Kapitel 1- Erstarrt
Kapitel 1- Erstarrt
„Furcht besiegt mehr Menschen als irgendetwas anderes auf der Welt.“
— Ralph Waldo Emerson
Die Tür fällt ins Schloss, kurz darauf dringen die Stimmen meiner Mutter und der Jungs noch einmal gedämpft von draußen herein. Dann ist es still.
Endlich.
Ich schiebe den letzten Bissen Toast in den Mund und werfe einen Blick auf die Uhr.
Mist.
Jetzt aber schnell.
Meine Tasche wartet schon neben der Tür. Ich schnappe sie mir, zwänge mich in meine Jacke und ziehe die Tür hinter mir zu. Draußen ist es noch kühl, und während ich zur Bushaltestelle haste, löst sich natürlich eine meiner Locken aus dem Dutt. Ich puste sie mir aus dem Gesicht und versuche gar nicht erst, sie wieder hineinzustopfen. Zwecklos. Meine Haare haben noch nie besonders viel von meiner Meinung gehalten.
Der Bus steht bereits an der Haltestelle.
„Warten!“
Der Fahrer sieht mich. Begeisterung sieht anders aus, aber immerhin lässt er die Türen noch offen.
Außer mir will hier um diese Uhrzeit kaum jemand zur Schule. Die meisten Schüler wohnen in völlig anderen Gegenden, und entsprechend sieht auch die Besetzung meines morgendlichen Busses aus. Arbeitskleidung, schwere Schuhe, Kaffeebecher. Dazwischen ein paar Gestalten, bei denen ich mir ziemlich sicher bin, dass ihr gestriger Abend noch nicht offiziell beendet ist.
Ich schiebe mich an ihnen vorbei und entdecke weiter hinten zwei freie Plätze nebeneinander.
Perfekt.
Am Fenster lasse ich meine Tasche auf den Sitz neben mir sinken und lehne den Kopf gegen die Scheibe. Eine Stunde Fahrt liegt vor mir.
Jeden Morgen.
Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich diese Schule besuchen kann. Und ich wollte es mindestens genauso sehr.
Mit dem Stipendium können wir es uns leisten.
Gerade so.
Also verbringe ich jeden Morgen zwei Stunden meines Lebens in Bussen und habe dafür die Chance, später vielleicht auf eine richtig gute Uni zu kommen. Zumindest wenn alles nach Plan läuft.
Ich ziehe ein Buch aus meiner Tasche und schlage es auf.
Die erste halbe Stunde vergeht angenehm ereignislos.
Genau so mag ich es.
Unsichtbar sein gehört zu den Dingen, in denen ich wirklich gut bin. Jedenfalls meistens. Meine rotbraunen Haare arbeiten gelegentlich dagegen, besonders an Tagen wie heute, an denen sich immer mehr kleine Kringellocken aus meinem Dutt befreien.
Meine Mutter behauptet, ich solle froh darüber sein.
Meine Mutter behauptet auch, meine etwas zu vielen Kilos seien keine zu vielen Kilos, sondern Kurven, und für eine Latina gehöre sich das schließlich so.
Leicht gesagt. Sie sieht wenigstens aus wie eine.
Ich habe von ihrer Abstammung offenbar nur genug mitbekommen, um nicht ganz so kalkweiß zu sein wie Susanne, die einzige andere Naturrothaarige an unserer Schule. Dafür hat irgendeine höhere Macht wohl beschlossen, mir Haare zu verpassen, mit denen ich an schlechten Tagen aussehe, als hätte jemand einen Afro in den falschen Farbtopf geworfen.
Heute ist irgendwo zwischen einem guten und einem schlechten Tag.
Ich schiebe die nächste Locke zurück und vertiefe mich wieder in mein Buch.
Als ich eine knappe Stunde später aus dem Bus steige, hat sich die Welt um mich herum verändert. Statt müder Handwerker und leerer Straßen bestimmen jetzt Schüler mit Rucksäcken, Sporttaschen und viel zu guter Laune den Morgen.
