[1. DREIUNDDREISSIG – SMASHING PUMPKINS]
Lucifer.
1971.
Der Thronsaal war leer, bis auf die Reihe von Legionären, die hinter meinem Stuhl an der Rückwand standen.
Ich war bereits genervt, setzte mich und schlug die Beine übereinander. Mein Finger trommelte im langsamen Rhythmus gegen die Armlehne.
Kain war spät dran.
Jede Sekunde, die verstrich, fühlte sich an wie eine bewusste Ohrfeige. Vielleicht war es eine kalkulierte Entscheidung seinerseits.
Denn unter jedem anderen Umstand hätte ich ihn geköpft, bevor sich die Türen überhaupt geöffnet hätten.
Aber ich brauchte ihn. Und seine Armee.
Meine Laune verschlechterte sich noch mehr.
Die Türen flogen auf. Ohne eine Entschuldigung schritt ein großer, sandblonder Mann mittleren Alters herein, bekleidet mit einer militärischen Zeremonialuniform.
„Eure Majestät. Verzeiht bitte meine Verspätung.“ Er breitete die Hände aus, während er auf mich zuging, und lachte leicht. „Wir können nicht alle so durch Portale reisen wie Ihr.“
Mein Mund wurde hart. Nicht einmal der Versuch, demütig zu wirken.
Als er sich näherte, verbeugte er sich nur kurz und flach aus der Hüfte – bevor er sich wieder kerzengerade aufrichtete.
Ein weiterer Grund, ihn zu köpfen.
Ich unterdrückte ein höhnisches Schnauben.
„Außerdem ist es immer schwieriger geworden, unbemerkt zum Palast zu gelangen.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Ihr habt Euch einige Feinde gemacht.“
„Nur jene, die vergessen haben, wer sie anführt“, murmelte ich.
Denn ich war … abgelenkt gewesen. Nachlässig. Ein Fehler, für den ich jetzt zahlte.
Tragischerweise stand der einzige Mann mit genug Macht, um meinen Thron zu sichern, jetzt vor mir. Er lächelte, als hätte er bereits gewonnen.
„Ich habe es nicht vergessen, mein Herr“, sagte Kain geschmeidig. „Und ich habe gehört, Eure Majestät hat ein Mädchen zur Welt gebracht. Glückwunsch.“
Etwas Schweres, Bösartiges zog sich in meinem Magen zusammen.
Mein Hof hatte mir schon lange vorgeworfen, zu beschützerisch gegenüber Sandra zu sein.
Sie hatten nicht Unrecht gehabt. Aber dieser Instinkt wuchs und schärfte sich zu etwas weit Unvernünftigerem in dem Moment, als meine Tochter geboren wurde.
Meine Stimme klang abgemessen, zurückhaltend. „Ich habe Euch nicht rufen lassen, um über sie zu sprechen.“
„Aber mein Herr, das müssen wir“, entgegnete er schnell. „Denn wir haben beide etwas, das der andere will.“
Kains Lächeln wurde nur noch breiter, während mein Gesicht ausdruckslos blieb.
„Ihr wollt meine Armeen“, fuhr er fort. „Und ich bin bereit, sie unter Eurer Flagge marschieren zu lassen.“
Ich zog die Brauen zusammen. „Fahrt fort.“
Er hob die Hand und deutete nicht auf mich. Sondern auf den Sitzplatz.
„Im Gegenzug will ich einen Platz auf dem Thron für mein Blut.“
Stille breitete sich zwischen uns aus, einfach aus dem Grund, dass ich mich nicht dazu bringen konnte, zu sprechen oder mich zu bewegen. Ich würde etwas Unüberlegtes tun. Tatsächlich begannen die Schatten in den Ecken des Raumes dunkler zu werden und sich auszubreiten. Ich konnte spüren, wie ich die Kontrolle verlor.
„Mein Sohn, Aldrin, soll die Fearless-Armee erben“, fuhr er fort, während ich mit meiner ruhigen Fassade kämpfte. „Er ist noch ein Junge, aber er wird ein ausgezeichneter Krieger werden.“
Als ich nicht antwortete, fügte er hinzu: „Und ein noch besserer Kriegerkönig.“
Meine Hände knallten auf die Armlehnen, als ich aufstand.
