Jenseits Des Befehls von Isabelle Schwarz bei Inkitt
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Jenseits des Befehls

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Zusammenfassung

**Sie verdankt ihm ihre Karriere. Er verlangt dafür mehr, als sie je freiwillig gegeben hätte.** Mara Venn kennt den Preis ihres Traums. Als Navigatorin an Bord des schweren Kreuzers CNS Meridian hat sie sich einen Platz erkämpft, den Frauen im Commonwealth nicht haben sollen. Ihre Berechnungen führen das Schiff durch feindliches Feuer und tödliche Flugbahnen. Trotzdem glaubt kaum jemand, dass sie ihre Stellung allein ihrem Talent verdankt. Denn jeder an Bord kennt das Gerücht über sie und Kapitän Adrian Rourke. Er war der Einzige, der ihr Können erkannte. Der Einzige, der ihr eine Chance gab. Und der Mann, dem sie hinter verschlossenen Türen keinen Wunsch verweigert. Mara gehorcht, weil ihre Karriere von ihm abhängt. Adrian dagegen sieht in ihrer Hingabe längst mehr als eine unausgesprochene Gegenleistung. Für ihn gehört sie zu ihm – auch wenn Mara selbst noch nicht weiß, wo Abhängigkeit endet und Verlangen beginnt. Während die Meridian an einer zerfallenden Front gegen die geheimnisvollen Veyr kämpft, sammelt der Erste Offizier belastendes Material gegen seinen Kapitän. Er kennt die Affäre. Er kennt die manipulierten Dienstpläne. Und er weiß, wie viel Adrian zu verlieren hat. Dann macht er dem Kapitän ein Angebot. Schweigen gegen Macht. Loyalität gegen Einfluss. Und Mara als Teil des Geschäfts. Adrian stimmt einem geheimen Treffen in den Wartungsräumen zu. **Denn Adrian Rourke teilt nicht, was er für sich beansprucht.**

Status:
In Arbeit
Kapitel:
3
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Wachwechsel auf der Brücke

+++ CNS Meridian, Brücke // 2663-04-27 07:55 +++

Als Mara Venn sich an der Navigation anmeldete, blinkte ihre Kurskorrektur gelb statt grün. Sie blieb hinter ihrem Sitz stehen, eine Hand an der Rückenlehne, während die Konsole ihre Kennung prüfte. Gelb bedeutete, dass beide Rechenläufe abgeschlossen waren. Gelb bedeutete auch, dass jemand die Freigabe zurückhielt. Dabei war die Korrektur der einzige Punkt in der Übergabe gewesen, der keine Rückfrage gebraucht hätte. Auf der Brücke wechselten zwei Wachen gleichzeitig den Platz. Männer lösten Gurte, reichten Datentafeln weiter und meldeten offene Wartungspunkte an ihre Nachfolger. Die Stimmen blieben gedämpft, doch die Brücke war zu klein um wirklich leise zu sein. Lüfter zogen Wärme aus den Konsolen. Unter Maras Sohlen lief das gleichmäßige Zittern der Hauptreaktoren durch den Boden, so schwach, dass man es erst vermisste, wenn es ausblieb. Die Hauptanzeige an der Stirnwand zeigte keine Sterne. Sie zeigte, was die Sensoren aus ihnen gemacht hatten: Positionsmarken, einen blassen Planeten und die berechnete Flugbahn der Meridian durch das System. Der schwere Kreuzer war darin nur ein weißer Punkt. Seine fast achthundert Meter Rumpf, seine Magazine, Reaktoren und zwölfhunderfünfzig Menschen verschwanden hinter einem Symbol, kleiner als Maras Fingernagel. Die gelbe Markierung saß direkt daneben. Mara stellte ihre Datentafel in die Halterung. “Warum ist Korrektur eins-sieben noch offen?” Fähnrich Elias Dorn hatte die Navigationsstation bereits verlassen. Er war zwei Schritte in den Mittelgang gekommen, seine Tafel unter dem Arm geklemmt, und hätte nur noch die formelle Ablösung abwarten müssen. Jetzt blieb er stehen. “Ich wollte sie