The Smuggler's Choice
Der Gestank im Pferch roch nach Angst und altem Blut. Kaelis Windermere kannte diesen Geruch besser als ihren eigenen Namen. Er klebte an den feuchten Steinen, sickerte aus den rostigen Gittern und drang aus den anderen Gefangenen, die sich in der Dunkelheit zusammenkauerten. Doch seit der letzten Stunde mischte sich ein anderer Duft darunter – etwas Süßes und Beißendes. Ein Geist, vor dem sie zwei Jahre lang geflohen war. Schwefel. Der Geruch der Nacht, in der ihre Welt verbrannte.
„Kaelis ‚Cinder‘ Windermere“, las der imperiale Offizier von einer Schriftrolle ab. Seine Stimme war trocken und klang angewidert. Er stand direkt vor den Gittern. Seine makellose Uniform wirkte wie eine Beleidigung gegenüber dem Schmutz, der ihn umgab. „Festgenommen beim Schmuggel von nicht lizenzierten Drachengift-Kristallen, Umgehung von Grenzzöllen und Umgang mit feindlichen Agenten.“
Die Anklagen waren ein Witz. Sie hatte *Medizin* geschmuggelt, Kristalle mit Spuren von Drachengift, die Minenfieber lindern konnten. Es waren keine waffenfähigen Kerne. Doch dem Imperium war die Wahrheit an seinen Grenzen egal. Es ging nur darum, Exempel zu statuieren. Kaelis schwieg und starrte auf die polierten Stiefel des Offiziers. Diskutieren war sinnlos. Kalkulieren hingegen nicht.
Der Schatten des Offiziers fiel auf sie und versperrte das spärliche Licht, das durch das hohe Gitterfenster fiel. „Das Urteil lautet Tod durch Erhängen bei Sonnenaufgang.“ Er machte eine Pause und ließ die Worte wirken wie Schlamm in stehendem Wasser. „Das Imperium ist jedoch gnädig. Die Kriegsanstrengungen erfordern … spezielle Materialien. Du wurdest für den Wehrdienst an der Imperial War College, Ignis Scale Academy, ausgewählt. Deine Wahl: der Strick oder die Schmiede.“
Kaelis' Geist, eine hektische Kartografin auf der Suche nach einem Ausweg, fand in der Geometrie des Käfigs keinen. Doch im gelangweilten Tonfall des Offiziers, als er ihre „Akte“ mit einem Untergebenen besprach, erhaschte sie ein Detail – einen Anflug von Ärger über das „Erfüllen von Quoten“. Die Akademie hatte Risse. Politik. Druck, Zahlen zu erreichen. Eine Schmugglerin überlebte in den Rissen.
Sie hob den Kopf und traf den Blick des Offiziers. Ihre Stimme war rau von der feuchten Luft, aber fest. „Ich nehme die Schmiede.“
Ein Aufflackern von Überraschung, dann Verachtung. „Klug.“ Er deutete auf zwei Wachen, deren Gesichter ausdruckslos wie Masken waren. „Legt ihr Ketten an.“
Sie zerrten sie aus dem Pferch in das grelle Tageslicht des Hofes. Die plötzliche Helligkeit war wie ein körperlicher Schlag. Der Wagen war ein Käfig auf Rädern und bereits mit fünf anderen besetzt – zwei jungen Männern, die wie Straßenkämpfer aussah mit ihren vernarbten Knöcheln; einem blassen Gelehrten, der in seiner dünnen Tunika zitterte; und zwei Frauen, die lautlos weinten und deren Schultern im Rhythmus des knarrenden Wagens bebten. Sie alle trugen das gleiche temporäre Brandzeichen: einen zerbrochenen Amboss mit Flamme. Wehrpflichtige. Kaelis' Magen zog sich zusammen, als das schwere Eisentor des Hofes hinter ihr ins Schloss fiel.
Als sich der Wagen in Bewegung setzte, sah sie zurück. Nahe dem Tor stand eine Gestalt in einem unscheinbaren grauen Umhang und beobachtete sie. Es war keine Wache. Ihre Haltung war zu ruhig, zu aufmerksam. Als der Wagen abbog, erhaschte Kaelis einen Blick auf das Gesicht unter der Kapuze – blass, markant, mit Augen, die sich nicht bewegten und den Weg des Wagens mit unheimlicher Präzision verfolgten. Ein Beobachter. Ein Zeuge? Oder ein Sammler? Sie spürte einen Schauer, der nichts mit dem Wind zu tun hatte.
