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Die Vase

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Zusammenfassung

Zwei Menschen sitzen seit sieben Jahren vor derselben Vase. Gemeinsam haben sie sie geformt, bemalt und wachsen lassen. Doch während der eine Farben und Muster betrachtet, sieht der andere etwas völlig anderes. Eine symbolische Kurzgeschichte über zwei Menschen, die dieselbe Sache betrachten und dennoch nicht dasselbe sehen.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Die Vase


Ich sitze vor einer Vase.

Ich und mein Gegenüber haben sie aus Ton selbst gemacht. Seit sieben Jahren ist sie unser gemeinsames Projekt.

Sie ist nicht perfekt. Sie hat Dellen, weil jemand unvorsichtig war, hier und da ein paar kleine Haarrisse, die durch die fehlende Fürsorge entstanden sind, dem Ton genügend Wasser zu geben. Aber im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass ich froh bin, dass dieses Projekt nur durch unsere Zusammenarbeit gelungen ist.

Sieben Jahre sind eine sehr lange Zeit, aber in meinen Augen nicht lange genug. Gerne würde ich noch viele Jahre weiter an ihr herumhantieren.

Während wir sie weiter formen und ihr mehr Größe geben, bemalen wir sie gleichzeitig. Ich habe mich für einen Haarpinsel entschieden, um schöne, in sich gekehrte Muster zu malen und meinem Gegenüber genug Platz für seine Ideen zu lassen.

Ich finde meine Seite sehr schön, auch wenn sie durch dieses komplizierte Muster oft schwer zu lesen ist, geschweige denn zu verstehen. Sie ist bunt, aber es ist ein angenehmes Bunt. Die Farben verlaufen ineinander und nichts sticht unangenehm hervor.

Es hat mich viel Zeit und Überwindung gekostet, weiterzumalen, und oft war ich selbst am Verzweifeln mit der Pinselhaltung, aus Angst, einen Punkt zu setzen, der mir nicht gefällt.

Angst.

Ja, sie ist in dem Muster deutlich erkennbar, aber die letzten Pinselstriche sehen schon viel selbstbewusster aus und das freut mich so sehr, dass ich sie meinem Gegenüber zeigen möchte.

Also drehe ich die Vase, sodass meine Seite zu ihm zeigt und seine zu mir.

Seine Seite ist schwarz. Rabenschwarz.

Er hat den größten Pinsel genommen, den er finden konnte, und gar nicht bemerkt, dass seine Seite mittlerweile zwei Drittel der Vase einnimmt.

Es macht mich traurig, diese kalte, leblose Farbe auf der Vase zu sehen.

Mein Lächeln verliert sich darin und wartet nun auf seine Reaktion auf meine Seite.

Ich sehe seine Augen, wie sie versuchen, dem Muster zu folgen und letzten Endes daran ermüden.

Nun versucht er, das gesamte Muster zu betrachten, ebenfalls ohne großen Erfolg.

Irritiert gibt er auf und wendet sich anderem zu.

In mir steigt eine Wut auf.

Oder ist es Wut?

Verzweiflung.

Scham.

Die fehlende Bemühung, nur ein einziges Mal genauer hinzuschauen, löst in mir eine Verbitterung aus.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihm meine Seite zeige, aber es ist immer dasselbe Ergebnis.

Ich bin nicht zufrieden und er auch nicht.

In manchen Momenten würde ich gerne die Vase nehmen und sie von einem Hochhaus werfen, damit sie am Boden zu Staub zerspringt, in der Hoffnung, nicht mehr diese Blicke und die damit verbundenen Gefühle ertragen zu müssen.

Aber ich tue es nicht.

Nicht, weil ich es nicht übers Herz bringen würde.

Nein.

Weil auch mein Gegenüber seine Zeit und seine verkorkste Liebe in diese Vase gesteckt hat.

Ich mustere nun seine Seite.

Versuche, so unvoreingenommen wie möglich zu sein, auch wenn es mir schwerfällt.

Bei genauerem Betrachten sehe ich, dass auf seiner Seite mindestens doppelt so viele Haarrisse entstanden sind wie auf meiner und die schwarze Farbe scheint sie überdecken zu wollen.

Mein Herz fühlt sich schwer an.

Herausgerissen.

Ich folge einem der Haarrisse von unten nach oben.

Meine Augen stocken bei jedem Millimeter, denn der Haarriss formt sich mittlerweile zu einem Sprung.

Trauer überschüttet mich.

Ich komme mit meinem Bein an den Tischfuß und die Vibration versetzt die Vase in ein gefährliches Schwanken.

Sie droht zu fallen.

Hastig greife ich nach ihr, um das Schlimmste zu verhindern, und es gelingt mir.

Also setze ich sie wieder auf den Platz, den sie seit sieben Jahren so gut hütet.

Als ich sie loslasse, fühle ich die nasse Farbe an meinen Händen.

Zu meinem Schreck habe ich die Vase nicht dort festgehalten, wo sich die jeweiligen Seiten teilen, sondern habe sie durch mein Handeln verwischt.

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