nicht bestätigen.” Er sagte es mit der Lautstärke einer Meldung. Zwei Männer an der Sensorstation sahen herüber. Der abgelöste Kommunikationsoffizier hielt mitten in einer Übergabe inne, ehe sein Nachfolger ihn mit einer knappen Frage zum Relaistatus zum Weitersprechen brachte. Mara zog den Sitz heran und setzte sich. Sie ließ sich Zeit, den Gurt zu schließen, obwohl ihr Puls bereits schneller ging. Wer stand, während der andere saß, wirkte oft höher gestellt. Sie würde Dorn diesen Vorteil nicht schenken, indem sie zu ihm aufsah. Sobald ihre Anmeldung vollständig war, gehörte die Station ihr. “Haben Sie einen Fehler gefunden?” Dorn trat näher. Er war jünger als sie, schmal im Gesicht und noch nicht lange genug Offizier, um die neue Uniform wie etwas Selbstverständliches zu tragen. Die silberne Rangmarke eines Fähnrichs saß exakt waagerecht an seinem Kragen. An seiner Haltung erinnerte nichts daran, dass Mara ihm vorgesetzt war. “Die Abweichung liegt noch innerhalb der Navigationstoleranz.” Das war keine Antwort. Er wusste es. Der Mann an der zweiten Navigationskonsole wusste es ebenfalls. Wahrscheinlich wusste es inzwischen jeder in den drei vorderen Reihen. Mara öffnete das Freigabeprotokoll. Dorns Kennung stand unter beiden Prüfläufen. Kein Fehlervermerk. Keine abweichende Rechnung. Nur die fehlende Bestätigung. “Haben Sie einen Fehler gefunden?”, fragte sie noch einmal. “Nein, Ma’am.” Dorn verschränkte die Hände hinter dem Rücken. “Ich halte die Korrektur für verfrüht.” Das Ma’am kam eine Spur zu spät. Nicht spät genug für einen Verweis, nur spät genug, dass sie es bemerkte. Mara rief die Flugbahn auf ihre Arbeitsanzeige. Der Rechner legte drei Linien übereinander. Die erste zeigte den vorgesehenen Kurs zum äußeren Sammelpunkt, den die Meridian in knapp zwei Tagen erreichen sollte. Die zweite zeigte die gegenwärtige Bewegung. Noch lagen beide dicht beieinander. Die dritte war Maras Korrektur: ein kurzer Schub, früh angesetzt, bevor aus einer kleinen seitlichen Abweichung eine teure Rückkehr in den Korridor wurde. “Der Vorbeiflug an Neral Drei-B hat uns stärker versetzt als vorausberechnet”, sagte sie. “Die Bahndaten des Mondes waren ungenau. Wenn wir jetzt korrigieren, genügt ein kurzer Impuls. Wenn wir warten, müssen wir länger gegen die seitliche Geschwindigkeit arbeiten.” Sie vergrößerte die Darstellung. Der Mond lag bereits hinter ihnen, ein grauer Kreis am Rand der Sensorreichweite. Seine Anziehung war gering gewesen. Gering bedeutete im Raum allerdings nicht bedeutungslos. Es bedeutete nur, dass die Folge Zeit brauchte, um sichtbar zu werden. Dorn deutete auf die grüne Toleranzfläche um die Ist-Linie. “Laut System besteht noch kein Handlungsbedarf.” “Das System zeigt, wo wir jetzt sind.” Mara markierte den Schnittpunkt, an dem die derzeitige Bahn den vorgesehenen Anflugkorridor verlassen würde. “Meine Aufgabe ist es, zu berechnen, wo wir ankommen.” An der Sensorstation wandte sich einer der Männer wieder seiner Konsole zu. Sein Nebenmann folgte ihm eine Sekunde später. Das machte die Sache nicht besser. Jetzt hörten sie nur noch zu, ohne dabei ertappt werden zu wollen. Mara kannte diese Art von Gespräch. Ein Mann stellte eine Frage, die längst beantwortet war. Sie antwortete. Er stellte dieselbe Frage in anderer Form. Sie belegte ihre Antwort. Er sprach von Vorsicht. Wenn sie ungeduldig wurde, ging es plötzlich nicht mehr um seine Beharrlichkeit, sondern um ihren Ton. “Welchen Fehler erwarten