Der Märchenmörder Episode 4

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Ott ist dem Bösen so nah wie nie zuvor. Doch das Ungeheuer ist groß, grausam und nicht bereit, die Bühne zu verlassen.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
4
Rating
5.0 6 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Episode 4 - Der Märchenmörder I

Kapitel 1

Jetzt wird geredet.

Doch die eigentliche Frage ist, ob man überhaupt noch reden kann, wenn man betrachtet, was gerade geschieht. Fast gleichzeitig beginnen mehrere Gespräche in verschiedenen Städten, in denen Menschen aufeinandertreffen, deren Entscheidungen weitreichende Konsequenzen haben werden.

Ihre Interessen kreuzen sich, ihre Ziele überschneiden sich, und innerhalb weniger Stunden werden Beschlüsse fallen, die weit über diesen Abend hinaus wirken. Und innerhalb weniger Stunden wird ein Mann die Last tragen müssen, das alles zu beenden oder zumindest wieder unter Kontrolle zu bringen.

Sein Name ist Ott.

Er ist müde, seine Knochen schmerzen, Menschen, die ihm nahestehen, haben gelitten, und andere sind weiterhin in Gefahr. Ott äußert seine Gefühle nicht, doch in ihm arbeitet eine Verzweiflung, nicht weil er nicht weiß, wie es weitergeht, sondern weil er den Weg kennt, den er gehen muss, und genau weiß, wie laut und zerstörerisch dieser sein wird.

Der Direktor des Bundesnachrichtendienstes sitzt bei einem privaten Abendessen mit der Bundeskanzlerin. Nur sie beide, ohne Aufzeichnung, als hätte dieses Treffen offiziell nie stattgefunden. Es geht um eine Entscheidung von außergewöhnlicher Tragweite, die nicht auf Verfahren oder Zuständigkeiten beruht, sondern ausschließlich auf Vertrauen.

Zur gleichen Zeit hat der Bundesinnenminister in Berlin einen Tisch in einem bekannten Restaurant reserviert, einem Ort, an dem sich Politiker, Journalisten, Lobbyisten und Vertreter der Wirtschaft begegnen. Hinter der öffentlichen Fassade existieren diskrete Räume, abgeschirmt und unauffällig, geschaffen für Gespräche, die niemals nach außen dringen sollen.

Dort trifft sich der Innenminister mit dem Generalbundesanwalt, und gemeinsam mit dem Bundesjustizminister bilden sie den engsten politischen Kreis der Kanzlerin.

Ein Trio, das in der Opposition und unter regierungskritischen Journalisten den spöttischen Namen trägt: „die drei Haselnüsse“, eine ironische Anspielung auf das Märchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, in dem die Kanzlerin die Rolle des Aschenputtels einnimmt.

Doch an diesem Abend ist dieses Trio nicht vollständig, denn der Bundesjustizminister hat einen eigenen Tisch reserviert, in einem anderen Restaurant, in einer anderen Stadt, unter denselben diskreten Bedingungen. Sein Gast ist ein Mann, den die breite Öffentlichkeit kaum kennt, der jedoch in den entscheidenden Machtkreisen einen Namen besitzt, der Gewicht hat.

Er war der erste Direktor des BND unter der Kanzlerin, und sein Sturz erschütterte damals die Regierung nachhaltig. Die politischen Nachwirkungen sind bis heute spürbar.

Und in Düsseldorf stellt sich Löw Ott in den Weg und zwingt ihn schließlich zu einer Pause. Kurze Zeit später sitzen sie in Löws Einzimmerwohnung, einem kleinen, funktionalen und zugleich chaotischen Raum, der seinen Besitzer perfekt widerspiegelt. Sie bestellen Essen, und während Löw ausreichend Bier im Kühlschrank hat, hat er für Ott sogar eine Flasche Rotwein besorgt, französisch, zum Preis von 9,49 Euro.

„Die Verkäuferin bei REWE hat gesagt, der wäre für den Preis ganz gut. “Löw zuckt mit den Schultern, denn von Wein versteht er nichts.

Zur selben Zeit, in der Uniklinik, ebenfalls in Düsseldorf, wird Hanka Marie ein Paket in ihr Zimmer gebracht. Sie hat bereits gegessen, soweit man das so nennen kann, denn ihr Mundraum ist noch immer nicht vollständig verheilt, und normale Nahrung ist weiterhin unmöglich.

Sprechen kann sie ebenfalls nicht, obwohl ihre Stimmbänder unversehrt geblieben sind, denn Zunge und Gaumen wurden durch den Zerstörer so schwer verletzt, dass selbst einfache Worte derzeit unmöglich sind.

Sie nimmt das Tablet in die Hand, zögert einen Moment und schaltet es schließlich ein. Der Bildschirm wird schwarz, und einen Augenblick später erscheint ein Bild, das sie augenblicklich erstarren lässt.

Sie sieht sich selbst, genau in diesem Moment, genau in diesem Zimmer, als würde sie in einen Spiegel blicken. Dann verschwindet das Bild wieder, und auf dem dunklen Display erscheint eine Nachricht.

„Cool, Hanka. Ich bin Floppy Disk, ein Freund von Ott.“

„Du bist der Kinderhacker. Aber was soll das?“

Die Antwort kommt ohne Verzögerung. „Wir müssen zusammenarbeiten. Du und ich.“

„Wie meinst du das?“

„Ich bin tiefer in die Systeme des Zerstörers eingedrungen, als ich Ott wissen lasse.“

Hanka hält kurz inne, wägt ab und entscheidet sich bewusst zuzuhören. „Ich höre.“

Wenn dieses Kind sie kontaktiert, dann nicht ohne Grund, und genau das macht die Situation gefährlich.

„Er wird dich hier im Krankenhaus besuchen.“

Hanka liest den Satz zweimal.

„So wie bei Ott“, schreibt Floppy weiter.

„Seit du hier bist, habe ich dieses Zimmer gehackt. Über Kameras, Fernseher und einige medizinische Geräte. Das Tablet ist mein direkter Zugang zu dir.“

Ein kalter Schauer läuft Hanka über den Rücken.

„Vor meiner Tür stehen zwei SEK-Beamte.“

„Ja. Aber das spielt für ihn keine Rolle.“

Hanka zögert einen Moment, dann stellt sie die Frage, die sie am meisten fürchtet. „Wann wird er kommen?“

„Sehr bald.“

Eine kurze Pause entsteht, die sich spürbar ausdehnt.

