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Atme. Und zähle anders.

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Zusammenfassung

Punkt acht müsste das Handy klingeln. Wie an jedem Geburtstag. Doch diesmal bleibt es still. Ihr Vater ist seit vier Monaten tot – und trotzdem wartet ihr Körper auf seine wortkarge Stimme. Auf das pflichtbewusste „Alles Gute“, das nie Wärme war und doch zu ihm gehörte. Mit der Stille kehren die Erinnerungen zurück: an bedrückende Mahlzeiten, unausgesprochene Angst und den Zählrhythmus ihrer Kindheit. Eins. Zwei. Drei. Bis sieben. Zählen, schweigen, herunterschlucken. Während sie zwischen Trauer, Erleichterung und der alten Sehnsucht nach seiner Nähe schwankt, klopft in ihrem Bauch ein neues Leben an. Ihr Kind soll einmal laut sein dürfen. Lachen. Erzählen. Lebendig sein. Doch kann sie die Stille ihres Vaters wirklich hinter sich lassen – oder trägt sie sie längst in sich? Eine leise, intensive Geschichte über ambivalente Trauer, vererbte Verletzungen und den Mut, anders weiterzuzählen. Das Cover wurde mit Unterstützung von Chat GPT erstellt.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Atme. Und zähle anders.

Manche Erinnerungen verschwinden nie.

Sie warten nur.

Oder ich.

Gestern. Eins. Zwei. Drei.

Heute anders.


Mein Geburtstag. Wie ich ihn hasse.

Noch heute zieht sich etwas in mir zusammen, wenn ich daran denke. Zu eng. Zu vertraut. Ich lache traurig auf. In meinem Alter.

Es ist früh am Morgen, dämmrig.

Ich öffne die Augen, noch bevor der Wecker klingelt. Wie so oft, wenn dieser Tag sich nicht aufhalten lässt. Egal, wie sehr ich es versuche.

Am liebsten würde ich diesen Tag einfach verschlafen. Das Bett neben mir ist leer. Ich ziehe die Bettdecke über den Kopf. Schließe die Augen.

Von der Straße her höre ich das Müllauto. Mülleimerdeckel klappern. Stimmen der Müllmänner – sie lachen.

Der Tag ist erwacht. Die Sonne lacht. Doch ich liege noch immer unter meiner Bettdecke. Ich verstecke mich vor meinem Geburtstag. Auch wenn ich weiß, dass ich es nicht kann. Sanft streiche ich über meinen noch flachen Bauch.

Ein kleines Klopfen antwortet.

Zum ersten Mal. Für mich. Welch ein Geschenk.

Und dennoch schaue ich nervös zum Handy neben dem Bett. Es liegt auf einem Buch. Gestern habe ich darin über Erinnerungen gelesen. Darüber, dass sie zurückkommen. Ohne Einladung. Und genauso ist es jetzt. Sie sind da – und mit ihnen die vertraute Anspannung. Als wäre sie nie weg gewesen. Wie das Ticken eines verlässlichen Uhrwerks.

Die Stille im Haus nährt meine Anspannung. Ich sehne mich nach Stimmen. Nach Leben. Da – ein Klopfen in meinem Bauch. Für einen Moment lasse ich los. Mein Blick fällt auf das dunkle Display. Irritiert sehe ich auf den Wecker. Ein Geschenk meiner Mutter.

Acht Uhr. Eigentlich müsste mein Handy jetzt klingeln.

Ich starre auf das Display. Eins. Zwei. Drei. Vier.

Nur mein Zählrhythmus aus Kindestagen. Nichts. Stille. Diese Genauigkeit liebt mein Vater. Ich hasse sie.

An solchen Tagen ruft er immer zur gleichen Zeit an. Punkt acht. Nicht früher. Nicht später.

Und heute?

Er wird nicht anrufen. Mein Verstand weiß es längst.

Mein Vater ist vor vier Monaten gestorben. Allein.

Ich war nicht bei ihm. Etwas in mir wird leichter. Ich halte kurz inne. Darf das sein?

Und dennoch warte ich. Einen Moment. Mein Verstand weiß, dass er tot ist. Mein Körper wartet. Ich könnte schwören, es hat gerade geklingelt. Acht Uhr. Ich höre es. Oder?