Sie, wenn ich die Simulation noch einmal laufen lasse?”, fragte sie. “Das kann ich sagen, wenn ich die Ergebnisse sehe.” Mara atmete einmal tief durch. “Sie haben zwei Ergebnisse gesehen.” “Mit identischen Ausgangsdaten”, warf Dorn ein. “Natürlich mit identischen Ausgangsdaten. Wir navigieren dasselbe Schiff im selben System.” Ein kurzes Schweigen folgte. Mara merkte, wie sich die Muskeln zwischen ihren Schulterblättern anspannten. Der Satz war schärfer gewesen, als sie beabsichtigt hatte. Bei einem Mann hätte er als angemessene Zurechtweisung gegolten. Bei ihr konnte er in Dorns nächsten Bericht als Gereiztheit erscheinen. Sie senkte die Stimme. “Wenn Sie einen Sensorausfall oder einen fehlerhaften Eingangswert vermuten, benennen Sie ihn.” Dorn sah zur Flugbahn statt zu ihr. “Die Abweichung beträgt weniger als ein Fünftel der erlaubten Grenze.” “Und wächst.” “Langsam.” “Beständig”, korrigierte Mara. “Wir könnten bis zur nächsten Wache warten.” “Dann zahlen wir für das Warten mit Treibstoff.” Das war der einfache Teil der Rechnung. Die Meridian konnte ihre Nase mit Steuerdüsen drehen, doch eine Richtungsänderung war keine Kurve wie in einer Atmosphäre. Der Kreuzer behielt seine Bewegung bei, bis die Haupttriebwerke sie änderten. Je länger die seitliche Drift anhielt, desto mehr Schub war nötig, um sie abzubauen. Mehr Schub bedeutete mehr Reaktionsmasse, mehr Wärme und weniger Spielraum, falls der Sammelpunkt nicht so ruhig war, wie der Einsatzstab behauptete. Mara hätte Dorn die einzelnen Werte vorlesen können. Sie tat es nicht. Er hatte sie vor sich. Eine dritte Aufzählung hätte so gewirkt, als müsse sie sich an einem Fähnrich abarbeiten, um die eigene Berechnung zu verstehen. “Die Korrektur ist zweimal geprüft”, sagte sie. “Geben Sie sie frei.” Dorn rührte sich nicht. “Ich würde einen weiteren Lauf empfehlen.” “Dann tragen Sie Ihre Empfehlung mit einem fachlichen Grund ins Protokoll ein.” Sein Blick ging über ihre Schulter zur oberen Ebene. Mara wusste, wer dort stand, bevor die Stimme kam. “Gibt es Schwierigkeiten?” Gideon Strake befand sich neben der Kommandostation, eine Hand auf der Rückenlehne des leeren Kapitänssitzes. Als Erster Offizier leitete er den Wachwechsel. Er hätte Dorns verweigerte Freigabe sehen müssen, lange bevor Mara die Brücke betreten hatte. Er hätte auch sehen müssen, dass kein Fehlervermerk vorlag. Offenbar hatte er entschieden, erst jetzt etwas zu sehen. Dorn nahm Haltung an. “Eine Meinungsverschiedenheit über die Kurskorrektur, Sir.” “Keine Meinungsverschiedenheit”, sagte Mara. “Fähnrich Dorn hat keinen Fehler gefunden und hält trotzdem meine Freigabe zurück.” Strake kam die drei Stufen von der oberen Ebene herab. Seine Uniform saß makellos, obwohl seine Wache endete. Er war ein gepflegter Mann mit glattem, an den Schläfen ergrautem Haar und der besonderen Gabe, eine Herabsetzung wie eine dienstliche Hilfestellung klingen zu lassen. “Er hat dennoch Bedenken”, sagte er. “Bedenken sind keine Gegenrechnung”, erwiderte sie. “Nein. Aber Sorgfalt ist auch kein Angriff auf Ihre Autorität, Offizierin Venn.” Mara spürte die Aufmerksamkeit der Männer ringsum wie eine Veränderung des Luftdrucks. Niemand auf der Brücke hätte offen behauptet, eine Frau gehöre nicht hierher. Die Commonwealth Navy bezeichnete sich schließlich als eine Institution, in der Eignung und Dienst zählten. Ihre Vorschriften schlossen Frauen nicht aus. Das war der Satz, den Ausbilder benutzten, bevor sie