Die Dunkle Resonanz – Die Unsichtbare Bahn von Darzz bei Inkitt
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Die dunkle Resonanz – Die unsichtbare Bahn

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Zusammenfassung

Achtundzwanzig Jahre nach ihrem Start erreicht die Forschungssonde Asterion einen Bereich des äußeren Sonnensystems, in dem nach allen Karten nichts existieren dürfte. Doch ihre Instrumente messen eine unsichtbare Massenverteilung, ein kompaktes Zentrum – und zwei weitere Signale in der Dunkelheit. Als ein schwacher Testpuls eine zeitverzögerte Reaktion auslöst, stehen Astrodynamikerin Mara Voss und der CERN-Physiker Elias Navarro vor einem Rätsel. Die eingespeiste Energie ist viel zu gering, um eine astronomische Masse zu bewegen. Trotzdem scheint der Puls einen Zustand angeregt zu haben, dessen wirkliche Energiequelle niemand kennt. Monate später gerät das unsichtbare Objekt in Bewegung und fällt ins innere Sonnensystem. Während Mara seine Bahn berechnet, Elias nach einer unbekannten Wechselwirkung sucht, Raumfahrtingenieurin Leona Hartmann die Infrastruktur im Orbit vorbereitet und Krisenplanerin Amira Okafor um die Versorgung gefährdeter Regionen kämpft, verengt sich der Korridor immer weiter. Das Ziel ist die Erde. Doch selbst wenn die Menschheit den ersten Durchgang überlebt, bleibt eine beunruhigende Erkenntnis: Das Schwarze Loch ist nicht allein.

Genre:
Scifi
Autor:
Darzz
Status:
In Arbeit
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 – Die Anomalie

Die Sonde hatte achtundzwanzig Jahre gebraucht, um einen Ort zu erreichen, an dem es nach den Karten nichts gab.

Mara Voss betrachtete die drei Kurven auf der Hauptanzeige und wartete darauf, dass eine von ihnen verschwand.

Keine tat ihr den Gefallen.

Die erste Kurve zeigte die vorausberechnete Beschleunigung von Asterion relativ zur Sonne. Ein flacher Verlauf, wie er für ein Raumfahrzeug zu erwarten war, das sich mehr als vierundachtzig Astronomische Einheiten vom inneren Sonnensystem entfernt hatte. Der Strahlungsdruck war dort draußen kaum mehr als ein Korrekturwert. Die letzten planmäßigen Kursänderungen lagen Monate zurück. Der Antrieb arbeitete nur noch in kurzen Intervallen, um die Hauptantenne auszurichten und die Instrumentenplattform zu stabilisieren.

Die zweite Kurve zeigte, was die Sonde tatsächlich tat.

Sie wich von der ersten ab.

Nicht viel. Weniger, als ein Mensch ohne Vergrößerung auf dem Bildschirm hätte erkennen können. Doch die Abweichung bestand seit siebenunddreißig Stunden, und sie wuchs.

Die dritte Kurve war der Grund, weshalb Mara seit vier Uhr morgens im Kontrollzentrum saß.

Sie zeigte nicht die Bewegung der Sonde.

Sie zeigte die Bewegung von etwas anderem.

„Noch einmal“, sagte sie.

Niemand fragte, was sie meinte.

Tomas Riedel ließ die jüngste Auswertung zurückspringen. Auf der Wand vor ihnen zog sich die gemessene Beschleunigung als dünne weiße Linie über ein schwarzes Koordinatengitter. Daneben lag das Modell in Blau. Beide verliefen zunächst nahezu deckungsgleich.

Dann trennten sie sich.

Die Abweichung betrug nur wenige Milliardstel Meter pro Quadratsekunde. Genug, um die Position der Sonde über Monate um Tausende Kilometer zu verschieben. Zu wenig, um bei einer gewöhnlichen Mission mehr als eine Fußnote zu verdienen.

Asterion war jedoch nicht an einen gewöhnlichen Ort geflogen.

„Zeitstempel?“ fragte Mara.

„Mit beiden Borduhren synchronisiert“, sagte Tomas. „Abweichung unter vier Nanosekunden.“

„Thermischer Drift?“

„Drei unabhängige Sensoren. Alle innerhalb der Spezifikation.“

„Triebwerksleckage?“

„Keine Druckänderung. Keine Temperaturspitze. Kein Massendurchsatz.“

Mara trat näher an die Anzeige, obwohl sie wusste, dass die Daten dadurch nicht besser wurden.

Hinter ihr lag der halbkreisförmige Kontrollraum fast vollständig im Dunkeln. Nur die Arbeitsplätze der zwölf Anwesenden warfen blasses Licht auf Gesichter, Hände und Kaffeebecher. Der Raum war für mehr als fünfzig Menschen gebaut worden, damals, als internationale Nachrichtensender den Start von Asterion live übertragen hatten.

