Chapter 1
Es war eine schwere Sommernacht, als Nuca den Wolf sah.
Sie stand auf einer schmalen, verlassenen Straße am Fuße der Berge. Der Wald breitete sich um sie aus wie schwarzes Wasser. Hinter ihr lag der Fluss, den sie barfuß durchquert hatte, mit eiskaltem Wasser bis zu den Knien. Jetzt klebte ihr Kleid nass und schwer an ihren Beinen. Die Luft roch nach süßen, überreifen Blumen – beinahe berauschend. Es war, als würde der ganze Wald von etwas träumen, das gleichzeitig wunderschön und krank war.
Sie hatte das Biest nicht kommen hören.
Sie sah es einfach.
Zwei Augen leuchteten in der Dunkelheit auf, schwefelgelb und bösartig, keine dreißig Schritte entfernt.
Nuca erstarrte.
Der Wolf stand regungslos mitten auf der Straße. Er war so riesig, dass sie einen Moment lang fast glaubte, es sei gar kein echtes Tier. Er wirkte wie ein Phantom aus den Märchenbüchern, mit denen man unartige Kinder erschreckte. Seine Zunge hing zwischen nassen Fangzähnen heraus. Seine Augen glühten wie Glut, in der man mit einem Stock gestochert hatte.
Sie machte einen Schritt zurück.
Dann noch einen.
Und drehte sich um, um zum Fluss zu rennen.
Doch bevor sie überhaupt loslaufen konnte, hallten die ersten Heuler durch die Bäume.
Nicht nur einer.
Mehrere.
Lang, rau und wahnsinnig.
Nuca blieb so abrupt stehen, dass sie fast auf dem feuchten Gras ausgerutscht wäre. Die Angst legte sich wie eiskalte Finger um ihre Kehle. Sie konnte hören, wie die Biester durch den Wald streiften – durch Farn und Wurzeln. Sie waren unsichtbar, aber nah.
Es war Juli in den Landen der Fae, und die Hitze ließ den Wald nicht schlafen, nicht einmal in der Nacht. Alles pulsierte vor Leben und Wahnsinn. Die Tiere waren aus den Wäldern gekommen, auf der Suche nach Nahrung und Partnern. Es war der Monat des Rauschs, in dem sogar der Wald selbst von einem uralten, wilden Hunger besessen schien. Vielleicht heulten die Wölfe vor Hitze. Vielleicht auch vor Hunger.
Oder vielleicht hatten sie ihre Witterung aufgenommen.
Sie stand allein auf der Straße, ihr Herz hämmerte so heftig gegen ihre Brust, dass es wehtat. Plötzlich begriff sie etwas mit erschreckender Klarheit.
Sie würde sterben.
Nicht im Krieg. Nicht durch Magie. Nicht als Opfergabe für einen alten Gott.
Sie würde am Rande einer namenlosen Straße von Wölfen zerfleischt werden, irgendwo nahe der Burg des Fae-Prinzen. Sie hatte sie noch nicht einmal gesehen. Weder die Burg noch den Prinzen. Sie scheiterte, bevor alles überhaupt richtig begonnen hatte.
Der Gedanke ließ sie fast lachen.
Zum Teufel mit allem. Sie war absichtlich unbewaffnet gekommen, um wie ein hilfloses Mädchen auszusehen, und genau das war sie jetzt. Ein Mädchen, allein in einem verfluchten Wald, ohne Messer, ohne Bogen, ohne irgendetwas außer ihrer eigenen Dummheit.
Sie machte drei Schritte zurück.
Der Wolf machte sechs nach vorne.
So einfach war das.
So sicher war er sich seiner Sache.
Nuca beobachtete, wie seine riesigen Pfoten im Waldboden versanken, und spürte, wie eine eisige Kälte ihren Rücken hinunterlief. Das Biest wusste bereits, dass sie sich zu weit von jedem sicheren Ort entfernt hatte. Es wusste, dass es für sie kein Entkommen mehr gab.
Sie würde sterben.