erklärten, lange Einsätze widersprächen der weiblichen Belastbarkeit, gemischte Besatzungen gefährdeten den Zusammenhalt und ein Kriegsschiff sei kein Ort für gesellschaftliche Versuche. Von den Frauen, die mit Mara die Vorauswahl begonnen hatten, hatten fünf die Akademie erreicht. Zwei waren nach dem ersten medizinischen Belastungstest ausgeschieden, obwohl Männer mit schlechteren Werten Nachprüfungen erhalten hatten. Eine war in die Logistik gewechselt worden. Eine hatte geheiratet und ihre Dienstverpflichtung nicht verlängert, nachdem ihr Vorgesetzter ihr erklärt hatte, ihre Chancen auf eine Position in der aktiven Flotte seien gering. Mara hatte jede Prüfung beim ersten Versuch bestanden. Anders hätte sie diesen Posten nicht bekommen. Trotzdem war sie auf der Brücke der Meridian die einzige Frau. Nicht nur in dieser Wache. In allen drei. “Ich habe die Rechnung zweimal geprüft”, sagte sie. Strake betrachtete die Projektion. “Dann wird ein drittes Mal zum selben Ergebnis führen.” “Während wir weiter abdriften”, warf sie ein. “Sie haben selbst gesagt, dass die Abweichung noch gering ist”, erinnerte Strake sie. “Jetzt ist sie gering.” “Dann besteht kein Grund zur Eile.” Es war geschickt. Strake bestritt ihre Rechnung nicht. Er verwandelte sie in eine Frage des Temperaments: Mara wollte handeln, weil sie es eilig hatte. Dorn wollte warten, weil er sorgfältig war. Wenn sie auf der unverzüglichen Korrektur bestand, bestätigte sie die Rolle, die Strake ihr zugedacht hatte. Sie zwang die Finger, locker auf der Konsole zu liegen. Ein Warnsymbol am Rand ihrer Anzeige zeigte, dass die automatische Übergabe noch nicht abgeschlossen war. Solange Dorn die Korrektur nicht freigab oder offiziell an sie übertrug, blieb die Verantwortung geteilt. Eine schlechte Situation für den normalen Betrieb. Eine ausgezeichnete Situation, wenn ein Mann öffentlich seine Überlegenheit demonstrieren wollte. “Die zusätzliche Prüfung dauert elf Minuten”, sagte Mara. “Danach sind wir weiter von der günstigsten Korrektur entfernt. Soll ich den dritten Lauf und die Verzögerung als Ihren Befehl protokollieren, Sir?” Die Gespräche ringsum erstarben nicht. Sie wurden bloß leiser. Ein Lüfter schaltete auf eine höhere Stufe, und irgendwo hinter den Konsolen klicke ein Relais. Strake sah sie an. Wenn er ja sagte, übernahm er die Verantwortung. Nicht nur für elf Minuten. Für den zusätzlichen Treibstoff, die Wärme und jeden später verlorenen Handlungsspielraum. Wenn er nein sagte, musste er ihre Entscheidung gelten lassen oder Dorn offen dazu auffordern, einen Befehl ohne fachliche Grundlage zu missachten. “Sie reagieren unnötig förmlich”, sagte er schließlich. “Wir sind im Dienst, Sir”, erwiderte sie nur. Hinter Mara schabte ein Stiefel über den Boden. Jemand verlagerte sein Gewicht. Sie wusste nicht, ob der Mann nervös war oder ein lachen unterdrückte. Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, sich umzudrehen. Strakes Gesicht veränderte sich kaum. Nur an seinem Kiefer trat für einen Moment ein Muskel hervor. “Die Navigation ist kein persönliches Duell, Offizierin Venn.” “Nein, Sir.” “Dann behandeln Sie sie auch nicht so.” Mara hätte darauf hinweisen können, dass nicht sie die Freigabe verweigerte. Sie hätte Dorn den Befehl ein zweites Mal geben können. Strake wartete vermutlich auf beides: auf Widerspruch, den er als mangelnde Achtung vor dem Ersten Offizier protokollieren konnte, oder auf einen Befehl, den Dorn unter seinem Schutz erneut