Der Weg nach draußen.
Kapitel 1 – Das Erwachen
Ich öffne die Augen.
Sie sind leicht angeschwollen.
Das passierte, wenn ich lange geschlafen habe.
„Wie lange habe ich geschlafen?“
Ich atme tief ein, während ich mir die Augen reibe. Dabei merke ich, dass meine Hand eingeschlafen ist.
Habe ich wieder darauf geschlafen?
Ich atme tief ein und erkenne den Geruch.
Feuchtigkeit.
Und Stein.
Ich schaue nach draußen und merke, die Decke von meinem Doppelbett, die immer wieder vor mein Bett aufgehängt war, ist weg.
Ich habe diese Decken nie aufgehängt.
Vielleicht war das meine Schwester, die immer wieder ihre Privatsphäre erweitern wollte, die immer wieder so mühsam die Decke vor mein Bett hängte.
Als ich sie diesbezüglich ansprach, tat sie so, als wüsste sie nicht, um was es geht.
Ich hasste ihre Reaktion darauf immer wieder. Dieses Schulterzucken und dann starrte sie mich so an, als würde ich etwas Dummes gesagt haben.
Mich störte die Decke nicht, aber drinnen war es manchmal stickig, weil sie sich immer die Mühe gab, es so aufzuhängen, dass es kein einziges Loch gab, wo man durchschauen konnte.
Dabei gab sie die Decke doch selber weg, wenn sie nachts mal wieder nicht schlafen konnte und über Sachen tratschte, die lustig waren.
Manchmal änderte sich ihr Gesichtsausdruck und sie sprach Sachen an, die keinen Sinn ergaben.
Jedes Mal, nachdem ich sie anstarrte und versucht habe zu verstehen, was sie mit
„Dieses Mal haben sie es übertrieben. Ich hoffe, du bist okay.“
meinte, landete ich hier.
An diesem Ort.
Aus Stein.
Wände, die sogar einen Tsunami aushalten würden.
Was schon ein Tsunami.
Ein Tornado würde das massive Schloss nicht einmal zum Zittern bringen.
Ich bin nicht zum ersten Mal hier.
Der feuchte Steingeruch und das Aufwachen an einem Ort, an dem ich die meiste Zeit meiner Kindheit verbracht habe, waren mir bekannt.
Ich stehe auf und gehe den Flur entlang ins Badezimmer.
Ich liebe das Badezimmer. Hier ist es immer warm.
Da ist der einzige kleine Raum in diesem Schloss, der nicht so groß ist.
Ich hole mir einen Bademantel und ziehe ihn mir drüber.
Dabei gebe ich den Patschen, die direkt vor mir liegen, keine Beachtung.
Patschen mochte ich nie.
Ich gehe aus dem Badezimmer und gehe weiter den Flur entlang.
Meine Hand wandert die kühle, massive Steinwand entlang.
Ich sehe Licht.
In diesem Zimmer brennt immer Licht.
Das ist der einzige so hell beleuchtete Ort im ganzen Schloss, außer das Badezimmer.
Das Badezimmer ist auch sehr hell, aber immer noch nicht so hell wie das Zimmer am Ende des Flurs.
Da drinnen gibt es nichts außer einer Türe, die in einen Saal führt.
Die Türe ist zugekettet und es sieht so aus, als hätte sich jemand große Mühe gegeben, sie so zu versperren, dass ich nicht reinkomme.
Doch derjenige wusste nicht, dass ich einen Schlüssel hatte, der zu dem Schloss passte.
Für diese Türe hatte ich immer die Lösung.
Sei sie zugekettet oder zugemauert.
Ich investierte viel Zeit in diese Türe, denn das, was sich hinter der massiven Türe verbarg, war voller Fragen.
Und nur dort bekam ich keine Antworten.
Nachdem ich fertig war, die zum tausendsten Mal zugekettete und mit einem Gitter bedeckte Türe aufzubrechen, gelang es mir, in den Türensaal zu gelangen.
Hier war es kalt.
Viel kälter als in den Räumen des Schlosses.
Dieser Ort war dunkel und das einzige Licht war das im Zimmer zuvor.
Jetzt verstand ich, dass es so hell war, dass man drinnen genügend Licht hatte, um nicht gegen die Türen zu rennen, die hier ziellos herumstanden.
Jede Türe unterschied sich von der anderen.
Einige Türen waren größer, einige etwas kleiner.
Ich verbrachte die Zeit nicht so gerne in diesem Saal, doch er lockte mich immer an.
Wieso war die Türe in diesen Saal immer verschlossen und das so, dass ich nicht reinkomme?
Wieso gab es hier kein extra Licht?
Und wieso konnte ich keine der Türen öffnen?
Ich suchte die Schlüssel zu den Türen, doch nach einer Weile gab ich es auf.
In diesem Schloss gibt es keine Schlüssel.
Also blieb mir nichts anderes übrig, außer unter den Türen zu lauschen.
Ich nannte es
„das Lauschen des Türensaals“.
Ja, lauschen, denn hinter den Türen passierte immer etwas.
Hinter manchen Türen hörte ich meine Mutter oder meinen Vater schreien.
Die Stimme meines großen Bruders war hinter den Türen anders.
Sie war immer bedrohlich.
Ich habe Gespräche gehört, die ich nicht verstand.
Ich hörte meine Familienmitglieder weinen.
Ich hörte mich weinen, aber so, als hätte die Rajana hinter der Türe Angst, dass ich sie hören könnte.
Die meisten Gespräche ergaben für mich keinen Sinn.