Ich höre seine wortkarge Stimme: „Alles Gute zum Geburtstag.“ Ich schüttle den Kopf. Die Anspannung bleibt. Genau wie die Erinnerungen. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Und doch begreife ich es nicht.

Etwas von ihm ist noch da. Ich spüre es. Nicht in der Erinnerung. Tief in mir. Als wäre er nie ganz gegangen.

Ich setze mich auf. Mir ist kalt. Streiche mir über das Gesicht. Der Sonnenaufgang bleibt blass. Die sanften Lichtstrahlen erreichen mich nicht.

Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Unten auf der Straße lachen die Müllmänner. Einer hebt die Hand. Ein kurzes Zeichen. Der Wagen setzt sich wieder in Bewegung.

Mein Blick bleibt am Fenster hängen. Meine Gedanken sind bei meinem Vater. Er würde sagen: „Zu laut.“

Heute stört es mich nicht. Ich schmunzle sogar. Ich denke an meine Mutter. Sie wird später anrufen, das weiß ich. Nicht um Punkt acht. So ist sie nicht. Wahrscheinlich lacht sie schon, bevor ich etwas sagen kann. Wenn sie von meinem Geheimnis wüsste, würde sie noch lauter lachen.

Ihr warmes, offenes Lachen – ich sehe ihr Gesicht vor mir. Heute werde ich es ihr sagen.

Acht Uhr.

Eins. Zwei. Drei.

So begann der Zählrhythmus, als ich noch ein Kind war. Ich will mich nicht erinnern – doch meine Gedanken tun es.

Diese Abendessen. Ich hasste sie.

Und wie es weh tat. Wir saßen zu viert am Tisch.

Meine Mutter, mein großer Bruder, mein Vater und ich. Das Klirren des Bestecks war oft das lauteste Geräusch. Unser Esszimmer hatte den Charme einer Kantine. Nur war es hier still. Worte hatten keinen Platz. Mein Vater sprach wenig. Manchmal gar nicht. Wenn er schwieg, wurde die Luft schwer.

Meine Mutter bemerkte es immer zuerst – wenn es wieder so weit war. Die Art, wie sie kurz den Blick senkte, werde ich nie vergessen.

Sie versuchte, die Traurigkeit und die Angst zu verstecken. Doch ich sah es. Ich fühlte es. Ein Ziehen in meinem Bauch. Ein Druck auf der Brust.

Einmal wollte ich etwas erzählen. Meine Eins im Sportunterricht. Für das Rad. Für den Bogengang.

Doch meine Mutter legte ihre Hand sanft auf meinen Arm. Schüttelte leicht den Kopf und flüsterte: „Zähle bis sieben und schluck es herunter.“

Eins. Zwei. Drei. Das Klirren des Bestecks hört nicht auf. Vier. Ich weiß nicht, ob es von mir kommt. Fünf. Mein Vater hebt den Blick nicht. Sechs. Sieben.

Ich zähle. Oder ich glaube, dass ich es tue.

Ich schlucke nicht.

Mein Vater isst weiter, ohne aufzusehen. Seine Augen starren auf den Teller. Nur das Klirren von Messer und Gabel.

Mein Besteck bewegt sich. Zu laut. Ich halte es fest. Einen Moment Ruhe. Dann nicht mehr. Ich halte den Atem an. Ich will aufspringen. Weg. Doch ich bleibe. Schlucke.

Und zähle. Ich bleibe sitzen. Warte.

Vielleicht hebt er gleich den Blick. Tut er nicht.

Mein Atem wird leiser. Damit er mich nicht hört.

Ich lächle. Mein Kind wird laut sein dürfen. Lachen. Erzählen. Ich sehe es vor mir. Verschmierte Hände. Ein Mund, der nicht stillsteht. „Mama …“

Ob ich ihm entkomme?

Ich muss. Ich darf es nicht weitergeben.

Sage ich. Und warte. Ob etwas in mir widerspricht.

Das Echo meines Vaters – klar und deutlich:

Zu laut. Zu viele Stimmen. Das muss die Familie lernen. Und bis dahin – nichts.