„Und ich will, dass er kommt.“

Hanka starrt auf den Text, ihr Puls beschleunigt sich. „Was? Bist du verrückt?“

„Er kommt sowieso. Es ist besser, vorbereitet zu sein.“

Die Antwort kommt ohne Zögern, kühl und klar. „Aber ich sorge dafür, dass dir nichts passiert.“

Eine weitere Nachricht folgt, diesmal konkreter. „Ich brauche ihn physisch vor Ort. Nur dann kann ich ihn wirklich in meinem Netz binden. Das ist die einzige Möglichkeit, die ich sehe.“

Hanka atmet langsam aus, zwingt sich zur Kontrolle und trifft eine bewusste Entscheidung. „Warum ist Ott nicht involviert? Und was soll ich tun?“

„Ott kann hier nichts ausrichten. Wenn er da ist, wird der Zerstörer nicht kommen. Schalte das Tablet niemals aus. Ich melde mich, wenn es soweit ist.“

Ein letzter Moment der Stille. „Bist du damit einverstanden?“

Hanka blickt lange auf den Bildschirm. „Nein. Aber ich werde alles tun, um ihn zu stoppen.“

Der Bildschirm wird schwarz. Floppy hat genau das bekommen, was er wollte.

Hanka stellt das Tablet wie verlangt auf den Nachttisch und schließt die Augen, doch an Schlaf ist nicht zu denken.

Löw hat bereits drei Bier getrunken, während Ott inzwischen bei der halben Flasche Rotwein angekommen ist. Der Wein ist trinkbar, aber keineswegs bemerkenswert, und Ott muss sich eingestehen, dass Löw recht hat, denn diese Pause tut ihnen beiden gut.

Die Wohnung ist klein und wirkt genau wie ihr Besitzer. Neben der Eingangstür hängen dicht nebeneinander die rote Lederjacke von Ott und die schwarze von Löw. Auf dem Tisch stehen das Essen, die Getränke und drei Waffen: Löws Beretta und die beiden Revolver von Ott.

Löw hat sich schon oft gefragt, warum Revolver. Er selbst bevorzugt seine Beretta, nicht zuletzt wegen James Bond, seinem Kinohelden. Manchmal glaubt er, Ott müsse eine Vorliebe für Cowboys haben, auch wenn das so gar nicht zu ihm passt.

Ott hebt schließlich den Blick. „Ich konnte bisher nicht erklären, was ein ehrgeiziger Politiker mit einem Serienmörder zu tun haben könnte. Von einer Bruderschaft würde ich es nicht nennen, aber es ist mehr als nur Mord.“

Löw versteht sofort. „Du hast selbst gesagt, dass ein einzelner Täter nicht zu dem passt, was wir sehen. Die Akolythen zählen nicht, die opfert er ohne Zögern.“

Ott hört aufmerksam zu.

„Die Brüder Grimm waren zwei.“

Löw nimmt einen langen Schluck Bier, lehnt sich zurück und spricht weiter, persönlicher als zuvor. „Hör zu, Ott. Ich bin siebenundfünfzig. Seit fünf Jahren lebe ich hier allein. Meine Frau ist weg, und mein Sohn will nichts mehr mit mir zu tun haben.“

Er zuckt leicht mit den Schultern. „Seitdem habe ich im Grunde nur noch eines im Kopf: Mord, Täter, Opfer. Das ist keine Beschwerde. In diesen Jahren hat sich ein großer Teil meiner Karriere verdichtet.“

Er sieht Ott direkt an. „Und ich sage dir etwas. Der Zerstörer mordet in Serien, aber das allein erklärt nicht, was hier passiert.“

Ott antwortet ruhig. „Der Zweck passt nicht zu den Ergebnissen.“

„Genau.“

Löw stellt sein Bier ab. „Als er im Krankenhaus zu dir gesagt hat, dass ihr euch schon einmal begegnet seid, hast du doch angefangen zu suchen.“

Ott nickt.

„Ich versuche seitdem, diese Begegnung zu lokalisieren, und komme immer wieder zum selben Ereignis zurück.“

„Welches?“

„Mein erster Einsatz. Die Verhinderung des Selbstmordattentäters mit der schmutzigen Bombe am Berliner Hauptbahnhof.“

Löw runzelt die Stirn. „War er dabei? Ist dir damals etwas aufgefallen?“

Ott schüttelt leicht den Kopf. „Nicht direkt. Aber vieles erinnert mich daran.“

Löw fährt sich durch das Gesicht, als würde er seine Gedanken ordnen. „Verdammt, Ott, ich weiß nicht, was ich daraus machen soll. Hat das etwas mit deiner BND-Tätigkeit zu tun?“

Ott antwortet ruhig. „Ja. Und nein.“

Ein kurzer Moment der Stille entsteht, der mehr sagt als Worte.

„Wie kommen wir hier weiter?“, fragt Löw schließlich.

Ott blickt auf die beiden Revolver vor sich, als würde er die Antwort dort suchen. „Indem wir alles auf den Kopf stellen. Sein einziger wirklicher Gewinn ist Einfluss und Macht. Also nehmen wir ihm genau das.“

Löw grinst müde, hebt sein Bier und nickt leicht. „Du bist ohnehin der Mann fürs Grobe. Also, Prost.“

Zur gleichen Zeit, in einem diskreten Separee eines Restaurants in Berlin, legt der Generalbundesanwalt seine Serviette mit einer entschlossenen Bewegung auf den Tisch. „Ott muss weg. Er hat zu viel Spielraum. Wir sind ein Staat, der durch Regierung und Gesetz handelt.“

Der Innenminister zögert. „Ich bin mir nicht sicher. Wir brauchen ihn.“

Nach einer kurzen Pause fügt er leiser hinzu: „Er braucht uns nicht.“

Der Generalbundesanwalt runzelt die Stirn, sichtbar irritiert von dieser Einschätzung. „Was soll das heißen?“

Der Innenminister beugt sich leicht nach vorne, seine Stimme wird eindringlicher. „Ich glaube, Ott hat begonnen, uns zu verdächtigen.“

„Wie bitte?“

„Der Zerstörer ist kein gewöhnlicher Täter. Das hier riecht nach etwas Größerem. Und in den hochsensiblen Berichten erkenne ich indirekte Fragen. Genau so arbeitet Ott.“

Ein Moment des Schweigens folgt, schwer und bedeutungsvoll.

„Es ist bedauerlich, dass wir Hanka Marie verloren haben“, sagt der Generalbundesanwalt schließlich.

Der Innenminister widerspricht sofort. „Haben wir nicht. Ott hat bereits deutlich gemacht, dass er keinen Ersatz akzeptieren wird. Sie arbeiten weiter zusammen.“

Der Generalbundesanwalt wirkt überrascht. „Sind wir wieder in einer Krise wie damals, 2008 bis 2011?“

Der Innenminister denkt kurz nach, bevor er antwortet. „Das hängt vor allem von den Amerikanern ab. Der Präsident ist schwer einzuschätzen.“

Der Generalbundesanwalt nickt langsam und trifft dann eine Entscheidung. „Ich werde vorsorglich, im Sinne der Rechtsstaatlichkeit der Republik, ein streng geheimes Ermittlungsverfahren gegen Ott einleiten.“

Er hält kurz inne und sieht den Innenminister direkt an. „Sind wir uns einig?“

Der Innenminister zögert einen Moment, bevor er schließlich antwortet. „Ja.“

Der Bundesjustizminister spricht an diesem Abend kaum, denn er ist gekommen, um zuzuhören, und was er hört, gefällt ihm außerordentlich gut.