ignorierte. Sie sah auf die Driftanzeige. In vier Minuten würde die günstigste Lage für einen kurzen Impuls beginnen. Das Fenster war breit genug, um kein Notfall zu sein, und schmal genug, dass weiteres Reden Folgen hatte. “Fähnrich Dorn”, sagte sie. “Bestätigen Sie, dass beide Prüfläufe ohne Fehler abgeschlossen wurden.” Dorn zögerte. “Beide Läufe wurden abgeschlossen.” “Ohne Fehler?”, harkte sie nach. “Es gab keine Systemmeldung.” “Das ist wieder nicht meine Frage.” “Offizierin Venn”, sagte Strake warnend. Die Tür zum Kommandobereich öffnete sich. Adrian Rourke betrat die Brücke. Die Veränderung war sofort zu spüren. Gespräche brachen ab. Rücken wurden gerader. Der Mann an der Kommunikation nahm die Hand von seiner Datentafel und legte sie neben die Konsole. Rourke musste weder laut werden noch jemanden ansehen, um daran zu erinnern, dass dieses Schiff ihm unterstand. Seine Uniform war so makellos wie Strakes, doch an ihm wirkte sie weniger wie eine Vorführung. Er trug sie mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der sich seit Jahren nicht mehr jemanden unterordnen musste. Sein dunkles Haar war an den Schläfen kürzer geschnitten, als es die Vorschrift verlangte. Eine schmale, helle Narbe verschwand vom Kiefer unter dem Kragen. Mara kannte sie. Sie zwang sich, nicht länger hinzusehen als jeder andere Offizier. Rourke blieb auf der oberen Ebene stehen. Sein Blick ging zu Strake, dann zu Dorn und schließlich zu ihr. Mara nahm die Hände von der Konsole und legte sie auf die Oberschenkel. Es war eine kleine Bewegung, aber notwendig. Sie wollte nicht aussehen, als wartete sie darauf, dass er sie rettete. Sie hatte nicht auf ihn gewartet. Dass ein Teil von ihr trotzdem erleichtert war, machte es schlimmer. “Bericht”, sagte Rourke. Strake antwortete zuerst. “Offizierin Venn schlägt eine vorgezogene Kurskorrektur vor. Fähnrich Dorn hält einen weiteren Prüflauf für angebracht. Wir klären gerade das verfahren.” Wir. Als hätte Strake vermittelt, statt Dorns Widerstand zu legitimieren. Rourke kam die Stufen herunter und trat an die Navigation. Er blieb auf der anderen Seite der Konsole stehen, nicht hinter Mara. Professioneller Abstand. Kein Blick, kein Wort, das auf mehr schließen ließ als auf den Kapitän, der eine Verzögerung beim Wachwechsel prüfte. “Warum die Korrektur?”, fragte er. Mara blendete Strake und Dorn aus. Der Kapitän verlangte eine Lagebewertung. Dafür hatte sie eine Antwort, und die Antwort war sicher. “Der Vorbeiflug an Neral Drei-B hat uns seitlich aus dem geplanten Korridor versetzt. Die Abweichung liegt noch innerhalb der Toleranz, wächst aber stetig. Ein Impuls im nächsten Fenster baut den Drift mit dem geringsten Treibstoffbedarf ab.” “Folge, wenn wir nichts tun?” “Wir erreichen den äußeren Sammelpunkt versetzt. Um dort Formation aufzunehmen, müssen wir später stärker korrigieren. Das kostet ungefähr das Vierfache an Reaktionsmasse und erhöht die thermische Last unmittelbar vor dem geplanten Übergangsfenster”, erklärte sie, obwohl sie sich sicher war, dass Rourke das wusste. “Risiko, wenn wir jetzt korrigieren?”, fragte er weiter. “Gering. Der Mond liegt hinter uns, sein Einfluss nimmt ab. Falls die aktualisierte Bahn wider Erwarten zu weit zur Gegenseite führt, können wir einen Teil der Änderung mit einem kürzeren Gegenimpuls zurücknehmen. Selbst dann bleiben wir unter dem Verbrauch einer späteren Korrektur.” “Auswirkung auf die Formation?”, stellte er seine letzte Frage