Achtundzwanzig Jahre später kannten nur noch wenige außerhalb der Fachwelt ihren Namen.

Asterion hatte die äußere Heliosphäre vermessen, Kometenbahnen beobachtet und Instrumente betrieben, deren Konstrukteure inzwischen pensioniert oder tot waren. Die Sonde war weitergeflogen, obwohl die Welt längst aufgehört hatte, ihr zuzusehen.

Mara hatte sie nie vergessen.

„Zeig die räumliche Lösung.“

Die Kurven verschwanden. An ihrer Stelle erschien ein Modell des äußeren Sonnensystems. Die Sonne war nur noch ein heller Punkt. Die Planetenbahnen lagen als eng zusammengedrängte Ringe um sie herum. Weit außerhalb verlief Asterions Route als dünne Linie durch einen fast leeren Raum.

Fast.

Tomas blendete den Beschleunigungsvektor ein.

Er zeigte nicht zur Sonne.

Auch nicht zu einem bekannten Planeten, Zwergplaneten oder katalogisierten Objekt.

Er zeigte seitlich in die Dunkelheit.

„Unsicherheitskegel?“

Ein durchscheinendes rotes Volumen öffnete sich vor der Sonde. Schmaler als am Vortag, aber noch immer breit genug, um Milliarden Kilometer Raum zu umfassen.

„Die Lösung bleibt stabil“, sagte Tomas. „Unabhängig davon, wie aggressiv wir das thermische Modell rechnen.“

„Optische Daten?“

„Nichts.“

„Infrarot?“

„Nichts oberhalb des Hintergrunds.“

„Staub?“

„Nicht genug.“

Eine unsichtbare Masse war keine ungewöhnliche Vorstellung. Kalte Körper reflektierten dort draußen kaum Sonnenlicht. Ein kleiner Planet, ein dunkler Zwergkörper oder ein dichter Schwarm aus Gestein und Eis konnten lange verborgen bleiben.

Doch eine Masse, die stark genug war, Asterion messbar zu beschleunigen, sollte Spuren hinterlassen.

Sie sollte Sterne verdecken, Kometen ablenken oder Wärme abstrahlen.

Irgendetwas.

„Wir haben das falsche Modell“, sagte eine Stimme hinter ihr.

Professor Hideo Tanaka stand am Eingang. Er trug noch seinen Mantel; das graue Haar lag feucht an seiner Stirn. Mit siebenundsechzig war er der älteste aktive Wissenschaftler im Team und einer der wenigen, die schon beim Start der Sonde dabei gewesen waren.

„Sie sollten erst in einer Stunde hier sein“, sagte Mara.

„Die Sonde hat sich nicht an meinen Kalender gehalten.“

Tanaka ging zur Anzeige und vergrößerte den Bereich um Asterion. Mehrere schwache Messpunkte erschienen, verteilt über ein enormes Volumen.

„Das hier“, sagte er, „ist nicht die Signatur eines kompakten Körpers.“

Mara kannte die Punkte. Die Teilchendetektoren hatten sie während der vergangenen Monate gesammelt. Ereignisse, die keiner bekannten Komponente des Sonnenwinds entsprachen. Zu selten, um als eigenes Phänomen zu gelten. Zu unregelmäßig, um sie sauber aus dem Hintergrund zu lösen.

„Die Ereignisse korrelieren nicht ausreichend“, sagte sie.

„Nicht zeitlich.“

Tanaka legte eine neue Auswertung darüber.

Die Punkte ordneten sich nach der Position der Sonde. Ein unscharfes Muster entstand. Keine Kugel, kein Ring und keine Scheibe. Eher eine weit ausgedehnte Verteilung, deren rekonstruierte Dichte zum Zentrum hin zunahm.

Tomas lehnte sich vor. „Ein Rekonstruktionsartefakt.“

„Möglich“, sagte Tanaka.

„Die Sonde besitzt dafür nicht genug räumliche Auflösung.“

„Auch möglich.“

Mara sah ihn an. „Aber Sie glauben es nicht.“

Tanaka vergrößerte den inneren Bereich.

Im Zentrum erschien ein einzelner Punkt. Nicht beobachtet, sondern aus dem Gradienten abgeleitet.

„Ich glaube“, sagte er, „dass wir zwei Dinge messen.“

Im Raum wurde es still.

Eine ausgedehnte Massenverteilung und in ihrem Zentrum etwas Kompaktes.

„Ein Kern mit Halo“, sagte Tomas.

„Oder ein dichter Körper in einer Staubwolke“, sagte jemand weiter hinten.

