Ein neuer Anfang
EMILY
Ich war nie besonders gut darin, Karten zu lesen. Ironischerweise hatte ich, nach dem Abschluss meines Bachelors in Marketing eine sehr gut bezahlte Stelle in New York bei einem großen Unternehmen in der Stadt angenommen, die mich weit weg von der vertrauten Umgebung meiner Heimatstadt Wisconsin führte. Das bedeutete, dass ich mich auf meine GPS-App verlassen musste, um zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen.
Heute Morgen hatte mich das schlaue kleine Gerät jedoch im Stich gelassen und mich in eine Gegend geführt, die mir alles andere als sicher erschien. Die Sonne war gerade hinter den Wolken hervorgekommen, und ihre warmen Strahlen schienen im krassen Gegensatz zu den düsteren Straßen und den Graffiti bedeckten Wänden zu stehen, die mich umgaben.
Ich fuhr langsam weiter, als ich bemerkte, dass die Leute mich misstrauisch beäugten. Mein kleiner blauer Honda passte nicht wirklich in dieses Viertel. Die Straße war holprig, und ich konnte das Knirschen des Schotters unter meinen Reifen hören. Mein Herz klopfte schneller, als ich feststellte, dass ich mich immer tiefer in diese unangenehme Gegend verirrte.
“Verdammt, Emily, wie kommst du nur immer wieder in solche Situationen?” murmelte ich vor mich hin und tippte hektisch auf meinem Handy herum, um eine neue Route zu finden. Plötzlich hörte ich das Geräusch von Motorrädern. Eine Gruppe Biker kam auf mich zu und bevor ich reagieren konnte, standen sie schon um mein Auto herum. Mein Puls raste, und ich versuchte, nicht in Panik zu geraten. Einer der Biker, ein großer Mann mit tätowierten Armen, klopfte an mein Fenster. Er klappte sein Visier hoch und wunderschöne, stahlblaue Augen kamen zum Vorschein.
Langsam öffnete ich das Fenster und schenkte ihm ein vorsichtiges Lächeln. “Was machst du hier?” fragte er mit einer tiefen Stimme. Ich schluckte schwer und versuchte, ruhig zu bleiben. “Ich... ich habe mich verfahren,” stammelte ich. “Mein GPS ist ausgestiegen und jetzt weiß ich nicht, wie ich zurückkomme.” Der Biker musterte mich einen Moment lang und nickte dann langsam. “Wo musst du hin?" Für einen kurzen Moment zögerte ich, ehe ich antwortete “Zu der Firma GlobalVision“ “Folg mir,” sagte er und ging zurück zu seinem Motorrad.
Er winkte den anderen zu, und sie machten mir sofort Platz. Ich zögerte erneut einen Moment, aber ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Also startete ich den Motor und fuhr ihm hinterher. Er führte mich durch ein Labyrinth aus Straßen und Gassen, bis wir schließlich wieder in eine belebtere Gegend kamen. Ich atmete erleichtert auf. Er hielt an einer Kreuzung an und drehte sich zu mir um. “Hier solltest du dich besser zurechtfinden,” sagte er. “Pass auf dich auf.” “Danke,” rief ich aus dem Fenster. “Wirklich, danke. Ich weiß das zu schätzen.” Er nickte nur, startete sein Motorrad wieder und fuhr davon. Ich sah ihm noch einen Moment nach, wie er in der Ferne verschwand.
Die Fahrt zur Arbeit verlief ohne weitere Zwischenfälle. Ich erreichte das moderne Bürogebäude und parkte mein Auto. Als ich das Gebäude betrat, fiel die Anspannung langsam von mir ab, und ich begann, mich auf den Tag zu konzentrieren.
“Frau Park! Gut, dass Sie es geschafft haben,” begrüßte mich mein Chef, Mr. Johnson, mit einem freundlichen Lächeln. “Danke, Mr. Johnson. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit,” antwortete ich und versuchte, meine Nervosität zu verbergen. Das war mein erster Arbeitstag, und ich wollte einen guten Eindruck hinterlassen.
“Folgen Sie mir”, sagte er mit warmer Stimme, ehe er mich durch durch den Eingangsbereich in einen offenen Bürobereich führte. “Das hier ist unser Marketing-Team,” sagte er und deutete auf eine Gruppe von Leuten, die an ihren Schreibtischen saßen. “Frau Park wird unser Team verstärken und an einigen wichtigen Projekten arbeiten.”
Ich lächelte nervös und nickte den Leuten zu. Ein paar von ihnen lächelten zurück, und ich fühlte mich sofort ein wenig wohler. Mr. Johnson führte mich weiter durch das Büro, bis wir meinen Schreibtisch erreichten. Es war ein kleiner, aber heller Arbeitsplatz mit einem großen Fenster, das einen Blick auf die Stadt bot. Ein Stapel Unterlagen und ein neuer Laptop warteten bereits auf mich.
“Hier ist Ihr Platz,” sagte Mr. Johnson. “Machen Sie sich in Ruhe mit allem vertraut, und wenn Sie Fragen haben, können Sie sich an Ihre Kollegen wenden. Um elf Uhr haben wir ein Teammeeting, bei dem Sie alle besser kennenlernen werden.”
“Danke, Mr. Johnson,” sagte ich und setzte mich an meinen neuen Schreibtisch. Er schenkte mir ein Lächeln und ließ mich allein. Erleichtert atmete ich tief durch und begann, mich einzurichten.
Der Vormittag verging schnell. Ich arbeitete mich durch die Unterlagen und begann, mich in die Projekte einzuarbeiten. Als es Zeit für das Teammeeting war, ging ich in den Konferenzraum und setzte mich neben einen jungen Mann mit lockigen Haaren, der mir freundlich zulächelte. “Ich bin David, freut mich dich kennenzulernen“, sagte er. “Emily, freut mich auch“, entgegnete ich und strecke ihm meine Hand entgegen.
Mr. Johnson betrat den Raum und klatschte freudig in die Hände. “Frau Emily Park, wir freuen uns sehr, dass Sie ab heute Teil dieses Teams sind. Erzählen Sie den Kollegen doch bitte etwas von sich.”
Ich nahm einen Schluck Wasser und erzählte kurz von meinem Studium und meinen Erwartungen an die neue Stelle. Die anderen stellten sich ebenfalls vor, und ich begann, ein Gefühl dafür zu bekommen, mit wem ich es zu tun hatte.
Nach dem Meeting ging ich in die angrenzende Küche, um mir einen Kaffee zu holen. “Hi, Emily, richtig?” Eine angenehme Stimme von der Seite drang zu mir durch. Ich drehte meinen Oberkörper und blickte in das Gesicht einer jungen Frau. Sie hatte langes, rötliches Haar, dass in sanften Locken über ihre Schultern fiel. Ihre Augen waren haselnussbraun und sie machte einen freundlichen Eindruck. “Ja, genau“, sagte ich und schenkte ihr ein Lächeln. “Würdest du mir deinen Namen noch einmal sagen? Es ist mir schwer gefallen, mir alle Namen zu merken.“ “Sarah“, entgegnete sie freundlich. “Wie war dein erster Vormittag?” “Ziemlich gut, danke. