Vorwort
Der Zeitschneider betrat die Bühne in einem Gewand, das sicherlich schon bessere Tage gesehen hatte. Und das sich mitnichten dazu eignete, eine Ansprache vor einem großen, versammelten Publikum zu halten. Kümmerte ihn das? Nicht im geringsten.
Memir gab ein erheitertes Geräusch von sich, woraufhin das Publikum sogleich verstummte. Er breitete die Arme aus.
“Es gibt Geschichten, die beginnen mit einem Knall. Mit Heldenmut, mit Schicksal, mit einer Entscheidung, die die Welt verändert. Dies ist keine solche Geschichte.”
Seine Stimme, verbogen und rostig wie eine alte Säge füllte den Raum zwischen sich und den Anwesenden mit Zeit und Vorhersagen, gab dem unaussprechlichem Gestalt.
“Diese hier beginnt im Verborgenen. In den leisen Momenten zwischen zwei Atemzügen. Dort, wo Zweifel wachsen, wo Angst sich einnistet und wo Macht ihren Ursprung nimmt. Nicht in Stärke, sondern in dem, was wir zu unterdrücken versuchen.”
Die Achse einer alternativen Realität wandte sich ihm zu, breitete sich vor ihm aus wie die Ländereien vor einem reichen Herrscher. Seine Lider flatterten.
“Ihr glaubt vielleicht, ihr würdet eine Geschichte über Dämonen lesen. Über Könige und ihre Kriege. Über Helden, die sich erheben, um das Unrecht dieser Welt zu beenden. Ihr irrt euch.”
Er hielt inne, gab dem was er sah Zeit, sich zu Worten zu formen.
“Was ihr hier finden werdet, ist etwas weitaus Unbequemeres. Menschen. Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, für die es keine richtige Antwort gibt. Menschen, die lieben und genau daran zerbrechen. Menschen, die glauben, sie hätten die Kontrolle. Bis sie erkennen, dass etwas in ihnen lebt, das sich nicht bändigen lässt.”
Die Vision verschwand. Und mit ihr die Bilder vor seinem Inneren Auge. Zurück blieb nur das harte, arkane Licht der auf ihn gerichteten Lampen. Er senkte sein Haupt.
“Ich habe viele von ihnen kommen und gehen sehen. Einige mit Licht in den Adern. Andere mit Schatten im Herzen. Manche mit beidem.”
Dann sah er auf, ließ seinen Blick über einen jeden der Anwesenden gleiten. Bei manchen verweilte er länger, bei manchen kürzer.
“Und doch gibt es immer diesen einen Moment. Den Moment, in dem sich entscheidet, wer sie wirklich sind. Nicht, wenn sie kämpfen. Nicht, wenn sie siegen. Sondern dann, wenn sie erkennen, wozu sie fähig sind. Und sich entscheiden ob sie damit leben können oder nicht.”
Er wandte dem Publikum den Rücken zu, betrachtete die friedliche Szenerie, die sich hinter ihm auftat. Die kleine Hütte aus deren Schornstein Rauch aufstieg, den ruhigen See mit seinen Nebeln, die Berge mit den Schneebedeckten Gipfeln in der Ferne.
“Wenn ihr also diese Seiten aufschlagt, dann tut es nicht in der Erwartung, Antworten zu finden.Denn Antworten gibt es selten. Stellt euch stattdessen eine andere Frage. Wenn ihr an ihrer Stelle wärt, würdet ihr anders handeln? Ich bezweifle es.”
Seine Mundwinkel hoben sich ob der irritierten Stille des Publikums. Er machte sich nicht die Mühe ein Kichern zu unterdrücken.
“In dieser Geschichte kann es zu Gewalt, Blut, Manipulation, Folter, Misshandlung, Sklaverei, Verrat, Lügen und durch die magischen Fertigkeiten einzelnder Individuen zu stroboskopischen Effekten kommen. Es wird nicht wiederholt an den Kapitelanfängen darauf hingewiesen. Wir trauen euch ausreichend Eigenverantworung zu, um zu entscheiden, ab wann die Bilder dieser Geschichte zu viel für euch sind.”
Ein letzter kurzer Blick traf die forderste Reihe der Versammelten. Seine Aufmerksamkeit brandete durch die verschiedenen Leben, durch all die Abzweigungen und möglichen Entscheidungen, deren Wege an wieder andere Kreuzungen bringen würden. Seine Sichtt verschwamm. Er wusste nicht mehr, in welcher Realität er die nächsten Worte sprach. Sprach er sie überhaupt? Vielleicht. Nicht zu allen. Aber es gab genügend Ohren, die ihn vernommen hatten. Dessen war er sich gewiss.
“Willkommen in Ekalus, dem Königreich aus Licht und Schatten.”
— Memir