Ich gehe mit dem Strom Richtung Schulgebäude.
Hier bin ich gerne.
Nicht unbedingt wegen der Menschen. Mit Leuten in meinem Alter klarzukommen, gehörte noch nie zu meinen besonderen Talenten. Aber dafür gibt es hier Dinge, die mir tatsächlich liegen. Mathematik. Naturwissenschaften. Und ein Förderprogramm, in dem niemand komisch guckt, wenn man eine Aufgabe freiwillig zu Ende rechnen möchte.
Mein gesellschaftlicher Coolnessfaktor liegt dadurch vermutlich irgendwo knapp über dem Gefrierpunkt.
Damit kann ich leben.
Außerdem gibt es Aby.
Als ich den Englischraum betrete, winkt sie mir bereits von unserem Platz aus zu.
Sie ist kaum zu übersehen.
Ihre kurzen Haare sind heute dunkelblau. Dazu trägt sie blaue Kniestrümpfe unter ihrem kurzen Rock und so viel blauen Lidschatten, dass ich nicht ausschließen würde, dass sie dafür heute Morgen einen eigenen Stift verbraucht hat.
„Da bist du ja Mira!“
Ich lasse mich auf den Stuhl neben ihr fallen.
Wir geben ein ziemlich lustiges Bild ab. Aby ist ungefähr 1,80 Meter groß, spindeldürr und wechselt mindestens alle zwei Wochen ihre Haarfarbe. Daneben ich: 1,65 Meter, dunkle weite Klamotten und nicht einmal Wimperntusche.
Aby bezeichnet mich regelmäßig als farblos.
Im Vergleich zu ihr ist vermutlich die gesamte Menschheit farblos.
„Billy hat mich gestern gefragt.“
Ich brauche einen Moment, um überhaupt zu verstehen, wovon sie spricht. „Was?“
„Na, Billy!“ Ihre Stimme wird noch eine Spur höher. „Wir haben uns in der Redaktion getroffen und er hat mich gefragt, ob wir einen Kaffee trinken gehen. Nur wir beide.“
Jetzt bin ich wach.
„Das wurde aber auch Zeit.“
„Oder?“ Sie strahlt mich an.
Aby arbeitet nebenbei für die Schülerzeitung und ist seit ungefähr sechs Wochen in Billy verknallt. Was bedeutet, dass auch ich seit ungefähr sechs Wochen erstaunlich viel über Billy weiß.
„Wann?“
„Morgen nach dem Basketballspiel. Gleich nach der Siegesfeier.“
Dass Aby offenbar schon fest mit einem Sieg rechnet, überrascht mich nicht besonders. Selbst ich habe mitbekommen, dass unsere Basketballmannschaft momentan ein Spiel nach dem anderen gewinnt. Und das will etwas heißen. Insgesamt habe ich vielleicht drei ihrer Spiele gesehen und könnte vermutlich nicht einmal die Hälfte der Mannschaft beim Namen nennen.
In den letzten Wochen kommt man trotzdem kaum an ihnen vorbei. Ein Sieg nach dem anderen, ständig irgendwelche Berichte in der Schülerzeitung und überall Gespräche darüber, wie lange ihre Serie wohl noch anhält.
Aby bekommt davon natürlich deutlich mehr mit als ich. Schließlich steht sie bei jedem Spiel mit ihrer Kamera am Spielfeldrand.
„Deshalb brauche ich deine Meinung.“
Ich blinzle und sehe sie wieder an. „Wozu?“
Offenbar war ich mit meinen Gedanken länger bei der Basketballmannschaft hängen geblieben, als ich dachte.
„Na, wegen morgen.“ Aby sieht mich an, als wäre das vollkommen offensichtlich. „Mein Outfit.“
Natürlich.