Gefressen von einem Wolf.
Und auf eine seltsame, fast beleidigende Art erschien ihr das poetisch. Sogar wunderschön. So schön, dass es falsch war.
Dann plötzlich durchschnitt ein scharfer Pfiff die Luft.
Der Pfeil traf den Wolf mit einem dumpfen Schlag in die Schulter. Das Tier stieß ein langes, wütendes Heulen aus, mehr beleidigt als verletzt. Es schwankte ein paar Schritte vorwärts, bevor es mitten im Schilf zusammenbrach. Die Fangzähne waren gefletscht, die Augen brannten noch immer vor Hass.
Nuca unterdrückte ihren Schrei.
Einen Moment lang hatte sie fast Mitleid mit dem Wolf gehabt.
Dann kam sie wieder zu sich und realisierte, dass da noch jemand anderes draußen war.
Und alles, was in der Lage war, ein solches Biest zu erlegen, war zweifellos weitaus gefährlicher als das Biest selbst.
Sie fiel rückwärts in das hohe, nasse Gras, ihr stockte der Atem, als eine Gestalt zwischen den Bäumen auftauchte.
Ein Mann.
Nuca blinzelte schnell, fast krampfhaft. Sie versuchte zu verstehen, ob sie träumte. Vielleicht hatte die Angst sie in den Wahnsinn getrieben. Vielleicht war sie bereits im Wald gestorben und dies war nur eine grausame Vision, die ihr der Tod vorausschickte.
Aber er ging weiter auf sie zu.
Groß.
Ganz in Schwarz gekleidet.
Und auf eine Art schön, die sich fast schon beleidigend anfühlte.
Weißes Haar fiel ihm zerzaust in die Stirn, weich und blass unter dem Mondlicht. Seine Kleidung war mit goldenen Fäden bestickt, die sich wie Wurzeln unter der Haut über den Stoff zogen. Sein Umhang streifte das Gras, während er ging. Er hatte dieses kalte, perfekte Gesicht, wie es nur Fae-Wesen besaßen – als wäre er von jemandem geformt worden, der niemals Menschen geliebt hatte.
Es war die Art von Schönheit, die einen für einen Moment vergessen ließ, wie grausam die Fae sein konnten.
Er hatte scharfe Wangenknochen, einen strengen Mund und Augen, die im Dunkeln fast unwirklich klar wirkten. Und doch blieb etwas an seinem Gesicht kalt. Zu perfekt. Als wäre er von jemandem erschaffen worden, der die Geschöpfe des Waldes zu sehr geliebt hatte, um auch nur den Gedanken an einen Makel zu ertragen.
Nuca beobachtete, wie er sich näherte, und spürte, wie ihre Angst in etwas anderes umschlug.
Neugier. Vielleicht sogar Hoffnung.
Denn er war genau so, wie sie es gehofft hatte.
Jung. Schön. Und stolz genug, um zu glauben, dass ihm im Wald absolut nichts etwas anhaben konnte.
Doch was wirklich zählte, war nicht seine Schönheit.
Nicht seine Augen. Nicht die goldbestickte Kleidung. Nicht die Art, wie die Dunkelheit selbst vor ihm zurückzuweichen schien.
Es war die Krone.
Die Krone aus Brombeerranken, die auf seinem Kopf ruhte.
Schwarze Dornen waren in sein blasses Haar geflochten, und reife Brombeeren schimmerten dunkel zwischen den Zweigen, wie Tropfen getrockneten Blutes.
In dem Moment, als sie die Krone sah, wusste Nuca genau, wer er war.
Der Prinz.
Der Fae-Prinz des Waldes.
Und trotz der Angst, die noch immer in ihren Knochen bebte, musste sie fast lächeln.
Seine Schönheit, seine Macht und sein Titel machten ihn, paradoxerweise, zum perfekten Opfer.
Schließlich, wer würde jemals denken, dass man einen Fae-Prinzen jagen könnte?









The idea is original, interesting and well written
hah****