Und vor allem die Stimmen der Menschen waren zwar die von meinen Eltern und von Menschen, die ich kannte, aber das waren nicht sie.
Die Stimmen hinter den Türen waren böse.
Ich mochte diese Stimmen hinter den Türen nicht.
Während ich die Türen entlang ging und mir jede einzelne anschaute, als würde ich nach etwas suchen, was ich übersehen haben könnte, entdeckte ich eine neue Türe.
Das passierte nicht zum ersten Mal.
Hier taucht jedes Mal mit meinem Auftauchen eine neue Türe auf.
Und umso mehr jemand sich die Mühe gegeben hat, dass man nichts durchsehen kann, umso länger wusste ich, dass ich hier bleiben würde.
Diese Türe war ganz am Ende des Saals und sie war mit Holz zugenagelt.
Nicht sehr professionell.
Da hat sich jemand bei der Türe draußen mehr Mühe gegeben.
Ich wusste das Resultat, aber versuchte es immer wieder.
Ich zog am Holz, in der Hoffnung, dass die langen Metallnägel nachlassen würden.
Doch erfolglos.
Ich hatte keine Chance.
Als ich wieder nach dem Holz griff und mit einer neuen Kraft ziehen wollte, hörte ich hinter der Türe Schreie.
Sehr laute Schreie.
Ich hörte mich betteln.
Ich bettelte um etwas.
Ich wollte es unbedingt haben, denn ich habe bitterlich darum geweint.
Ich war neugierig, was ich so sehr haben wollen könnte.
Ich dachte mir, so verwöhnt war ich doch nie.
Die Rajana außen muss sehr verwöhnt sein.
Ich verdrehte die Augen, doch ich verspürte sofort den salzigen Geschmack von Salz im Mund.
„Tränen?“
Ich wischte mir über die Wange, um zu schauen, ob ich geweint haben könnte.
Doch meine Handfläche war trocken.
Meine Wangen fingen an zu brennen.
Sie schwollen an.
Ich hielt mir die Augen, als hätte ich mich vor jemandem versucht zu schützen, der mir immer wieder ins Gesicht schlug.
Und dann hatte ich Angst.
Ich fing an, an meine Geschwister zu denken.
An meine Familie.
An das Leben.
Mein ganzer Körper tat weh.
Doch erstaunlicherweise wurde es hinter der Türe still.
Und ich bewegte mich nicht.
Ich starrte zusammengedrückt am Boden.
Ich schützte mit allem, was ich konnte, mein Gesicht, auf das etwas einschlug.
Alles brannte.
Ich bekam keine Luft.
Meine Nase war eingelegt, als hätte ich sehr viel geweint.
Ich hörte auf einmal Schritte.
Ich verstand nicht mehr, ob sie von hinter der Türe kamen oder sich etwas sehr Bedrohliches gerade auf mich zubewegte.
Doch ich rührte mich nicht.
Ich hörte wieder Schreie aus der Türe.
Dann Stille.
Dann hörte ich Mama weinen.
Sie sagte aber, sie müsse es tun.
Ich dachte mir: Was müssen?
Ich wusste nur, sie würde alles tun, um mich zu beschützen.
Also fühlte ich mich wieder sicher.
Ich stand auf und entfernte mich von der Türe.
Parallel schaute ich in alle Richtungen, woher diese Schmerzen und diese Gefühle kamen.
Ich ging in mein Zimmer und dachte nach, was das gewesen sein könnte.
So verbrachte ich nicht die erste Nacht.
Am Überlegen, was das gewesen ist.
Was ich hinter der Türe erlebt hatte.
Ich hatte so viele Fragen und ein Gedanke quälte mich am meisten.
Er schnitt sich in die tiefsten Wunden deiner Seele und riss sie jedes Mal auf, als ich vor der Türe lauschte und etwas verspürte, was ich nicht erklären konnte.
Aber die Frage ist:
„Sind es nur die Türen oder lösen sie in mir etwas aus, was schon in mir ist?“
Ich weiß nicht.
Diese Türen machen mir Angst.
Aber gleichzeitig lockten mich die Türen an.
Es schien so, als gäbe es dort Antworten auf meine Fragen.
Denn es gab hier keinen, den ich persönlich fragen konnte.
Jedes Mal, als ich herkam, war ich hier ganz alleine.
Ich kam hier zuerst her, als ich noch ganz klein war.
Aber das, an was ich mich erinnern kann, ist mit 4, als ich hier wach wurde.
Damals gab es noch keine Schlösser an den Türen.
Und die Türe, die bis jetzt im Türensaal steht, riecht immer noch nach Butter.
Immer wenn ich bei dieser Türe bin, nicht nur nach Butter.
Zuerst riecht es nach Butter.
Dann riecht die Türe kurz nach dem Geruch, was ich mir mit Omi verbinde, und dann nach Chlor.
Dann ändert sich nichts.
Manchmal spürt man bei gewissen Türen Kälte, die ich meistens meide.
Manche Türen sind aus Glas, aber nicht durchsichtig genug, um etwas dahinter zu verstehen.
Vor allem sind nur die langweiligsten Türen die, wo man wenigstens etwas erkennen kann.
Alle anderen sind entweder zugehämmert oder zubetoniert.
Manche sind mit etwas beschmiert.
Aber das, was mich am meisten anzieht, ist, dass ich bis jetzt keine einzige öffnen konnte.
Weder zerbrechen noch zertrümmern.
Ich habe alles versucht.








