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Das Mädchen, das sich den Tod leiht

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Zusammenfassung

Mara Quinn hat schon immer geglaubt, dass die Toten leichter zu verstehen sind als die Lebenden. Sie arbeitet nachts im Leichenschauhaus des St. Agnes Hospitals und erwartet dort Stille, Routine und den Trost von Antworten, die sich nicht mehr ändern. Dann wird die Leiche eines Feuerwehrmanns nach einem verdächtigen Lagerhausbrand eingeliefert. Als Mara sein Handgelenk berührt, spürt sie seine letzten Momente. Den Rauch. Die Hitze. Das Kind in seinen Armen. Und den Mann, der im Regen zuschaut. Bis zum Sonnenaufgang entdeckt Mara, dass sie sich die Fähigkeiten und Erinnerungen von Menschen leihen kann, die beim Schutz anderer gestorben sind. Ein Rettungssanitäter schenkt ihr Ruhe unter Druck. Ein Detective verleiht ihr Instinkte. Ein Boxer gibt ihr die Kraft, sich zu wehren. Doch die Tode sind keine Unfälle. Jemand wählt die Opfer gezielt aus. Jemand beobachtet Mara schon seit ihrer Kindheit. Und jemand glaubt, dass sie weit mehr als nur Erinnerungen in sich tragen kann. Während sich ein verborgenes Experiment um sie zusammenzieht und die Stadt vor einem tödlichen Anschlag steht, muss Mara entscheiden, ob ihre Gabe sie zur Heldin macht – oder die Person auslöscht, die sie zu retten versucht. Die Toten suchen Mara Quinn nicht heim. Sie bereiten sie auf den Krieg vor.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
20
Rating
5.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

Kapitel Eins: Der Feuerwehrmann

Als der Tote die Augen öffnete, wusste Mara Quinn bereits, dass diese Nacht völlig aus dem Ruder gelaufen war.

Der Strom war innerhalb von zehn Minuten zweimal ausgefallen.

Nicht komplett. Nur ein kurzes Flackern. Ein plötzlicher Schluck Dunkelheit, bevor die Leuchtstoffröhren wieder summten.

Der Regen trommelte gegen die schmalen Kellerfenster des St. Agnes Hospitals. Wasser kroch in silbernen Fäden an den Scheiben herab und verzerrte die Lichter des Parkplatzes draußen. Irgendwo über dem Leichenschauhaus rollte ein Donner über Grayhaven hinweg.

Mara stand neben dem Untersuchungstisch aus Edelstahl, eine behandschuhte Hand in der Nähe der Schulter des Toten.

Seine Lider schnellten hoch.

Seine Augen waren blau.

Klar. Erschrocken. Auf ihre Augen fixiert.

Mara hielt den Atem an.

Dann wurde es im Raum stockdunkel.

Die Kühlanlagen verabschiedeten sich mit einem leisen, mechanischen Seufzen.

Für eine schreckliche Sekunde hörte sie nichts als den Regen und das Rauschen ihres eigenen Blutes in den Ohren.

Metall knarrte.

Etwas bewegte sich auf dem Tisch.

Mara wich einen Schritt zurück und prallte gegen die Arbeitsplatte hinter ihr. Die Instrumente auf dem Tablett klirrten.

Das Notlicht flackerte auf.

Das Leichenschauhaus tauchte in ein schwaches, rotes Licht.

Reihen von Stahlschubfächern säumten die Rückwand. Die Schränke warfen lange Schatten über den Fliesenboden. Der Untersuchungstisch glänzte unter dem blutroten Licht.

Der Tote lag regungslos da.

Seine Augen waren geschlossen.

Mara starrte ihn an.

„Nein“, flüsterte sie.

Das Wort verhallte in der summenden Stille.

Sie zwang sich dazu, auf das Klemmbrett zu schauen.

AARON PIKE. ALTER 34. GRAYHAVEN FEUERWEHR. STATION ELF.

Am 23:07 Uhr nach einem Lagerhausbrand nahe dem östlichen Flussufer für tot erklärt.

Er hatte zwei Kinder durch den einstürzenden Rauch und die Flammen nach draußen getragen.

Dann war er wieder hineingegangen.

Aaron war selbst unter dem Laken breit gebaut; ein Mann, der es gewohnt war, schwere Lasten zu heben, ohne nach Hilfe zu fragen. Sein dunkelblondes Haar war feucht und klebte ungleichmäßig an seiner Stirn. Auf einem Wangenknochen klebte Ruß. Eine alte Narbe zog sich vom Mundwinkel bis zum Kiefer.

Seine Augen blieben geschlossen.

Mara schluckte.