*Entscheidung getroffen*, sagte sie sich und drückte ihr gebrandmarktes Handgelenk gegen das raue Holz. Das temporäre Tattoo war warm und deutlich spürbar. *Jetzt überlebe den Käfig, den du gewählt hast.*
Die Straße ins zentrale Hochland war eine Reise in eine andere Art von Ödnis. Das Grün der Grenze wich aschigen Feldern, auf denen nichts wuchs, und skelettartigen Wäldern aus versteinerten Bäumen. Zweimal passierten sie Konvois, die nach Süden zogen – keine Soldaten, sondern Wagen beladen mit seltsamen, eingesperrten Apparaten. Diese summten mit einer tiefen, schmerzhaften Vibration, die Kaelis in den Zähnen spürte. Seelen-Technik. Das Wunder und der Fluch des Imperiums. Der Gelehrte flüsterte von der Nutzung von Drachenseelen und den nötigen Resonanzfrequenzen. Die Straßenkämpfer spuckten auf den Boden und murmelten etwas über „die feinen Pinkel und ihr Spielzeug“. Die weinenden Frauen sagten kein Wort.
In der zweiten Nacht träumte Kaelis. Nicht von ihrem brennenden Zuhause, sondern von einem riesigen, dunklen Himmel, durchzogen von silbernem Feuer. Der süße Schwefelgeruch war überwältigend, ein Parfüm aus uralter Kraft und tiefem Verlust. Im Traum hörte sie eine Stimme – keine Worte, sondern ein Gefühl. Die gewaltige, müde Trauer von etwas Großem, Langsamem und völlig Einsamem. Es streifte ihren Geist wie ein ledriger Flügel. Sie wachte mit einem Keuchen auf, ihr gebrandmarktes Handgelenk pulsierte im Takt ihres rasenden Herzens. Auf der anderen Seite des dunklen Wagens starrte sie eine der weinenden Frauen an. Ihre Augen waren im Mondlicht weit aufgerissen und voller Angst, als hätte sie etwas gesehen, das noch hinter Kaelis' Augenlidern lauerte.
Sie erreichten die Tore der Ignis Scale Academy bei Sonnenaufgang. Es war keine Schule; es war eine Festung, die in einen Berg geschlagen worden war, aus schwarzem Basalt und scharfen Winkeln. Leuchtende, aderartige Kanäle der Seelen-Technik pulsierten unregelmäßig im Stein und warfen ein wechselndes, kränklich gelbes Licht. Die Luft summte mit einer tiefen, kaum hörbaren Schwingung und roch nach Ozon, heißem Metall und etwas anderem – der schwachen, allgegenwärtigen Spur von Schwefel. Es roch wie in ihrem Traum.
Eine Frau in der Uniform einer leitenden Ausbilderin wartete am Tor. Ihre Haltung war so starr wie ein Speer. Ihr Gesicht besaß eine strenge Schönheit, die von einer schwachen, farblosen Narbe entstellt war, die sich von der Schläfe bis zum Kiefer zog. Ember Fang, eine Heldin der Belagerung der Roten Ebenen, wo sie angeblich eine Bindung mit einem sterbenden Drachen eingegangen war, um das Blatt zu wenden. Die Geschichten erwähnten nicht den toten Blick in ihren Augen.
Sie musterte die neuen Wehrpflichtigen wie ein Metzger sein Vieh. „Willkommen in eurem endgültigen Zuhause“, sagte sie, ihre Stimme trug mühelos über das Summen der Festung hinweg. „Hier werdet ihr neu geschmiedet. Ihr werdet Gefäße für den Ruhm der Drachenseele, Waffen für den imperialen Willen.“ Sie lächelte, ein schmales, scharfes Lächeln ohne jede Wärme. „Oder ihr werdet recycelt zu etwas Nützlichem. Es gibt keine anderen Optionen. Absteigen.“
Sie wurden in eine Verarbeitungshalle getrieben. Die Luft war dick von Ozon und den fernen, gedämpften Schreien von Wesen, die nicht ganz menschlich waren. Der Gelehrte wimmerte. Sie wurden entkleidet, mit scharfer Laugenseife abgeschrubbt, die ihre Haut wund und brennend hinterließ, und erhielten dünne, graue Uniformen. Das temporäre Tattoo wurde mit einem permanenten überbrannt: ein gezackter Steinsplitter, wie ein Stück zerbrochenes Kristall.