Das Geräusch hallte durch die Kammer.
„Ich werde nicht mit meinem Kind feilschen –“
„Feilschen?“ Kain spottete, nun war er es, der beleidigt aussah. „Glaubt Ihr, Eure Tochter wird anderswo ein stärkeres Bündnis eingehen, Lucifer?“
Mein Name, ausgesprochen ohne Titel.
„Oder glaubt Ihr etwa, Ihr werdet noch den Luxus der Wahl haben, wenn sie erst im heiratsfähigen Alter ist?“
Arrogantes, freches kleines Würmchen.
Meine Wut brandete auf und für einen Moment stellte ich es mir bildlich vor. Die Distanz überwinden. Ihm das Genick brechen. Zusehen, wie seine Soldaten in diesem Augenblick entscheiden, ob sie mit ihm sterben oder fliehen wollen.
Meine Finger zuckten.
Ein Tod, der nur weiteren Tod nach sich ziehen würde.
Ich stieß einen langen, unruhigen Atemzug aus und meine Schultern sackten ab. Es wäre unklug. Aber verdammt befriedigend.
Ohne Kains Armeen würde ich diesen Krieg verlieren, bevor er begonnen hatte.
Mein eigenes Volk wandte sich bereits gegen mich. Ein Umsturz war unvermeidlich.
Und dieser Mann, dieser unerträgliche, grinsende Opportunist, wusste es.
„Ich werde es … in Erwägung ziehen“, presste ich hervor.
Kain neigte den Kopf zur Verbeugung, ein Lächeln zuckte um seinen Mund. „Wie überaus tolerant Ihr seid, mein Herr.“
Herablassende, elende Ratte.
Er drehte sich um, ohne darauf zu warten, entlassen zu werden.
Die Lösung, die sich vor mir auftat, war einfach. Ich würde den Handel eingehen und seine Armeen nutzen.
Andrea würde noch viele Jahre lang nicht im heiratsfähigen Alter sein. Es gab mehr als genug Zeit, um Krieg zu führen.
Danach müsste ich nur noch das Problem beseitigen. Kain und sein Sohn würden sterben, lange bevor sie ihr auch nur annähernd nahekommen könnten.
***
Ich fand Sandra im Kinderzimmer, wo sie dem Bündel in ihren Armen zuflüsterte. Das Baby wurde sanft hin und her geschaukelt.
Die Wut, die ich noch vor wenigen Augenblicken verspürt hatte, verflog.
Und die Angst kehrte zehnfach zurück, als ich den Moment zwischen ihnen beobachtete.
Ich würde sie nicht für immer beschützen können.
Ich konnte jämmerlich scheitern. Und sie beide würden für meine Fehler bezahlen.
Sie lächelte mich an, als ich mich vom Türrahmen her näherte; sie konnte nie lange von mir fernbleiben.
„Wie war das Treffen?“, fragte sie.
„Wie erwartet.“ Ich spähte durch den Stoff, um das engelsgleiche Gesicht meiner Tochter zu sehen.
Das Gesicht, das eines Tages dieses Königreich regieren würde.
Falls ich es nicht vorher verlieren würde.
„Lucifer“, flüsterte Sandra.
Ich sah sie an, konnte ihren Blick aber nur für einen Sekundenbruchteil halten.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie.
„Natürlich.“ Es war eine reflexartige Antwort.
„Hm.“ Ihre Aufmerksamkeit kehrte zu Andrea zurück. „Du warst heute Morgen nicht im Bett.“
„Die Pflicht ruft.“
Ihre Augen waren scharf, als sie meine trafen, und ich zuckte zusammen.
„Alles ist gut. Ich verspreche es dir.“ Wieder eine schreckliche Lüge.
„Warum siehst du dann so bedrückt aus?“, flüsterte sie. „Was ist los?“
Nach all den gemeinsamen Jahren verstand ich immer noch nicht, wie sie so mühelos durch meine Maske blicken konnte.
Das hatte ich davon, eine Hexe zu heiraten.
„Gibt es den alten Hexenzirkel deiner Mutter noch?“, hörte ich mich laut fragen.
Sandra war von der Frage überrascht. „Ich … nehme an, ja. Warum?“
Ich versuchte, gelassen zu bleiben, während meine Finger über Andreas Stirn strichen.
