Seite 1 [The Angels' Family]
Stumm sitzt Lyra am Esstisch und verfolgt nur mit halber Aufmerksamkeit die Unterhaltungen ihrer Familie. Rechts von ihr sitzt ihr älterer Bruder Adam, der sich angeregt mit seinen Zwilling Raphael über das magische Training unterhält. Letzteren kann sie kaum sehen, da Adam ihr mit seinen vielen Muskeln die Sicht versperrte. Wie immer taten beide so, als wäre sie Luft, aber inzwischen hat Lyra sich daran gewöhnt - so hat sie zumindest ihre Ruhe und kann das Rührei auf ihrem Teller unauffällig unterm Tisch an Evy, ihr Haustier-Säbelzahntiger, verfüttern. Man würde meinen, dass die Hausköchin nach all den Jahren, die Lyra nun im Palast lebte, von ihrer Allergie wusste. Wenn sie genauer drüber nachdenkt, würde es sie aber auch nicht wundern, wenn die alte Schachtel tatsächlich die Absicht besitzt, ihr das Leben zu nehmen. Schließlich wäre sie da nicht die einzige.
Lyra sieht gerade noch rechtzeitig auf, als auch schon ein Messer auf sie zugeflogen kommt. Seufzend weicht sie aus, während das Besteck hinter ihr klirrend zu Boden fällt. Wenn man vom Engel spricht. Ihr gegenüber sitzt ihr jüngerer Bruder Augustin, der ihren Blick lächelnd entgegnet, wobei ihr seine große Zahnlücke sofort ins Auge springt. Der wievielte Zahn ist das diesen Monat? Unbekümmert wippt er auf seinem Stuhl herum - der König hatte aufgegeben, ihn eines besseren zu belehren - während sein goldenes Grimoire blätternd neben ihn schwebt. Seine Telekinetische Magie geht zwar der ganzen Familie auf die Nerven, zumal der Knirps sie in seinem jungen Alter nicht kontrollieren kann, doch Lyra leidet ganz klar am meisten unter ihr. Sie hat bereits aufgehört zu zählen, wievielen Messer, Gabeln, Löffeln und Teller sie in ihren Leben bereits ausweichen musste. Sich beschweren oder Plätze tauschen kommt jedoch nicht infrage, denn das würde dem Familien-Image schaden. Diese Rechtfertigung ihrer Erzeugers hatte sie zwar nie verstanden, aber sie sieht es inzwischen als unbeabsichtigtes Training an, da es hilft, ihre Sinne zu schärfen.
Dennoch werden ihre Sinne wohl niemals so scharf sein wie von ihren Bruder Lucas, der wie eigentlich immer in einem alten Buch herumblättert. Von all ihren Brüdern kann sie diesen Streber am wenigsten einschätzen. Er ist nicht wirklich gemein Lyra gegenüber, aber sich die Mühe machen, sie zu verteidigen, tut er ebenfalls nicht. Ehrlich gesagt, hat sie noch nie erlebt, wie Lucas etwas anderes als lesen tat. Tun ihn davon nicht irgendwann die Augen weh? Im Augenwinkel kann sie den Autor ablesen. Irgendwas von Goethe. Wie als hätte er ihren Blick gespürt, sieht er auf. Seine blauen Augen sind stechend wie Kristalle und sein Blick ebenso leer von Emotionen wie diese. Lyra schaudert es und sie sieht schnell wieder weg und somit zu ihren letzten und ältesten Bruder.
Tristan sitzt wie immer direkt neben dem König, als Thronfolger darf er es sich schließlich nicht anders erlauben. Er ist das Aushängeschild der Familie und der perfekte Prinz Charming; blond, blauäugig, eine einzigartige Magie und außerdem ein so bezauberndes Lächeln, dass - so munkelt man es zumindest im Volk der Engel herum - es einen in einen 100 jahrelangen Schlaf fallen lässt. Genau so ein Lächeln schenkt Tristan nun Lyra, als er ihren Blick bemerkt. Er ist tatsächlich der einzige, der anscheinend kein Problem mit ihr hat und sogar richtiges Interesse zeigt. Leider sind sie sich nie wirklich nahe gekommen, aber dennoch kann Lyra ihn gut leiden, was im Hause Alexius wirklich Bände spricht. Nichts desto trotz bemerkte sie sofort, dass sein Lächeln heute erzwungen wirkt. Insbesondere als der König auf ihn einredet, ist deutliches Missbehagen in seinen Zügen zu sehen.
Lyra legt verwirrt die Stirn in Falten. Tristan ist der wahrscheinlich gesammelte Mensch, den sie kennt. Seine Geduld ist endlich, sein Verständnis voller Empathie und seine Menschenkenntnis unfehlbar, vermutlich erlebte er mehr Ansehen im Königreich Void als der König selbst. Was auch immer dieser gerade von sich gibt, muss wohl wirklich nichts Gutes sein. Leider übertönte das laute Gebrabbel der Zwillinge ihre Konversation. Doch wie auf’s Stichwort erhebt sich der König, wodurch genauso abrupt die Gespräche am Tisch verstummen. Sein Blick fällt sofort auf Lyra.
„Folge mir”, befiehlt er und verschwindet ohne auf ihre Zustimmung zu warten aus dem Speisesaal.
