Kapitel 1 – Der Weg zum Weißen Schloss
An dem Tag, an dem Anastasia zur Hochzeit ihrer Freundin abreiste, war Nordhoym grau, windig und voller Regen.
Seit Sonnenaufgang fiel er stur auf die Steindächer, rann über die Fensterscheiben und verwandelte den Fluss in einen dunklen Spiegel. An solchen Tagen wirkte die Stadt im Norden noch älter, als sie ohnehin war. Die Steinhäuser drängten sich eng aneinander, als suchten sie Schutz vor dem Wind, und der Rathausturm, der höchste Turm Nordhoyms, war hinter dichtem Nebel verschwunden.
Anastasia stand am Fenster ihres Zimmers und beobachtete, wie die Diener die Reisetruhen hinten an der Kutsche befestigten.
Die große Truhe mit den vergoldeten Ecken und dem hellen Leder – jene, mit der die Diener sichtlich zu kämpfen hatten – gehörte Mira.
Die zweite war Anastasias eigene. Sie war kleiner, aus dunklem Leder, schlicht und schwer. Darin lagen mehrere Kleider, ein Reisemantel, ein Paar Handschuhe, einige Bücher, ein Beutel Gold, eine kleine Schmuckschatulle und, sorgsam zwischen zwei Lagen Stoff geschoben, der Brief, den Mira ihr vor einigen Wochen geschickt hatte.
Der Brief begann mit den Worten:
„Nastja, ich heirate im Weißen Schloss, und wenn du nicht kommst, sage ich die Hochzeit ab, verfluche das Haus Kassar und gehe in ein Kloster, wo ich, umgeben von Hunderten Kerzen, ästhetisch leiden werde.“
Anastasia hatte damals so laut aufgelacht, dass Elsa erschrocken aufgewacht war und sie mit einem Blick angesehen hatte, als hätte sie persönlich den Frieden des Hauses zerstört.
Heute fand sie das gar nicht mehr so witzig.
Die Hochzeit war ihr beinahe unwirklich erschienen, solange sie nur in Briefen existiert hatte. Auf vielen Seiten voller Einzelheiten über Vorbereitungen, Kleider, Farben, Stoffe und Miras Aufregung.
Aber heute stand die Kutsche vor den Toren. Die Pferde scharrten mit den Hufen über den nassen Boden, und die Diener liefen geschäftig hin und her. In der Eingangshalle roch es nach feuchtem Fell, Reiseleder und Lavendelöl.
Mira hatte darauf bestanden, den Saum ihres Reisekleides damit zu beträufeln, „damit die Reise nach Schicksal riecht und nicht nach Reise“.
Schicksal.
Gedankenverloren fasste Anastasia an den Ring an ihrer rechten Hand.
Der schwarze Stein in seiner silbernen Fassung war kalt und glatt. Wie immer. Vertraut, schwer und auf eine seltsame Weise tröstlich.
Die Tür hinter ihr knarrte leise.
„Du stehst wieder da, als würdest du zu einer Exekution fahren und nicht zu einer Hochzeit.“
Anastasia drehte sich der Stimme entgegen.
Mira Velenskaya trat, wie immer, ohne anzuklopfen in ihr Zimmer. Sie trug ein Reisekleid aus weicher, hellblauer Wolle und darüber einen kurzen, mit Fell besetzten Überwurf. Ihr helles Haar war zu einem Zopf gebunden, doch einige Strähnen hatten sich bereits gelöst und flogen um ihr Gesicht.
Sie sah aus, als hielte selbst der Regen es für seine Pflicht, sie romantisch anzuhauchen.
In ihren Händen hielt Mira zwei Paar Handschuhe.
„Weiß oder Perlmutt?“, fragte sie.
„Sie sind gleich.“
„Sie sind vollkommen verschieden“, empörte sich Mira.
„Ja, stimmt. Die einen sind weiß und die anderen fast weiß“, sagte Anastasia trocken.
Mira presste die Handschuhe an die Brust und sah sie verletzt an.
„Weißt du, manchmal frage ich mich, ob die Freundschaft mit dir eine Prüfung des Himmels ist.“
„Für deine Charakterentwicklung?“
„Damit ich lerne, Menschen mit Fehlern zu lieben.“
Anastasia lächelte, doch Mira kam näher und betrachtete sie kritisch.
„Hast du das blaue Kleid mitgenommen?“
„Welches blaue Kleid?“, fragte Anastasia scheinheilig.
„Das blaue Kleid. Mit der engen Taille. Das, in dem du aussiehst, als könntest du Herzen brechen und Kriege entfachen.“
„Nein.“
„Warum?“
„Weil ich zu deiner Hochzeit fahre und nicht, um Herzen zu brechen.“
„Das ist aber kein Grund, unscheinbar auszusehen.“
„Ich werde neben der Braut stehen. Glaub mir, das ist bereits genug Aufmerksamkeit für mich.“
Mira atmete so dramatisch aus, als hätte Anastasia soeben verkündet, sie werde ihr Erbe ausschlagen.
