Kapitel 1
OPHELIA
Am Tag der Beerdigung meiner Schwester durfte ich nicht teilnehmen.
Vater war nach Hause zurückgekehrt, seine Augen vor Trauer tief in die Höhlen gefallen. „Du hättest sterben sollen, nicht sie“, hatte er zu mir gesagt, und seine Worte stachen wie ein Messer in meiner Brust.
Er ging schweigend an mir vorbei, und kurz darauf erschien Mutter. Ihre Augen leuchteten rot vor Zorn, als sie mich ansah.
„Mutter“, rief ich leise, während sie mich voller Verachtung und Hass anstarrte.
Mutter hatte mich noch nie so angesehen. Mit einem langen Schritt kam sie auf mich zu, und ein stechender Schmerz schoss über mein Gesicht und durch meinen ganzen Körper.
Ich brach in Tränen aus und suchte in ihrem Gesicht nach Gnade.
„Wage es ja nicht …“ Sie zeigte mit dem Zeigefinger auf mich, ihr Gesicht brannte vor Wut.
„… mich Mutter zu nennen!“, schrie sie.
Sie warf mir einen giftigen Blick zu. „Hexe!“, fluchte sie und ging davon.
Ich blieb allein zurück und Tränen strömten über mein Gesicht. Ich war doch nur ein kleines Mädchen, das seine kleine Schwester glücklich machen wollte.
Vor elf Jahren waren meine kleine Schwester Freya und ich in den verbotenen Wald gegangen. Wir waren erst sechs und fünf Jahre alt.
Freya hatte mich angefleht, sie mitzunehmen, damit wir nur einmal kurz hineinsehen konnten. Sie war das goldene Kind, und ich war immer stolz darauf, ihre Schwester zu sein.
Man fand mich bewusstlos am Flussufer im verbotenen Wald. Freya war weg, unauffindbar, und alle sagten, ich hätte sie getötet.
Monatelang ging ich an den Rand des Waldes und schrie ihren Namen, aber sie kam nie zurück.
Früher war ich die Tochter des Beta, doch ich wurde zur Omega degradiert. Ich arbeitete als Sklavin für alle, selbst für die anderen Sklaven, doch ich nahm alles hin, was auf mich zukam.
Das änderte sich, als Freya zehn Jahre später plötzlich vor der Tür unseres Rudels auftauchte.
Ich konnte meinen Ohren nicht trauen, als mich die Nachricht erreichte.
Ich stürmte an den Wachen vorbei in die Gerichtskammer. Vater, Mutter, die Söhne des Alpha, die Ältesten – sie alle waren anwesend und starrten mich verächtlich an.
Ich schaute nach vorne, und mein Blick blieb an der zierlichen Gestalt vor mir hängen.
Konnte sie es wirklich sein?
Ihr langes, perlmuttweißes Haar floss ihr bis zur Taille. Als sie sich umdrehte …
Ich erstarrte.
Sie war es wirklich! Ihr Gesicht hatte sich tief in mein Herz gebrannt – ich konnte es niemals vergessen.
Sie war über die Jahre noch schöner geworden. Ihre himmelblauen Augen funkelten, als sie sich ganz zu mir drehte. „Schwester“, lächelte sie, und mir schossen die Tränen in die Augen.
Da war sie … meine kleine Schwester war zurück.
„Freya!“, würgte ich hervor, und sie breitete die Arme nach mir aus. Meine Beine begannen sich zu bewegen, erst ein Schritt, dann zwei, dann wurde ich schneller. Ich rannte zu ihr und überbrückte die Distanz zwischen uns.
Sie schloss mich in die Arme und ich hielt sie fest. „Du bist es … Du bist es wirklich“, weinte ich.
Es war ein Wunder.
Freya war … am Leben und wohlauf!
Sie war zehn lange Jahre verschwunden gewesen und nicht tot?
Ich war so glücklich.
Selbst nach der Rückkehr meiner Schwester blieb ich in meiner Rolle als Omega und wurde kaum beachtet. Vater und Mutter erlaubten mir immer noch nicht, bei ihnen zu wohnen, und sagten, ich sei in den Unterkünften der Bediensteten besser aufgehoben.
Meine Schwester?
Sie hatte sich sehr verändert. Es war meine Schuld, dass sie überhaupt so geworden war.
Wer wusste schon, welche Härten sie seitdem durchgemacht hatte? Ich mache ihr keine Vorwürfe. Allein und verloren zu sein, muss schrecklich gewesen sein, und sie hörte nie auf, davon zu erzählen.