an sie. “Keine. Wir sind noch außerhalb des Sammelraums. Unsere Begleitschiffe erhalten die aktualisierte Bahn automatisch, sobald sie freigegeben ist.” Rourke nickte einmal. Nicht anerkennend. Nur als Zeichen, dass er die Antwort gehört hatte. Dann wandte er sich Dorn zu. “Ihr Einwand?” Dorn hob das Kinn. “Die derzeitige Abweichung liegt innerhalb der erlaubten Grenzen, Sir. Ich hielt es für vorsichtiger, vor einem Triebwerksimpuls eine weitere Simulation durchzuführen.” “Mit welchen veränderten Eingangsdaten?”, fragte Rourke nach. “Mit keinen veränderten Daten, Sir.” “Welche Annahme in Offizierin Venns Rechnung halten Sie für falsch?” “Keine bestimmte Annahme.” Rourke ließ die Stille stehen. Er konnte das besser als Strake. Bei Strake war Schweigen eine Einladung, sich zu verheddern. Bei Rourke war es bereits ein Urteil, das nur noch nicht ausgesprochen war. Dorn fügte hinzu: “Es geht um zusätzliche Sicherheit, Sir.” “Sicherheit wovor?” Der Fähnrich sah auf die Projektion. “Vor einer unnötigen Korrektur.” “Haben Sie einen Fehler in der Berechnung gefunden?”, fragte der Kapitän direkt nach. “Nein, Sir.” Rourke richtete den Blick auf Strake. “Und Sie?” “Ich halte einen zusätzlichen Lauf unter diesen Umständen für vertretbar”, sagte Strake. “Die Toleranz ist nicht überschritten.” “Das war nicht meine Frage”, tadelte Rourke ihn. Für einen Augenblick war Strakes Höflichkeit nur noch eine dünne Oberfläche. “Nein, Captain. Ich habe keinen Rechenfehler festgestellt.” Rourke beugte sich über die Konsole. Mara rückte ihre Hände weiter zurück, damit er die Anzeige bedienen konnte, ohne sie zu berühren. Er roch nach der neutralen Seife aus dem Offiziersbereich und schwach nach Kaffee. Beides hätte sie nicht bemerken dürfen. Nicht hier. Er wechselte zwischen den Flugbahnen, ließ sich die Ausgangsdaten des Mondvorbeiflugs zeigen und prüfte den berechneten Verbrauch. Seine Bewegungen waren knapp und sicher. Rourke war kein Navigator, doch ein Kapitän, der nicht wenigstens ein bisschen Ahnung von allem auf seinem Schiff hatte, verlor irgendwann sein Schiff. Er verstand genug, um die Stellen zu prüfen, an denen Mara einen Fehler hätte machen können. Sie beobachtete die Werte statt sein Gesicht. Die Prüfung dauerte weniger als eine Minute. Zu kurz, dachte sie. Der Gedanke war ungerecht. Rourke sah eine einfache Rechnung mit zwei bestätigten Simulationen. Längeres Zögern hätte Dorns Einwand aufgewertet. Trotzdem wünschte sie, er nähme sich noch drei Minuten, ließe sich jeden Wert erklären und bewies der Brücke, dass seine Entscheidung nichts mit ihr zu tun hatte. Doch genau das hätte ebenfalls etwas bewiesen. Dass ihre Arbeit eine Sonderprüfung brauchte. Es gab keine richtige Dauer. Es gab nur unterschiedliche Arten, unter Beobachtung zu stehen. Rourke richtete sich auf. “Die Berechnungen sind korrekt. Geben Sie die Korrektur frei.” Er sagte es zu Dorn. Der Fähnrich zögerte nur kurz, dann trat er an die Nebenstation. “Aye, Sir.” Seine Kennung erschien unter dem Freigabefeld. Das gelbe Zeichen auf Maras Anzeige wurde grün. “Freigegeben, Sir.” Rourke blieb neben der Station. “Offizierin Venn hat die Wache. Ihre fachlichen Entscheidungen werden befolgt, solange jemand keinen konkreten Fehler belegen kann. Empfehlungen werden begründet und im Protokoll erfasst. Ist das verstanden?” “Ja, Sir.” “Captain”, sagte Strake, “niemand hat ihre grundsätzliche Befehlsgewalt bestritten.” Rourke sah ihn an. “Dann sollte die Klarstellung