Hinter dir, Hubert

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Zusammenfassung

Hubert Fink ist Jäger aus Überzeugung. Geduldig liegt er im Wald auf der Pirsch, das Fernglas fest im Griff und den Blick auf alles gerichtet, was sich zwischen den Bäumen bewegt. Nur eines entgeht ihm. Etwas Großes. Etwas Pelziges. Und etwas, das Hubert bereits sehr genau beobachtet. Als ausgerechnet der Jäger selbst zum Gegenstand fremder Aufmerksamkeit wird, nimmt der Morgen eine Richtung, mit der er ganz sicher nicht gerechnet hat. „Hinter dir, Hubert“ ist eine humorvolle Kurzgeschichte über einen Mann, der glaubt, den Wald zu kennen, und eine Begegnung, die ihm zeigt, dass die Natur manchmal ihren ganz eigenen Sinn für Humor hat.

Status:
Complete
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Hinter dir, Hubert

Hubert Fink war ein Mann, der von sich behauptete, den Wald zu verstehen. Der Wald hatte dazu bisher keine Stellungnahme abgegeben. Wahrscheinlich aus Höflichkeit.

Seit kurz nach sechs Uhr morgens lag Hubert bäuchlings hinter einem umgestürzten Baumstamm, das Fernglas vor den Augen, die Flinte griffbereit neben sich und die Überzeugung fest im Herzen, dass er praktisch mit der Natur verschmolzen war.

Diese Überzeugung war bemerkenswert.

Vor allem deshalb, weil Hubert eine moosgrüne Jacke trug, die bei jeder Bewegung raschelte wie eine Tüte Kartoffelchips, seine Thermoskanne bereits zweimal gegen eine Wurzel gestoßen war und er vor ungefähr zwanzig Minuten so laut geniest hatte, dass drei Amseln, ein Eichhörnchen und vermutlich sämtliche Rehe im Umkreis von zwei Kilometern spontan beschlossen hatten, ihren Wohnsitz zu verlegen.

Aber Hubert war zufrieden.

»Perfekt«, murmelte er.

Hinter ihm stand ein Bär.

Der Bär hieß natürlich nicht Bruno. Den Namen hatte sich der Bär irgendwann selbst gegeben. Bären führten keine Geburtsurkunden, und die Verwaltung des Waldes war erfreulich überschaubar. Aber wäre jemand auf die Idee gekommen, ihn zu fragen, hätte er vermutlich Bruno akzeptiert. Es war kurz, verständlich und klang deutlich besser als »AAAAAH! EIN BÄR!«, was Menschen üblicherweise riefen, wenn sie ihn sahen.

Bruno betrachtete Hubert bereits eine ganze Weile. Zuerst hatte er gedacht, der Mensch sei verletzt. Dann hatte er geglaubt, er suche etwas.

Mittlerweile war Bruno zu dem Schluss gekommen, dass Menschen offenbar freiwillig stundenlang im Dreck lagen, um andere Tiere dabei zu beobachten, wie sie vernünftige und normale Tätigkeiten nachgingen.

Gras fressen.

Nüsse sammeln.

Schlafen.

Nicht im Dreck liegen und durch zwei Glasröhren starren, wie Hubert.

Bruno verschränkte die Vorderpfoten vor der Brust, denn er konnte ausgesprochen geduldig sein.

Man musste als Bär geduldig sein. Besonders wenn man regelmäßig mit Menschen zu tun bekam. Menschen benötigten für Dinge erschreckend lange, die jedes halbwegs vernünftige Tier innerhalb weniger Sekunden begriff.

Zum Beispiel: Ein Bär hinter dir ist normalerweise wichtiger als ein Reh vor dir, und Hubert hatte diesen Entwicklungsschritt wohl noch nicht erreicht.

»Da bist du ja«, flüsterte Hubert plötzlich.

Bruno richtete interessiert den Kopf auf, und Hubert spannte sich an, weil zwischen den Bäumen sich etwas bewegte.

Ein Schatten.

Braunes Fell.

Huberts Herz schlug schneller.

»Hab ich dich!« Bruno beugte sich ein wenig nach vorne. Jetzt wollte er ebenfalls wissen, wen Hubert erspäht hatte.

Vielleicht war es interessant. Vielleicht gab es Essen. Meistens war es leider nur ein Reh und Hubert hob das Fernglas.

»Komm schon … noch ein Stück.« Bruno sah über seine Schulter hinweg.

