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Verfallen: Band 1 der Blood Bond-Duologie

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Zusammenfassung

Ihr Rudel wurde in einer einzigen Nacht verraten. Der Alpha, der kam, um sie zu retten, ist derjenige, den ihr Wolf als ihren Gefährten bezeichnet. Arisa Vance weiß, dass Damien Vale ihr Angst einjagen sollte. Er ist rücksichtslos, mächtig und wird von jedem Rudel gefürchtet, das seinen Namen kennt. Doch als Night Shadow Jagd auf sie macht, erkennt Arisa, dass die Verbindung zwischen ihnen nicht ihre größte Gefahr darstellt. Ein Versprechen wurde gegeben, noch bevor sie geboren wurde. Der Name eines toten Mädchens wurde begraben, um es zu wahren. Und jedes alte Gesetz, das Arisa als Braut, Schuld oder Anspruch bezeichnet, wird bald eines lernen: Sie gehörte nie ihnen.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
35
Rating
5.0 7 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

EINS: The Night Shadow

Das Erste, was Arisa hörte, war Schreien. Nicht im Haus. Nicht nah genug, um es anfassen zu können.

Es kam von draußen, irgendwo hinter den Wänden ihres Schlafzimmers, vermischt mit Heulern, die so schrill waren, dass ihr das Herz in der Brust stehen blieb. Einen Moment lang lag sie wie erstarrt unter ihrer Bettdecke, gefangen zwischen Schlaf und Wachen, sicher, dass der Klang zu einem Albtraum gehörte.

Dann riss ein weiterer Schrei die Nacht entzwei. Arisa setzte sich auf.

Das Haus war still. Das war es, was ihr am meisten Angst machte. Das Zimmer ihrer Eltern lag am Ende des Flurs. Lucas Zimmer lag gegenüber ihrem. In einer normalen Nacht konnte sie immer etwas hören – die tiefe Stimme ihres Vaters hinter den Wänden, ihre Mutter, die unten herumlief, Luca, der auf und ab ging, wie er es immer tat, wenn ihn etwas wachhielt. Heute Nacht war da nichts. Nur das ferne Geräusch von Chaos.

Ihr Wolf rührte sich unter ihrer Haut, rastlos und verängstigt; er drückte gegen ihre Rippen, als wollte er sich einen Weg nach draußen krallen, um zu entkommen, bevor sie es tat. Arisa warf die Decke beiseite und stolperte aus dem Bett, ihre nackten Füße trafen auf den kalten Boden.

Ein weiteres Heulen zerriss die Luft. Diesmal war es näher. Ihr stockte der Atem.

Nein. Nein, nein, nein.

Sie griff nach den ersten Kleidungsstücken, die sie finden konnte, und zog mit zitternden Händen Leggings und einen übergroßen Kapuzenpullover an. Ihre Finger verhedderten sich in den Ärmeln. Ihr Haar klebte an ihrem Gesicht. Jede Bewegung fühlte sich zu langsam und ungeschickt an, als ob sich der Raum um sie herum verdichtet hätte.

Dann zerrte etwas an ihrem Hinterkopf. Eine vertraute Präsenz. Scharf. Dringlich. Verängstigt. Arisa öffnete die Gedankenverbindung, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Lucas Stimme hämmerte in ihren Kopf. Arisa. Hör mir genau zu. Geh zur Nordgrenze. Zu den Schutzräumen. Das Rudel wird angegriffen. Lauf. Versteck dich.

Ihr Blut gefror. Für eine Sekunde vergaß sie, wie man atmet.

Luca? Ihr Gedanke klang brüchig, dünn vor Panik. Wo bist du? Was ist mit Mama und Papa? Was ist mit Alpha Rhys? Keion? Sind sie—

Sie sind bei mir im Rudelhaus. Sie leben. Mir geht es gut. Allen geht es gut.

Er log.

Arisa kannte die Stimme ihres Bruders besser als jeder andere. Sie kannte den Unterschied zwischen Ruhe und Beherrschtheit, zwischen Ehrlichkeit und etwas, das durch zusammengebissene Zähne erzwungen wurde.