Es dauert einen Moment bevor Lyra folgt, die Situation kommt ihr zu surreal vor. Tristans entschuldigender Blick entgeht ihr beim Verlassen des Saals nicht, was ihr Unbehagen nur verstärkte. Tröstend reibt Evy im Gehen ihren Kopf an Lyras Bein, wodurch sie zum Tiger hinab sieht. Sie muss ihre Unruhe bemerkt haben. Die Schwarzhaarige lächelte ihr beschwichtigend zu und bevor sie sich versieht, findet sie sich im Thronsaal wieder. Der König, Gabriel, hat es sich auf seinem Thron bequem gemacht und sieht herablassend auf Lyra hinunter. Eine Weile herrscht Stille, vermutlich wartet er darauf, dass sie sich verbeugt oder gar auf die Knie geht, aber diese Forderung kann er sich in den Allerwertesten schieben. Lyra hielt noch nie viel von diesen Adel-Schauspiel.
Ihr Vater seufzt resigniert und stützt seinen Kopf mit der Hand, sein abschätziger Blick mustert sie.
„Was habe ich mir nur dabei gedacht?“, wirft er in den Raum, der so leer ist, dass es ein Echo verursacht.
Lyra macht sich nicht die Mühe, auf seine Frage zu antworten und verlagert stattdessen ihr Gewicht auf ihr rechtes Bein. Sie weiß bereits, was nun folgen würde.
Deine Geburt und somit gesamte Existenz ist ein Fehler.
Hätte mich deine Hure von Mutter doch bloß niemals verführt.
Du bist eine Schande für diese Familie.
Diese Worte darf sich die Halb-Adlige fast jeden Tag anhören - schön wäre es aber, wenn sie nur vom König stammen würden. Das ganze Volk von Void hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Sie und ihre befremdliche Magie werden nicht ernst genommen und sie und ihre verstorbene Mutter werden öffentlich in den Dreck gezogen. Als wäre dies nicht schlimm genug, hat sie auch noch das Aussehen von dieser geerbt; ihr schwarzes Haar fällt ihr in Wellen über die schmalen Schultern, wobei einzelne violette Strähnen besonders auffallen. Ihre Augenbrauen sind gerade, ihr Lippen voll und auf ihren Gesicht und Körper sind vereinzelt Muttermale zu finden.
Lyra steckt so viel Unmut in ihren Blick, wie sie kann, als sie den Blick des König trotzig erwidert. Ihre weißen Augen treffen auf seine.
,,Du siehst deiner Mutter von Tag zu Tag ähnlicher”, meint der König da plötzlich, weswegen Lyra überrascht dreinblickt.
Wahrscheinlich ist auch dies negativ gemeint, doch für Lyra ist es das beste Kompliment, welches man ihr sagen kann. Wäre die Situation nicht so beschissen, hätte sich vermutlich ein Lächen auf ihre Lippen gelegt.
Der König räusperte sich kurz, um seinen Moment der Nachsichtigkeit zu überspielen, und setzte wieder seine kalte Miene auf. ,,Pack deine Sachen, du wirst übermorgen ins Königreich Clover reisen, um den dortigen Magiern im Kampf gegen Spade zu unterstützen.”
Mit dieser Aussage reißt er Lyra den Boden unter den Füßen weg. Habe ich mich verhört?
,,Nach Clover?“, wiederholte sie perplex.
,,Wieso ausgerechnet ich? Und sagst du nicht immer, dass wir sobald wir die anderen Königreiche betreten, verflucht werden?”
Als hätte sie die dümmste Frage jemals gestellt, verdreht der König die Augen. ,,Das gilt selbsverständlich nur für uns vollblütigen Engel. Bei dir Halbblütige wird sich wohl kein Teufel die Mühe machen, dich zu verfluchen.”
Kurz legte sich ein düsterer Schauer über Lyras Miene. Sie hat das Ganze mehr als nur satt. Halbblut, Halbadlige, Bastard, Missgeburt. Alles Begriffe, welche ihr seit ihrer Geburt an den Kopf geworfen werden. Äußerlich wirkt es, als wäre sie abgestumpft, doch innerlich spürt sie, wie mit jeder Beschimpfung ein bisschen Lebenslust aus ihrem Körper weicht. Seit dem Tod ihrer Mutter hält sie nichts mehr an dieser Familie, geschweige denn im Leben, aber sie weiß, dass sie ihrem hasserfüllten Volk nur einen Gefallen tun würde, wenn sie Schwäche zeigt - also spielt sie die Harte, Unnahbare.
Lyra schuldet diesen Menschen absolut nichts und obwohl sie, wenn sie erstmal in Clover außerhalb der Engels-Barriere ist, nichtmehr unter dem Schutz der Engel steht, geht sie dieses Risiko gerne ein. Zumal sie zweifelt, dass der König Widerrede überhaupt dulden wird.
,,Die Ansässigen wissen nichts von deiner Halbblütigkeit, also komm bloß nicht auf dumme Gedanken”, warnt er sie. ,,Mach der Familie Alexius bloß keine Schande”, er winkt ab, eine stumme Aufforderung an sie, dass sie nun gehen soll.
Ohne weitere Worte macht Lyra auf dem Absatz kehrt und verlässt den Thronsaal. Nichts lieber als das.