Noch bevor ich darauf hinweisen kann, dass sie für Modeberatung vermutlich keinen ungeeigneteren Menschen an dieser Schule finden könnte, beginnt Aby bereits, mir verschiedene Möglichkeiten aufzuzählen.
Als Mister Fischer drei Minuten später den Raum betritt, diskutiert sie gerade ernsthaft darüber, ob blaue Haare mit einem grünen Oberteil funktionieren.
Man muss Aby nicht besonders lange kennen, um zu wissen, dass sie ziemlich genau weiß, was sie will. Und wenn sie etwas beschlossen hat, scheint sie selten einen Grund zu sehen, es noch einmal infrage zu stellen.
Bei uns war das offenbar nicht anders.
Ich glaube, Aby hat irgendwann einfach beschlossen, dass wir Freundinnen sind.
Ganz genau kann ich mich nicht einmal daran erinnern, wie das passiert ist. Wir trafen uns im Englischkurs, sie fing an, mit mir zu reden, und hörte danach einfach nicht mehr damit auf.
Erst später stellten wir fest, dass wir trotz allem erstaunlich viele gemeinsame Interessen und Ansichten haben.
Seitdem sind Aby und ich Freundinnen.
Nach der Englischstunde trennen sich unsere Wege.
„Morgen!“, ruft sie mir noch hinterher. „Du kommst zum Spiel!“
„Das habe ich nie gesagt!“
„Aber gedacht!“
Habe ich nicht.
Grinsend schüttele ich den Kopf und beschleunige meine Schritte. Mein Physikkurs findet im Nebentrakt statt, und wenn ich mich nicht beeile, komme ich zu spät.
Aus dem Flur vor mir dringen Stimmen.
Laute Stimmen.
Ich biege um die Ecke – und bleibe so abrupt stehen, dass meine Tasche gegen meine Hüfte schlägt.
Drei Jungs stehen wenige Meter entfernt.
Nein.
Zwei stehen.
Der dritte wird gegen die Schließfächer gedrückt.
Bob und Jason erkenne ich sofort. Die beiden spielen Eishockey und sehen auch genauso aus: groß, breit und ungefähr so, als könnten sie mich zusammen mit meiner Schultasche unter einen Arm klemmen.
Vor ihnen steckt Jeremy.
Er ist in meinem Jahrgang. Ruhig, unauffällig und normalerweise einer dieser Menschen, die man auf dem Flur kaum bemerkt.
Im Moment ist es allerdings ziemlich schwierig, ihn nicht zu bemerken.
Eigentlich müsste ich irgendetwas tun.
Aber ich bin wie erstarrt.
In meinem Magen zieht sich alles zu einem festen Knoten zusammen, und unter meinem Sweatshirt wird es plötzlich viel zu warm. Meine Finger umklammern den Träger meiner Tasche.
Sag etwas.
Irgendetwas.
Doch seit diesem verdammten Tag im letzten Jahr komme ich mit Gewalt nicht mehr klar. Mein Kopf ist leer. Oder vielleicht auch ganz woanders. Jedenfalls schaffe ich es nicht einmal, den Mund aufzumachen.
Nicht, als Jason Jeremy gegen die Schließfächer drückt.
Nicht einmal, als seine Faust in Jeremys Bauch landet.
Das dumpfe Geräusch des Schlags lässt mich zusammenzucken. Jeremy stößt ein gepresstes Stöhnen aus und krümmt sich, soweit Jasons Griff es zulässt.
Ich müsste etwas sagen.
Hilfe holen.
Irgendwas.
Jason holt erneut aus.
Doch bevor seine Faust Jeremy ein zweites Mal treffen kann, liegt er plötzlich auf dem Boden.
Ich brauche einen Moment, um überhaupt zu begreifen, was passiert ist.
Über ihm kniet Liam Wonnings.
Seine Faust trifft Jasons Gesicht.
War das gerade ein Knacken?
Scheiße.