niemanden stören.” Strake hielt seinem Blick stand. “Selbstverständlich nicht.” Mara wusste, dass Rourke gewonnen hatte. Nicht nur ihren fachlichen Streit. Auch den kleinen Machtkampf mit seinem Ersten Offizier. Er hatte Strake gezwungen, eine Grenze anzuerkennen, ohne ihm einen offenen Befehl erteilen zu müssen. Sie wusste ebenso, wer den Preis dafür zahlen würde. Das Korrekturfenster begann in zwei Minuten. Mara wandte sich der Antriebsstation zu. “Antrieb, vorbereiten auf Kursimpuls eins-sieben. Beginn zum berechneten Zeitpunkt, Dauer achtzehn Sekunden. Begrenzung auf drei Zehntel Standardbeschleunigung.” “Kursimpuls eins-sieben, drei Zehntel, achtzehn Sekunden”, bestätigte der Antriebsoffizier. “Lagekontrolle, halten Sie die Bugausrichtung. Navigation übernimmt die Abschaltung.” “Bugausrichtung wird gehalten.” Die Männer der abgelösten Wache standen noch immer im hinteren Gang. Nach vollständiger Übergabe hätten sie die Brücke längst verlassen müssen. Nun warteten sie auf den Impuls, als könnte ein leichtes Zittern des Decks nachträglich entscheiden, wer recht gehabt hatte. Mara ließ sich die Kontrollen auf ihre Hauptfläche legen. Der Rechner zählte bis zum Zündzeitpunkt herunter. Sie prüfte nicht ein drittes Mal die gesamte Rechnung. Sie prüfte nur die Dinge, die sich seit der letzten Simulation verändert haben könnten: Ausrichtung, Reaktorfreigabe, thermische Reserve, freie Bahn. Jede Anzeige lag im grünen Bereich. “Antrieb bereit”, meldete der Offizier. “Lage stabil.” “Navigation bereit”, sagte Mara. Die letzten Sekunden liefen ab. “Impuls.” Die Haupttriebwerke zündeten weit hinter dem gepanzerten Kern. Zuerst änderte sich nur der Ton im Boden, ein tieferes Vibrieren, das durch Sitz und Wirbelsäule stieg. Dann drückte die Beschleunigung Mara in die Polster. Die künstliche Schwerkraft fing den größten Teil ab, aber nicht alles. Der Gurt spannte sich über ihre Hüfte. Lose Stofffalten wurden glatt gezogen. Auf der Anzeige kroch die Ist-Linie zur berechneten Bahn. Achtzehn Sekunden waren lang genug, um jeden auf der Brücke schweigen zu lassen. Mara beobachtete die seitliche Geschwindigkeit. Sie sank gleichmäßig. Kein Ausreißer in der Reaktorleistung, keine Abweichung der Buglage. Bei zwölf Sekunden wusste sie, dass die Rechnung stimmte. Bei sechzehn erreichte die Linie den vorgesehenen Korridor. “Abschalten.” Das Vibrieren fiel auf sein gewohntes Maß zurück. Der Druck des Gurtes ließ nach. “Korrektur ausgeführt”, meldete der Antriebsoffizier. Mara wartete auf den ersten unabhängigen Positionsabgleich. Ein Herzschlag. Zwei. Der weiße Punkt der Meridian lag wieder in der Mitte des Korridors. Die Restabweichung war kleiner als vorausberechnet. “Kurs stabil”, sagte sie. “Verbrauch innerhalb der Prognose. Aktualisierte Bahn an den Verband senden.” “Wird übermittelt.” Damit hätte es enden sollen. Dorn nahm seine Datentafel wieder aus der Halterung. “Ruhige Wache, Ma’am.” Sein Ton war korrekt. Sein Blick ging jedoch nicht zu der Flugbahn, die seine Bedenken widerlegt hatte. Er ging kurz zu Rourke. Mara hätte sagen können, dass Ruhe nicht von selbst entstand. Dass jemand sie berechnen, vorbereiten und manchmal gegen den Wunsch anderer durchsetzen musste. Stattdessen erwiderte sie: “Wegtreten, Fähnrich.” “Ma’am.” Er verließ mit den anderen Männern seiner Wache die Brücke. Einer der Sensoroffiziere sagte im Vorbeigehen etwas zu seinem Nachbarn, zu leise, um die Worte zu verstehen. Der andere antwortete