„Du musst es mitnehmen.“
„Zu spät. Die Truhen sind zu.“
„Truhen kann man öffnen.“
„Mira.“
„Nastja.“
Sie sahen einander an.
Nach drei Sekunden drehte Mira sich ab und warf die Handschuhe aufs Bett.
„Fein. Aber wenn auf der Hochzeit ein hübscher Herzog sein wird, der sich in dich verliebt hätte, und du trägst irgendein graues Kleid …“
„Hübsche Herzoge verlieben sich nicht in Kleider“, unterbrach Anastasia sie.
„Doch. Zuerst verlieben sie sich in Kleider, dann in deine Taille, dann in deine Stimme und erst dann, wenn sie Glück haben, auch in deine Seele.“
„Was für eine tiefgründige Analyse.“
„Ich heirate einen Lord. Und nicht irgendeinen, sondern Lord Kassar. Ich bin jetzt quasi Expertin, was Aristokraten betrifft.“
Bei dem Namen ihres zukünftigen Ehemannes veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Nur leicht. Ihr Lächeln wurde weicher, ihre Augen leuchteten auf. All ihre Dramatik, ihre nervöse Freude und ihr spielerischer Trotz wichen für einen Augenblick etwas Echtem, Natürlichem, Einfachem.
Anastasia sah es sofort.
Und sie fühlte einen altbekannten Stich in der Brust.
Es war kein Neid. Sie war nicht neidisch auf Mira. Zumindest nicht im klassischen Sinne.
Sie sah nur, dass ihre Freundin an der Schwelle zu einem Leben stand, das verständlich war. Klar. Schön. Anerkannt.
Da waren Liebe, ein Haus, ein Titel, eine Hochzeit im Weißen Schloss, eines Tages vielleicht Kinder und ein Mann, der Mira Briefe schrieb, nach denen sie barfuß durch ihr Zimmer tanzte und beteuerte, sie könne nun nie wieder ein einfaches Leben führen.
Ein einfaches Leben.
Anastasia führte nicht unbedingt ein einfaches Leben. Schließlich war sie in eine Familie hineingeboren worden, die sich seit Generationen einen Namen in Nordhoym gemacht hatte.
Ihre Familie stellte Stadtschreiber, Notare, Siegelbewahrer und Verwalter alter Verträge; Menschen, denen man Testamente, Handelsbriefe, Schuldurkunden, Schlüssel und Geheimnisse anvertraute, weil sie dafür bekannt waren, nichts zu verlieren, was einmal in ihre Hände gegeben worden war.
Hinter ihren Türen wurden Stadtbücher geführt, Familienarchive bewahrt und alte Geschichten mit derselben Sorgfalt aufbewahrt wie Silber, Briefe und Schmuck.
Ihre Familie hatte Ansehen.
Stolz.
Geschichte.
Aber Anastasia selbst?
Sie hatte einen alten Familienring, einen großen schwarzen Hund und das Gefühl, dass ihr ganzes Leben hinter einer Tür wartete, zu der sie keinen Schlüssel besaß.
„Du denkst wieder nach“, sagte Mira leise.
„Solltest du auch mal versuchen“, antwortete Anastasia trocken.
Doch Mira hob nur fragend die Augenbrauen.
Anastasia seufzte ergeben.
„Ich kann einfach nicht glauben, dass du wirklich heiratest.“
„Ich auch nicht.“
Mira trat zum Fenster und stellte sich neben sie.
Unten im Hof versuchte der Kutscher gerade, Elsa davon zu überzeugen, nicht mitten auf dem Pflaster zu sitzen. Elsa hörte ihm, wie immer, nur teilnahmslos zu und rührte sich nicht.
Die schwarze Wölfin saß vollkommen ruhig im Regen, als gingen sie das Wetter, das Treiben, Hochzeiten und Menschen mit ihren kleinen Problemen überhaupt nichts an. Ihr nasses Fell war auf dem Rücken noch dunkler geworden, und ihre gelben Augen blickten aufmerksam – am Kutscher vorbei – auf die Straße vor den Toren.
„Sie weiß es“, sagte Mira.
Anastasia sah sie an.
„Was denn?“
„Dass wir irgendwohin fahren, wo es wichtig wird.“
„Elsa benimmt sich immer so, als wäre alles wichtig.“
„Nein. Heute ist sie anders.“
Mira sagte das so ernst, dass Anastasia langsam wieder zum Fenster sah.
In diesem Augenblick hob Elsa den Kopf und blickte direkt zu den beiden Frauen hinauf.
Um Anastasia herum wurde es plötzlich seltsam still.
„Sie mag einfach keine Kutschen“, sagte sie.
„Sie hasst Kutschen. Aber heute beschwert sie sich nicht einmal.“
„Weil sie klug ist.“
„Weil sie es weiß“, wiederholte Mira stur.
Anastasia wollte antworten, doch in diesem Augenblick erklang hinter ihnen die Stimme einer Magd.
„Meine Damen! Die Kutsche ist bereit!“
Mira atmete scharf ein. Ihre ganze Ernsthaftigkeit floh auf der Stelle.