Liam Wonnings ist der Star unserer Basketballmannschaft. Selbst jemand wie ich, der sich nicht besonders für Basketball interessiert, kennt ihn. Allerdings nicht nur wegen seiner Leistungen auf dem Spielfeld. Für seine Ausraster ist er beinahe genauso bekannt.
Und gerade sieht er verdammt wütend aus.
Eigentlich müsste es in so einer Situation laut sein. Rufe, Schritte, irgendetwas. Stattdessen höre ich plötzlich fast nichts mehr. Als würde der ganze Flur für einen Moment den Atem anhalten.
Vielleicht ist das aber auch nur meine Schockstarre.
Zwei weitere Jungs aus dem Basketballteam kommen angerannt und packen Liam von hinten. Sie ziehen ihn von Jason herunter.
Oder versuchen es zumindest.
Beim ersten Mal reißt Liam sich beinahe wieder los. Erst als sie ihn erneut zurückzerren, hält er plötzlich inne.
Er schüttelt den Kopf.
Nur einmal, kurz und heftig. Fast, als müsste er sich selbst wachrütteln.
Dann lösen sich seine Finger von Jasons Hemdkragen.
Liam kommt auf die Füße und verschwindet, ohne sich noch einmal umzusehen, mit großen Schritten in Richtung des nächsten Ganges. Als er an mir vorbeigeht, höre ich ihn leise murmeln.
„Verdammte Arschlöcher. Immer nur auf die Schwächeren.“
Es klingt, als würde er eher mit sich selbst sprechen als mit irgendjemandem von uns.
Dann ist er weg.
Auch die beiden anderen Jungs aus dem Basketballteam verschwinden schleunigst, noch bevor irgendein Lehrer mitbekommt, was hier gerade passiert ist.
Bob hilft Jason auf die Beine. Jason hält sich die Nase, und in seinen Augen glitzert etwas verdächtig nach Tränen.
Für einen winzigen Moment empfinde ich so etwas wie Genugtuung.
Dann kommen die beiden auf mich zu.
Meine eben erst etwas lockerer gewordenen Finger schließen sich wieder fest um meinen Taschengurt.
„Was glotzt du so?“
Bobs Stimme reißt mich aus meiner Erstarrung.
Sofort senke ich den Blick. Vielleicht gehen sie einfach weiter. Vielleicht reicht es, wenn ich so tue, als hätte ich überhaupt nichts gesehen. Wie um meinen viel zu schnellen Herzschlag noch zu unterstreichen, beginnt plötzlich eine der Neonröhren über mir zu flackern.
Ihre Schritte stoppen direkt vor mir.
„Du bist ja hoffentlich keine Petze.“
Es ist keine Frage.
Ich schüttele hastig den Kopf und merke erst dabei, dass ich die Luft angehalten habe.
Einen Moment passiert nichts.
Dann setzen sich ihre Schritte wieder in Bewegung.
Erst als sie hinter mir verhallen, atme ich aus.
Am liebsten würde ich im Boden versinken.
Ständig lese ich Geschichten über Helden. Bücher, Comics, alles Mögliche. Menschen, die im richtigen Moment das Richtige tun, egal wie viel Angst sie haben.
Und ich?
Ich bin nicht einmal in der Lage, den Mund aufzumachen, während jemand direkt vor meinen Augen verprügelt wird.
Wirklich super, Mira.
Dass ausgerechnet Liam Wonnings den Retter spielen würde, hätte ich allerdings in hundert Jahren nicht erwartet.
„Verdammt.“
Das leise, gepresste Wort lässt mich herumfahren.
Jeremy.
Er liegt noch immer halb auf dem Boden, den Rücken gegen eines der Schließfächer gelehnt.
Scheiße. Ich hatte ihn für einen Moment vollkommen vergessen.
Sofort gehe ich zu ihm.
Wenigstens jetzt kann ich nach ihm sehen.