Sein Gegenüber, der ehemalige Direktor des Bundesnachrichtendienstes, lehnt sich entspannt zurück und wirkt, als hätte er bereits gewonnen. „Alles läuft reibungslos“, sagt er ruhig.

„Kaltfuß hat die finanziellen Mittel bereitgestellt. Er denkt bereits an die Gewinne und an seine zukünftige Rolle.“

Der Justizminister stellt eine scheinbar einfache Frage. „Ist er sicher?“

Es bleibt offen, ob er Vertrauen oder Schutz meint, doch der ehemalige BND-Chef versteht beides. Nicht umsonst ist Kaltfuß einer der reichsten Männer Europas und treibende Kraft eines gewaltigen Industrieimperiums, das nahezu alle Bereiche der modernen Wirtschaft durchdringt.

Ein schmales Lächeln legt sich auf sein Gesicht. „Die Wirkung unserer Maßnahmen erreicht gerade einen Höhepunkt. Jetzt beginnt die Phase der Maximierung.“

Er nimmt einen Schluck Wein, als hätte er alle Zeit der Welt. „Die CIA und NSA haben beim letzten Treffen einen Mann mitgebracht.“

„Welchen?“

„Den Faktotum.“

Der Justizminister hebt leicht die Augenbrauen, ohne echte Überraschung zu zeigen. „Also ist es endgültig?“

„Mehr als das. Sie sind bereits aktiv. Alles, was wir jetzt noch tun müssen, ist, unseren Zeitplan zu vervollständigen.“

Eine kurze Stille entsteht, erfüllt von Berechnung.

„Und auf Ihrer Seite?“, fragt der ehemalige BND-Chef.

Der Justizminister antwortet ohne Zögern. „Der Generalbundesanwalt wird in Kürze ein geheimes Verfahren gegen Ott einleiten. Der Innenminister zögert, aber er wird sich anschließen.“

Der ehemalige Direktor nickt zufrieden. „Was wir jetzt brauchen, ist mehr Druck. Mehr Schmerz in der Öffentlichkeit.“

Er stellt sein Glas ab und sieht seinem Gegenüber direkt in die Augen. „Ab heute Nacht werden die Märchen in einem Tempo auftreten, das niemand mehr überblicken kann. Dann geben wir den finalen Schuss ab.“

Der Justizminister lehnt sich zurück, doch ein Gedanke bleibt zwischen ihnen stehen, bis er ihn ausspricht. „Wir dürfen Ott nicht unterschätzen. Das geheime Verfahren ist eine Sicherheitsmaßnahme für die Zukunft und hat keinerlei Wirkung auf die Gegenwart.“

Der ehemalige Direktor nickt. „Ich weiß.“

Dann fügt er mit spürbarer Kälte hinzu. „Die Amerikaner wollen unbedingt den Hacker. Sie setzen die Kanzlerin bereits unter Druck.“

Der Justizminister denkt kurz nach. „Ott wird das Kind nicht herausgeben. Niemals.“

Der ehemalige BND-Chef lächelt leicht. „Um Ott kümmere ich mich.“

Seine Stimme wird leiser. „Es ist Zeit, eine alte Rechnung zu begleichen.“

Zur gleichen Zeit spricht die Bundeskanzlerin, und in ihrer Stimme liegt ein Druck, der sich nicht mehr verbergen lässt. „Wir haben keinen Spielraum. Die Amerikaner wollen den Hacker, und sie werden ihn bekommen.“

Der Direktor antwortet mit bürokratischer Ruhe. „Ich habe meinen Kollegen von CIA und NSA bereits erläutert, dass wir wegen Ott entsprechend vorsichtig vorgehen müssen. Sie sind bereit, vorerst zu warten. Aber nicht länger.“

Er zögert kurz, bevor er ergänzt. „Mein Mann aus Protokoll 24 hat bereits Kontakt zum Hacker. Er ist in Otts Einsatz eingebunden.“

Die Kanzlerin denkt kurz nach. „Wo hat er ihn eigentlich versteckt?“

„Das weiß niemand, Frau Bundeskanzlerin.“

„Und wenn es soweit ist? Wie bringen Sie Ott unter Kontrolle?“

Der Direktor antwortet ohne Zögern. „Ein Auslandseinsatz für Ott ist bereits in Vorbereitung. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird er sich nicht mehr in Deutschland aufhalten.“

Die Kanzlerin nickt langsam. „Haben sich Ihre Vermutungen bestätigt?“

Der BND-Direktor antwortet ernst. „Nicht vollständig, aber vieles von dem, was der Zerstörer tut, erinnert beunruhigend stark an ein altes Programm.“

Die Kanzlerin sieht ihn direkt an. „Welches?“

Der Direktor antwortet leise. „Den Systemänderungsplan meines Vorgängers.“

Stille breitet sich aus.

„Ich fürchte, Frau Bundeskanzlerin, wir müssen Ott die Akte öffnen.“

Die Kanzlerin schüttelt langsam den Kopf. „Noch nicht.“

Sie steht auf und beendet damit das Gespräch. „Führen Sie ihn weiter, ohne dass er es bemerkt.“

Der Direktor nickt.


Kapitel 2

Es ist kurz nach zwei Uhr morgens, als ein Arzt den Flur entlangkommt, routiniert, wie es zur Nachtrunde auf der Station gehört. Er schiebt einen Trolley mit den üblichen Utensilien für die nächtlichen Kontrollen vor sich her, passiert die beiden SEK-Beamten vor Hankas Zimmer und grüßt sie mit einem knappen Nicken, ohne stehen zu bleiben.

Die Nacht verläuft ruhig, und alles wirkt genauso, wie es sein sollte. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ein anderer Arzt Dienst hat. Es herrscht ein permanentes Kommen und Gehen, auch in der Nachtschicht.

Hanka hat noch immer nicht richtig schlafen können. Seit dem Gespräch mit Floppy und dem Tablet sind mehrere Stunden vergangen, und nachdem ihr Mann sie gemeinsam mit ihren beiden Söhnen kurz besucht hat, ist sie wieder allein.

Die Gesichter ihrer Teenagerkinder sind ihr noch präsent, und unwillkürlich denkt sie daran, wie unbeschwert ihr Leben im Vergleich zu dem eines dreizehnjährigen Jungen ist, von dem niemand genau weiß, wo er sich gerade befindet.

Ein Junge, der irgendwo im Verborgenen sitzt, über ihre Sicherheit wacht und sie gleichzeitig als Köder für den gefährlichsten Serienmörder des Landes benutzt, nur um diesen Mann näher an Ott heranzuführen.

Zu Ott, der mit unbeirrbarer Geduld darauf wartet, den Zerstörer endgültig zu stoppen und damit auch Hanka Gerechtigkeit zu verschaffen, so wie es ihr Mann gesagt hat. Und sie glaubt ihm. Sie glaubt an Ott und an diesen kompromisslosen Willen.

Doch es fühlt sich nicht richtig an. Es fühlt sich nicht fair an.

Tränen laufen ihr über die Wangen, während sich der Gedanke in ihr festsetzt, dass sie dieses Kind eines normalen Lebens berauben, eines Lebens fern von Gewalt, Geheimdiensten und Mördern. „Vergib mir, Floppy“, denkt sie, und gleichzeitig weiß sie, dass sie ihn braucht, damit er sie schützt.

Irgendwann schläft sie ein, ohne es bewusst wahrzunehmen, erschöpft von den Ereignissen und den widersprüchlichen Gefühlen, die sich in ihrem Kopf vermischen.

Für einen kurzen Moment verschwimmen Traum und Realität, und die Stimmen, die sie zu hören glaubt, wirken gleichzeitig fern und beunruhigend nah, als würden sie direkt neben ihr gesprochen.

Dann öffnet sie abrupt die Augen.

Und sieht sein Gesicht. Wieder. Versteckt hinter einer OP-Maske.

„Willkommen im Märchen. Hier gibt es kein Happy End.“

Er flüstert die Worte mit einer ruhigen, beinahe genießenden Stimme, und in diesem Moment wird ihr klar, dass er allein mit ihr im Zimmer ist.

Hanka blickt zur Tür, doch die Wachen sind nicht zu sehen, da sie – wie üblich – Abstand halten, wenn ein Arzt seine Visite durchführt. Und genau in diesem Augenblick versteht sie, was das bedeutet.

Ein kalter Schock durchfährt sie.

Sie will schreien, doch sie kann es nicht, und die Hilflosigkeit legt sich wie ein Gewicht auf ihren Körper.

Der Mann greift ruhig in den Medikamententrolley und holt eine weiße Schlange hervor, deren Körper sich langsam bewegt, lebendig und vollkommen fehl am Platz.

Hankas Augen weiten sich vor Angst, während sich in ihr nicht nur Panik, sondern das Gefühl vollständigen Kontrollverlusts ausbreitet.

„Das ist die weiße Schlange der Weisheit“, flüstert er leise. „Und ich habe sie gegessen. Meine eigene Coverversion.“

Seine Stimme bleibt ruhig, fast sachlich, und genau das macht die Situation noch grausamer.

„Nichts wird mir entgehen. Ich weiß alles.“

Dann beugt er sich näher zu ihr, als wäre diese Nähe selbst Teil seines Spiels.

„Rapunzel, Rapunzel … was lässt du mir herunter?“

In dem Moment, in dem diese Worte ausgesprochen werden, schrillt ein Alarm im Keller von Floppy Disk, und der große Bildschirm vor ihm leuchtet schlagartig auf.

In der mittleren Spalte erscheint das Inhaltsverzeichnis der Ausgabe von 1963 der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, sauber strukturiert und in einer Geschwindigkeit aktualisiert, die kein Mensch mehr verfolgen kann.

Der Algorithmus hat das Zitat erkannt und eindeutig zugeordnet: „Die weiße Schlange“ ist das nächste Märchen in der Reihenfolge.

Floppy schreckt hoch, weil er über der Tastatur eingeschlafen ist.

Seine Großmutter hat ihn nicht geweckt, sondern ihm lediglich eine Decke über die Schultern gelegt und ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben, bevor sie selbst nach oben gegangen ist.

Für einen kurzen Moment wirkt diese Fürsorge wie ein Fremdkörper in der Welt, in der er sich gerade bewegt, doch Floppy ist vorbereitet, und sein System läuft bereits auf voller Leistung.

Er hat die Abteilung von Hanka in der Uniklinik vollständig infiltriert, von den internen und externen Überwachungskameras über die elektronischen Schlösser bis hin zu den Aufzügen und dem Parkhaus.

Er zeichnet den Zerstörer auf, sowohl Bild als auch Ton, ohne dass dieser bislang bemerkt hat, dass er beobachtet wird. Gleichzeitig versucht Floppy, über das Tablet Zugriff auf mögliche Geräte zu bekommen, die der Zerstörer bei sich trägt.

Die Verbindung ist nur kurz und instabil, doch sie reicht aus, um eine digitale Spur zu setzen, die er später weiterverfolgen kann.

Währenddessen beobachtet er Hanka, sieht ihre Angst und ihre schnelle Atmung. Er weiß, dass er jetzt eingreifen muss, wenn er verhindern will, dass die Situation kippt.

Ohne zu zögern stellt Floppy eine Verbindung zu Ott her, und noch bevor das Telefon klingeln kann, löst er gleichzeitig die Alarme der Uniklinik aus.

Der Feueralarm setzt ein, durchdringend und schrill, während im nächsten Moment die Sprinkleranlage anspringt und kaltes Wasser von der Decke prasselt.

Die Sirenen heulen so laut, dass jeder klare Gedanke in diesem Lärm unterzugehen droht, und innerhalb von Sekunden verwandelt sich die kontrollierte Umgebung des Krankenhauses in ein hochdynamisches Notfallszenario.

Floppy deaktiviert gezielt die Aufzüge und blockiert systematisch Türen sowie Notausgänge, wobei er nur einen einzigen Fluchtweg offenlässt.

Seine Maßnahmen sind präzise und folgen einem klaren Ziel, denn er will den Zerstörer nicht einfach vertreiben, sondern ihn lenken. Dieser eine Weg führt in den Keller, und genau dort will Floppy ihn haben.

Über die Kameras verfolgt er jede Bewegung des Mannes, vom Moment des Verlassens von Hankas Zimmer bis hin zum Korridor, der in Richtung Ausgang führt. Alles geschieht in hoher Geschwindigkeit, und die Lage verändert sich im Sekundentakt.

Als Ott den Anruf annimmt, befindet sich der Zerstörer bereits auf dem Weg durch den Flur.

Noch bevor Ott etwas sagen kann, hört er Floppys Stimme, angespannt und fokussiert. „Er ist im Krankenhaus gewesen, in Hankas Zimmer. Du musst sofort hierherkommen. Ich habe ihn in eine Falle geleitet. Es gibt nur noch einen Fluchtweg durch den Keller, und ich werde versuchen, ihn dort einzuschließen.“

Es dauert genau einunddreißig Sekunden, bis Ott vollständig reagiert. Er ist wach, zieht sich an und sitzt bereits im Wagen, bevor er überhaupt spricht.

„Ruf Löw an, lass die Verbindung offen und führ mich zu ihm.“

Währenddessen kauert Hanka unter dem Bett, presst ein Kissen fest an ihre Brust und versucht, die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen. Das Wasser läuft über ihr Gesicht und ihren Körper, und für einen Moment fühlt es sich für sie tatsächlich wie eine Reinigung an, als könnte es die Berührung des Zerstörers von ihr abwaschen.

Über das Tablet hört sie Floppys hektisches Gespräch mit Ott und kurz darauf auch mit Löw, weil Floppy den Lautsprecher aktiviert hat.

Trotz der Panik erkennt Hanka, dass das, was Floppy gerade tut, eine außergewöhnliche Leistung ist, denn er hat den Zerstörer nicht nur entdeckt, sondern ihn aktiv aus dem Krankenhaus gedrängt und dabei ein kontrolliertes Chaos erzeugt.

Doch der Zerstörer ist kein Anfänger. In dem Moment, in dem er Hanka mit der Schlange angreifen will, bricht das Chaos aus, und der Lärm, das Wasser und die plötzliche Bewegung im Gebäude zwingen ihn zu einer sofortigen Reaktion.

Die beiden SEK-Beamten stürmen in das Zimmer, und genau diesen Augenblick nutzt der Zerstörer, um in den Korridor zu fliehen und sich unter Personal und Patienten zu mischen.

Für einen kurzen Moment scheint Floppys Plan aufzugehen, denn alle Wege sind blockiert, bis auf den einen, den er bewusst offengelassen hat.

Der Zerstörer erkennt die Struktur der Falle jedoch fast sofort. Als er das Erdgeschoss erreicht und feststellt, dass der einzige freie Weg in Richtung Keller führt, bleibt er für einen kurzen Augenblick stehen.

Dann zieht er ein Handy aus der Tasche und drückt zweimal die Rautetaste.

Im nächsten Augenblick durchbricht ein gepanzerter SUV die Glasfassade des Eingangsbereichs und schlägt mit voller Wucht im Foyer auf, wobei Splitter und Metallteile in alle Richtungen fliegen.

Der Zerstörer springt in den Wagen, und noch bevor jemand eingreifen kann, beschleunigt das Fahrzeug und verschwindet mit hoher Geschwindigkeit aus dem Gebäude.

Gleichzeitig verstummen die Alarme, die Türen öffnen sich wieder, und die Kontrolle über die Systeme kehrt zur Klinik zurück.

Das Chaos löst sich auf, doch die Folgen bleiben.

Floppy sitzt in seinem Keller und lächelt erschöpft, aber zufrieden, denn trotz der Flucht des Zerstörers hat er eine lückenlose digitale Spur erzeugt, eine Verbindung, die tief genug ist, um den Mann künftig verfolgen zu können.

Seine Stimme ertönt weiterhin aus dem Tablet in Hankas Zimmer, während er ihr erklärt, wie nah Ott bereits ist. „Das war heftig, aber ich bin jetzt an ihm dran, Hanka. Ich verliere ihn nicht mehr.“

Er versucht, sie zu beruhigen, doch in diesem Moment wird seine Stimme von einer anderen unterbrochen. „Hanka!“

Es ist Ott, der das Zimmer betritt, während die SEK-Beamten noch immer damit beschäftigt sind, die Schlange unter Kontrolle zu bringen. Einer von ihnen deutet unter das Bett, wo Hanka liegt, durchnässt und erschöpft.

Sie blickt auf das Tablet und sagt kein Wort, doch in ihrem Blick liegt ein stiller Dank an den dreizehnjährigen Hacker, der ihr gerade das Leben gerettet hat.

Ott bleibt ruhig und kontrolliert, während er spricht. „Floppy, ich übernehme jetzt.“

Floppy antwortet ohne zu zögern. „Alles klar, ich bleibe an ihm dran.“

Dann bricht die Verbindung ab, und für einen kurzen Moment kehrt trügerische Ruhe ein.


Kapitel 3

Der gepanzerte SUV mit getönten Scheiben und gewaltiger Motorleistung bewegt sich mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Lörick, ohne dass sich der Fahrer auch nur im Geringsten um mögliche Hindernisse kümmert.

In dem Moment, in dem die Rautetaste zweimal gedrückt wird, gibt es keine Bedenken mehr und keine Rücksicht, sondern nur noch einen klaren Befehl: den Zerstörer aufnehmen und verschwinden.

Das Fahrwerk des Wagens ist speziell verstärkt, sodass er selbst über unebenen Untergrund, Stachelnägel oder Glasscherben hinwegfahren kann, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren.

Von außen wirkt das Fahrzeug dabei vollkommen unauffällig, wie ein teures, großes, schwarzes Modell einer deutschen Marke, das sich nahtlos in die wohlhabenden Gegenden von Lörick, Oberkassel, Moers oder Kaiserswerth einfügt. Genau diese Unauffälligkeit ist Teil des Konzepts, denn der Zerstörer bewegt sich bevorzugt in Umgebungen, in denen Macht, Geld und Einfluss selbstverständlich erscheinen.

Doch jetzt sitzt der Zerstörer auf dem Rücksitz, und obwohl seine Haltung äußerlich ruhig wirkt, kocht sein Inneres vor Zorn, vor Wut und vor einer Demütigung, die er so nicht akzeptieren kann.

In seinem Kopf arbeitet es ununterbrochen, während er versucht zu verstehen, wie es überhaupt möglich war, dass man ihn in dieser Form überrascht hat.

Es war immer nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Ott ihm näherkommt und versucht, ihn zu stellen, doch mit der Präzision und dem Kaliber dieses Angriffs hat er nicht gerechnet.

Seine Gedanken kehren immer wieder zu einem Detail zurück, das ihn sofort misstrauisch gemacht hat: die Alarme. In Einrichtungen wie Krankenhäusern existiert ein klarer Unterschied zwischen einem echten Notfallalarm und einem gezielten Eingriff, und genau dieser Unterschied ist für geschulte Augen und Ohren erkennbar.

Ein Feueralarm folgt anderen Mustern als ein Sicherheitsprotokoll, doch in diesem Fall wurden Wege blockiert, Türen verriegelt und Bewegungen so gesteuert, dass sich ein scheinbar logischer Fluchtkorridor ergab, der in Wahrheit nichts anderes als eine Falle war.

Der Zerstörer erkennt rückblickend, wie knapp es gewesen ist. Wäre er nicht der Mann, der er ist, würde er jetzt gefesselt vor Ott sitzen. Diese Erkenntnis trifft ihn härter, als er es zulassen will.

Denn sowohl der Angriff in der Uniklinik als auch der Zugriff auf das Haus aus Brot in Frankfurt können kein Zufall sein und schon gar keine gewöhnliche Polizeiarbeit darstellen.

Es gibt jemanden Neues in diesem Spiel. Jemanden, den er noch nicht kennt, und genau das ist das eigentliche Problem.

Seine Fähigkeiten sind offensichtlich erheblich, daran besteht kein Zweifel, und zum ersten Mal seit vielen Jahren spürt der Zerstörer etwas, das er selbst kaum wahrnehmen will: eine leichte, kaum greifbare innere Unruhe.

Es ist keine Angst und kein Zweifel, sondern eher ein leises, scharfes Signal von Unsicherheit, das jedoch sofort wieder von seinem Willen kontrolliert wird.

Doch der Zerstörer gehört nicht zu den Menschen, die abwarten.

Er handelt.

Er greift zum Telefon und drückt eine gespeicherte Kurzwahltaste, ohne zu zögern.

Was in diesem Moment geschieht, ist ein seltener Fehler, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Für Floppy Disk ist genau dieser Schritt eine Gelegenheit, die sich nur ein einziges Mal ergibt.

Der Zerstörer benutzt ausgerechnet das Gerät, das bereits zuvor von Floppy kompromittiert worden ist.