„Götter, das war’s. Wir fahren los. Ich fahre ins Weiße Schloss. Ich fahre zu meiner Hochzeit. Ich verliere gleich das Bewusstsein.“
„Bitte nicht vor der Zeremonie.“
„Sehr witzig.“
Anastasia nahm Miras Handschuhe vom Bett und reichte sie ihr.
„Perlmutt.“
Mira sah erst die Handschuhe an, dann Anastasia.
„Du sagtest doch, sie sehen gleich aus.“
„Ich sagte das aus Trotz.“
„Ich wusste es.“
Mira lächelte, und eine Sekunde später fiel sie Anastasia in die Arme.
„Danke, dass du mitkommst“, murmelte sie in Anastasias Haar.
„Ich hatte quasi keine Wahl.“
„Du hättest Nein sagen können. Du hättest sagen können, dass dir das alles zu viel ist, zu laut, dass du weder den Hof noch irgendwelche Hochzeiten magst.“
„Und das wäre alles die Wahrheit.“
Mira drückte sie eine Armlänge von sich und sah sie an.
„Aber?“
Anastasia hob die Hand und strich ihr eine lose Haarsträhne hinter das Ohr.
„Aber du bist nicht irgendwer.“
Mira schloss für einen Augenblick die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lächelte sie anders. Warm und ehrlich. Wie ein Mensch, der genau das unbedingt hatte hören müssen.
„Dann los“, sagte sie. „Sonst weine ich. Und wenn ich jetzt anfange zu weinen, höre ich wahrscheinlich nicht mehr auf und komme im Weißen Schloss mit verquollenen Augen an.“
Genau zur Mittagsstunde hörte der Regen auf.
Die Kutsche verließ die nördliche Stadt durch das Südtor, passierte die Steinbrücke, eine alte Mühle und die vom Regen dunklen Felder und fuhr schließlich auf eine breite, gerade Straße, gesäumt von grauen Weiden.
Zuerst sprach Mira, ohne auch nur Luft zu holen.
Sie erzählte, dass Lord Kassar versprochen hatte, sie bei ihrer Ankunft persönlich zu empfangen, dass die Traditionen ihm das aber möglicherweise nicht erlaubten. Sie sprach darüber, dass ihr Hochzeitskleid bereits in einer eigenen Kutsche ins Weiße Schloss geliefert worden war und dass sie, falls ihm etwas zugestoßen sein sollte, den Tod zwar würdevoll, aber ganz sicher nicht still entgegennehmen würde.
Dann erzählte sie, dass es im Weißen Schloss einen Ostflügel gebe, in dem früher Prinzessinnen gewohnt hätten, und dass ausgerechnet sie diesen Flügel bewohnen würden.
„Prinzessinnen, Nastja. Verstehst du? Echte Prinzessinnen.“
„Glaub mir, echte Prinzessinnen schnarchen genauso wie alle anderen.“
„Oh Mann, du machst alles kaputt.“
„Ich rezitiere bloß historische Fakten.“
Mira schnaubte.
Elsa lag zu Anastasias Füßen und nahm damit die gesamte Fläche zwischen den Sitzen der Kutsche ein. Hin und wieder atmete sie tief aus, besonders dann, wenn die Kutsche zu hart über ein Schlagloch fuhr. Mira entschuldigte sich jedes Mal so ausführlich bei ihr, als wäre die Wölfin eine alte Herzogin.
„Vermutlich wird der gesamte Hof mehr Angst vor ihr haben als vor mir, der Braut.“
„Sollten sie auch.“
„Sie wird doch wohl auf meiner Hochzeit niemanden fressen?“
„Nur, wenn derjenige es verdient hat.“
„Nastja!“
„Ach, komm schon. Sie ist gut erzogen.“
„Sie hat gestern alle Fleischpasteten aus der Küche gestohlen.“
„Die Fleischpasteten waren rechtmäßige Beute. Das war kein Diebstahl, sondern ein Akt politischer Selbstbestimmung.“
Mira lachte.
Und Anastasia auch.
Hinter dem Fenster wurden die Felder breiter. Der Weg führte nach Süden, in Richtung Hauptstadt. Je weiter sie sich von Nordhoym entfernten, desto heller wurde der Himmel. Die grauen Wolken lösten sich langsam auf, und ein blasses Blau kam zum Vorschein. Goldene Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in warme, satte Farben.
Die ersten Stunden der Reise waren beinahe angenehm.
Mira las laut Abschnitte aus den Briefen von Lord Kassar vor. An einigen Stellen errötete sie, presste die Lippen aufeinander und weigerte sich, die wirklich spannenden Zeilen vorzulesen.
Anastasia hörte aufmerksam zu, lachte mit ihr und versuchte, sie dazu zu überreden, die pikanten Einzelheiten preiszugeben. Sie sah genau, wie sehr ihre Freundin es genoss, von ihrem zukünftigen Ehemann zu sprechen, und wie liebevoll sie über die Seiten strich, als wäre das Papier das Gesicht des Mannes, der sie geschrieben hatte.
Dann wurde Mira müde von ihrer eigenen Nervosität, lehnte den Kopf gegen die Wand der Kutsche und schlief sofort ein.