Als Kaelis wieder in die Reihe geschoben wurde, sah sie sie. Die „Vorzeige-Exemplare“. Gestalten in weißen Kitteln, die sich mit unnatürlichen, ruckartigen Bewegungen durch einen fernen Korridor bewegten. Ihre Augen leuchteten in einem schwachen, kränklichen und einheitlichen Licht. Einer, ein Junge, der kaum älter als sechzehn sein konnte, drehte den Kopf zu weit, als sie vorbeigingen. Kaelis sah den rohen, pulsierenden Kristall, der an der Basis seines Halses im Fleisch steckte – wie eine zweite Wirbelsäule. Eine misslungene Bindung. Ein lebendiges Werkzeug. Ein recycelter Mensch.
Das war ihre Wahl. Nicht der Strick. Das hier.
Der Instinkt der Schmugglerin schrie gegen die Ungerechtigkeit und die Verschwendung auf. Er stieß auch eine andere, schärfere Warnung aus: *Das System hat Schwachstellen. Finde sie. Nutze sie aus. Überlebe.*
An diesem Abend, als sie den untersten Baracken zugewiesen wurden – einem feuchten Steinraum mit zehn dünnen Feldbetten – erschien Ember Fang in der Tür. Sie hielt eine kleine Holzkiste. Ihre Augen waren flach und prüfend, während sie die zehn neuen Wehrpflichtigen abtastete, bevor ihr Blick erneut auf Kaelis landete. Da lag eine seltsame Konzentration in ihrem Blick, als wäre Kaelis ein Rätsel, das es zu lösen galt.
„Erster Seelensplitter-Resonanztest bei Sonnenaufgang“, kündigte sie an. Ihre Stimme war vollkommen emotionslos. Sie öffnete die Kiste. Darin, eingebettet auf dunklem Samt, lagen neun glänzende, polierte Kristalle in verschiedenen Farben – blau, rot, grün – jeder von ihnen pulsierte mit einem sanften inneren Licht. Und in der Mitte, separat auf einem abgewetzten Stück Samt, lag ein zehnter Splitter. Er war mattgrau, von feinen Rissen durchzogen und gab überhaupt kein Licht ab. Er sah aus wie ein Stück versengter Knochen.
Ember Fang ging die Reihe entlang, die Kiste ruhig in den Händen. Sie blieb bei jedem Wehrpflichtigen kurz stehen und ihr Blick huschte von deren Gesicht zu den Kristallen, als würde sie ein unsichtbares Skript lesen. Als sie Kaelis erreichte, hielt sie länger inne. Sie blickte von Kaelis' harten, prüfenden Augen – den Augen einer Überlebenden – zu dem zerbrochenen Splitter. Eine leichte Falte erschien zwischen ihren Brauen.
Dann stellte sie die Kiste auf eine Bank direkt vor Kaelis ab.
„Vielleicht passt dieser zu dir“, sagte Ember Fang, ihr Tonfall blieb undurchschaubar. „Zerbrochener Knochen für einen zerbrochenen Splitter. Wir werden sehen, was du daraus machst.“ Die Worte hingen in der Luft – nicht ganz eine Drohung, nicht ganz ein Versprechen.
Sie drehte sich um und ging, die schwere Tür fiel hinter ihr donnernd ins Schloss. Die anderen Wehrpflichtigen drängten sich um die Kiste. Ihre Augen waren starr auf die schönen, leuchtenden Kristalle gerichtet und sie murmelten darüber, welche Farbe welche Macht bedeutete und welche einen stärkeren Drachen bringen würde. Nur Kaelis bewegte sich nicht. Ihr Blick war auf den zerbrochenen Splitter fixiert.
Es war keine Beleidigung. Es war eine Herausforderung. Ein Werkzeug, zerbrochen wie sie, aussortiert wie sie, vom System als nutzlos erachtet. *Nutzlose Dinge haben einen Wert*, hallte die Stimme ihres Vaters in ihrer Erinnerung wider. *Du musst nur die Risse anders betrachten.*
Und mitten in der tiefsten Bruchstelle des Splitters glaubte sie für einen Moment ein Flimmern zu sehen. Nicht das kränkliche Leuchten der misslungenen Bindungen, sondern etwas Wärmeres. Älteres. Ein winziger Goldfunke, wie eine Glut, die tief unter Asche vergraben war.
Der süße Schwefelgeruch erfüllte ihre Nasenflügel erneut, diesmal stärker, durchzogen von dem Geruch nach heißem Stein und einem schwachen Hauch von Ozon.
Die Wahl war noch nicht vorbei. Sie hatte gerade erst begonnen.