„Der Staub wäre warm genug für das Infrarotinstrument.“

„Gas?“

„Kein Spektrum.“

„Ein Schwarm?“

„Zu glatt.“

Mara hörte die Einwände, ohne den Blick vom Zentrum zu nehmen.

Die Beschleunigung ließ sich nicht sauber einer einzelnen Masse zuordnen. Die Richtung war zu stabil, die Stärke schwankte jedoch periodisch. Nicht chaotisch wie bei einem unregelmäßigen Schwarm.

Fast wie ein Atemzug.

„Zeigt die Frequenzanalyse.“

Die Messwerte zerfielen in ein Spektrum aus Linien und Rauschen. Drei schwache Spitzen hoben sich daraus hervor.

„Die erste kennen wir“, sagte Tomas. „Rotation der Sonde.“

„Die zweite?“

„Ungeklärt.“

„Die dritte?“

„Ebenfalls.“

Die beiden unbekannten Frequenzen standen nicht in einem einfachen Verhältnis. Trotzdem drifteten ihre Phasen nicht auseinander. Sie liefen seit Wochen mit einer Stabilität, die für zufälliges Rauschen unwahrscheinlich war.

„In den Gravitationsdaten?“ fragte Tanaka.

„Schwach. Aber ja.“

„Teilchendetektor?“

„Auch.“

„Magnetometer?“

Tomas zögerte.

„Zeig es“, sagte Mara.

Eine weitere Linie erschien.

„Keine äußere Feldstärke“, sagte Tomas. „Wiederkehrende Abweichungen im internen Referenzfeld und in den supraleitenden Systemen. Zu klein für einen eindeutigen Nachweis.“

„Aber phasengleich“, sagte Tanaka.

Tomas nickte.

Drei verschiedene Instrumenttypen reagierten auf etwas, das kein Licht abgab und dennoch ein Volumen von Hunderttausenden Kilometern auszufüllen schien.

„Das kann kein einzelner konventioneller Körper sein“, sagte Tomas.

Tanaka hob eine Hand. „Ich denke an eine Massenverteilung, die wir nicht sehen und die kaum elektromagnetisch wechselwirkt. Der Name ist vorläufig.“

„Sie denken an Dunkle Materie“, sagte Mara.

Ein Stuhl knarrte. Jemand atmete hörbar aus.

„Eine Hypothese“, sagte Mara sofort.

„Natürlich.“

„Eine weitreichende Hypothese auf Basis schwacher Signale.“

„Ja.“

„Und falls der zentrale Körper kompakt genug ist, müssten wir auch seine Natur erklären.“

„Ja.“

Mara kannte die unausgesprochene Möglichkeit.

Ein primordiales Schwarzes Loch war kein Fantasiebegriff. Solche Objekte könnten in den ersten Augenblicken nach dem Urknall entstanden sein. Viele mögliche Massenbereiche waren längst ausgeschlossen worden. Nicht alle. Ein Kern mit Asteroidenmasse wäre mikroskopisch klein, unsichtbar und ohne einfallende Materie nahezu strahlungslos.

Aber eine derart ausgedehnte Hülle? Eine geordnete Schwingung? Eine indirekte Reaktion in supraleitenden Systemen?

Dafür gab es kein etabliertes Modell.

„Wir nennen es nicht“, sagte Mara.

Tanaka lächelte fast unmerklich. „Ich habe nichts genannt.“

„Im Bericht stehen keine Schwarzen Löcher und keine Dunkle Materie. Wir beschreiben die Messungen.“

„Das wird die Presse enttäuschen.“

„Die Presse liest diesen Bericht nicht.“

„Irgendwann vielleicht.“

Mara ignorierte die Bemerkung.

„Was sagt die Navigation?“

„Asterion kompensiert die Abweichung“, sagte Tomas. „Der Verbrauch steigt langsam.“

„Zeit bis zum nächsten geplanten Puls?“

„Einunddreißig Stunden.“

Mara wandte sich zu Tanaka. „Wir setzen ihn aus.“

„Der vorige Puls hat uns die beste räumliche Auflösung geliefert.“

„Und eine Reaktion ausgelöst, die wir nicht verstehen.“

„Eine schwache Reaktion.“

„Stärker als erwartet.“

„Weil unsere Erwartung auf einem falschen Modell beruht.“

„Das macht sie nicht ungefährlich.“

Der schwache Puls war am Vortag erfolgt. Er hatte nur einen Bruchteil der Energie des späteren Hauptprogramms besessen und war Teil einer Suche nach hypothetischen dunklen Vermittlern gewesen. Unmittelbar danach war nichts geschehen.