Es war Frühstückszeit, und ich bediente Alpha Slade und seine Söhne – die Vierlinge: Thane, Asher, Kael und Caleb. Sie waren als die „Quad Claw“ des Shadow Moon Rudels bekannt, gefürchtet und respektiert von allen Rudelmitgliedern.
Sie waren gutaussehend, kaltblütig und rücksichtslos, fast identisch, bis auf ihre Augenfarben, an denen man sie unterscheiden konnte.
Meine Eltern und Freya waren ebenfalls anwesend. Sie saßen alle um den riesigen Glastisch, außer mir, die drei Meter entfernt stand und sie beobachtete.
Seit der Ankunft meiner lieben Schwester klebten die Vierlinge an ihr. Jeder Bruder kämpfte und konkurrierte mit den anderen, um das Herz meiner geliebten Schwester zu gewinnen.
Und ich?
Manchmal beneidete ich sie. Sie hatte schon immer das beste Leben, selbst bevor sie verschwand. Ich hatte mir immer nur Dinge gewünscht, die nur in meinen Träumen wahr werden konnten.
Ich hatte gehofft, wenigstens meinen Gefährten zu finden, der mich aus diesem Höllenloch retten würde, in dem ich feststeckte. Aber eine so Unerwünschte wie ich konnte nur einen Omega als Gefährten bekommen und selbst nur Omegas zur Welt bringen.
Meine Augen trafen die von Mutter, und sie spottete, während sie mich verächtlich ansah. Ich seufzte innerlich und fragte mich, was ich tun konnte, damit sie ihr Herz wieder für mich öffnete und mich wieder mit denselben liebevollen Augen ansah, mit denen sie meine Schwester betrachtete.
Ein kleines Lächeln erschien auf meinen Lippen, während ich sie beobachtete. Obwohl es mir verboten war, mit ihnen am Tisch zu sitzen, war ich glücklich.
Vaters Augen funkelten vor Wärme, und Mutter sah wieder gesund aus.
„Ich bin sicher, Freya würde eine wunderbare Luna für einen deiner Söhne abgeben, Alpha Slade“, gluckste Vater, während er das Steak auf seinem Teller vorsichtig schnitt.
„Oder vielleicht für alle vier“, scherzte Alpha Slade, und ein Grinsen erschien auf seinem alten Gesicht. Mutter lächelte in sich hinein und sah Freya kurz mit Stolz in den Augen an.
Ein stechender Schmerz und tiefe Trauer durchzogen meine Brust, als ich sie beobachtete.
Es war kein Geheimnis, dass Freya von Geburt an darauf vorbereitet wurde, die zukünftige Luna eines der Söhne des Alpha zu werden. Das war der Grund, warum jeder mich abgrundtief hasste, sobald klar war, dass sie unauffindbar war.
Es war schwer zu glauben, dass ihr kostbares Juwel weg war.
„Autsch!“, hörten wir einen lauten Schrei, und mein Herz setzte einen Schlag aus.
Der Schrei kam von meiner Schwester, und alle Augen richteten sich voller Sorge auf sie.
„Warum ist der Tee so heiß!?“, beschwerte sie sich bitter. Ich eilte an ihre Seite, und Mutter folgte mir.
Ich hatte extra darauf geachtet, dass das Wasser nur warm war, bevor ich den Tee zubereitete.
„Geht es dir gut?“, fragte Caleb, der vierte der Vierlinge, mit gerunzelter Stirn, während er sie besorgt ansah.
„Ich habe mir fast die Lippen verbrannt, aber zum Glück war ich vorsichtig, bevor ich getrunken habe“, schmollte sie.
Asher sprang von seinem Sitz auf. Er war der zweite der Vierlinge, sein gutaussehendes Gesicht verhärtete sich und seine dunklen Augen starrten mich voller Verachtung an.
„Hast du das mit Absicht gemacht, Ophelia?“, fuhr er mich gefährlich an, und meine Augen weiteten sich vor Schock.
Was?
„Nein! I-Ich …“, versuchte ich verwirrt zu erklären und sah in die Runde, während alle mich finster anstarrten.
„Du Hexe!“, spie Mutter mich mit entsetzten Augen an.
„Willst du deine Schwester schon wieder umbringen, nachdem die Mondgöttin so gnädig war, sie uns zurückzubringen?“, schrie sie.
Ich schüttelte den Kopf, meine Augen füllten sich mit Tränen.
Ich würde Freya niemals verletzen.
„Nein!“, keuchte ich.
„Dann erklär das!“, Mutter schnappte sich die Tasse, die Freya neben ihren Teller gestellt hatte, und schüttete den Inhalt über mich.
Ich schrie auf, als die Flüssigkeit meine Haut berührte.
