Das Büro des Teufels
Das Büro des Teufels
Der Regen peitschte gegen den Asphalt. Es war nicht einfach nur das Wetter. Es fühlte sich an wie eine Warnung.
Eva Chen stand auf dem Bürgersteig und ließ zu, dass der Wolkenbruch ihren billigen Trenchcoat durchnässte. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte zu dem Wolkenkratzer hinauf. Blackwood Enterprises. Der Glasturm schnitt wie eine Klinge in die Gewitterwolken. Furchterregend – und doch genau der Ort, an dem sie sein musste.
Sie drückte einen dünnen Ordner wie einen Schutzschild an ihre Brust. Darin steckte ein Lebenslauf, der auf Halbwahrheiten und Verzweiflung aufgebaut war. Die letzte Räumungsaufforderung war gestern eingetroffen. Die Pflegeeinrichtung ihrer Mutter hatte aufgehört, leere Drohungen auszusprechen; die medizinischen Schulden erstickten sie förmlich. Zahlen oder gehen.
Sie stand so lange dort, dass eine Frau, die unter einem Regenschirm an ihr vorbeiging, sie seltsam ansah. Eva wäre fast umgekehrt. Sie wäre fast zurück zur U-Bahn gegangen, zurück in die Wohnung mit der Räumungsaufforderung an der Tür, zurück in ein Leben, in dem sie nicht jemand anderes werden musste, um zu überleben. Ihre Hand ertastete tatsächlich den Besucherausweis, den sie in der Bibliothek ausgedruckt hatte. Sie könnte ihn jetzt sofort zerreißen, zurück in den Regen verschwinden, und niemand bei Blackwood Enterprises würde je erfahren, dass Eva Chen fast durch ihre Türen gegangen wäre.
Sie zerriss ihn nicht. Stattdessen ging sie durch die Drehtür.
Die Lobby war darauf ausgelegt, einzuschüchtern. Schwarzer Marmor erstreckte sich in jede Richtung, und die kalte Luft traf ihre vom Regen durchnässte Kleidung so hart, dass sie fröstelte. Sie ging zum Empfangstresen. Die Empfangsdame sah anfangs nicht auf, und als sie es schließlich tat, glitt ihr Blick über Evas abgewetzte Schuhe und den feuchten Mantel, bevor sie sich wieder ihrem Monitor zuwandte.
„Eva Chen“, sagte Eva ruhig. „Vorstellungsgespräch um neun Uhr. Chefsekretärin.“
Klick, klick, klick – die Acrylnägel der Frau tanzten über die Tastatur. „Zwölfte Etage. Personalabteilung. Silberne Aufzüge.“
Eva bedankte sich und ging weg. Gespräche drangen durch die riesige Lobby – „...drei Sekretärinnen in zwei Monaten“, „...hat im Aufzug geweint, bevor sie überhaupt unten war“. Evas Magen zog sich zusammen.
Dann sah sie es. Eine riesige digitale Anzeige flackerte an der Wand: Ethan Blackwood auf einer Wohltätigkeitsgala. Selbst als Standbild auf einem Foto strahlte er Autorität aus. Markantes Kinn. Kalte Augen. Sie sah weg, bevor ihr klar wurde, dass sie gestarrt hatte, und die Messingtüren des Aufzugs warfen ihr ihren ängstlichen Ausdruck zurück.
Zwölfte Etage.
Das Büro der Personalabteilung wirkte genauso kalt wie die Lobby. Frau Park, die Personalleiterin, lächelte nie. Das Vorstellungsgespräch übersprang jede vorhersehbare Frage – keine Stärken, keine Schwächen, nur Tippgeschwindigkeit, Arbeiten unter unmöglichen Fristen, Umgang mit Druck.
„Mr. Blackwood ist... anders“, sagte Frau Park. „Neunzig-Stunden-Wochen. Er wiederholt sich nicht. Niemals.“
„Verstanden.“
Frau Park schob ihr ein dickes Paket über den Schreibtisch. „NDA. Firmenrichtlinien. Verhaltenskodex.“ Eine Pause. „Mr. Blackwood hat keine Geduld für Fehler.“ Noch eine Pause. „Und er schätzt Loyalität über alles andere. Ist das klar?“
Eva las keine einzige Seite. Sie unterschrieb mit der geübten gefälschten Unterschrift, die sie vor Wochen auswendig gelernt hatte. „Klar.“
Ein Telefon summte. Frau Park warf einen Blick auf den Bildschirm, und zum ersten Mal änderte sich ihr Ausdruck – nur für eine Sekunde. Dann stand sie auf.
„Planänderung.“ Ihre Stimme war angespannter geworden. „Mr. Blackwood wird das letzte Gespräch selbst führen.“
Jede Spur von Wärme wich aus Evas Körper. Das sollte nicht passieren.