Floppy nennt diese Methode den „Parasitenkuss“, weil sich der digitale Zugriff unbemerkt festsetzt und von diesem Moment an nicht mehr entfernt werden kann.

Der Parasit ist so programmiert, dass er sich eigenständig weiterverbreitet, indem er nahegelegene elektronische Geräte erkennt, auf sie überspringt, sie infiltriert und sämtliche gewonnenen Informationen über mehrere verschlüsselte Ebenen zurücksendet.

Sobald ein System infiziert ist, bleibt es dauerhaft unter seinem Einfluss.

Der Anruf wird bereits beim ersten Klingeln angenommen.

„Wer hilft Ott?“

Der Zerstörer muss seinen Namen nicht nennen. Nur zwei Menschen haben Zugriff auf diese Nummer. Doch inzwischen gibt es einen dritten Zuhörer.

Floppy speichert das gesamte Gespräch automatisch in seiner „Stormy Cloud“, wie er sie nennt, während die Parasiten im Hintergrund ihre Arbeit erledigen und sich weiter ausbreiten.

„Bald. Wir sind ins Kanzleramt gerufen worden.“

„Schon klar. Melden Sie sich unverzüglich danach. Ich schalte sofort auf Hochgeschwindigkeit.“

„Gut.“

„Es ist entscheidend zu wissen, wer dahintersteckt.“

Der Zerstörer spricht den Satz bewusst langsam aus, und sein Gesprächspartner versteht sofort, was dahintersteht.

Der Mann, der sonst wie ein Eisblock wirkt, emotionslos und präzise, zeigt eine minimale Abweichung von seiner üblichen Stabilität.

„Wird geschehen“, antwortet die ruhige Stimme des Justizministers.

Dann endet die Verbindung.

Der digitale Parasit hat sich in diesem Moment bereits in mehrere Instanzen aufgeteilt und ist längst auf der anderen Seite der Leitung angekommen. Innerhalb von Sekunden nistet er sich in den Systemen des Bundesjustizministeriums ein, unbemerkt und tief verankert.

Der Justizminister steckt sein Telefon wieder in die Innentasche seiner Jacke und bereitet sich innerlich auf das bevorstehende Gespräch im Kanzleramt vor.

Die Lage ist brisant, denn der Zerstörer ist nur knapp einer Festnahme entgangen, und sein Angriff auf Dr. Hanka Marie ist gescheitert. Wie genau es dazu kommen konnte, ist noch unklar, doch die ersten Berichte deuten darauf hin, dass Ott vor Ort war.

Trotz dieser Entwicklungen bleibt der Justizminister äußerlich ruhig. Seine Haltung ist stabil, sein Auftreten kontrolliert, und seine Fähigkeit zur Manipulation zeigt sich bereits darin, dass er den Generalbundesanwalt zu einem geheimen Ermittlungsverfahren gegen Ott bewegen konnte.

Er ist es gewohnt, mehrere Schritte vorauszudenken, doch selbst in seiner Position lässt sich ein Gedanke nicht vollständig verdrängen.

Der Zerstörer wird die Kontrolle zurückerlangen wollen, und wenn er das tut, wird er, wie bereits absehbar, sein Tempo weiter erhöhen.

Ein leichtes Frösteln läuft ihm über den Rücken, obwohl er sich nichts anmerken lässt, denn er weiß genau, was diese Entwicklung bedeutet.

Der Zerstörer wird nicht vorsichtiger werden, sondern konsequenter, schneller und grausamer.

Gott schütze seine Opfer.


Kapitel 4

Floppy Disk ist wütend, doch es ist keine kindliche Wut, sondern etwas Tieferes, Dunkleres.

Was ihn erfasst hat, ist die klare, schmerzhafte Erkenntnis von Verrat.

Er steht reglos vor seinen Bildschirmen, während das grünliche Licht der Monitore sein Gesicht beleuchtet und ihm etwas Unwirkliches verleiht.

Doch dieses Licht ist nichts anderes als die Kälte der Technik, während sich in seinem Inneren ein Prozess entfaltet, der genau das ist, wovor Ott sich gefürchtet hat.

Die Realität, in die Floppy hineingeraten ist, stellt selbst für erfahrene Ermittler, Agenten und Politiker eine lebensgefährliche Herausforderung dar, und dennoch steht er im Zentrum dieses Systems, ohne Schutz und ohne echten Ausweg.

Während er die Datenströme beobachtet, erkennt er die beunruhigende Parallele zu seiner eigenen Vergangenheit, zu dem Einsatz gegen das Netzwerk aus Kindesmissbrauch und Menschenhandel, das er gemeinsam mit Ott zerschlagen hat.

Wieder sind es Menschen mit Macht, wieder sind es Politiker und Entscheidungsträger, die lügen, manipulieren und vertuschen.

Der Gedanke trifft ihn mit voller Wucht, und in seinem Kopf formt sich ein Satz, der sich wie eine bittere Wahrheit anfühlt: Nicht jeder Kuss ist süß.

Die digitalen „Küsse“, die seine Parasiten ihm jetzt liefern, bringen Informationen hervor, die vergiftet sind und unmöglich zu ignorieren sind.

Die Programme arbeiten mit sogenannten Trigger-Warnungen, die automatisch jede relevante Information erfassen, kopieren und in die „Stormy Cloud“ übertragen, sobald Schlüsselbegriffe auftauchen.

Begriffe wie Floppy, Ott, Löw, Hanka, Zerstörer oder Märchenmörder lösen sofort eine vollständige Archivierung aus, sodass nichts verloren geht.

Gerade liest Floppy eine Datei, die seinen Atem beschleunigt und ihn zwingt, sich noch stärker auf die Bildschirme zu konzentrieren.

Es handelt sich um eine Genehmigung des BND-Direktors, formuliert als detailliertes, juristisch präzises Memorandum. Der Inhalt ist eindeutig und lässt keinen Interpretationsspielraum.

Die Vereinbarung sieht vor, Floppy Disk an die amerikanischen Behörden zu übergeben.

Innerhalb des Dokuments befindet sich ein verschlüsselter Code, der auf mehrere Akten verweist, die auf einem gesicherten BND-Server liegen.

Für Floppy stellt diese Hürde kein echtes Hindernis dar, denn er greift direkt auf die Quelle zu und beginnt sofort, die Daten auszuwerten.

Die Namen der Dateien sind präzise und zugleich alarmierend: „Krise 2008“, „Krise 2011“, „Dr. Heisser – BND-Direktor – Scheidung“, „Akte Floppy Disk“ und „Akte Ott“. Alle Dokumente tragen eine offizielle Anmerkung und sind vom amtierenden BND-Direktor Dr. Winterfeld unterzeichnet.

Floppy überlässt die erste Analyse seinen Algorithmen, die die Inhalte strukturieren, priorisieren und die entscheidenden Kernaussagen extrahieren.

Die Ergebnisse sind eindeutig.

Direktor Winterfeld geht davon aus, dass der Zerstörer sein gescheiterter Vorgänger ist, ein Mann, der aus den Ereignissen der Jahre 2008 und 2011 ein Motiv entwickelt hat, das von Rache und strategischer Neuordnung geprägt ist.