Es war so heiß und brannte auf meiner Haut, aber wie? Bevor ich begreifen konnte, was geschah, trat Mutter nah an mich heran, packte mein Haar fest in ihre Faust und zwang mich, vor Schmerz zusammenzuzucken. Meine Augen glänzten vor Tränen.
„Na, erklär mir das mal.“
*
Ich vergrub mein Gesicht tief im Kissen und schluchzte, während mein Herz vor unerträglichem Schmerz pochte, der durch mein gesamtes Nervensystem raste.
Wie konnte Mutter nur so grausam sein? Sogar zu ihrer eigenen Tochter?
Ich fragte mich, ob ich überhaupt ihr Kind war.
Nachdem ich stundenlang geweint hatte, als ob es kein Ende nehmen würde, stand ich vom Bett auf.
Ich schniefte und wischte mir mit dem Handrücken die Tränen ab, die ohnehin nutzlos waren. Niemand würde jemals den Schmerz sehen, den ich all die Jahre ertragen hatte.
Ich ging zu dem kleinen Spiegel, der an der Wand meiner winzigen Kammer hing – meinem sichersten Hafen in den letzten zehn Jahren. Ich betrachtete die Brandwunden auf der Seite meines Gesichts, die sich bis auf meine Brust zogen.
Es brannte und tat so weh, aber nicht annähernd so sehr wie der Schmerz in meinem verwundeten Herzen.
Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen. Ich hatte meinen Wolf noch nicht, da ich erst in ein paar Monaten achtzehn werde, also muss ich bis dahin wohl mit diesen Brandwunden herumlaufen.
Aber meine Frage blieb unbeantwortet … wie konnte dieser Tee so heiß sein? Ich war mir sicher, dass das Wasser warm war, bevor ich den Tee zubereitete.
Ich war ratlos.
Plötzlich klopfte es an der Tür, und ich schlurfte hinüber. Ich öffnete die Tür und sah eine andere Magd vor mir stehen.
„Ja?“, flüsterte ich kaum hörbar, während ich sie anstarrte. Ihr Blick fiel auf die Brandwunden auf meiner Haut, und ihre Augen zuckten vor Mitleid, aber sie verbarg es sofort wieder und nahm einen neutralen Gesichtsausdruck an.
Es war verkündet worden, dass jeder, der auch nur das geringste Mitgefühl für mich zeigte, streng bestraft werden würde.
Und niemand wollte es sich mit dem Alpha oder vor allem mit Mutter verderben.
„Lady Freya verlangt deine Anwesenheit in ihrem Zimmer“, informierte sie mich, und mein Gesicht verzog sich zu einem Stirnrunzeln.
Seit der Rückkehr meiner Schwester hatte sie mich zu ihrer persönlichen Magd gemacht, und ich tat es von ganzem Herzen, nur damit sie mir vielleicht vergab. Aber mich zu rufen, nachdem meine Mutter heißes Tee auf mich geschüttet hatte, war wirklich unverschämt.
„Warum?“, fragte ich mit rauer Stimme.
„Ich weiß es nicht. Das wirst du sehen, wenn du dort bist“, sagte sie und wandte sich abrupt ab.
Ich sah ihr nach und krallte meine Finger fest in den Stoff meiner abgetragenen Uniform.
Meine Augen wurden feucht, und ich legte den Kopf in den Nacken, blinzelte schnell, um die Tränen zurückzuhalten.
„Bald wird das vorbei sein, wenn ich erst meinen Gefährten habe“, murmelte ich vor mich hin.
Ich atmete scharf ein.
Ich muss einfach ruhig bleiben, so wie immer.
Ich schloss die Tür hinter mir und machte mich auf den Weg zu Freya, während ich mich fragte, warum sie mich gerufen hatte.
Irgendetwas an ihr war anders. Ganz sicher nicht die Schwester, an die ich mich erinnerte.
Ich hielt vor der Tür zu Freyas Zimmer inne und atmete tief durch. Gerade als ich anklopfen wollte, hörte ich lautes Stöhnen von drinnen.
Ich biss mir auf die Lippe und klopfte an, trotz des Schreckens in meiner Brust.
„Komm rein“, kam Sekunden später ihre sinnliche Stimme, und ich machte mich auf alles gefasst, was ich drinnen sehen würde.
Ich drückte die Klinke, öffnete die Tür und trat ein.
Ein sprachloser Aufschrei entwich meinen Lippen, als ich auf die ungehörige Szene vor mir starrte.
Da lag meine Schwester auf dem großen Ehebett in ihrem Zimmer, zusammen mit zwei der Vierlinge: Asher und Kael.

please, please tell me she gets her vengeance on all of them!!🙏🏼🙏🏼