„Folgen Sie mir.“
Minuten später stand Eva allein im Chefaufzug und sah zu, wie die Zahlen nach oben kletterten. 35... 36... 37... Die verspiegelten Wände zeigten jemanden, den sie kaum wiedererkannte – schwarz gefärbtes Haar, ein schmerzhaft straffer Dutt, eine große Brille. Sie hatte jede Spur der Frau begraben, die sie einmal war. Für eine unbewachte Sekunde fragte sie sich, ob sie sie absichtlich begraben hatte oder ob ein Teil von ihr einfach nur komplett verschwinden wollte, lange bevor Marcus ihr jemals einen Grund dazu gegeben hatte.
Der Aufzug gab ein Signal. Vierzigste Etage.
Das oberste Stockwerk war still. Schwere Eichentüren standen am Ende des Flurs, und Eva stieß sie auf. Es fühlte sich an, als würde sie zum Schafott gehen.
Das Büro war riesig; bodentiefe Fenster gaben den Blick auf die regennasse Stadt frei. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihr, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und betrachtete die Skyline. Sie blieb in der Mitte des Raumes stehen. Zehn Sekunden vergingen. Zwanzig. Dreißig. Er wusste, dass sie da war. Er entschied sich einfach, sie nicht zu beachten.
Schließlich drehte er sich um.
Ethan Blackwood beherrschte den Raum, ohne ein Wort zu sagen – groß, makellos in einen anthrazitfarbenen Anzug gekleidet, ruhig, kontrolliert. Seine hellgrauen Augen ruhten mit stiller Präzision auf ihr, als würde er jede Lüge abwägen, die sie erzählen könnte, noch bevor sie ein einziges Wort gesagt hatte. Er sah sich ihren Lebenslauf nicht an. Er sah nur sie an.
„Drei Sekretärinnen haben in den letzten acht Wochen gekündigt.“ Seine Stimme hallte durch den Raum, tief und kontrolliert. „Eine warf mir vor, missbräuchlich zu sein, weil ich Kompetenz erwarte.“ Eine kurze Pause. „Warum werden Sie bleiben?“
„Ich weine nicht wegen Formatierungsfehlern.“
Zum ersten Mal veränderte sich etwas – der Mundwinkel zuckte. „Warum haben Sie Ihren letzten Job verlassen?“
„Stellenabbau.“
Er trat um den Schreibtisch herum, unaufgeregt, jeder Schritt verringerte die Distanz zwischen ihnen. „Und wovor laufen Sie weg, Ms. Chen?“
Ihr Puls stolperte. Weiß er es?
„Ich laufe darauf zu, meine Studienkredite abzubezahlen.“ Die Lüge kam mühelos.
Er blieb so nah stehen, dass sie seine Präsenz spüren konnte. Ohne zu fragen, griff er nach dem Lebenslauf, den sie immer noch an ihre Brust gedrückt hielt. Seine Finger streiften ihre. Der Kontakt dauerte keine Sekunde – dann erreichte sie der Duft.
Bergamotte. Zedernholz. Dasselbe Parfüm.
Sie hielt den Atem an. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich nicht.
Zum ersten Mal zögerte Ethan. Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht.
„Sie kommen mir bekannt vor.“ Seine Stimme war jetzt leiser.
„Ich habe eines dieser Gesichter.“
Kein Zucken. Kein Riss in ihrer Fassade. Sie sah ihm direkt in die Augen, ohne zu blinzeln. Stille legte sich zwischen sie. Er suchte noch einen Moment in ihrem Gesicht, dann trat er einen Schritt zurück, ging zu seinem Schreibtisch, öffnete seinen Laptop und sprach, ohne aufzusehen.
„Sie fangen am Montag an.“ Noch ein Moment Stille. „Kommen Sie nicht zu spät.“
Eva ging hinaus, ohne sich umzusehen. Die schweren Türen fielen hinter ihr ins Schloss. Erst dann ließ sie sich zu atmen zu. Sie lehnte sich gegen die Flurwand, gönnte sich zehn Sekunden Panik, dann richtete sie sich auf, rückte ihre Brille zurecht und glättete ihren Rock. Sei unsichtbar. Nichts weiter.
Im Büro hatte Ethan sich nicht bewegt. Seine Augen blieben auf die geschlossenen Türen gerichtet. Sie war weg, doch der Duft von Vanille und Regen hing noch in der Luft. Sein Kiefer spannte sich an.
Langsam griff er in seine Jackentasche und holte sein privates Handy hervor. Mit einem Wischen öffnete sich ein versteckter Ordner – ein einziges Foto, körnig, aufgenommen von einer Überwachungskamera eines Hotels vor sechs Monaten. Eine Frau, die barfuß einen Flur entlangging. Kastanienbraunes Haar, das ihr den Rücken hinunterfiel.
Er studierte das Bild, dann blickte er zur geschlossenen Tür. Sein Daumen tippte eine Nummer. Es klingelte einmal.
„Finde heraus, warum ich nicht aufhören kann, sie anzusehen“, sagte er leise. „Eva Chen. Ich will alles wissen – woher sie kommt, wovor sie wegläuft, einfach alles.“
Er beendete den Anruf. Sein Blick schweifte zurück zur Tür, unfähig, sich von dem Fleck abzuwenden, an dem sie gestanden hatte.