Traumtod I

Eine Dezembernacht im Jahre 1666 – Schnee fiel auf die Dächer der urigen Fachwerkhäuser. Ein unheimlicher Wind wehte durch die unlichten Straßen von Nachtfall, einer Stadt der Grafschaft Grabesruh. Emsigen Schrittes, begleitet vom stetigen Klopfen auf kaltem Kopfsteinpflaster, wanderte der Pfarrer Traumtod seinem Ziel entgegen, sein Weg nur vom Schein seiner Handlaterne erhellt.
Als Thomas Traumtod von dem Horror gehört hatte, der sich in Nachtfall zutrug, war er auf schnellstem Wege hergereist, um dem Grusel auf den Grund zu gehen. Und kaum am Gasthaus angekommen, war er auch schon auf dem Weg zum Gerichtshaus. Denn der ansässige Pfarrer, Gottfurcht Grobherz, verweigerte der Angeklagten den geistlichen Beistand. Keine Seele sollte den Torturen der Hexenprozesse alleine ausgeliefert sein, dachte er.
Spees Cautio Criminalis gelesen und zu Herzen genommen, war es dem breitschultrigen Pfarrer ein Anliegen, in den Prozess mit geballten Fäusten einzugreifen. Die Angeklagte, eine Magd von erst 15 Jahren, wurde beschuldigt, den jungen Grafen Kraft eines teuflischen Pakts von den Toten auferweckt zu haben. Hier sah Traumtod Bedarf in der Anwesenheit eines Mannes der Vernunft wie ihm selbst. Denn viel zu oft siegte die Unvernunft, was zu den Verbrennungen viel zu vieler Unschuldiger führte. Dies muss ein Ende haben, dachte Traumtod. Es war dem Mann eine Mission, das Mädchen vor dem Feuer zu bewahren.
Thomas Vokuhila wehte in ergrautem Glanz im Winterwind. Seinen Kinnbart rasierte er sich in eine Reihe von Kruzifixen, während sich sein Schnurrbart nach oben zwirbelte. Für einen Mann seines Alters, in der Mitte seiner Sechziger angekommen, war er von mächtiger Statur, mit breitgewachsenen Schultern. Die grellrote Pfarrerschaube, die seine muskelbepackten Arme frei ließ, wurde von einem Muster goldener Äpfel geziert. Auf seinen schwarzen Stiefeln, die ihm bis zu den Knien hochgingen, standen in silbernen Frakturlettern nach unten geschrieben: rechts Gott sei und links mit Dir.
Zielstrebig wanderte er durch die nächtlichen Gassen, doch dann entdeckte er etwas Eigenartiges am Firmament. Ein paar Sterne schienen wie Glühwürmchen zu tanzen. Verdutzt dachte der Pfarrer im Nachthimmelblick: Ist das bloß Einbildung? Oder vielleicht ein Zeichen Gottes, dass meine Sache gerecht ist?
Kopfschüttelnd tat er es ab. Schritt für Schritt trat Traumtod entschlossen voran.
Am Gerichtshausplatz angekommen, waren die Finsterdächer weiß vom Winterfall. Das Fachwerkgemäuer ragte in den Dunkelhimmel hinauf, an dem die Sterne auf unheimliche Weise zu tanzen schienen. Als er näher trat, sah Traumtod eine Gestalt verhüllt in Schatten, die vor den Toren des Gerichtshauses stand. Traumtod hob seine Handlaterne und erkannte den Fremden sofort.
„Guten Abend, Grobherz. Du bist hier, um mich willkommen zu heißen?“
Im unsteten Laternenschein wirkte Grobherz’ Visage wie die eines Gargoyles. Strähnen in Grau durchdrungen sein langes, schwarzes Haar. Sein finsteres Messgewand war mit Stickereien blutfarbener Kruzifixe und brennender Hexenhäupter benäht. Und jeder Hexenkopf war Gobherz ein Abzeichen für eine Frau, die er dem Feuer entgegengeführt hatte.
