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Die Wolfspfote 2

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Zusammenfassung

Der zweite und letzte Teil der Geschichte des Mädchens, das mit einer Wolfspfote geboren wurde. Nachdem sich Deidre entschieden hat, Ontaris heimlich zu verlassen, macht sie sich auf, das alte Heiligtum Kalma Kavar zu suchen. Sie hofft, dort dem Geheimnis ihrer Herkunft näher zu kommen. Ontaris macht sich alleine nach Goronh Tar auf, um der belagerten Stadt zu helfen.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
24
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
16+

Zu den Schneebergen - 1

„Mögest du an diesem Ort vorbeiziehen, schwarze Bestie. Dies Fleisch ist nicht das Deine, diese Knochen nicht dein Mahl, dieses Blut nicht dein Trank. Weiche, Kreatur des Bösen“ - Bannspruch auf dem Köhlerhof von Waldend.

„Du hast sie weggeschickt?“ Ontaris tobte vor Wut.

„Sie muss ihren Weg gehen“, sagte Glagaskar behutsam. Er hatte sich auf die Mauer des Steinforts gesetzt, direkt über dem Ausgang. „Wenn sie aus den Bergen zurückkehrt, und das wird sie, wird sie nach Belgund gehen, und du wirst dort auf sie warten.“

„Wir müssen nach Goronh Tar. Du weißt doch überhaupt nicht, worum es geht.“ Ärgerlich Ontaris stopfte seine Habseligkeiten in den Rucksack.

„Ich weiß nicht, um was es geht, aber ich weiß genug, um zu wissen, dass du nicht ehrlich bist. Du hast das Mädchen belogen. Sie kann keine Entscheidung über ihr Leben treffen, wenn sie nicht die Wahrheit kennt.“

„Ich habe ihr einen Teil der Wahrheit verschwiegen, das ist wahr.“ Ontaris wurde etwas ruhiger. „Ich wollte es ihr sagen. Ich habe bisher nicht den Mut gefunden. Ich habe ihr nicht schaden wollen. Ich glaube sogar, ich liebe sie. Aber du hast sie in den sicheren Tod geschickt.“

„Für jeden anderen wäre der Weg, den sie wählt, der sichere Tod. Aber für sie habe ich Hoffnung. Nicht einmal sie selbst weiß, wer sie ist. Und es gibt keinen anderen Weg für sie als diesen, um es herauszufinden.“

„Ich werde dir sagen, wer sie möglicherweise ist – ein leibhaftiges Götterkind!“ Ontaris hielt in seiner Arbeit inne, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. Glagaskar sah den Barden skeptisch an.

„Sie? Nein, sie ist kein Götterkind. In diesem Fall wäre sie sich doch ihrer Herkunft bewusst.“

„Richtig.“ Ontaris nickte ungeduldig. „Nachdem ich sie nun kenne, glaube es auch nicht mehr. Aber es gibt eine Prophezeiung aus Sayan, die genau dies besagt – oder besser gesagt, es gibt Leute, die daran glauben.“

Glagaskar runzelte verwirrt die Stirn. „Ich kann dir nicht ganz folgen. Was ist das für eine Prophezeiung? Ich muss gestehen, dass ich trotz meiner Jahre noch nichts davon gehört.“

„Wenige haben davon gehört. Auch Goronh Tar weiß davon nur durch seine Späher in Sayan. Die Vision wurde von einer Seherin der Sayanij empfangen, vor 22 Jahren, kurz nachdem die Wolfsplage begann. Sie besagte, dass ein Kind geboren werden sollte, eine Inkarnation Raras. Es sollte Merkmale von Mensch und Wolf aufweisen und die Kräfte wieder ins Gleichgewicht bringen.“ Ontaris tastete nach seiner Decke und begann, sie zusammenzurollen.

„Aber der Wolfsgott kann nur in Gestalt eines Wolfes geboren werden.“

„Ja, und deshalb wurde die Prophezeiung als Unsinn abgetan und nicht weiter beachtet. In Goronh Tar war zwar seit Langem bekannt, dass ein Mädchen mit einer Wolfspfote in einem der umliegenden Dörfer lebte, denn ihr Stiefvater hatte vergeblich versucht, an der Universität etwas über ihre Entstellung herauszufinden. Aber erst, als der Orden der Rarionij Häscher nach ihr ausschickte, begannen sich die Magier an die Worte aus Sayan zu erinnern.“

„Dieser Orden hält Deidre für das Götterkind?“

„Das dachten wir, aber das ist nicht so. Der Rarionij halten sie für die Inkarnation des Bösen, obwohl sie Rara eigentlich verehren. Wir glaubten zunächst, das sei eine List, um von ihrer wirklichen Bedeutung abzulenken. Aber seit unseren Erlebnissen an der Kalkküste weiß ich, dass sie Deidre wirklich töten wollen. Ich verstehe das nicht. Der Orden muss wesentlich mehr wissen als wir, was diese Sache angeht.“

Glagaskar schaute nachdenklich zu, wie Ontaris sein Gepäck schulterte.

„Wenn du in den Diensten Goronh Tars stehst, warum bist du erst mit ihr zur Küste gereist?“

„Wie gesagt, ich glaubte von Anfang an nicht daran, dass sie das Götterkind ist. Ich sollte Deidre aus dem Dorf Waldend nach Goronh Tar bringen. Als ich dort ankam, war sie geflohen und das halbe Dorf auf der Jagd nach ihr. Ich suchte die alte Handelsstraße ab, mit Erfolg.