Vielleicht hat er das nie gedacht. Vielleicht doch.

Noch ist es still im Haus. Nicht mehr lange. Dann füllt Kinderlachen unser Zuhause. Kinderweinen. Kindergeschrei. Auch das wird dazugehören.

Ich stehe am Fenster. Meine Schultern sind angespannt. Mein Körper reagiert noch immer, wenn ich an ihn denke. Vier Monate. Und doch ist er noch da. Wie ein Schatten. Ich zählte. Ohne zu wissen, warum. Vielleicht hat er auch gezählt. Nicht uns. Die Minuten ohne uns.

Ich denke an den Schatten. An meinen Vater. Er war oft zu Hause. Er saß am Tisch, las Zeitung oder sah aus dem Fenster. Wenn meine Mutter etwas sagte, nickte er manchmal.

Als würde er zuhören. Seine Augen blieben am Fenster. Nicht bei mir. Ich stand daneben. Wartete. Sagte nichts. Und doch suchte ich seine Nähe. Immer wieder.

Ein Diktat. Eine gute Note. Die schlechten verschwieg ich. Manchmal sah er mich an. Nur für einen kurzen Moment. Und sofort war sie da. Hoffnung. Doch sein Blick glitt weiter. Als wäre ich nicht da. Etwas in mir zog sich zusammen. Still. Tiefer als zuvor. Ich blieb stehen. Und wartete weiter. Wie immer. Doch es geschah nichts.

An meinem achten Geburtstag überraschte er mich mit einem Stoffhund. Nicht schön. Aber von ihm. Glaube ich. Noch heute habe ich ihn.

Etwas löst sich in mir. Tränen steigen mir in die Augen. Ich wische sie weg. Und schmunzle. Ich sehe unser Kind vor mir: unseren Sonnenschein. Schlafend im Bett. Lachend im Garten. Laut. Lebendig.

Ich zähle. Wie früher. Eins. Zwei. Drei. Bis sieben. Und halte kurz inne. Diesmal schlucke ich nichts. Etwas in mir bleibt ruhig. Ich frage mich: Hat er auch gezählt? Vielleicht die Minuten der Ruhe. Die Stunden der Arbeit. Seine Atemzüge. Oder die Augenblicke, in denen ihm die Familie zu lau war.

Manchmal legte meine Mutter ihre Hand auf meine Schulter. Wir sagten nichts. Und trotzdem verstanden wir uns. So ist es noch heute.

Seit vier Monaten ist sie frei. Wir atmen. Ruhiger. Gleichmäßig.

Ich stehe noch immer am Fenster. Das Handy bleibt dunkel. Acht Uhr ist vorbei. Mein Vater liebte solche Genauigkeit. Punkt acht. Nicht früher. Nicht später.

Ich zähle meine Atemzüge, als müsste ich jeden einzelnen festhalten. Meine Hand liegt auf meinem Bauch. Das Baby bewegt sich. Ein kleines, lebendiges Klopfen.

„Zu laut“, höre ich seine Stimme. Ich lächle. Und schüttle leicht den Kopf. Meine Hand bleibt auf meinem Bauch. Zu lebendig für dich, denke ich. Genau richtig für mich. Für uns.

Ich löse mich vom Fenster, gehe zurück zum Bett und greife nach meinem Handy. Wähle die Nummer meiner Mutter. Ich habe lange genug gewartet.

„Hallo?“

Ihre Stimme ist sofort da. Warm. Lebendig. Sie lacht schon bei meinem ersten Wort. Als ich es ihr sage, hört sie gar nicht mehr auf. Ich sehe sie vor mir. Auf dem Boden. Lachend.

Heute habe ich Geburtstag. Ich streiche über meinen Bauch. Das Baby bewegt sich. Ein leises, lebendiges Klopfen. In mir wird es still. Anders still.

Eins. Zwei. Drei.

Ich halte nicht mehr an. Zähle weiter.

Vier. Fünf. Sechs. Sieben.

Und atme.

Wir bleiben.

Eins. Zwei. Drei.

Vier. Fünf. Sechs. Sieben.

Es bleibt. Nur anders.

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