Drei Rucksäcke und ein Sommer voller Möglichkeiten
Der Sommer 2026 hatte Deutschland fest im Griff.
Nicht mit glühender Hitze oder spektakulären Rekorden, sondern mit genau dem Wetter, das Wanderer liebten. Angenehm warme Tage, kühle Nächte und dieser besondere Duft nach trockenen Wiesen und Wald, der über allem lag.
An einem Freitagmorgen, kurz nach sieben Uhr, standen in drei verschiedenen Städten drei große Wanderrucksäcke bereit.
Und ihre Besitzer freuten sich auf eine entspannte Wandertour durch die Wald- und Bergregion der fränkischen Schweiz.
Tom Becker war der Erste, der fertig gepackt hatte.
Zumindest behauptete er das.
Sein Schlafzimmer sah aus, als hätte ein Outdoor-Geschäft explodiert.
Auf dem Bett lagen:
ein dunkelgrünes Trekkingzelt, ein warmer Drei-Jahreszeiten-Schlafsack, eine Isomatte, ein kleiner Gaskocher, zwei Kartuschen, Edelstahlbecher, Kochgeschirr, Taschenlampe, Stirnlampe, Batterien, Erste-Hilfe-Set und Wanderkarten der fränkischen Schweiz.
Tom war dreiunddreißig Jahre alt und arbeitete als technischer Zeichner in Koblenz.
Von Montag bis Freitag saß er vor Bildschirmen. An Wochenenden verwandelte er sich in einen selbsternannten Wildnisexperten.
Seine Freunde behaupteten allerdings, dass er sich hauptsächlich deshalb für Survival interessierte, weil er gerne teure Ausrüstung kaufte.
Tatsächlich besaß Tom drei verschiedene Kompasse. Er wusste nur nie, welcher der richtige war.
Nachdenklich betrachtete er seinen Rucksack. Dann stopfte er eine weitere Taschenlampe hinein. Zur Sicherheit. Man konnte schließlich nie wissen.
Danach folgte ein Messer. Zur Sicherheit.
Eine Notration Schokolade. Zur Sicherheit.
Ein kleines Angelset. Obwohl er seit fünfzehn Jahren keinen Fisch gefangen hatte. Aber ... zur Sicherheit.
Als der Reißverschluss kaum noch zuging, nickte er zufrieden. „Perfekt.”
Er hob den Rucksack hoch. Der Rucksack blieb stehen, Tom nicht. Mit einem überraschten Laut landete er auf dem Teppich. „Autsch ... vielleicht habe ich etwas übertrieben.”
Er überlegte. Dann nahm er das Angelset wieder heraus. Man musste ja nicht völlig verrückt werden.
Etwa achtzig Kilometer entfernt saß Ben Schneider auf seiner Küchentheke und trank Kaffee.
Ben war vierunddreißig Jahre alt und arbeitete als Buchhalter. Er war das genaue Gegenteil von Tom.
Wo Tom begeistert losstürmte, dachte Ben nach.
Wo Tom Karten verlor, machte Ben Kopien.
Wo Tom Abenteuer suchte, suchte Ben funktionierende Lösungen.
Sein Rucksack war bereits fertig. Ordentlich. Systematisch. Perfekt organisiert. Jeder Gegenstand hatte seinen Platz.
Im unteren Fach befanden sich: Schlafsack, Wechselwäsche, Handtuch
Im mittleren Fach: Lebensmittel in Form von Tütensuppen und leichten Fertiggerichten, die man schnell über dem Feuer warm machen konnte, Wasserfilter, Kochgeschirr
Im oberen Fach: Regenjacke, ein Notfallset, Taschenmesser, ein kleines Klapp-Beil und ein Feuerstahl-Set. Damit hatte er bessere Erfahrungen gemacht als mit jedem Feuerzeug.
An der Seite steckte eine zusammengerollte Landkarte der fränkischen Schweiz in der die Wanderwege besonders hervorgehoben waren. Obwohl er natürlich wusste, dass Tom sich sowieso wieder verlaufen würde.
Ben kontrollierte ein letztes Mal seine Liste. Schließlich war hinter jedem Punkt ein Häkchen.
Er mochte Listen. Listen logen nicht. Menschen schon.
Mit einem zufriedenen Nicken packte er noch einen Gegenstand ein. Ein altes Taschenbuch. “Der Graf von Monte Christo”. Er hatte es auf jeder größeren Reise dabei. Bisher war er nie über Seite 143 hinausgekommen.
Aber ... diesmal vielleicht.
In Trier öffnete Lara Hoffmann ihren Kleiderschrank.
Sie war zweiunddreißig Jahre alt und arbeitete als Historikerin am Stadtmuseum.
Von den drei Freunden war sie vermutlich die Vernünftigste. Und gleichzeitig diejenige mit der größten Neugier.