Bitte, Schwester.

Das brach fast ihr Herz. Luca bettelte nie.

Geh zu den Schutzräumen. Jetzt. Komm nicht zum Rudelhaus. Hörst du mich?

Aber Luca—

Die Verbindung riss ab.

Arisa stand mitten in ihrem Schlafzimmer, atmete schwer und starrte ins Leere.

Geh zu den Schutzräumen. Versteck dich. Die Worte hallten in ihrem Schädel wider. Dann ertönte ein weiterer Schrei aus der Richtung des Rudelhauses, und jedes noch so kleine Stück Gehorsam in ihr zersplitterte.

Ihre Familie war dort. Ihr Alpha war dort. Keion und Luca waren dort.

Arisa schlüpfte in ihre Stiefel, schnappte sich ihre Jacke und rannte los.

Die Nachtluft traf sie wie ein Schlag, sobald sie die Hintertür öffnete. Ein kalter Wind fegte durch die Bäume, die ihr Zuhause umgaben, und trug den Geruch von Rauch, feuchter Erde und Blut mit sich. Viel zu viel Blut. Ihr Magen zog sich zusammen. Trotzdem zwang sie sich vorwärts.

Das Rudelgebiet war nachts normalerweise friedlich. Ruhige Häuser unter dunklen Kiefern, sanft leuchtende Verandalichter, das ferne Rauschen des Flusses, der sich durch die Wälder zog. Crescent River hatte sich für sie immer sicher angefühlt. Beschützt. Unantastbar. Jetzt klang die ganze Welt, als würde sie sterben.

Wölfe rasten zwischen den Bäumen. Manche in menschlicher Gestalt. Manche verwandelt. Schatten bewegten sich zu schnell, als dass ihre Augen ihnen hätten folgen können. Irgendwo zu ihrer Linken krachte etwas so heftig, dass der Boden unter ihren Füßen bebte.

Arisa rannte weiter. Als das Rudelhaus in Sicht kam, brannten ihre Lungen.

Der große Garten war zu einem Schlachtfeld geworden. Blut verschmutzte das Gras in dunklen, schimmernden Lachen. Körper bewegten sich durch das Chaos – kämpfend, fallend, wieder aufstehend. Krieger, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte, kämpften gegen Wölfe, die sie nicht kannte, deren Knurren die Nacht zerriss. Für eine schreckliche Sekunde konnte Arisa nur starren.

Das war kein Kampf. Das war ein Gemetzel.

„Arisa!“ Sie drehte sich so schnell um, dass sie beinahe ausgerutscht wäre. Luca stand am Eingang des Rudelhauses, Blut an seinem Hemd und Wut in seinem Gesicht.

Zuerst spürte sie Erleichterung. Dann Angst.

„Luca.“ Sie eilte auf ihn zu. „Was ist passiert? Was ist los? Sind Mama und Papa drinnen? Ist jeder in Sicherheit?“

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Ich habe dir gesagt, du sollst zur Nordgrenze gehen.“

„Ich konnte dich nicht einfach zurücklassen!“

„Du hättest hören sollen.“ Seine Stimme war leise, aber die Wut darin schnitt tiefer als Schreien. Arisa zuckte zusammen.

Luca bemerkte es. Für eine halbe Sekunde brach seine Fassade. Er griff nach ihren Schultern und packte sie fest, als müsste er sichergehen, dass sie echt war. Dann hallte ein weiteres Heulen hinter ihnen über den Hof. Sein Griff verstärkte sich.

„Sie sind drinnen“, sagte er schnell. „Mama, Papa, Alpha Rhys. Sie leben. Aber du musst gehen. Jetzt.“

„Wer greift uns an?“

Luca sah weg. Das war Antwort genug. Ein kaltes Gefühl lief ihr den Rücken hinunter.

