Chapter 1

Der Asphalt endete vor drei Meilen.
Ivy Mae Bennett bemerkte genau den Moment, als der Asphalt in unbefestigten Boden überging. Ihr Honda Civic bebte bei diesem Übergang, als würde ein Körper in eiskaltes Wasser eintauchen. Das Lenkrad riss in ihren Händen, während der Kies gegen den Unterboden schlug. Das GPS auf ihrem Handy war schon vor zwei Abzweigungen ausgefallen. Der kleine blaue Punkt hatte sich nutzlos im Kreis gedreht, bevor er ganz verschwand und sie nur mit einem leeren Bildschirm zurückließ. In diesem Moment wurde ihr schmerzlich klar, dass sie weit hinter die Reichweite von Satelliten, Handymasten und allem, was man Zivilisation nennen könnte, gefahren war.
Jetzt gab es nur noch die schmale Straße, die in die Appalachen hinaufführte. Sie war von Bäumen gesäumt, die so dicht standen, dass sie das Licht der Nachmittagssonne regelrecht verschluckten.
Sie sollte umkehren.
Der Gedanke kam ruhig und bestimmt, so wie die Stimme ihrer Mutter früher das Sonntagsessen unterbrochen hatte. Eine Dame weiß, wann sie zu weit gegangen ist, Ivy Mae. Eine Dame weiß, wann sie sich mit Anstand zurückziehen muss.
Doch Ivys Hände blieben fest am Lenkrad. Ihre Knöchel traten weiß gegen das schwarze Leder hervor, aber sie fuhr weiter.
Hinter ihr, im Kofferraum unter zwei Koffern und einer Kiste mit dem Porzellan ihrer Großmutter verstaut – das Einzige, was sie bei ihrer Flucht aus Charleston mitten in der Nacht retten konnte –, lag alles, was von ihrem alten Leben übrig war. Vor ihr lag eine Stadt, die sie auf einer Karte an einer Raststätte in North Carolina entdeckt hatte. Sie war mit einem blauen Stift eingekreist, weil der Name wie aus einem Märchen klang, wie ein Ort, an dem zerbrochene Dinge sich verstecken und heilen konnten.
Black Briar Hollow.
Ein Ort, an dem einen niemand suchte. Ein Ort, der Menschen einfach verschluckte und ihre Geheimnisse tief in der Erde vergrub.
Die Straße machte eine scharfe Kurve. Ivy ging vom Gas, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Durch die Windschutzscheibe drängte der Wald unerbittlich näher. Eichen, Kiefern und etwas anderes, das sie nicht benennen konnte; ihre Äste waren in der Luft ineinander verschlungen wie gefaltete Hände oder greifende Finger. Das Blätterdach war so dicht, dass das Licht, das hindurchschimmerte, grün und unnatürlich wirkte und alles in die Farbe von tiefem Wasser tauchte. Kudzu-Pflanzen krochen an Telefonmasten empor, die in schiefen Winkeln standen, und die Ranken waren so dick, dass sie das Holz förmlich zu erwürgen schienen. Wilde Blumen, die sie nicht kannte, blühten in grellen violetten Büscheln am Straßenrand. Sie waren wunderschön und wirkten zugleich bedrohlich, ihre Blütenblätter hatten die Farbe frischer blauer Flecken.
Die Luft, die durch die Lüftung in den Wagen strömte, war hier anders. Sie war schwerer. Sie roch nach Kiefernharz, feuchter Erde und etwas Dunklerem, das darunter lag – Verfall vielleicht, oder einfach das Gewicht all der Jahre und Geheimnisse, die im Boden vor sich hinrotteten.
Das hier war ganz anders als Charleston.
Charleston bestand aus schmiedeeisernen Toren und historischen Häusern mit Messingschildern. Gartenpartys, auf denen Frauen Perlen trugen und mit geschlossenem Mund lächelten, ihre Stimmen sanft, ihre Urteile jedoch scharf. Jeden Sonntag Kirche in der Bank, die ihre Familie seit vier Generationen besetzte, und die Hand ihrer Mutter auf ihrem Handgelenk – sanft und unnachgiebig, wie eine Fessel aus Samt. Sitz gerade, Liebes. Die Leute beobachten dich.