Erst vierzehn Stunden und sieben Minuten später hatten sich Teilchenrate, Gravitationsrekonstruktion und internes Referenzfeld verändert.

Nicht gleichzeitig.

In einer räumlichen Reihenfolge.

Als hätte sich eine Störung durch die rekonstruierte äußere Resonanzzone bewegt.

„Könnte die Verzögerung einer Laufzeit entsprechen?“ fragte Tomas.

Mara ließ die Größenordnung berechnen. Zu viele Unsicherheiten, zu viele Annahmen.

Doch sie passte.

„Eine Welle“, sagte Tanaka.

Niemand widersprach.

Mara rief die Pulsparameter auf. Die Reaktion war nicht dort am stärksten gewesen, wo der Puls die größte Leistung besessen hatte. Einige schwächere Abschnitte hatten deutlichere Ausschläge erzeugt.

Frequenz und Phase schienen wichtiger zu sein als die Energie.

„Alle automatischen Pulse aussetzen“, sagte sie.

Tomas sah zu ihr. „Auch das Hauptprogramm?“

„Vorläufig.“

Tanaka schwieg.

Mara wusste, was diese Entscheidung bedeutete. Forschungsgruppen hatten Jahrzehnte auf das Messfenster gewartet. Der Feldversuch galt als letzter großer wissenschaftlicher Höhepunkt der Mission. Ein Abbruch würde Widerstand auslösen.

Vielleicht verlor die Sonde das Fenster.

Vielleicht verlor Mara ihre Position.

Das spielte im Moment keine Rolle.

„Ich will die Rohdaten aller Instrumente“, sagte sie. „Keine Bordkompression. Keine geglätteten Reihen. Und wir senden einen neuen Navigationsbefehl.“

„Welche Kursänderung?“

„Keine.“

Tomas wartete.

„Wir lassen Asterion treiben. Zwölf Stunden ohne aktive Kompensation. Wenn die Beschleunigung real ist, brauchen wir die unverfälschte Richtung.“

„Damit verlassen wir die Messachse.“

„Nur geringfügig.“

„Und falls die Verteilung auf die Positionsregelung reagiert?“

Mara sah ihn an.

Die Frage war vernünftig.

Und beunruhigender, als Tomas vermutlich beabsichtigt hatte.

„Dann sollten wir das wissen, bevor wir noch einmal Energie in sie schicken.“

Tomas bestätigte den Befehl.

Auf der Anzeige wechselte Asterions Status von AKTIVE LAGEKONTROLLE zu BALLISTISCHER MESSMODUS – BEFEHL AUSSTEHEND.

Fast zwölf Stunden würde der Befehl bis zur Sonde brauchen. Die Antwort weitere zwölf.

Mara mochte diese Verzögerung nicht. Jede Entscheidung wurde in die Vergangenheit geschickt. Jede Reaktion kam aus einer Welt zurück, die bereits einen halben Tag weitergezogen war.

Man konnte dort draußen nichts in Echtzeit retten.

Nur vorhersehen.

Tanaka stellte sich neben sie.

„Sie werden uns vorwerfen, zu vorsichtig zu sein.“

„Dann sollen sie.“

„Und wenn die Anomalie harmlos ist?“

Mara betrachtete den zentralen Punkt in der unsichtbaren Verteilung.

„Dann haben wir einen Tag verloren.“

„Und wenn sie es nicht ist?“

Mara antwortete nicht.

Tomas öffnete den Kanal für die Übertragung an externe Institute.

„Welche Priorität für CERN?“

Mara zögerte nur kurz.

„Höchste.“

„An Dr. Navarro direkt?“

„An sein Team.“

Tomas sah sie an, sagte aber nichts.

Mara wandte sich wieder der räumlichen Lösung zu.

Drei blasse Bereiche lagen in der Dunkelheit.

Einer unmittelbar vor der Sonde.

Zwei weit entfernt.

Für einen Augenblick glaubte sie, zwischen ihnen eine Linie zu erkennen. Keine gemessene Struktur, nur eine Eigenart der Darstellung. Ein Zusammenhang, den ihr Gehirn aus schwachen Punkten formte.

Dann aktualisierte sich die Anzeige.

Die drei Frequenzspitzen verschoben sich erneut.

Diesmal nicht gemeinsam.

Die erste stieg.

Die zweite sank.

Die dritte blieb unverändert.

Auf dem Bildschirm begann die rekonstruierte Verteilung um das zentrale Objekt zu pulsieren.

Nicht sichtbar.

Nicht real.

Nur eine mathematische Darstellung schwacher Messwerte.

Und doch wirkte es, als hätte etwas in der Dunkelheit auf den ersten Test geantwortet.

Nicht mit einem Signal.

Mit einer Bewegung.

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