„Luca.“

Sein Kiefer mahlte. „Night Shadow.“

Die Worte ergaben zuerst keinen Sinn. Arisa starrte ihn an und wartete darauf, dass er sich korrigierte. Sie wartete darauf, dass er sagte, er hätte sich geirrt, dass sie sich verhört hätte, dass es unmöglich sei, dass einer ihrer ältesten Verbündeten Blut und Feuer auf das Land von Crescent River gebracht hatte.

Night Shadow teilte seit Generationen die Grenzen mit ihnen. Ihre Alphas hatten an denselben Tischen gesessen. Ihre Kinder hatten zusammen trainiert. Sie waren keine Feinde. Sie sollten keine Feinde sein.

„Aber...“ Ihre Stimme brach. „Sie sind unsere Verbündeten.“

Lucas Augen wurden hart. „Heute Nacht nicht.“

Ein weiteres Grollen zerriss die Luft, tiefer als die anderen, so kraftvoll, dass Arisas Knie weich wurden. Lucas Kopf schnellte in Richtung des Hofes.

„Rein“, befahl er.

„Luca—“

„Jetzt, Arisa.“

Der Befehl löste instinktiv etwas in ihr aus, nicht ganz die Macht eines Alpha, aber nah dran. Ihr Wolf kauerte sich unter ihrer Haut zusammen, zitternd. Luca schubste sie durch die Tür. Im Rudelhaus herrschte ein anderes Chaos.

Menschen liefen mit bleichen Gesichtern und blutigen Händen durch die Flure. Jemand weinte in der Küche. Jemand anderes flüsterte ein Gebet. Die vertraute Wärme des Ortes war verschwunden und hatte nur noch Angst hinterlassen.

Im Wohnzimmer stand Alpha Rhys mit ihrem Vater, beide angespannt und grimmig. Ihre Mutter eilte auf sie zu, sobald sie sie sah, und nahm Arisas Gesicht zwischen beide Hände.

„Bist du verletzt?“

„Nein.“ Arisas Stimme bebte. „Mir geht es gut.“ Ihre Mutter zog sie in eine kurze, erdrückende Umarmung.

Dann wandte sich Alpha Rhys ihr zu. Er sah älter aus als noch am Morgen. Nicht müde. Älter. Als ob die Nacht in ihn hineingegriffen und sich etwas genommen hätte, das sie nicht berühren durfte.

„Arisa“, sagte er sanft. Ihr Hals schnürte sich zu.

„Ja, Alpha?“

„Geh zu den Nord-Schutzräumen. Durch den Hinterausgang. Nimm den unteren Pfad und bleib nicht stehen, bis du das versteckte Tor erreichst.“

„Ich kann helfen.“

Seine Augen wurden weich, aber seine Stimme nicht. „Nein.“

„Ich kenne mich mit den Grundlagen des Kampfes aus. Ich kann—“

„Nein, Arisa.“

Diesmal schien sich der Raum unter seinen Worten zu beugen. Alpha-Befehl. Ihr Rücken straffte sich gegen ihren Willen. Alpha Rhys trat näher, sein Ausdruck gequält. „Du hilfst uns, indem du überlebst.“

Ihre Augen brannten. Sie sah ihre Eltern an. Das Gesicht ihrer Mutter war vor Angst starr. Ihr Vater nickte einmal, stumm, aber entschlossen. Dann tauchte Luca wieder an ihrer Seite auf.

„Bitte“, sagte er, diesmal leiser. „Sei zum ersten Mal in deinem Leben mal nicht stur und geh an einen sichereren Ort.“ Ein gebrochenes Lachen entkam ihr beinahe. Beinahe.

Arisa schluckte gegen den Schmerz in ihrem Hals und nickte. „In Ordnung.“ Luca atmete aus, als hätte er den Atem angehalten, seit sie angekommen war.

Sie drehte sich zu den Hintertüren um. Bevor sie hinaustrat, sah sie sich ein letztes Mal über die Schulter. Ihre Mutter kümmerte sich bereits um die Verwundeten. Ihr Vater sprach mit Alpha Rhys. Luca stand in der Nähe der Tür und beobachtete sie, mit Blut an den Händen und Terror hinter seinen Augen verborgen.

