Chapter 1- Ein neues Leben
Sieben Jahre waren vergangen, seit die sechs Freunde das Gebäude verlassen hatten. Sieben Jahre, seit sie erfahren hatten, dass draußen viel mehr Zeit vergangen war, als sie selbst erlebt hatten. Sieben Jahre, in denen sich ihr Leben komplett verändert hatte. Aus den Jugendlichen von damals waren Erwachsene geworden. Sie hatten ihre Familien wiedergefunden, ihre alten Leben neu aufgebaut und versucht, die Jahre nachzuholen, die ihnen genommen worden waren. Und obwohl sie nie darüber gesprochen hatten, wussten sie alle, dass diese gemeinsame Vergangenheit sie für immer miteinander verbinden würde. An diesem Samstagmorgen lag Juliet erschöpft, aber glücklich in ihrem Bett und sah auf das kleine Bündel in ihren Armen. Milan. Ihr Sohn. Sie strich vorsichtig über seinen kleinen Kopf und lächelte. "Hallo, Milan", flüsterte sie. Ethan saß direkt neben ihr und konnte den Blick kaum von seinem Sohn abwenden. "Ich kann immer noch nicht glauben, dass er wirklich da ist." Juliet lächelte. "Ich auch nicht." Ethan nahm vorsichtig Milans winzige Hand zwischen seine Finger. "Er ist perfekt." "Das sagen wahrscheinlich alle Eltern." "Ist mir egal." Juliet musste leise lachen. "Du wirst ein richtig schlimmer Papa." "Und du eine schlimme Mama." "Danke." "Das war als Kompliment gemeint." Beide lachten leise, damit Milan nicht wieder aufwachte. Es war ein völlig anderes Leben als früher. Kein Spiel. Keine Rätsel. Keine dunklen Räume. Keine Stimmen hinter verschlossenen Türen. Nur sie drei. Eine kleine Familie. Einige Wochen später saßen die sechs Freunde wieder gemeinsam an ihrem üblichen Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant. Es war mittlerweile Tradition geworden, dass sie sich einmal im Monat trafen. Noel hatte natürlich schon zehn Minuten nach seiner Ankunft angefangen, sich über das Essen zu beschweren. "Warum ist meine Portion kleiner als eure?" Milly sah auf seinen Teller. "Weil du dir selbst die Hälfte von deinem Essen geklaut hast, bevor wir überhaupt bestellt haben." "Das stimmt überhaupt nicht." Brian grinste. "Doch." Alena nahm einen Schluck von ihrem Getränk. "Und ich habe es gesehen." Noel sah sich empört um. "Ihr seid alle gegen mich." "Ja", sagte Brian trocken. "Seit Jahren." Alle lachten. Juliet saß neben Ethan und hatte Milan dabei, der inzwischen schon etwas größer geworden war. Er lag zufrieden in seiner Babyschale und schlief. Alena beugte sich leicht zu ihm hinüber. "Er ist wirklich süß." "Danke", sagte Juliet. "Und er hat Ethans Nase." Ethan sah sie gespielt beleidigt an. "Was soll das heißen?" "Nichts Schlimmes." "Du hast gerade meine Nase beleidigt." "Ich habe gesagt, dass er deine Nase hat." "Das ist dasselbe." Wieder mussten alle lachen. Es war genau diese Art von Abend, die sie früher nie für möglich gehalten hätten. Sie waren zusammen. Sie waren glücklich. Und sie hatten gelernt, mit dem zu leben, was passiert war. Noel und Milly waren inzwischen ein Paar geworden. Sie stritten sich manchmal über die kleinsten Dinge und vertrugen sich meistens genauso schnell wieder. Alena hatte ihre eigene erfolgreiche Kosmetikmarke aufgebaut und erzählte begeistert von neuen Produkten, an denen sie gerade arbeitete. Brian war ebenfalls verheiratet und hatte inzwischen selbst eine kleine Familie. Und Ethan und Juliet waren seit Jahren zusammen, inzwischen verheiratet und nun Eltern. "Wisst ihr noch", fragte Brian irgendwann, "wie wir früher dachten, unser Leben wäre kompliziert?" Noel lachte. "Früher hatten wir keine Ahnung, was kompliziert bedeutet." Juliet sah kurz zu Ethan. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Beide wussten genau, woran der andere dachte. Doch keiner sagte etwas. Sie mussten es auch nicht. Sie hatten beschlossen, die Vergangenheit nicht ihr ganzes Leben bestimmen zu lassen. Nach dem Essen verabschiedeten sie sich wie jeden Monat. "Bis nächsten Monat", sagte Milly. "Bis nächsten Monat", antwortete Juliet. Alena umarmte sie kurz. "Und pass auf den Kleinen auf." "Mach ich." Ethan nahm Milans Babyschale und ging mit Juliet nach Hause. Der Abend war ruhig. Zuhause legte Juliet Milan vorsichtig in sein Bettchen und blieb noch einen Moment neben ihm stehen. Ethan stellte sich hinter sie und legte einen Arm um ihre Schultern. "Glücklich?" "Sehr." Juliet lehnte sich an ihn. "Und du?" Ethan sah zu seinem Sohn. "Mehr, als ich jemals gedacht hätte." Sie blieben noch eine Weile schweigend dort stehen. Draußen war es bereits dunkel geworden. Alles war ruhig. Sicher. Normal. Zumindest glaubten sie das. Denn genau in diesem Moment bemerkten sie etwas. Auf Milans Kommode lag ein kleiner schwarzer Umschlag. Juliet runzelte die Stirn. "Der war vorhin noch nicht da." Ethan ging langsam näher und nahm ihn hoch. Kein Absender. Kein Name. Nur ein schwarzer Stern auf der Vorderseite. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Dann drehte Ethan den Umschlag um. Auf der Rückseite standen vier Wörter. "Wir haben euch nicht vergessen."