So plötzlich, wie es nur jemand tat, der zu lange in einem Zustand der Aufregung gelebt hatte.
In der Kutsche wurde es still.
Geblieben waren nur das Rattern der Räder, Elsas ruhiges Atmen und das Rascheln von Miras Kleid auf dem Sitz.
Anastasia machte es sich bequemer und warf endlich einen Blick aus dem Fenster.
Der Ausblick hatte sich verändert.
Die Felder waren zunächst von sattgrünen Hügeln abgelöst worden, dann von dichtem Wald. Die Bäume hier waren anders als im Norden. Höher, dunkler, mit schweren Kronen. Einige Blätter färbten sich bereits golden, obwohl der Sommer noch voll im Gange war.
Die Wegweiser wurden häufiger. Auf den Steinpfeilern am Straßenrand war das Wappen der Hauptstadt eingemeißelt: ein Turm, ein Fluss und eine Krone.
Die Krone war grob in den Stein geschnitten, fast nachlässig. Aber jedes Mal, wenn die Kutsche an einem solchen Pfeiler vorbeifuhr, kam es Anastasia so vor, als würde sie für einen Augenblick aufleuchten.
Unsinn. Das ist nur das Licht. Ein Spiel der Sonnenstrahlen.
Sie zog ihre Handschuhe aus und richtete den Familienring an ihrem Mittelfinger.
Doch als sie ihn berührte, zog sie für einen Augenblick die Hand zurück und hob überrascht die Augenbrauen.
Der schwarze Stein war nicht mehr kalt wie sonst.
Er fühlte sich ungewöhnlich warm an – nicht heiß, aber warm genug, dass Anastasia den Unterschied sofort bemerkte.
Auch das schob sie der Sonne zu. Oder der veränderten Temperatur in der Kutsche. Langsam wurde selbst die Luft draußen milder, südlicher, anders als in Nordhoym.
Plötzlich hob Elsa den Kopf.
Sie richtete sich in der Kutsche auf, stellte die Vorderpfoten auf die Bank neben Anastasia und sah hinaus in den Wald.
„Was ist da?“, fragte Anastasia.
Elsa drehte sich nicht zu ihr um. Sie blieb ruhig, aber ihr Blick war konzentriert auf die Bäume gerichtet.
Das jagte Anastasia einen kurzen Schauer über den Rücken.
Normalerweise reagierte Elsa auf alles, was ihr ungewöhnlich oder verdächtig vorkam: Schritte hinter einer Tür, einen Fuchs im Gebüsch, einen zu lauten Händler oder Miras Onkel, der einmal zu Besuch gekommen war, nach einem fremden Hund gerochen hatte und sich seitdem nie wieder ohne Vorwarnung an Elsa vorbeigetraut hatte.
Aber jetzt sah sie einfach nur hinaus.
Fokussiert.
Als würde sie lauschen.
Auch Anastasia lauschte.
Zuerst war da nichts.
Dann – sehr weit entfernt – hörte sie einen Ton.
Keine Glocke.
Viel dünner.
Als hätte jemand mit dem Fingernagel über die Saite eines Instruments gestrichen.
Anastasia setzte sich aufrecht hin, doch der Ton verschwand genauso plötzlich, wie er gekommen war.
Mira murmelte etwas im Schlaf und drehte sich so, dass sie nun halb auf der Bank lag.
Anastasia zwang sich ein Lächeln ab.
Das ist vermutlich nur die Müdigkeit von der Reise. Die Aufregung hat mich wohl auch erwischt, genau wie Mira. All diese Gespräche über Schlösser, Prinzessinnen und Hochzeiten machen einen eben nervös.
Sie atmete tief ein und schloss beim Ausatmen die Augen.
Und dann sah sie plötzlich einen weißen Baum.
Nicht in einem Traum. Dafür war es viel zu plötzlich und zu kurz.
Nur ein einziges Bild, das in ihren Gedanken aufleuchtete.
Weiße Rinde.
Schwarze Erde.
Die schmale Hand einer Frau, die den Stamm berührte.
Blätter, die im Wind raschelten.
Anastasia öffnete augenblicklich die Augen.
Die Kutsche fuhr weiterhin durch den Wald. Mira schlief. Elsa saß vor ihr und sah sie an.
„Was?“, fragte Anastasia.
Elsa blinzelte langsam. Dann, nach einigen Sekunden, legte sie sich mit einem tiefen Seufzer wieder auf den Boden zwischen den Bänken.
Am Abend erreichten sie einen kleinen Gasthof am Rand der Straße.
Er hieß „Zum Silbernen Hirsch“, was Mira sofort als gutes Zeichen deutete, weil auch das Wappen des Hauses Kassar einen Hirsch zeigte.
„Siehst du?“, sagte sie, während eine Magd ihr den Reisemantel von den Schultern nahm. „Sogar die Gasthöfe segnen meine Ehe.“
„Oder das Haus Kassar besitzt die Hälfte der Straßen zwischen dem Norden und der Hauptstadt.“
„Was für eine langweilige Erklärung.“
Der Gasthof erwies sich als deutlich besser, als Anastasia erwartet hatte. Ein sauberer Hof, warme Zimmer, frisches Brot, eine kräftige Suppe, ein Krug Rotwein für Mira und starker Tee für sie selbst.