Tatsächlich.

Ein Reh.

Das Reh blieb zwischen zwei Bäumen stehen, hob den Kopf und blickte direkt in Huberts Richtung. Dann sah es Bruno und erstarrte.

Bruno nickte ihm höflich zu. Das Reh nickte nicht zurück. Arrogantes Vieh. Es drehte sich um, verschwand und Hubert senkte das Fernglas.

»Verdammt!«, murrte Hubert und Bruno überlegte kurz.

Dann sagte er: »Vielleicht hat es dich gesehen.« Hubert nickte nachdenklich.

»Ja, wahrscheinlich«, antwortete er.

Zwei Sekunden vergingen. Drei. Und Huberts Gesicht veränderte sich.

Sehr langsam. Es war faszinierend, da zuzusehen.

Bruno konnte praktisch dabei zusehen, wie einzelne Gedanken mühsam durch Huberts Gehirn marschierten. Vielleicht Formulare ausfüllten, an verschiedenen Schaltern abgestempelt wurden und schließlich die zuständige Abteilung erreichten.

Hubert erstarrte. »Was …« Bruno wartete. »… war das?«

»Ich sagte, vielleicht hat es dich gesehen«, sagte Bruno noch einmal.

Hubert bewegte den Kopf nicht.

»Da hat jemand gesprochen.«

»Gut beobachtet.« Huberts Finger schlossen sich um das Fernglas.

»Wer ist da?« Bruno sah sich demonstrativ um.

»Nun, wir haben hier dich, mich, ungefähr sechzehn Bäume, ein paar Pilze und irgendwo ein beleidigtes Reh. Ich würde auf mich tippen. Die Pilze sind heute eher schweigsam.«

Hubert schluckte sichtlich und sehr langsam drehte er den Kopf.

Zuerst sah er Fell.

Viel Fell.

Dann einen Bauch.

Noch mehr Fell.

Dann Brust.

Schultern.

Und schließlich einen Bärenkopf, der ungefähr einen Meter über ihm schwebte und ihn interessiert betrachtete.

Hubert ließ das Fernglas fallen.

»Heilige Scheiße!«, rief Hubert aus und Bruno verzog das Gesicht.

»Das war bisher tatsächlich eine der höflicheren Begrüßungen die ich gehört habe.«

Hubert rührte sich nicht. Nicht einmal seine Augenlider bewegten sich und Bruno wartete.

»Du …«

»Ja.«

»Du bist …«

»Ja.«

»Ein …«

»Wenn du jetzt ›Hamster‹ sagst, nehme ich es persönlich.«

Hubert schloss kurz die Augen. Vielleicht, dachte er, hatte er einen Schlaganfall. Vielleicht war er eingeschlafen. Vielleicht hatte jemand etwas in seinen Kaffee getan und er öffnete die Augen wieder.

Der Bär war noch da. Halluzinationen hatten heute offenbar Feierabend.

»Du kannst sprechen?«, fragte Hubert und Bruno seufzte.

»Menschen sind bemerkenswert. Ich habe gerade mehrere vollständige Sätze gesagt, und deine Schlussfolgerung lautet: Du kannst sprechen.«

Hubert setzte sich vorsichtig auf. Seine Flinte lag nun neben ihm und sein Blick glitt kurz dorthin.

Brunos ebenfalls, dann sah der Bär Hubert wieder an.

»Ich würde das lassen.« Huberts Hand blieb mitten in der Bewegung stehen.

»Was?«

»Das da.«

»Ich wollte gar nichts.«

»Natürlich nicht.«

»Wirklich.«

»Du wolltest bestimmt nur prüfen, ob die Flinte bequem liegt.« Hubert zog die Hand zurück.

»Ich bin Jäger.«

»Das hatte ich mir gedacht.« Bruno setzte sich. Das verursachte ein dumpfes Geräusch und ließ einige Blätter aufspringen und Vögel davon flattern.

Hubert rückte unwillkürlich ein paar Zentimeter zurück und Bruno bemerkte es.

»Keine Sorge.«

»Keine Sorge?«

»Im Moment nicht.«

»Was soll das heißen, im Moment nicht?«, fragte Hubert leicht ängstlich und Bruno dachte darüber nach.

»Dass deine Lage dann schlechter werden könnte.« Hubert wurde blass.

»Willst du mich fressen?« Bruno starrte ihn an. Dann blickte er an Hubert hinunter. Wieder hinauf. Und noch einmal hinunter.

