. Livia Brandt zog den Kragen ihres schwarzen Wollmantels höher, als der Wind vom Spreekanal herüberpfiff, kalt, nass und ungemütlich. Sie war auf dem Weg nach Hause, die Tasche mit dem schweren Laptop auf derlinken Schulter, die Finger steif vor Kälte.

Dreiundzwanzig Uhr vierzehn. Die U-Bahn hatte sie wieder einmal im stich gelassen – Streikandrohung, mal wieder –, also war sie die letzten Kilometer zu Fuß gegangen. Kreuzberg bei Nacht hatte etwas Beruhigendes und Beunruhigendes zugleich: die Neonlichter der Dönerläden spiegelten sich in Pfützen, aus offenen Fenstern drangen Bässe und Lachen, und irgendwo bellte ein Hund.

Livia liebte diese Stadt genau deshalb. Sie war laut genug, um die Stille in ihrem Kopf zu übertönen.

Doch heute Nacht war die Stille anders. Sie fühlte sich… wach an.

Sie bog in die Skalitzer Straße ein, vorbei an dem verlassenen Hinterhof, den sie immer mied, weil dort seit Jahren niemand mehr die Mülltonnen leerte. Der Hof lag im Schatten eines alten Mietshauses, dessen Fenster blind waren wie tote Augen. Normalerweise ging sie schneller, den Blick sturr geradeaus. Heute jedoch blieb sie stehen.

Etwas hatte sich bewegt, irgendwie verschoben.

Nicht im Hof. Sondern in ihr.

Es begann als ein Ziehen hinter den Augen, wie bei einer beginnenden Migräne, nur dass kein Schmerz folgte. Stattdessen ein Flüstern. Keine Worte, sondern Bilder, die sich in ihren Kopf schoben wie fremde Dias in einen alten Projektor.

Ein Turm aus schwarzem Glas, der sich in einen sternenlosen Himmel bohrte. Flügel aus Rauch, die sich entfalteten. Augen, die nicht menschlich waren – zu groß, zu alt, zu traurig.

Livia blinzelte hart. „Oh Nein. Hör auf“, murmelte sie. „Nicht jetzt.“

Die Visionen kamen seit ihrer Pubertät, unregelmäßig, meist wenn sie erschöpft und müde war. Ärzte hatten von Stress gesprochen, von Schlafstörungen, von einer leichten Form von Halluzinationen. Sie hatte Tabletten probiert, Meditation, sogar Therapie. Nichts half wirklich. Also hatte sie gelernt, die Visionen zu ignorieren. So, wie man einen nervigen Nachbarn ignoriert.

Aber diesmal war es anders. Stärker. Als würde etwas an ihr ziehen, nicht nur in ihrem Kopf, sondern an ihrer Haut, an ihren Knochen.Überall

Sie trat unwillkürlich einen Schritt in den Hof hinein. Der Geruch von Moder und altem Laub schlug ihr entgegen. Unter einem umgekippten Einkaufswagen lag etwas, das im schwachen Licht der Straßenlaterne glänzte.

Ein Armband. Alt, aus dunklem Metall, das nicht rostete. Daran hing ein Anhänger in Form eines stilisierten Schlüssels – oder war es ein gefalteter Flügel? Die Oberfläche war mit feinen Linien bedeckt, die im Schatten zu atmen schienen.

Livia bückte sich, ohne nachzudenken. Ihre Finger schlossen sich darum. Kalt.

In dem Moment, als sie es berührte, explodierte die Welt in Schwarz und Silber.

Sie sah nicht mehr den Hof indem die gerade stand. Sie sah eine andere Art von Berlin – dieselben Straßen, aber überlagert von etwas anderem. Bäume, die aus Beton wuchsen. Brücken aus purem Licht. Und Wesen. Schatten, die gingen wie Menschen, nur flüssiger, schneller. Eines davon drehte sich zu ihr um. Es hatte kein Gesicht, nur eine Leere, eine dunkle, schwarze Leere.

„Du bist spät“, flüsterte es.

Livia keuchte auf, ließ das Armband fallen. Die Vision zerbrach wie Glas. Sie stand wieder im Hof, keuchend und zitternd, die Knie weich. Das Armband lag vor ihren Füßen, unschuldig, still.

Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie die eigenen Gedanken kaum hörte.

„Was zur Hölle…“, flüsterte sie.

Sie hob es erneut auf – diesmal vorsichtiger. Keine Vision. Nur Kälte und ein kribbeln, ungefähr so,als wenn man einen elektrischen Weidezaun berührt.

In ihrer Manteltasche vibrierte das Handy. Eine Nachricht von ihrer besten Freundin Anna: „Hey, lebst du noch? Du wolltest doch um 22 Uhr anrufen. Alles okay?“

Livia starrte auf den Bildschirm. Dann auf das Armband in ihrer Hand.

Nein, dachte sie. Nichts ist okay.

Aber zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich die Welt nicht mehr falsch an. Sie fühlte sich… echt.

Und das machte ihr mehr Angst als jede Vision je zuvor.

Sie steckte das Armband ein, drehte sich um und ging nach Hause. Der Wind hatte aufgefrischt. Oder vielleicht war es gar kein Wind.

Vielleicht war es etwas, das endlich aufgewacht war.Ihr Körper zitterte.