Gleichzeitig zeigen die Daten Hinweise auf eine mögliche Allianz, die weit über nationale Grenzen hinausgeht und Teile der USA, wirtschaftliche Interessengruppen sowie extremistische Netzwerke umfasst.

Noch handelt es sich nicht um einen offenen Staatsstreich, doch alles deutet darauf hin.

Und in diesem System ist Floppy nichts weiter als ein Faktor, der geopfert werden soll. Die Amerikaner wollen ihn nicht nur, sie planen, ihn zu kontrollieren und für ihre eigenen Zwecke einzusetzen.

Otts erster Einsatz hat damals den ursprünglichen Plan des gescheiterten Direktors verhindert, und er bleibt der einzige Agent, der aus einem speziellen Programm hervorgegangen ist.

Direktor Winterfeld hat dieses Programm später offiziell beendet und Ott unter direkte Kontrolle gestellt, mit Zustimmung der Kanzlerin.

Die übrigen Kandidaten wurden in ein neues System überführt, das unter dem Namen Protokoll 24 geführt wird. Diese Agenten operieren ohne die üblichen Kontrollmechanismen.

Laut den Dokumenten hat ein Agent dieses Programms, Fischer, bereits Kontakt zu Floppy aufgenommen und dabei eine Identifikations-IP-Adresse entschlüsselt, die anschließend an amerikanische Partner weitergeleitet wurde.

Der Plan ist präzise formuliert und gibt keinen Raum für Missverständnisse. Sobald der Serienmörder gestoppt ist, wird Ott in einen geheimen Auslandseinsatz versetzt, während Floppy unmittelbar danach an die Amerikaner übergeben werden soll.

Löw soll befördert und zu Interpol versetzt werden, und Hanka Marie wird aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig aus dem Dienst entlassen.

Das Telefon klingelt seit geraumer Zeit ununterbrochen im Hintergrund, doch Floppy ignoriert es bewusst.

Er weiß genau, wer anruft, denn es gibt nur einen Menschen, der ihn direkt erreichen kann, und das ist Ott. Dennoch ist er in diesem Moment nicht bereit, das Gespräch anzunehmen.

Mehrfach ist ihm der Gedanke gekommen, das gesamte System anzugreifen, das BND-Netzwerk, das Kanzleramt und sogar den Bundestag gleichzeitig zu kompromittieren und einen digitalen Sturm auszulösen, wie ihn Deutschland noch nie erlebt hat.

Doch jedes Mal, wenn dieser Gedanke konkrete Formen annimmt, hält ihn eine einzige Person davon ab: Ott.

Ott wurde ebenso verraten wie er selbst, ebenso wie Löw und Hanka Marie, und dennoch ist es genau dieser Mann, der für Floppy eine Grenze definiert hat, die er bislang nicht überschritten hat.

Damals, als Floppy ihn zum ersten Mal kontaktierte und ihm die Verbrechen zeigte, die an Kindern begangen wurden, hat Ott sich gegen ausdrückliche Befehle gestellt und sich bewusst auf seine Seite gestellt. Gemeinsam haben sie dieses Netzwerk zerstört.

Ott hat ihm damals erklärt, dass es Momente gibt, in denen Rache unvermeidlich scheint und man sich gegen Menschen stellen muss, die andere zerstören. Doch er hat auch etwas anderes gesagt, etwas, das sich tief in Floppys Gedächtnis eingebrannt hat.

Dieser eine Satz ist es, der ihn jetzt davon abhält, die Tastatur zu berühren und eine Grenze zu überschreiten, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt.

„Vergiss nie, Floppy. Wir tragen den Schmerz derer, die wir nicht retten können. Wenn du diesem Schmerz freien Lauf lässt und mit deinen Fähigkeiten nur noch aus persönlicher Wut handelst, dann zerstörst du am Ende mehr, als du rettest.“

Floppy steht noch immer reglos vor den Bildschirmen, bereit, jede Entscheidung innerhalb von Sekunden umzusetzen.

Das Klingeln des Telefons erfüllt den Raum, konstant und unerbittlich, doch er reagiert nicht.

Noch nicht.


Kapitel 5

Der Direktor wird zunehmend unruhig, und mit jedem unbeantworteten Klingelton von Otts Versuchen, Floppy Disk zu erreichen, wächst diese Unruhe weiter. Sie sind zu fünft in dem speziell gesicherten Konferenzraum, dessen gesamte Stirnseite von einer riesigen, hochauflösenden Bildschirmwand eingenommen wird.

Der Direktor sitzt am Kopf des langen Tisches, zu seiner rechten Seite sitzt sein persönlicher Assistent, der gleichzeitig als Protokollführer fungiert, und daneben Fischer, der Protokoll-24-Agent.Löw sitzt nicht und hat auch nicht die Absicht, sich zu setzen. Stattdessen lehnt er nahe der Tür an der Wand und bläst gedankenverloren auf eine unangezündete Zigarette.

Ott steht leicht abseits, das Telefon am Ohr, während er sich fragt, warum Floppy nicht abhebt. Die Möglichkeit, dass etwas Unvorhergesehenes passiert ist, lässt sich nicht mehr ignorieren, doch im Moment bleibt ihm nichts anderes, als weiter zu suchen. Während er erneut wählt, fällt sein Blick auf die schwarze Fläche des ausgeschalteten Bildschirms.

Zur gleichen Zeit versammelt sich im Kanzleramt die politische Spitze des Landes: die Kanzlerin, die sogenannten Drei Haselnüsse und der Kanzleramtsminister, um die Lage zu bewerten und auf ein Update des BND-Direktors zu warten.

Die Ereignisse in der Uniklinik Düsseldorf haben längst ihren Weg durch die Medien gefunden, nicht nur bundesweit, sondern auch in der amerikanischen Presse, die ungewöhnlich intensiv darüber berichtet. Der Justizminister weiß sehr genau, warum das so ist, äußert sich jedoch nicht dazu.

Im Konferenzraum des BND hingegen herrscht absolute Stille, bis Ott schließlich die Verbindung bekommt. „Was ist bei dir los? Wir sind in der Zentrale.“ „Ich weiß genau, wo ihr seid. Hör mir jetzt sehr genau zu, Ott. Sag nichts. Ich hoffe nur, dass du danach noch mein Freund bist.“

Die Stimme klingt nicht wie die eines souveränen Hackers, sondern wie die eines Kindes, das sich auf etwas vorbereitet, das es selbst nicht mehr aufhalten kann.

Ott antwortet knapp. „Rede.“

Mit diesem einen Wort verändert sich die Atmosphäre im Raum spürbar. Alle Augen richten sich auf Ott, dessen Haltung vollkommen ruhig bleibt, während sein Körper wirkt, als wäre er aus Stein. Die Minuten vergehen, und in dieser Zeit bewegt er sich kaum. Nur seine Augen verändern zweimal ihre Richtung. Beim ersten Mal fixieren sie den Direktor, der den Blick nicht lange erwidern kann. Beim zweiten Mal bleiben sie für einen Moment auf Fischer liegen, lang genug, um in ihm eine unmittelbare, instinktive Angst auszulösen.