Elsa bekam eine eigene Schüssel mit Fleisch, weil der Wirt, nachdem er sie einmal gesehen hatte, offenbar sofort verstand, dass es wenig Sinn hatte, über die Regeln des Hauses zu diskutieren.
Beim Abendessen wurde Mira wieder lebhafter.
Sie erzählte von ihrer ersten Begegnung mit Lord Kassar. Von ihrem Briefwechsel. Davon, wie er ihr aus der Hauptstadt eine seltene Sorte weißer Rosen geschickt hatte, die eine ganze Woche lang nicht welkten. Und davon, dass er „ganz anders sei als die Männer am Hof“.
„Und wie sind die Männer am Hof?“, fragte Anastasia.
„Ich weiß es nicht“, gab Mira zu. „Aber ich sage es gern so, als wüsste ich es.“
„Sehr ehrlich.“
Mira lächelte und drehte nachdenklich ihr Weinglas zwischen den Fingern.
„Elias sagt, dass Menschen am Hof selten das sagen, was sie denken.“
„Das ist nicht nur am Hof so.“
Mira betrachtete den dunklen Wein in ihrem Glas.
„Er ist gut, Nastja.“
„Ich weiß.“
„Nein, wirklich. Nicht nur gut erzogen. Nicht nur höflich. Er ist …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „Er ist wie ein Mensch, der schwach wirken könnte, weil er sanft ist. Aber aus irgendeinem Grund macht gerade das ihn stärker.“
Anastasia sah sie aufmerksamer an.
Manchmal sagte Mira solche Dinge – plötzlich genau, erwachsen und tief –, dass man sich fragen musste, warum die Menschen um sie herum sie so bereitwillig nur für ein schönes, helles, ein wenig verwöhntes Mädchen hielten.
„Du liebst ihn“, sagte Anastasia.
Mira senkte den Blick.
Diesmal machte sie keinen Scherz.
„Ja.“
Ein Wort.
Schlicht, aber vollständig.
Anastasia spürte, wie wieder etwas in ihr nachgab. Freude für Mira. Zärtlichkeit. Und dieser stille Schmerz, den sie nicht benennen wollte.
„Dann bin ich froh, dass du dorthin fährst, wo er auf dich wartet.“
Mira hob den Blick.
„Und wer wartet auf dich?“
Die Frage war weich gestellt, traf aber genauer, als sie sollte.Anastasia griff nach ihrer Tasse.
„Elsa.“
Mira sah zu der Wölfin hinüber, die am Kamin lag.
„Elsa würde sogar am Eingang zur Unterwelt auf dich warten.“
„Siehst du. Ich bin nicht gerade arm an Aufmerksamkeit.“
„Nastja.“
„Mira.“
„Du weißt, was ich meine.“
Anastasia antwortete nicht und Mira seufzte geschlagen.
„Manchmal habe ich das Gefühl, du stehst immer kurz davor, irgendwo anzukommen. Aber sobald sich eine Tür öffnet, bleibst du auf der Schwelle stehen.“
Anastasia sah sie an.
Mira senkte den Blick und strich mit dem Finger über den Rand ihres Glases.
„Als würdest du dein eigenes Leben nur durch ein Fenster betrachten“, fügte sie leise hinzu. „Als wäre es etwas, das anderen Menschen passiert.“
„Das ist sehr dramatisch für ein Gespräch bei Suppe.“
„Ich meine es ernst.“
„Ich auch. Die Suppe ist ausgezeichnet.“
Mira runzelte die Stirn, doch dann wurde ihr Gesicht wieder weich.
„Ich will doch nur, dass du glücklich bist.“
Anastasia sah sie an und begriff plötzlich, dass sie nicht wusste, was sie darauf antworten sollte.
Nicht, weil sie kein Glück wollte.
Sondern weil sie nicht sicher war, wie es aussehen sollte.
Für Mira hatte Glück im Augenblick das Gesicht von Elias Kassar. Es war ein weißes Kleid, ein Schloss, Rosen, ein Ring und ein Versprechen.
Und für sie?
Ein Zuhause? Ein Mann? Kinder? Karriere? Einen Namen machen?
Stille?
Und warum stieg bei dieser Frage in ihr ein unangenehmes, fast ängstliches Gefühl auf? Als wäre die Antwort so nah und doch entglitt sie Anastasias Fingern stets.
„Das werde ich“, sagte sie schließlich kurz angebunden und signalisierte, dass das Thema zu Ende ist.
Mira glaubte ihr nicht.
Aber sie lächelte, als hätte sie beschlossen, dieser Lüge bis zum Morgen zu erlauben, weiterzuleben.
In der Nacht erwachte Anastasia davon, dass Elsa an der Tür stand.
Im Zimmer war es dunkel. Durch die schmalen Spalten der Fensterläden sickerte Mondlicht. Mira schlief im Nebenzimmer, hinter der dünnen Wand; von dort war kaum mehr als ihr gleichmäßiger Atem zu hören.