»Nein.« Hubert atmete hörbar aus. Bruno sagte schließlich: »Zu viel Funktionskleidung.«

Hubert hörte auf auszuatmen.

»Was?«

»Polyester.«

»Meine Jacke ist hochwertig!«

»Für Menschen vielleicht. Ich bevorzuge Lebensmittel ohne Reißverschluss.«

Hubert sah ihn an und Bruno sah zurück.

Es entstand jene besondere Form von Stille, in der ein Mensch verzweifelt versucht, herauszufinden, ob ein Bär gerade einen Witz gemacht hat.

»Du verarschst mich?!«, rief Hubert aus und Bruno legte eine Tatze an die Brust.

»Ich? Niemals.«

»Das war Sarkasmus.« Bruno nickte.

»Sehr schön. Wir machen Fortschritte.«

Hubert atmete tief ein. Seine Würde versuchte offenbar gerade, sich aus der Situation zu retten. Sie fand jedoch keinen geeigneten Fluchtweg.

»Seit wann können Bären sprechen?«

»Seit wann könnt ihr Menschen sprechen?«

»Das ist etwas völlig anderes.«

»Das sagen Menschen erstaunlich oft, wenn ihnen eine Antwort nicht gefällt.« Hubert rieb sich über das Gesicht.

»Das passiert nicht.«

»Du liegst seit Stunden hinter einem Baum und hoffst darauf, dass ein Tier vorbeikommt, damit du es erschießen kannst.« Bruno deutete auf sich. »Jetzt steht eines hinter dir und unterhält sich mit dir. Ich verstehe dein Problem nicht. Eigentlich läuft dein Hobby außergewöhnlich erfolgreich.«

Hubert öffnete den Mund. Schloss ihn wieder und öffnete ihn erneut.

Bruno nickte anerkennend. »Beeindruckend. Ganz ohne Worte.«

»Ich jage nicht einfach irgendetwas.«

»Aha!«

»Es gibt Regeln.«

»Natürlich gibt es Regeln.«

»Schonzeiten, Abschusspläne, Wildbestand, Forstschutz …« versuchte Hubert sich zu verteidigen.

»Menschen lieben Regeln.« Unterbrach Bruno ihn und zupfte ein Blatt aus seinem Fell. »Ihr erfindet erst Probleme, dann Tabellen und schließlich jemanden, der die Tabellen verwaltet.«

Hubert runzelte die Stirn.

»Jagd ist wichtig.« Bruno nickte bestätigend.

»Kann sein«, antwortete der Bär dann und Hubert blinzelte. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet.

»Kann sein?«

»Natürlich.« Bruno lehnte sich gegen einen Baumstamm. »Ich bin ein Bär, kein Ideologe.« Er zeigte in den Wald. »Zu viele Tiere, zu wenig Nahrung, Krankheiten, Schäden. Natur ist kein Disneyfilm. Da wird gefressen, verhungert, gebissen und gestorben.«

Hubert hob eine Augenbraue und sagte: »Das ist überraschend vernünftig.«

»Danke. Von einem Mann, der eine halbe Stunde lang versucht hat, ein Eichhörnchen mit dem Fernglas einzufangen, nehme ich, dass als großes Kompliment.«

»Ich habe kein Eichhörnchen beobachtet.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch.«

»Das war ein …« Hubert verstummte und Bruno wartete. »… kleines Reh.« Der Bär starrte ihn an.

»Hubert.« Huberts Kopf zuckte hoch.

»Woher weißt du meinen Namen?«, fragte er und Bruno deutete auf seine Jagdtasche.

Darauf war ein Aufnäher.

HUBERT FINK – JAGDVEREIN WALDESRUH

Hubert sah hin.

»Ach.«

»Großer Detektiv.«

»Hör auf.«

»Ich versuche es.«

Hubert betrachtete den Bären nun genauer und seltsamerweise ließ seine Angst nach. Nicht vollständig. Schließlich saß dort noch immer ein Tier, das ihn vermutlich mit einer einzigen Tatze über den nächsten Brombeerbusch hätte befördern können. Aber es war schwierig, gleichzeitig Todesangst vor jemandem zu haben und sich von ihm wegen eines Eichhörnchens verspotten zu lassen.

»Und du?«

»Was?«

»Wie heißt du?« Bruno dachte kurz nach.

»Bruno.« Hubert verzog das Gesicht.

