Kapitel 1
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Delia
Der Geruch von frisch gebackenen Tartelettes, Zitrone und Vanille lag schwer in der kleinen Küche von Ross Catering. Ich zog das letzte Blech aus dem Ofen, während der heiße Dampf mein Gesicht traf und mir ein kleines Lächeln auf die Lippen zauberte.
Heute war der Tag. Der Tag, auf den meine Eltern und ich monatelang hingearbeitet hatten.
Ich strich mir eine wilde Strähne meines kastanienbraunen Haares hinter das Ohr, die sich aus meinem lockeren Knoten gelöst hatte. Mein Vater hatte immer gesagt, dass meine Haare die Farbe von frischen Esskastanien im Herbst hatten – tief, warm und vollkommen ungezähmt. Ich blickte kurz im Vorbeigehen in den kleinen Spiegel neben der Vorratskammer. Meine leuchtend grünen Augen wirkten heute noch größer als sonst, getränkt von der puren Vorfreude. Ich wischte mir eine feine Spur aus Mehl von der Wange.
Für den heutigen Abend hatte ich mir extra Mühe gegeben. Da es sich um ein Event der absoluten Spitzenklasse handelte, trug ich eine dunkelblaue, gut sitzende Stoffhose und eine schlichte, weiße Seidenbluse, deren Ärmel ich bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte. Nichts Spektakuläres, aber sauber, professionell und ordentlich. Ich war nie die Frau für schicke Abendkleider oder teure Marken gewesen, doch ich liebte es, wenn meine Arbeit für sich sprach.
„Delia, Schätzchen, bist du fast fertig? Der Transporter steht bereit“, rief meine Mutter aus dem Verkaufsraum. Ihre Stimme zitterte leicht vor Nervosität.
„Alles bereit, Mum!“, rief ich zurück und schloss vorsichtig die Transportschachteln.
Wir hatten den Zuschlag für das Catering der exklusiven Wohltätigkeitsgala im Velvet bekommen – dem luxuriösesten Club der Stadt. Wenn heute Abend alles glattging, würden die Aufträge der Oberschicht unser kleines Familienunternehmen für das gesamte nächste Jahr absichern. Es war die Rettung, auf die wir so dringend gewartet hatten.
Gegen zwanzig Uhr stand ich in der VIP-Lounge des Velvet. Die Atmosphäre war erdrückend. Glitzernde Kronleuchter warfen warmes Licht auf teuren Marmor, der Champagner floss in Strömen, und die Frauen trugen Kleider, die vermutlich mehr kosteten als unser Lieferwagen. Ich lief mit einem schweren Tablett voller filigraner Fingerfood-Kreationen durch die Menge, darauf bedacht, dass jedes einzelne Häppchen perfekt platziert war.
Ich gab mir unendliche Mühe. Ich lächelte höflich, steckte die Arroganz mancher Gäste weg und konzentrierte mich vollkommen auf meinen Job.
Bis ich das Gespräch am zentralen Separee mitbekam.
Ein Mann saß dort auf einer tiefschwarzen Ledercouch. Er trug einen maßgeschneiderten, kohlefahlen Anzug, der seine breiten, massiven Schultern perfekt betonte. Er wirkte riesig, selbst im Sitzen. Seine pechschwarzen Haare waren leicht verwuschelt, und an seiner Seite klebte eine blonde Frau in einem tief ausgeschnittenen Seidenkleid.
Doch was mich erstarren ließ, war das kalte, beiläufige Gespräch, das er mit dem Eventmanager des Clubs führte.
„Schaff mir diesen Billig-Fraß aus den Augen“, raunte der Mann. Seine Stimme war kein normaler Laut, sondern ein tiefes, raues Bassgrollen, das mir die Nackenhaare aufstellte. Er würdigte das aufwendig arrangierte Buffet keines Blicks. „Der Vertrag mit Ross Catering wird gecancelt. Sofort. Das entspricht nicht meinen Standards. Ich will das Zeug hier nicht sehen.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Mein Atem stockte. Gecancelt?