Anastasia richtete sich auf den Ellbogen auf.
„Elsa?“
Die Wölfin drehte sich nicht um.
Sie sah zur Tür.
Sie knurrte nicht. Kratzte nicht. Bewegte sich nicht einmal.
Sie stand einfach nur da, vollkommen reglos.
Anastasia stand vorsichtig auf, warf sich ein Tuch um die Schultern und trat näher. Der Boden war kalt. Die Dielen knarrten leise unter ihren Füßen.
Hinter der Tür war es still.
Dann kam der Ton wieder.
Ein dünnes Klingen.
Wie ein gläserner Faden.
Anastasia erstarrte.
Sie wusste nicht, ob sie ihn mit den Ohren hörte oder irgendwo tiefer in sich.
Da wandte Elsa plötzlich den Kopf und sah sie an. Im Mondlicht wirkten ihre Augen weder gelb noch grau, sondern silbern.
„Was ist los?“, flüsterte Anastasia.
Statt einer Antwort kam die Wölfin zu ihr, senkte den Kopf und berührte mit der Nase den Ring an ihrer Hand.
Der Stein war heiß.
Anastasia sog scharf die Luft ein.
Für einen Augenblick verschwanden die Wände des Zimmers.
Sie sah einen Korridor.
Lang.
Weiß.
In Mondlicht getaucht.
Auf dem Boden lagen verstreute Blütenblätter. Irgendwo in der Ferne weinte ein Kind. Eine Frau lief durch den Gang und drückte etwas an ihre Brust. Hinter ihr schloss sich eine steinerne Tür.
Dann war alles vorbei.
Anastasia stand wieder im dunklen Zimmer des Gasthofs. Die Tür vor ihr war eine gewöhnliche Tür. Der Boden war kalt. Elsa war lebendig, schwer und warm an ihrer Seite.
Sie presste die Hand an die Brust.
Ihr Herz schlug viel zu schnell.
„Nein“, sagte sie leise und blick zu Elsa. „Das war nur ein Traum.“
Elsa erwiderte ihren Blick, als widerspräche sie ihr nur aus Mitleid nicht.
Anastasia ging zurück ins Bett, aber Schlaf fand sie keinen mehr in dieser Nacht.
Am nächsten Tag erreichten sie gegen Mittag den Königlichen Trakt – eine breite, gepflasterte Straße, auf der Kutschen, Reiter, Handelswagen, Postkutschen und ganze Gruppen von Gästen in Richtung Hauptstadt zogen.
Sie alle hatten dasselbe Ziel: das Weiße Schloss und die Hochzeit von Lord Elias Kassar und Lady Mira Velenskaya.
Mira war endgültig wieder zum Leben erwacht.
Bei jeder Kutsche, die ihnen entgegenkam, versuchte sie zu erraten, wem sie gehörte.
„Das ist bestimmt Haus Tarn. Nein, warte, die haben doch ein Wappen mit einem Turm. Dann sind es die Velas? Nein, die Velas führen eine Sonne. Nastja, warum haben alle so viele Wappen?“
„Damit man gefährliche Fremde besser von gefährlichen Freunden unterscheiden kann.“
„Du bist absolut nicht bereit für das Leben am Hof.“, sagte Mira und kassierte einen zweifelnden Blick von Anastasia, den sie jedoch nicht bemerkte, weil ihre gesamte Aufmerksamkeit der Welt hinter dem Fenster gewidmet war.
„Zum Glück muss ich dort nicht leben.“
Mira sagte nichts mehr, also wandte Anastasia den Blick wieder zum Fenster.
Die Hauptstadt erschien zuerst als Dunst am Horizont.
Dann als eine Linie aus Mauern.
Dann als ein Gewirr aus Türmen, Kuppeln, Brücken und goldenen Dächern, die sich einen Hügel hinaufzogen.
Die Weiße Stadt war anders als die Städte des Nordens.
Heller.
Weiter.
Lauter.
Sie lag am Ufer eines großen Flusses, der unter der Sonne glänzte wie geschmolzenes Silber. Über das Wasser spannten sich Brücken, geschmückt mit Statuen. Auf den Plätzen drängte sich das Leben. Von den Balkonen hingen farbige Stoffbahnen. Überall waren Stimmen, Glöckchen, Hufschlag, Lachen, Marktrufe und Musik.
Mira presste die Hände an den Mund.
„Götter.“
Auch Anastasia fand nicht sofort Worte.
Doch es war nicht die Stadt, die sie verstummen ließ.
Hinter der Stadt, höher als alle Dächer, höher als die Tempel und die Türme der alten Häuser, stand auf einem weißen Felsen das Schloss.
Das Weiße Schloss.
Es war gewaltig und schien doch beinahe schwerelos. Seine Mauern waren hell wie Knochen oder Mondstein. Die Türme schmal und hoch, mit goldenen Spitzen. Hängende Gärten fielen in Terrassen zum Fluss hinab. Bogenfenster glänzten in der Sonne.