„Du hast dir das nur eingebildet.“

Sie klang wenig überzeugt.

Erschöpfung konnte seltsame Dinge bewirken. Sie hatte seit dem Morgen Kurse besucht, kaum vier Stunden geschlafen und dann zugesagt, die Nachtschicht zu übernehmen, weil eine andere Leichenbeschauerin krank war.

Mara sagte immer zu.

Es war einfacher, als zu erklären, warum sie der Keller nicht erschreckte.

Die Lebenden erwarteten Antworten.

Die Toten verlangten nur nach Würde.

Meistens zumindest.

Ihr Spiegelbild schwebte blass im Stahlschrank neben Aaron. Mit achtzehn sah Mara müder aus, wenn sie erschöpft war. Dunkelbraunes Haar hatte sich aus dem lockeren Knoten am Hinterkopf gelöst und schmiegte sich weich um ihr blasses Gesicht. Sommersprossen überzogen den Nasenrücken. Ihre grau-grünen Augen wirkten unter dem Notlicht viel zu groß.

Sie trug schieferblaue Arbeitskleidung unter einer zu großen schwarzen Strickjacke und weiße Turnschuhe, die vom Weg durch den Sturm noch feucht waren.

Das Licht flackerte zurück in volle Helligkeit.

Die Kühlanlagen begannen wieder zu brummen.

Mara atmete aus.

Sie sollte Dr. Chen anrufen.

Stattdessen bemerkte sie Aarons Hand.

Das Laken war beim Transport verrutscht und hatte sein Handgelenk freigelegt. Verbrennungen hatten Blasen auf seiner Haut hinterlassen. Ruß verdunkelte die Linien seiner Handfläche und sammelte sich unter den Fingernägeln.

Seine Hand wirkte unvollendet.

Als ob er nach etwas gegriffen hätte, als er starb.

Mara rückte das Laken zurecht.

Ihre behandschuhten Finger streiften sein Handgelenk.

Nichts passierte.

Ein nervöses Lachen entwich ihr.

Natürlich passierte nichts.

Sie zog den Handschuh aus und griff nach der Box auf der Theke, um ein neues Paar zu nehmen.

Ihre nackten Fingerspitzen berührten Aarons Haut.

Das Leichenschauhaus verschwand.

Hitze schlug auf sie ein.

Keine Wärme.

Feuer.

Rauch füllte ihren Mund. Ihre Lungen verkrampften. Ihre Augen brannten.

Sie bewegte sich.

Nein.

Jemand anderes bewegte sich durch sie hindurch.

Ihr Körper war größer. Schwerer. Stärker.

Ein kleiner Junge klammerte sich an ihre Brust, sein roter Pullover war vom Ruß geschwärzt. Seine Fäuste ballten sich in die Vorderseite einer Feuerwehrjacke.

Aarons Jacke.

Ein Funkgerät knisterte dicht bei Maras Ohr.

„Pike, raus da! Das Dach kommt runter!“

Das Lagerhaus ächzte um ihn herum.

Flammen kletterten in orangefarbenen und weißen Zungen an den Metallregalen hoch. Sprinkler spuckten nutzlos durch den Rauch. Irgendwo über ihnen kreischte Stahl.

Der Junge hustete gegen Aarons Brust.

„Lass nicht los“, sagte Aaron.

Seine Stimme drang durch Maras Kehle.

Tief. rau. Fest.

„Ich hab dich.“

Er stolperte durch die Laderampentore hinaus in den Regen.

Kalte Luft traf sein Gesicht.

Hände streckten sich nach dem Jungen aus.

Ein Rettungssanitäter packte Aarons Ärmel.

„Du bist fertig“, schrie sie. „Pike, du bist fertig.“

Dann schrie ein Kind im Lagerhaus.

Ein kleines Mädchen.

Aaron drehte sich um.

Die Sanitäterin verstärkte ihren Griff.

„Nein.“

Aaron riss sich los.

Mara spürte seine Angst.

Sie war nicht rein oder heldenhaft.

Er wusste, dass das Dach einstürzen würde.

Er wusste, dass er vielleicht nicht wieder herauskommen würde.

Trotzdem rannte er zurück.

Der Rauch verschluckte ihn.

Er fand das Mädchen unter einem Metallschreibtisch; vielleicht sechs Jahre alt, in rosa Gummistiefeln und einer gelben, von Asche durchzogenen Jacke.

„Ich will zu meiner Mama“, weinte sie.

„Ich weiß“, sagte Aaron. „Lass uns nach ihr suchen.“

Das Gebäude bebte.

Ein Träger krachte herunter.