Die Leute beobachteten immer.
Besonders Preston.
Ivy krallte sich so fest an das Lenkrad, dass ihre Finger schmerzten. Sie durfte nicht an Preston denken. Nicht an sein Lächeln, das nie seine Augen erreichte, kalt und berechnend, selbst wenn er Wärme nur vortäuschte. Nicht daran, wie seine Finger ihre Arme gequetscht hatten, als sie beim ersten Mal versuchen wollte zu gehen. Sein Griff war so fest gewesen, dass sie ihre Knochen hatte mahlen hören. Nicht an den Klang seiner Stimme am Telefon vor drei Tagen, so weich und giftig wie Oleander: Du kannst dich nicht vor mir verstecken, Ivy. Ich finde dich, egal wo du hingehst. Du gehörst mir. Du wirst immer mir gehören.
Der Motor des Honda hustete.
Ivy sackte das Herz in die Hose. „Nein. Nein, nein, nein –“
Das Auto ruckelte erneut, diesmal heftiger, und das gesamte Gestell schepperte. Das Lenkrad schlug unter ihren Händen aus. Sie schaffte es gerade noch, das Fahrzeug an den Straßenrand zu manövrieren – die Reifen rutschten auf losem Kies –, bevor der Motor komplett ausging und sie in plötzliche, erschreckende Stille stürzte.
Für einen langen Moment saß Ivy einfach nur da, die Hände noch immer am Lenkrad, und starrte auf das Armaturenbrett, als könnte es ihr Antworten geben.
Dann presste sie ihre Stirn gegen das Lenkrad und lachte – ein schriller, fast hysterischer Ton, der im Innenraum widerhallte und so gar nicht nach den sanft modulierten Tönen ihrer Mutter klang. Natürlich. Natürlich musste ihr Auto genau hier verrecken, mitten im Nirgendwo, auf einer Straße, die vermutlich nicht einmal einen Namen hatte, meilenweit von jeder Hilfe entfernt.
Sie war acht Stunden gefahren, um zu verschwinden, und jetzt saß sie fest.
Großartig.
Ivy atmete tief durch. Und noch einmal. Wieder die Stimme ihrer Mutter, kühl und kontrolliert, selbst in der Erinnerung: Eine Dame gerät niemals in Panik, Ivy Mae. Sie analysiert die Lage und macht einen Plan.
Richtig. Analysieren und planen.
Sie war vielleicht fünf Meilen von Black Briar Hollow entfernt, laut dem letzten Straßenschild, an dem sie vorbeigefahren war – verwittertes Holz mit handgemalten Buchstaben, das halb von Kudzu überwuchert war. Die Sonne begann hinter den Bergen zu sinken und tauchte den Himmel in Orange- und Goldtöne, die wunderschön gewesen wären, wenn sie nicht gleichzeitig ein Countdown bis zur Dunkelheit wären. Ihr Handy zeigte nur noch einen Balken Empfang – flackernd, unsicher – und zwölf Prozent Akku.
Und sie war allein auf einer Bergstraße, in einer Stadt, in der sie keine einzige Seele kannte.
Ivy schnappte sich ihr Handy und stieg aus dem Auto.
Die Hitze traf sie zuerst – dick, feucht und erstickend, ganz anders als die Küstenfeuchtigkeit von Charleston. Das hier war Berg-Hitze, schwer vom Geruch nach Kiefernharz, wilder Erde und etwas Dunklerem. Etwas Uraltem, Geduldigem, das sie beobachtete. Der Wald um sie herum war voller Leben: Insekten sangen im Unterholz, ihr Chor schwoll an und ab wie ein Atemzug; Vögel riefen aus versteckten Ästen, ihre Schreie waren schrill und wirkten fast spöttisch; in der Ferne das Rauschen von Wasser über Steinen, stetig und gleichgültig.