Entlang der Hauptstraße, die zu den Toren führte, standen Statuen von Frauen mit Kronen.
Keine Könige.
Frauen.
Anastasia bemerkte es, bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte.
„Warum sind dort …“, begann sie und verstummte.
„Was?“, fragte Mira.
„Nichts.“
Doch Anastasia konnte den Blick nicht mehr von den Statuen lösen.
Ihre Gesichter waren von der Zeit abgeschliffen. Einige hielten Schwerter. Andere Schalen, Zweige oder Bücher. Auf der Schulter einer Frau saß ein Rabe. Zu Füßen einer anderen lag ein Tier, das einem Wolf ähnelte.
Sie alle blickten auf die Straße hinab, über die die Kutschen kamen.
Für einen Augenblick hatte Anastasia das Gefühl, dass sie die vorbeifahrenden Kutschen beobachteten mit ihren leeren Gesichtern. Gänsehaut überkam sie und sie schüttelte sich leicht.
Ihre Kutsche begann, zum Schloss hinaufzufahren.
Elsa stand auf.
In dem engen Raum war das beinahe unmöglich, doch sie erhob sich auf die Pfoten, streckte den Hals und sah nach vorn. Das Fell in ihrem Nacken sträubte sich nicht. Sie wirkte nicht beunruhigt.
Nur ungewöhnlich aufmerksam.
„Elsa, leg dich hin“, sagte Anastasia automatisch.
Elsa legte sich nicht hin.
„Ich hab es dir doch gesagt.“, ertönte leise trällernd von Mira.
Anastasia antwortete nicht, denn in diesem Augenblick wurde der Ring an ihrer Hand heiß.
Nicht nur warm.
Heiß.
Sie schloss die Finger zur Faust und verbarg den Stein in ihrer Handfläche.
Die Kutsche fuhr auf die Brücke vor den Haupttoren.
Unter den Rädern begann der weiße Stein zu klopfen.
Und in diesem Moment begriff Anastasia, dass ihr dieses Geräusch vertraut vorkam.
Das Schlagen der Räder auf der Brücke.
Das Echo unter den Bögen.
Der Geruch von Wasser und weißen Rosen.
Das Licht, das von links durch das Fenster fiel, als die Kutsche sich den Toren näherte.
Ihr kam der merkwürdige Gedanke, dass sich hinter ihnen ein runder Brunnen befinden würde.
Mit einer weiblichen Statue in der Mitte.
Links davon eine breite Treppe. Und in der dritten Stufe ein Riss.
Anastasia hielt den Atem an.
Das war lächerlich. Sie war noch nie hier gewesen.
Die Kutsche fuhr unter dem Torbogen hindurch.
Im inneren Hof stand ein Brunnen.
Rund.
Mit einer weiblichen Statue in der Mitte.
Links davon führte eine breite Treppe zum Haupteingang.
Anastasia hörte für einen Moment nichts mehr.
„Nastja?“ Miras Stimme klang plötzlich weit entfernt. „Was ist mit dir?“
Die Kutsche hielt.
Ein Lakai öffnete die Tür.
Draußen erwartete sie das Weiße Schloss: Licht, Marmor, Stimmen, Diener, Gäste, Zeremonienmeister, Bänder, Blumen und Musik, irgendwo in der Tiefe des Hofes.
Und der Brunnen.
Und die Treppe.
Anastasia stieg als Erste aus der Kutsche, obwohl sie das nicht vorgehabt hatte.
Die Sohle ihres Reiseschuhs berührte den weißen Stein, und für einen Moment blendete die Sonne sie so stark, dass der gesamte Hof vor ihren Augen verschwamm. Ihr wurde schwindelig. Es fühlte sich an, als würde der Boden sich unter ihr bewegen.
Elsa sprang hinter ihr aus der Kutsche und stellte sich an ihre Seite.
Mit der kalten Schnauze berührte sie Anastasias Hand.
Das vertraute Gefühl brachte etwas Ordnung in ihre Gedanken. Anastasia atmete aus und strich dankbar über Elsas Kopf.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes blieben mehrere Diener beim Anblick der Wölfin stehen. Jemand zog scharf die Luft ein. Ein anderer machte ein altes Schutzzeichen, bevor er sich hastig wieder seiner Arbeit zuwandte.
Anastasia sah nicht zu ihnen.
Sie sah zum Brunnen.
In der Mitte stand eine Frau mit einer Schale in den Händen. Das Gesicht der Statue war beinahe verwischt, doch auf ihrem Kopf ließ sich noch eine Krone erkennen. Am Saum ihres Kleides war ein geschnitzter Rabe zu sehen, halb verborgen unter Moos.
Anastasia hörte ihre eigene Stimme, noch bevor sie begriff, dass sie sprach.
„Früher stand hier ein Baum.“
Mira wandte sich zu ihr.
„Was?“
Anastasia blinzelte.
Der Brunnen stand vor ihr. Aus Stein. Alt. Zweifellos wirklich.
Kein Baum.
Nur für einen einzigen Moment hatte sie den Hof anders gesehen.
Weiße Zweige.
Blütenblätter in der Luft.