Traumtod kannte den Pfarrerkollegen gut. Beide hatten in der Vergangenheit vielerlei Hexenprozessen beratend beigewohnt, wobei Grobherz dabei stets eine garstige Figur abgegeben hatte. Immerzu drang er die Gerichtsmänner dazu, Angeklagte wieder und wieder zur Folter zu schicken, auch wenn das Ergebnis des Verfahrens ohnehin schon gewiss war. Grobherz glich einem Teufel im Kostüm eines rechtschaffenden Mannes. Ein Mann, dem Einhalt geboten werden musste.
„Es gibt nichts mehr, was du tun kannst, alter Mann.“ Trotz seiner kleinen Statur, versuchte Grobherz sein Bestes, sich vor Traumtod drohend aufzubauen. „Du kommst zu spät.“
„Es gibt nichts, was ein frommer Mann der Tat nicht tun kann. Und nun hinfort, du Unhold, oder lerne den Rücken meiner Rechten kennen.“
„Deine Drohungen machen mir keine Angst. Seit der junge Graf tot ist, ist Nachfall meine Stadt. Ich entscheide, was Recht und Ordnung ist, und ich entscheide, wer eine Hexe ist und brennt.“
„Du dünkst dir, solch göttliche Gewalt zu walten, wie es dir nach Wunsch und Willen geht? Ein junges Mädchen dem Hexenfeuer entgegenzuführen, auf Grundlage solch hanebüchener Anklagen? Grobherz, du Ungetüm, es wurde kein Pax Westphalica geschlossen, dass du das Evangelium so zur Schande schmeißt.“
„Es muss dir doch aufgefallen sein, vom ersten Herzschlag deiner Ankunft an… Ein bösartiger Schatten liegt auf Nachtfall. Schau hinauf und schaudere vor ihrem Hexenwerk.“ Grobherz zeigte zum Mond hinauf, um dessen Silbersichel die Sterne tanzten.
„Etwas Derartiges habe ich mein Leben nicht gesehen, ohne Frage. Ohne Frage jedoch, eine Frage der Astronomie, nicht der schwarzen Magie.“
„Es hat alles angefangen, als der junge Graf verstarb. Das Mädchen, seine Hausmagd, ist eine bösartige Hexe. Sie hat ihn verführt, für ihre dunklen Zwecke benutzt und umgebracht. Dann hat sie ihn kraft eines teuflischen Pakts aus dem Totenbett wieder auferstehen lassen. Ich war dabei, als es geschah. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie ihn mit einem magischen Kuss zurückgeholt hat. Seine Seele schon im Höllenschlund, wandelte sein toter Leib auf Erden fort. Er wütete durch die Straßen der Stadt. Allen frommen Christen, denen er begegnete, fraß er das Fleisch von den Knochen. Unzählige Stadtwachen tötete er, selbst namenhafte Mitglieder der Flammblutgarde fielen seiner Mordwut zum Opfer, bevor ich ihn aufgehalten habe.“
„Ich kenne die Geschichte“, seufzte Traumtod. „Und ich muss sagen, dass ich meine Zweifel habe.“
„Frag die guten Leute Nachtfalls, und sie werden alle das gleiche berichten.“
„Das Fußvolk schwätzt dir tausend Kuhhäute voll, wenn du es nur labern lässt.“
„Würdest du noch am Teufel zweifeln, wenn sein Schwefelatem in deiner Nase brennt?“
„Du Fanatiker würdest doch selbst den Gestank deines eigenen Atems mit dem des Teufels verwechseln.“
„Der junge Graf hat getobt und ich habe ihn bezwungen! Ich habe das Monstrum besiegt! Der Held von Nachtfall, der bin ich!“
Mit starken Armen stieß Traumtod den Grobherz in Dreck und Schnee. „Genug der Worte.“ Er stieg über ihn hinüber und trat die Tore des Gerichtshauses ein, die Worte Gott sei mit Dir schimmerten dabei im Mondlicht. „Ich werde sie vor dir retten, Kreatur.“
Halb hindurch geschritten, bellte ihm Grobherz, der wie ein Käfer am Boden lag, hinterher: „Du kommst zu spät! Du kannst sie nicht retten! Sie ist schuldig! Schuldig, sage ich!“
„Das werden wir noch sehen.“







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