Vor der Pforte - Der Aushang & Prolog
Halt ein, Wanderer, und lies diese Zeilen, bevor deine Hand die Klinke berührt.
Du stehst vor der Pforte zum Gasthaus „Zum wilden Bären“, tief im unbarmherzigen Thüringer Wald. Doch sei gewarnt: Was dich hinter diesem Holz erwartet, kennt weder Gnade noch weichgespülten Kitsch. Dies ist keine Herberge für glattgebügelte Helden oder Heilsbringer.
Wenn du diese Schwelle überschreitest, betrittst du eine Welt voller menschlicher Abgründe, rauer Intensität und tiefer, blutender Traumata. Hier drinnen wird ungeschminkt gelebt, gesündigt und gestorben. Wenn deine Seele empfindlich auf das Düstere, das Fleischliche und die Verwundbarkeit des Menschen reagiert, so wende dein Pferd um und reite zurück in die Sicherheit der Städte.
Für alle anderen gilt: Schlage die Pforte auf. Tritt ein in das Gasthaus. Aber jammere nicht, wenn das Schicksal die Würfel wirft.
Der große Wirt
Hinweis des Chronisten: Dies ist die zweite Reise in das dörfliche Reich von Eisenroda. Um den Bund dieser Familie und den Weg des stummen Riesen ganz zu verstehen, empfiehlt es sich zuerst den ersten Band zu lesen.
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PROLOG
Herzlich willkommen im Gasthaus „Zum wilden Bären“! Ahh, du bist es! Es freut mich ungemein, dass du wieder den weiten Weg hierher gefunden hast. Warte, ich räume nur gerade das schwere Holzfass auf die Seite ... So, das hätten wir auch schon erledigt.
Woran ich dich wiedererkannt habe? Ich bitte dich, so ein freundliches, offenes Gesicht sieht man in diesen düsteren Thüringer Wäldern wahrlich nicht alle Tage. Und ganz unter uns ... Schau dir die griesgrämigen Fratzen hier im Schankraum doch mal an: schlecht gelaunt bis hoch zum Arsch ... UND JA, ICH MEINE DICH DAMIT, WOLFGANG! Sauf gefälligst dein Dünnbier und halt die Schnauze, ich unterhalte mich hier gerade mit einem guten Freund.
Verzeih mir den rauen Ton! Wieder genau das gleiche Getränk wie beim letzten Mal?... Aber gerne doch ... Einen kleinen Moment ... Hier, bitteschön, dein Becher. Und zur Feier des Tages zapfe ich mir höchstselbst einen frischen Krug Bier ... So, fertig. Zum Wohl, mein Freund!
Ahh, das tut gut, nicht wahr? Du hattest wieder einen stressigen Tag, wie ich deutlich an deinen müden Augen sehen kann. Lass mich dir eines dazu sagen: Quäle dich nicht den lieben langen Tag mit einem spitzen Stein im Stiefel. Zieh ihn einfach aus, schmeiß das quälende Ding entschlossen weg, und im Nu läuft es sich im Leben auch wieder weitaus besser.
HAHAHA! Ja, du hast natürlich vollkommen recht: Du willst gewiss keine klugen Weisheiten von einem alten, rauen Wirt wie mir hören. Du willst jetzt natürlich brennend wissen, wie die Geschichte damals nach Erfurt weiterging.
Argh, Herrgott nochmal! Du siehst, wie ich meine Augen rolle ... Aber verzeih mir noch einen allerletzten Moment, bitte ... KÖNNT IHR BESOFFENEN BAUERN DORT HINTEN MAL NICHT SO GRAUSAM GRÖLEN?! Ich möchte hier eine Geschichte erzählen ...!
Also dann, mein Freund ... Fahren wir genau dort fort, wo wir aufgehört haben ...