Sonnenlicht, das in breiten Streifen auf den Stein fiel.
Mehr nicht.
Das Bild war verschwunden, bevor sie es greifen konnte.
„Nichts“, sagte sie schnell. „Ich habe mich geirrt.“
Mira sah erst zum Brunnen und dann wieder zu Anastasia.
„Du hast wirklich kaum geschlafen.“
„Das wird es sein.“
„Ich habe dir gesagt, du sollst in der Kutsche schlafen.“
„Du hast quer über der ganzen Bank gelegen.“
„Ich war eine nervöse Braut.“
„Du warst ein Hindernis.“
Mira wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick trat eine Frau in einem strengen, dunkelgrauen Kleid zu ihnen.
Sie war älter, groß und schmal, mit makellos frisiertem silbernem Haar und einem Bund Schlüssel an der Taille. Ihr Gesicht war das Gesicht eines Menschen, der sein ganzes Leben lang nicht einzelnen Menschen gedient hatte, sondern der Ordnung selbst.
Sie verneigte sich vor Mira.
„Lady Velenskaya. Das Weiße Schloss heißt Euch willkommen.“
Mira richtete sich sofort ein wenig gerader auf.
„Ich danke Euch.“
„Lady Orelia Dunn“, stellte die Frau sich vor. „Ich bin für die Unterbringung der Gäste und einen Teil der Hochzeitszeremonien im Ostflügel verantwortlich.“
Ihr Blick fiel kurz auf Elsa.
Nicht erschrocken. Eher prüfend.
„Ich nehme an, die Wölfin gehört zu Eurer Gesellschaft?“
„Sie heißt Elsa“, sagte Mira, bevor Anastasia antworten konnte. „Und sie gehört zu Anastasia.“
„Sie begleitet mich“, ergänzte Anastasia.
Lady Orelia betrachtete Elsa noch einen Augenblick. Elsa erwiderte ihren Blick vollkommen ruhig.
„Dann werde ich dafür sorgen, dass das Personal informiert wird“, sagte Orelia. „Es wäre bedauerlich, wenn einer der Diener sie mit einem gewöhnlichen Hofhund verwechseln würde.“
Anastasia wusste nicht, ob das ein Scherz gewesen war.
Orelia ließ es nicht erkennen.
Mira deutete auf Anastasia.
„Das ist Anastasia. Meine beste Freundin. Sie wird die ganze Woche bei mir bleiben.“
Lady Orelia wandte sich ihr zu.
Ihr Blick ruhte einen kurzen Augenblick auf Anastasias Gesicht. Dann neigte sie höflich den Kopf.
„Willkommen im Weißen Schloss, Lady Anastasia.“
„Nur Anastasia.“
„Wie Ihr wünscht.“
Ihre Stimme blieb vollkommen ruhig.
„Eure Zimmer befinden sich im Ostflügel“, fuhr sie fort. „Das Gepäck wird bereits hinaufgebracht. Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise.“
„Angenehm genug“, sagte Anastasia.
„Dann solltet Ihr Zeit haben, Euch vor dem Abendessen auszuruhen.“
Lady Orelia trat einen Schritt zur Seite und gab damit den Weg zum Schloss frei.
Nur als sie sich abwandte, glitt ihr Blick für einen kaum wahrnehmbaren Moment zum Brunnen.
Vielleicht hatte sie Anastasias seltsame Bemerkung gehört.
Vielleicht kontrollierte sie nur, ob im Hof alles an seinem Platz war.
Anastasia wusste es nicht.
Hinter ihnen sog Mira plötzlich leise die Luft ein.
Von den oberen Stufen kam ihnen ein Mann in einem hellen Reisemantel entgegen.
Jung. Dunkelhaarig. Mit warmen braunen Augen und dem Gesicht eines Menschen, der versuchte, würdevoll zu gehen, sich aber nur mit Mühe davon abhielt, zu laufen.
Lord Elias Kassar.
Mira stand vollkommen still.
Und für einen Augenblick traten der ganze Hof, das Schloss, der heiße Ring, der Brunnen zurück.
Denn Elias sah Mira an, als gäbe es in der Welt nur sie.
Anastasia sah es und lächelte. Wirklich und ehrlich vom Herzen.
Mira lächelte ebenfalls.
Über ihnen stand das Weiße Schloss, reglos, hell und wunderschön.
Als Anastasia Mira und Elias zu den Stufen folgte, glaubte sie für einen kurzen Augenblick, unter den Stimmen, Schritten und Geräuschen des Hofes ein leises Knacken zu hören.
Nicht laut genug, um zu sagen, woher es kam.
Es klang wie altes Holz, das sich nach einem langen Winter zum ersten Mal wieder bewegte.
Anastasia sah sich um und ihr Blick fiel auf die dritte Treppenstufe.
Ein Riss.
Sie blieb stehen und betrachtete den kaum sichtbaren Bruch in Stein. Schließlich hob sie den Blick und sah zurück.
Der Brunnen stand still in der Sonne.
Weiße Blütenblätter trieben auf dem Wasser.
Sonst war da nichts.