Löw hat seine Position inzwischen verändert und steht angespannt, bereit, als würde er jeden Moment reagieren müssen. Er kennt Ott gut genug, um die Bedeutung solcher Blicke zu verstehen. Sie sind keine Beobachtungen, sondern Urteile.

In Löw formt sich ein Gedanke, der sich nicht mehr verdrängen lässt. Es wird brennen. Ott hat angekündigt, alles auf den Kopf zu stellen, und genau dieser Moment ist jetzt gekommen.

„Tu es.“

Ott beendet das Gespräch und steckt das Telefon ein.

Im selben Augenblick sind mehrere leise Klickgeräusche zu hören, die nahezu gleichzeitig durch den Raum gehen. Die Türen verriegeln sich elektronisch. Die Bildschirmwand erwacht zum Leben, und auf ihr erscheinen nacheinander Aktennamen.

„Krise 2008.“„Krise 2011.“„Dr. Heisser – BND-Direktor – Scheidung.“ „Protokoll 24.“„Akte Floppy Disk.“ „Akte Ott.“

Der Direktor wird sichtbar blass und schließt für einen kurzen Moment die Augen, weil er genau weiß, was hier gerade geschieht. Floppy hat sich Zugriff auf die am stärksten gesicherten Server des BND verschafft.

Dann erfüllt eine verzerrte, metallisch klingende Stimme den Raum. „Ich bin Floppy Disk.“

Trotz der technischen Verfremdung sind Wut und Enttäuschung deutlich hörbar.

„Sie haben entschieden, mich an die Amerikaner zu übergeben. Sie hatten von Anfang an einen Verdacht auf die Identität des Zerstörers und haben geschwiegen.“

Der persönliche Assistent des Direktors springt auf und bewegt sich sofort zur Tür, doch sie bleibt verschlossen. Er versucht, den Direktor aus der Situation zu bringen, doch es gibt keinen Weg hinaus. Auch die Telefone reagieren nicht mehr, die Handys bleiben ohne Signal, und selbst der Notfallknopf zeigt keine Wirkung.

Der Direktor dreht sich zu Ott und sieht ihm direkt in die Augen. In seinem Blick liegt offener Zorn, aber auch etwas anderes, das er nicht zeigen will: Kontrollverlust.

„Ott, dieser Zirkus ist zu weit gegangen. Zieh die Leine zurück.“

Die Worte sind hart, auf Einschüchterung ausgelegt. Doch sie verfehlen ihre Wirkung. Ott reagiert nicht. Er bleibt stehen und wartet.

Floppy spricht weiter, und seine Stimme wirkt jetzt sicherer, aber nicht weniger geladen.

„Dr. Heisser wollte die Krisen von 2008 und 2011 nutzen, um die Macht Deutschlands in Europa massiv auszubauen. Er war überzeugt, dass die Zeit reif ist für ein neues dominantes Deutschland.“

Eine kurze Pause folgt, in der nur das leise Summen der Technik zu hören ist.

„Er plante, die finanzielle Abhängigkeit der europäischen Staaten weiter zu verstärken, um Wirtschaft, Industrie und militärische Strukturen dauerhaft zu kontrollieren.“

Die Worte wirken nach, bevor Floppy fortfährt.

„Die Aufstände in den sogenannten PIGS-Staaten haben diesen Plan gestoppt, und die Kanzlerin hat ihn fallen gelassen. Aber er ist nicht verschwunden.“

Sein Ton wird schärfer.

„Das Programm, das er aufgebaut hat, wurde vom neuen Direktor übernommen und in Protokoll 24 überführt. Fischer wurde in diese Operation eingebracht, weil man davon ausging, dass Ott früher oder später wieder Kontakt zu mir aufnehmen würde.“

Dann kommt der entscheidende Satz, und er trifft den Raum mit voller Wucht.

„Fischer hat für Sie spioniert und versucht, meine Koordinaten an die Amerikaner weiterzugeben.“

In diesem Moment stößt sich Löw von der Wand ab und ist innerhalb weniger Schritte bei Fischer. Die Geschwindigkeit und Wucht seiner Bewegung sind so abrupt, dass selbst Ott kurz überrascht ist.

„Du verdammte Ratte. Wie konntest du uns verraten?“

Löw packt ihn am Haar, reißt ihn vom Stuhl und schleudert ihn gegen die Wand, nicht ohne ihm zuvor einen harten Schlag zu verpassen. Die Spur zeichnet sich sofort auf Fischers Gesicht ab.

Der Assistent des Direktors reagiert sofort, doch noch bevor er eingreifen kann, ertönt ein leises, eindeutiges Klickgeräusch. Er blickt zu Ott und sieht direkt in den Lauf eines Revolvers. Der Mann erkennt sofort, dass es sich nicht um eine Drohung handelt, sondern um eine klare Grenze, und setzt sich wieder.

Der Direktor bleibt stehen, sein Gesicht noch blasser als zuvor, und doch zwingt er sich zur Kontrolle.

Dann spricht Ott zum ersten Mal direkt zu ihm.

„Wir werden den Zerstörer aufhalten. Danach bin ich mit dir fertig.“

Sein Blick ist unerbittlich.

„Aber du und die Kanzlerin haben gesagt, dass das Land die Wahrheit erfahren soll, wenn wir die Komplizen identifizieren.“

Ott wendet den Blick zur Bildschirmwand.

„Genau das geschieht jetzt.“

Auf den Monitoren erscheint eine Liveübertragung der ARD, und das Gespräch zwischen dem Zerstörer und dem Justizminister wird in diesem Moment im gesamten Land ausgestrahlt.

Ott spricht weiter, ohne seine Haltung zu verändern.

„Als Floppy der Bundesanwältin Dr. Hanka Marie eine Kopie dieses Gesprächs zukommen ließ, hat sie einen Haftbefehl erwirkt.“

Der Direktor reagiert kaum sichtbar, doch ein leichtes Frösteln läuft ihm über den Rücken.

„Und noch etwas. Floppy Disk ist berechtigt, jede Maßnahme zu seinem eigenen Schutz zu ergreifen.“

Otts Stimme wird leiser, aber deutlich gefährlicher.

„Er hat meine volle Unterstützung, falls er an die Öffentlichkeit geht.“

Dann richtet er sich ein letztes Mal an den Direktor.

„Ich erwarte, dass alle meine zukünftigen Anfragen und Anforderungen erfüllt werden, bis der Zerstörer endgültig gestoppt ist.“

In diesem Moment entriegeln sich die Türen. Der Direktor steht auf, sein Assistent folgt ihm sofort, und gemeinsam nehmen sie Fischer mit sich.

Ott bleibt stehen, während die Spannung langsam aus dem Raum weicht.

„Tut mir leid, Floppy.“

Löw hingegen steht noch immer unter Strom, voller Adrenalin.

„Wo finden wir diesen verdammten Bastard?“

Nächstes Kapitel