Sie liebte alte Geschichten. Alte Gebäude. Alte Karten. Alte Briefe. Und alles, was Menschen vor langer Zeit hinterlassen hatten.
Ihr Rucksack war deutlich leichter als der ihrer Freunde. Dafür sorgfältiger ausgewählt.
Sie packte:
zwei T-Shirts, ein langärmeliges Wanderhemd, eine Regenjacke, leichte Wechselkleidung, Badezeug, feste Wanderschuhe, Notizbuch, Bleistifte
Das Notizbuch war ihr besonders wichtig. Seit Jahren führte sie auf Reisen Tagebuch. Sie schrieb Beobachtungen auf. Witze. Gespräche. Manchmal zeichnete sie auch kleine Skizzen.
Zwischen die Seiten legte sie wie immer ein altes Foto. Darauf waren drei Kinder zu sehen.
Tom, Ben, und sie selbst. Um die Zwölf Jahre alt. Verschmutzte Knie, verfilzte Haare, breites Grinsen. Ein Sommernachmittag am Bach hinter ihrem Heimatdorf.
Lara lächelte. „Kaum zu glauben, dass wir immer noch gemeinsam unterwegs sind.”
Kennengelernt hatten sich die 3 bereits im Kindergarten in einem kleinen Dorf in der Eifel.
Damals war Tom davon überzeugt gewesen, dass man Piratenkapitän werden konnte.
Ben hatte erklärt, warum das statistisch unwahrscheinlich sei.
Und Lara hatte vorgeschlagen, trotzdem ein Schiff zu bauen.
Seitdem waren sie befreundet. Durch Schulwechsel, erste Lieben, Prüfungen, Studium, Beruf und Umzüge.
All die Dinge, die Freundschaften normalerweise auseinanderdriften ließen. Doch sie trafen sich mindestens ein mal im Quartal für ein Wochenende zum Essen, reden und gemeinsame Zeit verbringen. Und jedes Jahr unternahmen sie mindestens eine gemeinsame Tour im Urlaub.
Mal waren sie Rad gefahren. Mal gepaddelt. Mal einfach nur mit Rucksäcken quer durch die Eifel gewandert.
Ihre Familien nannten sie inzwischen scherzhaft: „Die drei Unverbesserlichen.”
Gegen Mittag trafen die ersten Nachrichten ein.
Tom: Rucksack wiegt 26 Kilo.
Ben: Warum?
Tom: Vorbereitung.
Ben: Auf was?
Tom: Alles.
Lara: Hast du wieder das Angelzeug dabei?
Kurze Pause. Dann:
Tom: Nein.
Weitere Pause.
Tom: Vielleicht.
Ben: Ich wusste es.
Ihr Ziel lag weit im Süden. Die Fränkische Schweiz. Eine Region voller Wälder, Felsen und Höhlen. Berühmt für ihre Karstlandschaften. Berühmt für ihre unterirdischen Systeme. Und berühmt dafür, dass noch immer nicht jede Spalte und jeder Gang vollständig erforscht war.
Genau deshalb hatte Lara das Gebiet vorgeschlagen. Sie wollten zehn Tage wandern. Mit Zelten. Ohne feste Route. Einfach dort entlanggehen, wo die Wege sie hinführten.
Keiner von ihnen ahnte, dass sie schon bald deutlich weiter vom Weg abkommen würden, als ihnen lieb war.
Kurz vor halb drei schulterte Tom seinen Rucksack. Diesmal etwas erfolgreicher, nachdem er ein wenig um- und aussortiert hatte. Mit leicht schwankendem Gang verließ er seine Wohnung.
Ben schloss sorgfältig seine Haustür ab. Kontrollierte sie zweimal. Dann ging er los.
Lara hängte sich ihren Rucksack auf den Rücken, nahm ihr Notizbuch in die Hand und schrieb den ersten Satz der Reise auf:
“Freitag, 17. Juli 2026. Wir brechen auf, erster Treffpunkt ist der Bahnhof in Koblenz. Von dort geht es weiter Richtung Bayern. Hoffentlich bleibt das Wetter schön.”
Dann steckte sie das Buch weg. Draußen schien die Sonne. Der Himmel war wolkenlos. Die Welt wirkte friedlich. Fast so, als würde sie ihr Geheimnis noch ein wenig für sich behalten wollen.
Wenig später waren alle drei auf dem Weg zum Bahnhof bzw. bereits mit dem Zug unterwegs nach Koblenz zu dem ersten Treffpunkt mit Tom.
Mit schweren Rucksäcken. Leichten Herzen. Und ohne die geringste Ahnung, dass irgendwo tief unter einem Berg bereits seit mehr als siebzig Jahren eine Überraschung auf sie wartete.