Es war in der Tat ein Fehler, sie zur Küste zu begleiten. Ich hatte gedacht, ich würde dadurch mehr über ihre Herkunft herausfinden, als wenn ein Haufen Gelehrter sie sich anschaute. Ich glaubte, der Weg sei gefahrlos, und wir wären in einigen Wochen wieder zurück.“

„Was wirst du nun tun? Wirst du ihr folgen?“

„Ein blinder Mann wie ich, alleine im Gebirge? Das wäre Selbstmord. Wir müssen hoffen, dass sie Recht hatte und wirklich eine besondere Beziehung zu den Wölfen hat. Wenigstens ist sie in den Bergen sicher vor den Häschern der Rarionij. Nein, ich kann nichts für sie tun, so bitter das sein mag. Ich werde nach Goronh Tar gehen.“

„Sie erwartet dich in Belgund.“

„Es ist meine Pflicht.“

Glagaskar schüttelte den Kopf. „Ich denke, du liebst sie? Was schuldest du Goronh Tar? Du bist ein Söldner, weiter nichts.“

Ontaris zögerte. „Ich muss zunächst von den Vorfällen hier berichten. Die Stadt muss vor dem Orden gewarnt werden. Der Einfluss der Rarionij in der Stadt wird immer größer, die Ratsherren ahnen weder etwas von den Menschenopfern und den Seamu-Armeen, die der Orden rekrutiert. Ich werde einen Boten nach Belgund schicken lassen, der sie dort erwartet.“

Der Riese rieb skeptisch sein Kinn.

„Du solltest erst einmal zu dir selber finden, bevor du versuchst, anderen zu helfen. Mir scheint, dass du immer noch den alten verstaubten Idealen aus deiner Soldatenzeit hinterher läufst. Du solltest inzwischen klüger geworden sein. Das Mädchen ist dir da weit voraus.“

„Ich muss aufbrechen“, sagte Ontaris. „Ich hoffe, dass ich den Belagerungsring um die Stadt noch durchbrechen kann. Es gibt Wege, die nur wenige kennen. Wenn ich Glück habe, sind einige davon noch frei.“

„Die Stadt wird ihren Tod finden, und du mit ihr.“

„Nun, wenn es so sein soll, vielleicht ist es das Beste“, sagte Ontaris und zog die Riemen seines Rucksacks fester.

***

Deidre wanderte bis in den späten Mittag hinein. Die Hügel wurden höher und felsiger, ein Zeichen dafür, dass sie sich langsam den Schneebergen näherte. Manchmal konnte sie durch die Baumwipfel hindurch die eindrucksvolle Silhouette des Gebirgsmassivs sehen. Es erschien ihr wie die Gestade einer fremden Welt, auf dessen Höhen die Götter tanzten. Oft fragte sie sich ob Ontaris Verständnis für ihre plötzliche Flucht aufbringen würde. Die Worte von Glagaskar spukten ihr im Kopf herum - war er wirklich nicht aufrichtig zu ihr gewesen? Nein, sie durfte nicht aufgrund der Vermutungen des Riesen an Ontaris zweifeln. Sicher meinte Glagaskar es gut mit ihr, aber in Ontaris irrte er sich. Schließlich war sie es, die Ontaris’ Vertrauen verletzt hatte. Sie dachte an ein mögliches Wiedersehen in Belgund und stellte sich vor, was sie sich alles zu erzählen haben würden.

Der Proviantbeutel des Riesen tröstete sie mit reichlich Dörrfleisch und etwas Brot über das Alleinsein hinweg. Deidre erinnerte sich an ihre Reise durch den schweigenden Wald. Damals hatte sie das erste Mal das zermürbende Gefühl der Einsamkeit verspürt, die Gewissheit, völlig auf sich allein gestellt zu sein. Doch diesmal konnte sie diesem Gefühl mit einem Lächeln begegnen. Glagaskar hatte Recht gehabt. Sie hatte sich in der Tat verändert, seit sie aufgebrochen war. Die Nächte ließen Deidre spüren, dass der Winter nicht mehr fern war. Bis auf ihren Umhang hatte sie nichts, das ihr Wärme bot. Sie hatte versucht, Stöcke aneinander zu reiben, wie sie es einmal bei Jungen aus ihrem Dorf gesehen hatte. Doch nach einer Weile gab sie entmutigt auf. Vielleicht lag es dem feuchten Holz, das ihr die Wärme nicht zu gönnen schien. Vielleicht lag es aber auch an ihr - geschickte Hände hatte sie nie besessen. Trotzdem sammelte sie eifrig trockene Gräser und Moose, die sich als Zunder eigneten. Früher oder später würde sich ihr ein Weg zeigen.

Die Rarionij ängstigten sie nicht mehr, dafür war sie schon zu weit von der Zivilisation entfernt. Niemand, dem sein Leben lieb war, wagte sich freiwillig in diese Wildnis. Doch der Gedanke an die Harpyien des Gebirges beunruhigte sie mehr und mehr. Und wer wusste schon, was nicht sonst noch alles auf den Wegen lauerte? Die Berge waren bekannt dafür, Reisende zu verschlingen und nie wieder herzugeben. Immer wieder beobachtete sie ängstlich den Himmel, vor allem nach Einbruch der Dämmerung, die jetzt immer früher einsetzte. Sie konnte sich nicht erlauben, zu früh ein Lager zu suchen. Ihre Vorräte waren begrenzt, und aus den Wäldern konnte sie sich um so schlechter versorgen, je näher sie dem Gebirge kam. Sie musste wohl oder übel riskieren, auch nach Einbruch der Dunkelheit zu wandern.

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Die Wolfspfote 2