Aaron deckte das Mädchen mit seinem Körper ab.

Schmerz explodierte in Maras Rücken.

Aaron stemmte sich nach oben.

Seine Schultern bebten.

Der Träger verschob sich.

Er hob das Mädchen hoch und rannte.

Die Laderampentore erschienen im Rauch.

Dreißig Meter.

Zwanzig.

Zehn.

Aaron schwankte in den Regen hinaus und übergab das Kind den wartenden Armen.

Dann knickten seine Knie auf dem Asphalt ein.

Jemand rief seinen Namen.

Jemand griff nach einer Sauerstoffmaske.

Aaron sah an ihnen vorbei.

Hinter der Absperrung stand ein Mann.

Regungslos.

Beobachtend.

Er trug einen langen schwarzen Mantel, der bis zum Hals zugeknöpft war. Der Regen machte sein silbernes Haar dunkel. Sein blasses Gesicht blieb ruhig.

Zu ruhig.

Beinahe zufrieden.

Ein silbernes Symbol glänzte auf seiner Brust.

Ein Kreis, durchzogen von drei schmalen Linien.

Aaron sah es.

Angst schärfte sich in ihm.

Nicht die Angst vor dem Tod.

Wiedererkennung.

Der Mann hob eine Hand zum Gruß.

Aaron versuchte zu sprechen.

Doch seine Lungen versagten.

Die Erinnerung riss in Stücke.

Mara flog nach hinten.

Ihre Schulter knallte gegen einen Schrank. Die Tabletts darin klapperten.

Sie landete auf einem Knie und schnappte nach Luft.

Das Leichenschauhaus roch nach Desinfektionsmittel und kaltem Metall, doch der Rauch schien in ihrer Lunge gefangen zu sein.

Ihre nackten Fingerspitzen kribbelten heftig.

Aaron lag still unter dem Laken.

Tot.

Vollkommen tot.

Es klopfte an der Tür zum Leichenschauhaus.

Mara zuckte zusammen.

Die Klinke bewegte sich, bevor sie antworten konnte.

Zwei Männer in grauen Arbeitsuniformen traten ein.

Der erste war groß und breit gebaut, mit einer Glatze und einem Gesicht aus harten Kanten. Der zweite war schmaler, hatte sandfarbenes, ordentlich zur Seite gekämmtes Haar und blasse Augen, die zu schnell durch den Raum wanderten.

Er trug ein Klemmbrett.

„Guten Abend“, sagte der Mann mit dem sandfarbenen Haar.

Mara sah auf die Uhr.

23:56 Uhr.

„Was brauchen Sie?“

„Ein Problem mit der Stromversorgung.“

„Das Licht funktioniert wieder.“

„Nur vorübergehend.“ Sein Blick glitt an ihr vorbei. „Wir müssen an den Raum.“

Mara bemerkte seinen Ausweis.

Das Logo von St. Agnes war fast korrekt.

Fast.

Die echten Dienstausweise hatten blaue Ränder.

Seiner war grau.

Der größere Mann schloss die Tür hinter ihnen.

Seine Stiefel waren trocken.

Die Stiefel beider Männer waren trocken.

Draußen überflutete der Regen die Straßen.

Mara spürte, wie sich etwas Seltsames in ihr ausbreitete.

Nicht genau Ruhe.

Bereitschaft.

Der Mann mit dem sandfarbenen Haar senkte das Klemmbrett.

„Sie sollten nicht allein hier unten sein.“

„Ich lasse den Leichnam nicht unbeaufsichtigt.“

Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht.

Die Tür hinter ihnen öffnete sich.

Jonah Reyes trat in das Leichenschauhaus. Er trug Unterlagen unter dem einen Arm und zwei Kaffeebecher in den Händen.

Seine dunklen Locken waren feucht vom Sturm und fielen ihm unordentlich in die Stirn. Warme, braune Haut. Haselnussbraune Augen. Eine schmale Narbe schnitt durch eine seiner Augenbrauen. Er trug eine schwarze Cargo-Hose, abgetragene Turnschuhe und eine blaue EMT-Trainingsjacke unter einem durchnässten Kapuzenpullover.

Seine Schuhe hinterließen nasse Abdrücke auf den Fliesen.

Die der Männer nicht.

Jonah bemerkte es.

Sein Blick wanderte von Mara zu den Männern und dann zu Aaron.

„Ich habe Kaffee mitgebracht“, sagte er beiläufig.

Der Mann mit dem sandfarbenen Haar drehte sich um.

„Wir arbeiten hier.“

„Um Mitternacht?“, fragte Jonah. „Beeindruckender Arbeitseifer.“

Der größere Mann trat auf ihn zu.