Sie regte sich nicht, unwissend über die Welt, die um sie herum zerbrach. Geboren in einen Krieg, um den sie nicht gebeten hatte.
„Sieh mich an.“
Ich hob die Augen.
Ihr Gesicht hatte sich verändert, es war nicht mehr weich, sondern forschend.
„Warum fragst du plötzlich?“
Parameter setzen. Notfallpläne. Fluchtwege. Orte, an denen sie niemand finden würde.
„Habe nur nachgedacht.“ Ich legte meinen Arm um sie und sie schmiegte sich an mich.
„Du hast vor, etwas Törichtes zu tun, wie uns wegzuschicken.“
Mein Hals spannte sich an. „Es ist nicht ungewöhnlich für Königshäuser, ihr Land im Krieg zu verlassen“, sagte ich. „Bis es sicher ist, zurückzukehren.“
Sicher.
Das Wort fühlte sich hohl an, selbst als ich es aussprach.
„Du, ich, Andrea – wir bleiben zusammen. Du hast es versprochen“, flüsterte sie.
„Ich weiß, Sandra.“ Ich streichelte sanft ihr Haar. Während ihr Kopf an meiner Schulter ruhte, runzelte ich die Stirn. „Ich weiß.“
Gegenwart, 1998.
Ich spürte den Sog von Andreas Magie nicht. Das hätte mich nicht so beunruhigen sollen, wie es das tat.
Sie war eine erwachsene Frau und bewies, dass sie halbwegs in der Lage war, für sich selbst zu sorgen.
Ich war stark versucht, im sterblichen Reich nach ihr zu sehen … aber mir war klar, dass es Probleme gab, die ich nicht lösen konnte.
Wie ein blutgeschworener Gefährte. Ein schicksalsbestimmter Partner.
Bei den Worten drehte sich mir der Magen um.
Ich hasste sie beide. Den Dämon besonders.
Zumindest hatte der Wolf den Anstand, meistens den Mund zu halten.
Wo auch immer sie war, sie musste schleunigst zurückkommen. Hier im Palast war sie sicher.
Während ich wartete, brachte Gerald – der Butler, den sie benannt hatte und den ich jetzt nicht gut um-benennen konnte – mir eine zweite Tasse Tee in die Bibliothek.
Sandras Bibliothek.
Seit sie vor Jahrzehnten gegangen waren, kam ich selten hierher. Ohne sie fühlte es sich nicht mehr gleich an. Ohne ihre Wärme und ihr Licht.
Meine Fingerspitzen drückten gegen meine Augenlider.
Das Licht, das niemals zurückkehren würde.
Es war seltsam für mich, dass Andrea sich sofort zu diesem Raum hingezogen fühlte, genau wie ihre Mutter es getan hatte. Dieselben Regale. Dieselbe Ecke am Fenster.
Meine Augen öffneten sich wieder und fixierten das Cello auf seinem Ständer.
In dem Moment, als ich sie spielen hörte, riss in meiner Brust etwas auf.
Wie eine Tür, die ich vernagelt hatte, wurde aufgebrochen. Wie Sonnenlicht.
Als wäre Sandra immer noch hier.
Andrea ähnelte ihr so sehr, dass es erschütternd war. Noch erschütternder, wenn sie ohne die Sanftmut ihrer Mutter sprach.
Vielleicht war das gut so. Sanftmut überlebte in der Unterwelt nicht.
Ich warf einen Blick auf meine Uhr.
Sie war seit fast zwei Stunden weg.
Wann sollte ich eingreifen? Wie viel sollte ich ihr helfen?
Ich hatte verdammt noch mal keine Ahnung, wie man ein Vater ist. In meinen Augen war sie immer noch ein Baby, das auf dem Teppich zu mir krabbelte. So hatten wir uns voneinander getrennt. Ich wusste nicht, wie ich mich gegenüber einer Siebenundzwanzigjährigen benehmen sollte, die eine Art an den Tag legte, die alarmierend meiner eigenen ähnelte.
Meine Augen fielen wieder auf das Cello.
„Vielleicht“, murmelte ich in den leeren Raum, „sollte ich sie bitten, noch einmal zu spielen.“