»Ernsthaft?«

»Nein.«

»Was?«

»Ihr Menschen nennt jeden zweiten Bären Bruno. Ich dachte, ich mache es dir einfach.« Hubert musste lachen, obwohl er versuchte, es zu unterdrücken. Es funktionierte nicht und Bruno beobachtete ihn. »Da. Schon besser.«

»Was?«

»Du siehst weniger aus, als würdest du gleich bewusstlos werden.«

»Du bist ein sprechender Bär!«

»Und du bist ein sprechender Hubert. Trotzdem bewahre ich Haltung.« Hubert schüttelte den Kopf.

»Das glaubt mir keiner.«

»Das wäre vielleicht besser.«

»Warum?«, fragte Hubert und Bruno sah ihn lange an.

»Hubert.«

»Ja?«

»Was glaubst du, passiert, wenn Menschen erfahren, dass hier ein sprechender Bär lebt?«, fragte Bruno und Hubert dachte nach, danach lächelte er verlegen.

»Wissenschaftler.«

»Mhm.« Bruno nickte.

»Fernsehen.«

»Mhm.« Bruno nickte wieder.

»Journalisten.«

»Weiter.« Dies untermalte er mit einer schwingenden Tatze.

»Touristen.« Bei dem Wort verzog Bruno angewidert das Gesicht und Hubert nickte verstehend. »Influencer.« Bruno schloss die Augen. Influencer waren schlimmer als Touristen, die brauchte niemand, das arme Internet. Verdummung für Teenies, die alles glaubten, was da gezeigt wurde.

»Genau.« Bruno winkte weiter.

»Selfies.«

»Hör auf.« Jetzt erstarrte er.

»TikTok.«

»Hubert ...«, mahnte Bruno.

»Merchandise.« Bruno öffnete dann doch die Augen. Allein die Vorstellung, auf ein T-Shirt abgebildet zu sein, verursachte ein Würgreflex.

»Wenn du ›Plüschbär‹ sagst, fresse ich doch den Reißverschluss.«

Hubert grinste und sagte: »Also gut.« Er nahm seine Thermoskanne. »Friedensangebot?« Hubert öffnete diese und Bruno schnupperte.

»Was ist das?«

»Kaffee.« Der Bär rümpfte die Nase.

»Ihr trinkt das freiwillig?«, fragte Bruno und schnupperte dann doch. Hubert sah ihn empört an.

»Jetzt gehst du zu weit.«

»Es riecht verbrannt.«

»Das ist Kaffee!«

»Wenn du das so nennst.«

»Ohne Kaffee funktioniert kein Mensch.«

»Das würde einiges erklären.«

Hubert ignorierte den Bären und nahm einen kräftigen Schluck. Bruno sah ihm zu, als beobachte er ein Tier bei einem ausgesprochen fragwürdigen Paarungsritual.

»Ihr kocht Bohnen, verbrennt sie, mahlt sie, gießt heißes Wasser darüber und werdet aggressiv, wenn ihr es morgens nicht bekommt.«

»Ja.«

»Und ihr nennt uns wilde Tiere?« Das war in dem Sinn keine Frage, sondern eine Feststellung und Hubert nickte langsam. »Faszinierende Spezies.«

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.

Die Sonne fiel schräg durch die Bäume. Staub und winzige Insekten schwebten im Licht. Irgendwo klopfte ein Specht gegen einen Stamm. Hubert legte das Fernglas wieder an, weil der Meinung war, genug Pause gehabt zu haben und Bruno beugte sich neugierig herunter.

»Was suchst du jetzt?«

»Einen Hirsch.«

»Warum?«

»Ich möchte ihn beobachten.«

»Nur beobachten?«, fragte Bruno und Hubert sah kurz zu seiner Flinte, dann wieder in den Wald. Kurz schnaufte Hubert, denn was schießen würde heute wohl nicht mehr passieren.

»Heute ja.«

Bruno schwieg und nach einigen Sekunden sagte er: »Links.«

»Was?«

»Weiter links.« Hubert drehte das Fernglas und zwischen den Bäumen stand ein prächtiger Hirsch.

Ruhig.

Majestätisch.

Das Geweih zeichnete sich dunkel gegen das goldene Licht ab und Hubert hielt den Atem an.

»Wahnsinn. Ist der prächtig« Bruno nickte.

»Der kommt jeden Morgen vorbei.« Hubert senkte langsam das Fernglas und dreht sich um.