Ich sah zu den Häppchen, für die meine Eltern und ich seit vier Uhr morgens in der Küche gestanden hatten. Es gab keinen Grund. Es war perfekt. Dieser Mann ruhte sich einfach auf seiner Macht aus und zerschmetterte die Existenz meiner Familie mit einem einzigen, beiläufigen Satz.
Die Wut kochte in mir hoch. Sie war so heiß, dass die Angst augenblicklich verdunstete. Ich stellte das Tablett auf einem Stehtisch ab, ballte die Hände zu Fäusten und schritt direkt auf das Separee zu.
„Sie sind ein furchtbares Scheusal, Herr Mercer.“
Die Worte verließen meinen Mund, bevor mein Verstand die Notbremse ziehen konnte.
Im selben Bruchteil einer Sekunde verstummte das Gemurmel in der VIP-Lounge. Das Klingen der Gläser starb ab.
Jared Mercer bewegte sich erst nicht. Er hielt sein Glas Scotch midway in der Luft. Dann hob er langsam den Kopf.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als ich das erste Mal sein Gesicht vollkommen sah. Er war umwerfend attraktiv, aber auf eine gefährliche, raubtierhafte Art. Sein Kiefer war scharf geschnitten, doch das Schrecklichste waren seine Augen: Sie hatten die Farbe von eiskaltem, schimmerndem Bernsteingold. Sie verengten sich zu zwei gefährlichen Schlitzen, während sein Blick mich durchbohrte.
„Wie bitte?“, fragte er leise.
„Sie haben mich schon verstanden“, erwiderte ich und zwang mein Kinn nach oben. Ich ließ mir das Zittern meiner Knie nicht anmerken. „Sie haben das Catering-Unternehmen meiner Familie mit einem einzigen Satz ruiniert! Meine Eltern haben jahrelang geschuftet. Sie können ihnen nicht einfach die Existenz rauben, nur weil Ihr Ego gekränkt ist!“
Jared stellte sein Glas ab. Dann erhob er sich.
Mein Atem raubte sich von selbst. Er war gigantisch. Ein gewaltiges, stahlhartes Massiv aus Muskeln und dunkler Aura. Er ragte gute zwei Köpfe über mir auf, baute sich vor mir auf und versperrte mir augenblicklich jedes Licht. Der Duft von teurem Leder, rauchigem Holz und einer gefährlichen Männlichkeit schoss mir direkt in die Lunge.
Er machte einen einzigen Schritt auf mich zu. Die Blonde an seiner Seite schien für ihn in Luft aufgelöst zu sein. Seine goldenen Augen scannten mein Gesicht – von den weit aufgerissenen grünen Augen über meine wangenrote Haut bis hinab zu meinen Blusenärmeln.
„Du bist also die Tochter von Ross“, raunte er, so dicht an mir, dass die Spitze seiner polierten Schuhe meine Schuhe berührte. „Die kleine, freche Delia.“
Er hob die Hand. Seine breite, sehnige Hand mit den verdeckten Knöcheln strich mit dem Zeigefinger über die kastanienbraune Strähne, die mir ins Gesicht gefallen war. Seine Fingerkuppe war raubtierhaft warm.
„Frech“, flüsterte er knapp an meinem Ohr, und sein heißer Atem ließ einen elektrisierenden Schauer durch meine Wirbelsäule schießen. „Ein kleiner, ungezogener Schmetterling, der glaubt, er könnte in mein Netz fliegen und Forderungen stellen.“
Ich riss den Kopf nach hinten und schlug seine Hand weg. Das Klatschen hallte durch den Raum.
„Fassen Sie mich nicht an!“, keuchte ich wütend.
Jared sah auf seinen Handrücken. Kein Funken Wut war in seinen goldenen Augen zu sehen. Nur eine abgrundtiefe, faszinierte Dunkelheit.
Er sah mich wieder an. Der Blick brannte Löcher in meine Seele.
„Du hast keine Ahnung, mit wem du spielst, Delia Ross“, sagte er leise, und in diesem Tonfall lag ein Versprechen, das mein Blut in den Adern gefrieren ließ. „Geh nach Hause. Genieße den letzten Abend deines alten Lebens. Wir sprechen uns morgen früh.“