Arisa zwang sich zu gehen.

Der Lauf zur Nordgrenze war ein einziger Nebel aus Bäumen, kalter Luft und Schmerz. Ihr Körper war nicht für einen solchen Sprint gebaut. Sie hatte trainiert, wie jeder im Rudel, aber sie war keine Kriegerin. Nicht wie Luca. Nicht wie Keion. Nicht wie die Menschen, die hinter ihr ihr Blut vergossen.

Ihre Lungen brannten. Ihre Beine zitterten. Trotzdem rannte sie. Für Luca. Für ihre Eltern. Für ihren Alpha. Für das Zuhause, das sich nie verletzlich angefühlt hatte, bis heute Nacht.

Der versteckte Schutzraum lag unter dem alten nördlichen Bergrücken, verborgen hinter Stein, Moos und dem geschichteten Geruch des Rudels. Zwei Krieger bewachten den Eingang. Einer von ihnen drehte sich beim Geräusch ihrer Schritte um.

„Arisa?“

Walter. Erleichterung hätte sie beinahe umgehauen. Sie stolperte auf ihn zu, und er fing sie auf, bevor ihre Knie den Boden berühren konnten.

„Ris“, hauchte er und hielt sie fest. „Gott sei Dank.“

Sie klammerte sich an ihn, zitterte zu sehr, um zu antworten. Für eine Sekunde ließ sie es zu, gehalten zu werden. Dann zog sie sich zurück.

„Was machst du hier?“, fragte sie atemlos. „Solltest du nicht auf dem Schlachtfeld sein?“

Walters Gesicht spannte sich an. „Der Alpha hat mir befohlen, den Schutzraum zu bewachen.“

„Scott?“

„Drinnen. Er versucht, die Kinder nicht zu verschrecken. Wahrscheinlich ohne Erfolg.“ Selbst trotz des Terrors musste Arisa fast lächeln.

Walter trat beiseite und öffnete die versteckte Tür. Warme Luft schlug ihnen von unten entgegen, dick vor Angst, zu vielen Körpern und dem leisen Schluchzen von Menschen, die versuchten, nicht zusammenzubrechen.

Arisa blickte zurück in Richtung der Bäume. Zu den Schreien. Zu ihrem Zuhause. Walter berührte ihren Arm.

„Du kannst ihnen nicht helfen, indem du zurückrennst.“

Sie hasste es, dass er recht hatte. Also ging sie hinein.

Stunden vergingen, bevor der Kampf aufhörte. Niemand im Schutzraum schlief. Niemand sprach wirklich. Kinder weinten, bis sie vollkommen erschöpft waren. Mütter flüsterten Trost, an den sie selbst nicht glaubten. Die Ältesten saßen mit ausdruckslosen Gesichtern da und lauschten der Stille über ihnen, als könnte sie jeden Moment wieder in Schreie umschlagen.

Dann kam die Nachricht. Der Angriff war vorbei. Sie sollten nach Hause zurückkehren. So sicher, wie sich ein Zuhause nach einer solchen Nacht eben anfühlen konnte.

Arisa und Walter gingen an der Spitze der Gruppe, während die verbliebenen Krieger die Zivilisten abschirmten. Der Morgen war noch nicht angebrochen. Der Wald war zu still. Selbst die Vögel schienen Angst zu haben, den Tag zu begrüßen. Niemand sprach. Dann lehnte sich Walter näher.

„Ris?“

Sie sah ihn an. „Was?“

Sein Gesicht war bleich. „Keion hat mir gesagt, ich soll dich auf das Schlimmste vorbereiten.“

Ihr Magen sank ihr in die Schuhe. „Was soll das bedeuten?“

Walter sah nach vorne, dorthin, wo das Rudelgebiet langsam zwischen den Bäumen auftauchte. „Der Garten des Rudelhauses“, sagte er leise, „sieht aus wie ein Schlachthof.“

Arisa hörte auf zu atmen.

Und irgendwo hinter den Bäumen berührte das erste graue Licht des Morgens die blutgetränkte Erde.

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