»Du kennst ihn?«

»Natürlich.«

»Wie heißt er?«

»Kevin.«

Hubert zuckte zusammen. Er hatte das Gefühl, sich verhört zu haben.

»Kevin?«

»Nein.« Bruno grinste. »Aber dein Gesicht war ausgezeichnet.«

Hubert lachte so laut, dass der Hirsch erschrocken den Kopf hob.

»Verdammt!«, rief Huber aus und das Tier sprang davon. Hubert sah ihm trauernd hinterher. Dann blickte er Bruno an.

»Das war deine Schuld«, schimpfte Hubert.

»Du hast gelacht.«

»Deinetwegen.«

»Selbstverantwortung, Hubert.«

»Du bist unerträglich.«

»Ich bin ein Bär.«

»Das ist dasselbe.«

Bruno erhob sich, schüttelte sich und sagte: »Gut. Dann gehe ich jetzt frühstücken.«

Hubert wurde vorsichtig.

»Was frühstückst du?«, fragte er und der Bär sah ihn lange an. Sehr lange. Dann glitt sein Blick demonstrativ über Huberts Körper und Hubert erstarrte. Danach machte Bruno einen Schritt auf ihn zu und Hubert griff nach seiner Flinte. Aber der Bär ging an ihm vorbei.

Hinter dem Baumstamm lag Huberts grüner Rucksack und Bruno öffnete ihn mit einer Kralle.

»Hey!«, rief Huber, aber der Bär zog ein belegtes Brot heraus. »Das ist meins!«

»Jetzt nicht mehr«, erwiderte Bruno.

»Da ist Schinken drauf!«, versuchte Hubert sein Brot zu verteidigen, und Bruno schnupperte.

»Ausgezeichnet.«

»Du kannst doch nicht einfach mein Frühstück klauen!«

Bruno ignorierte ihn, setzte sich einige Meter entfernt hin und biss hinein. Mit Papier. Er kaute, verzog das Gesicht und spuckte das Papier aus.

»Menschen.«

»Was?«

»Ihr wickelt Essen ein.«

»Natürlich.«

»Warum?«

»Damit es frisch bleibt.«

»Es war in einer Plastiktüte.«

»Ja.«

»In einer Brotdose.«

»Ja.«

»In einem Rucksack.«

»Ja«, antwortete Hubert und Bruno sah ihn fassungslos an.

»Ihr habt Angst vor Luft.«

Hubert deutete empört auf sein Brot und rief: »Gib das her!« Aber Bruno nahm einen weiteren Bissen.

»Du hast noch eins«, sagte er kauend und Hubert sah in den Rucksack. Dann zum Bär und wieder zurück.

»Woher weißt du das?«

»Hab´s gerochen.«

»Das ist unfair.«

»Nein, Evolution.«

Hubert setzte sich wieder hinter seinen Baumstamm, holte das zweite Brot heraus, wickelte es aus und Bruno beobachtete ihn. Dann hob er sein gestohlenes Brot und biss wieder rein.

»Dann guten.« Hubert hob seines ebenfalls.

»Ein guten.« Sie nickten sich zu. Ein Jäger und ein Bär. Mitten im Wald. Beim Frühstück und zehn Minuten später sagte Hubert: »Bruno?«

»Hm?«

»Wenn ich morgen wiederkomme …« Der Bär kaute weiter. »… bist du dann auch hier?«

Bruno schluckte, überlegte kurz und nickte. »Bring Honig mit.«

Hubert grinste und sagte. »Abgemacht.«

Bruno deutete auf ihn.

»Und keine Influencer.«

»Versprochen.«

»Keine Wissenschaftler.«

»Versprochen.«

»Keine Plüschtiere.«

»Versprochen.«

Bruno dachte nach und sagte nach ein paar Sekunden: »Kaffee kannst du ebenfalls zu Hause lassen.« Hubert sah ihn finster an.

»Jetzt übertreibst du.«

Bruno seufzte: »Menschen.«

Man konnte mit ihnen über Leben und Tod reden, über Jagd, Natur, Wissenschaft und die komplizierte Koexistenz verschiedener Spezies. Aber wehe, man kritisierte ihren Kaffee. Dann hörte die Zivilisation schlagartig auf zu existieren und Bruno grinste.

Vielleicht mochte er Hubert doch ein bisschen. Was bedauerlich war.

So etwas sprach sich im Wald schnell herum. Besonders, wenn man einfach Kevin genannt wurde.