Und darunter, so leise, dass sie es fast überhört hätte – das Bellen von Hunden.
Viele Hunde.
Nicht das freundliche Kläffen von Haushunden. Es waren tiefe, aggressive Laute, die durch die Bäume hallten und ihr eine Gänsehaut auf den Nacken trieben. Wachhunde. Kampfhunde. Hunde, die nicht als Begleiter gehalten wurden, sondern als Waffen.
Ivy drehte sich langsam um und versuchte, die Richtung zu bestimmen. Das Bellen kam irgendwo den Berg hinauf und hallte so durch die Bäume, dass es unmöglich war, die Entfernung einzuschätzen. Es konnte eine Meile entfernt sein. Oder direkt hinter der Baumgrenze.
Ein Schauer lief ihr trotz der Hitze über den Rücken.
Sie sah auf ihr Handy. Immer noch ein Balken, der flackerte wie ein sterbender Herzschlag. Sie wählte die Nummer des Pannendienstes und wartete, während es läutete. Und läutete. Und läutete.
„Komm schon“, flüsterte sie, ihre Stimme viel zu laut in der schweren Stille.
Der Anruf wurde unterbrochen.
Ivy versuchte es erneut. Dasselbe Ergebnis. Sie wollte gerade einen dritten Versuch starten, als sie aus der Richtung, aus der sie gekommen war, einen Motor hörte – ein tiefes, grollendes Geräusch, das von Alter und harter Arbeit zeugte. Erleichterung durchflutete sie so schnell, dass ihr schwindelig wurde und ihre Knie weich wurden. Sie trat näher an die Straße und hielt sich die Hand über die Augen, um sich vor dem schrägen Sonnenlicht zu schützen.
Ein Pickup bog um die Kurve – alt, rostig, mit einem Aufkleber der Konföderierten auf der Stoßstange und einem Gewehrständer auf der Ladefläche. Sie hob zögernd die Hand und versuchte, hilflos und harmlos zu wirken, sodass es sich lohnen würde, für sie anzuhalten.
Der Truck wurde langsamer und hielt dann an, der Motor lief unruhig im Leerlauf. Das Fahrerfenster kurbelte sich mit einem knirschenden Geräusch herunter. Zum Vorschein kam ein Mann, der in den Sechzigern zu sein schien. Er war verwittert und so mager wie Dörrfleisch, mit einem grauen Bart und misstrauischen Augen, die sie mit der kühlen Berechnung eines Menschen musterten, der gelernt hatte, Fremden nicht zu trauen.
„Auto kaputt?“ Sein Akzent war reines Appalachen-Englisch, die Vokale langgezogen und träge, die Konsonanten weich wie abgenutztes Leder.
„Ja, Sir.“ Ivy verfiel automatisch in ihre süßeste Stimme, die sie auf tausenden Kirchenfesten und Gartenpartys perfektioniert hatte – die Stimme, bei der Männer sich beschützerisch und Frauen sich überlegen fühlten. „Ich möchte Sie wirklich nicht belästigen, aber mein Motor ist gerade ausgegangen. Wissen Sie vielleicht, ob hier in der Nähe ein Mechaniker ist?“
Der Mann betrachtete sie einen langen Moment. Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht – das selbst nach acht Stunden Fahrt noch perfekt geschminkt war – über ihr Sommerkleid und ihre Sandalen zu ihren Perlenohrringen und dann zu ihrem Auto, das trotz des staubigen Weges noch sauber war. Es war offensichtlich, dass sie nicht von hier stammte und dass der Wagen teuer war. Sie sah zu, wie er jedes Detail katalogisierte und sie in einer geistigen Ablage einsortierte, beschriftet mit Außenseiter, Ärger oder gehört hier nicht her.
„Verfahren?“ Das war keine richtige Frage.
„Nicht direkt verfahren. Ich bin auf dem Weg nach Black Briar Hollow.“
In seinem Gesichtsausdruck veränderte sich etwas – nicht direkt Alarm, aber nahe dran. Seine Augen verengten sich. „Was hast du in der Hollow zu suchen?“