Jonah sah Mara an.

„Was sollen wir tun?“

Die Antwort hätte sofort kommen müssen.

Den Sicherheitsdienst rufen.

Weglaufen.

Die Tür abschließen.

Stattdessen erstarrte Mara.

Zu viele Möglichkeiten schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf.

Wenn sie liefen, könnten die Männer ihnen folgen.

Wenn sie kämpften, könnte Jonah verletzt werden.

Wenn sie sich falsch entschied –

Jemand anderes würde dafür bezahlen.

Der größere Mann bewegte sich.

Jonah wartete nicht.

„Servicekorridor.“

Er warf den einen Kaffee dem Mann mit dem sandfarbenen Haar ins Gesicht.

Der Becher platzte auf.

Heiße Flüssigkeit spritzte über das Kinn des Mannes.

Jonah packte Mara am Handgelenk und zerrte sie zur Seitentür.

Sie rannten los.

Der Servicekorridor hinter der Pathologie war schmal und dunkel, gesäumt von Versorgungsleitungen und Metallwagen. Über ihnen leuchteten Notlichter bernsteinfarben.

Schritte hämmerten hinter ihnen.

Schnell.

„Links“, sagte Jonah.

Sie bogen um eine Ecke und erreichten den Gang zum Ladebereich.

Über der entfernten Tür leuchtete ein rotes EXIT-Schild.

Fast da.

Der Mann mit dem sandfarbenen Haar trat ihnen in den Weg.

Er musste einen anderen Weg genommen haben.

Sein nasses Hemd klebte an seiner Brust. Kaffee verschmierte eine Seite seines Gesichts.

Das Klemmbrett war weg.

In seiner Hand hielt er eine schwarze Pistole.

„Stehen bleiben.“

Mara kam schlitternd zum Halt.

Hinter ihnen näherten sich Schritte.

Der größere Mann.

Er holte auf.

„Hände hoch, wo ich sie sehen kann“, sagte der bewaffnete Mann.

Jonah hob langsam die Hände.

Mara tat dasselbe.

Ihre nackten Finger zitterten.

Der größere Mann erreichte sie von hinten und stieß Jonah gegen die Wand.

„Jonah!“

Mara bewegte sich.

Der größere Mann schnappte sich ein Edelstahl-Tablett von einem Wagen und schwang es auf ihr Gesicht zu.

Das Tablett blitzte silbern auf.

Mara fing es ab.

Der Aufprall raste durch ihr Handgelenk.

Doch sie wich nicht zurück.

Der Mann starrte sie an.

Mara ebenfalls.

Hitze wallte in ihr auf.

Kraft.

Rauch.

Aaron.

Mara riss ihm das Tablett aus der Hand und stieß ihn weg.

Er flog rückwärts gegen die geflieste Wand.

Der bewaffnete Mann hob die Pistole.

In der Nähe stand eine Bahre.

Schwerer Stahlrahmen. Festgestellte Rollen.

Mara packte sie und hob sie an.

Die gesamte Bahre hob sich seitwärts.

Sie schob sie in den Gang.

Sie krachte zwischen sie und drückte den bewaffneten Mann gegen die Wand.

Seine Pistole rutschte über den Boden.

Jonah starrte Mara an.

„Was war das?“

„Ich weiß es nicht.“

„Finde es später heraus.“

Er zerrte sie zu einem gesicherten Pathologie-Raum und zog seinen Ausweis durch.

Grünes Licht.

Die Tür entriegelte.

Sie stürmten hinein und knallten sie zu.

Die Klinke ruckte heftig von der anderen Seite.

Jonah schob den Riegel vor und stemmte sich mit dem Rücken gegen die Tür.

Mara stand in der Mitte des kleinen Lagerraums und atmete schwer.

Im Gang wurde es still.

Zu still.

Ihr Körper summte noch immer von der geliehenen Kraft.

Jonah sah sie an, blass unter dem schwachen Licht.

„Mara“, flüsterte er. „Was ist da passiert?“

Sie starrte auf die Tür.

Auf die zitternde Klinke.

Auf ihre nackte Hand.

Dann sickerte die Wahrheit eiskalt in sie hinein.

Diese Männer waren nicht wegen Akten gekommen.

Sie waren nicht wegen der Überwachungskameras gekommen.

Sie waren nicht einmal wegen ihr gekommen.

Sie waren wegen Aaron Pike gekommen.

Ein toter Feuerwehrmann.

Und irgendwie hatten sie, noch bevor Mara ihn jemals berührt hatte, ganz genau gewusst, was sein Körper wert war.Kapitel Siebzehn: Der Abstieg

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