nicht, aber er grinste. Strake folgte ihnen nicht. Er kehrte auf die obere Ebene zurück und ließ sich am Platz des ersten Offiziers nieder, ohne Mara noch einmal anzusehen. Auch Rourke ging zur Kommandostation. Er hatte ihr recht gegeben und verhielt sich nun, als wäre damit alles erledigt. Für ihn war es das vielleicht. Mara rief die übrigen Punkte der Übergabe auf. Reaktorstatus, Kommunikationsverzögerung zum Verband, zwei Wartungssperren an den seitlichen Steuerdüsen. Gewöhnliche Dinge. Dinge, die auf einem Kriegsschiff gefährlich werden konnten, wenn jemand sie für zu gewöhnlich hielt, um genau hinzusehen. “Sensorik, vollständiger Lagebericht”, befahl sie. Der Sensoroffizier antwortete eine Spur zu förmlich. “Keine unbekannten Kontakte im passiven Erfassungsbereich, Ma’am. Neral Drei-B fällt in vier Minuten aus der hochauflösenden Verfolgung. Zwei zivile Transponder am inneren Rand des Systems, beide auf registrierten Routen. “Abgleich mit dem letzten Bericht?”, fragte sie. “Keine Veränderungen von taktischer Bedeutung”, erwiderte der Offizier. “Von irgendeiner Bedeutung?” Er sah kurz zu ihr. “Einer der zivilen Frachter liegt zwölf Sekunden hinter seiner gemeldeten Bahn.” “Beobachten. Noch nicht aktiv erfassen”, befahl Mara. “Aye, Ma’am.” An der Kommunikation vermied der Offizier ihren Blick, als er den Empfang der neuen Verbandsdaten meldete. Bei der Antriebsstation beugte sich der zweite Mann zu seinem Vorgesetzten und flüsterte etwas. Beide verstummten, als Mara den Kopf hob. Vielleicht hatte es nichts mit ihr zu tun. Auf einer Brücke wurden ständig kurze Wirte gewechselt. Mara wusste das. Sie wusste auch, wie selten Männer mitten im eigenen Gespräch aufhörten zu sprechen, nur weil ihr Navigationsoffizier in ihre Richtung sah. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen. Dorn hatte keinen Fehler gefunden. Strake hatte sie nicht zu einer sinnlosen Wiederholung zwingen können. Die Korrektur war sauber ausgeführt worden, der Kurs stimmte, und die Meridian würde den Sammelpunkt mit mehr Reserven erreichen. Fachlich hatte sie gewonnen. Die Genugtuung war da. Warm, hart, und viel zu kurz. Sie erlaubte sie sich für den Zeitraum, den der Rechner für den nächsten Positionsabgleich brauchte. Dann sah sie auf die Brücke. Ohne Rourke hätte sie länger kämpfen müssen. Vielleicht hätte Strake sich durchgesetzt. Vielleicht hätte er den dritten Lauf nie ausdrücklich befohlen und die Verzögerung später ihr zugerechnet. Mit Rourkes Unterstützung aber würden sich die Männer nicht daran erinnern, dass Mara recht gehabt hatte. Sie würden sich daran erinnern, wie schnell der Kapitän an ihre Konsole gekommen war. Wie wenig Zeit er für die Prüfung gebraucht hatte. Wie entschieden er ihren Rang verteidigt hatte. Niemand musste das Gerücht aussprechen, damit es sich verbreitete. Mara sah zur Kommandostation. Rourke sprach leise mit dem Kommunikationsoffizier und blickte nicht zu ihr. Er bot ihr nicht einmal das kleine Zeichen persönlicher Anerkennung, das er jedem anderen Fachoffizier nach einer richtigen Entscheidung hätte geben können. Auch das war Schutz. Auch das konnte wie ein beweis aussehen. Sie wandte sich wieder ihrer Konsole zu. Ihre Flugbahn lag grün und sauber auf der Anzeige. Darunter stand Rourkes Freigabe, obwohl es ihre Berechnung gewesen war. Mara straffte die Schultern und öffnete den nächsten Bericht. Die Wache hatte gerade erst angefangen.

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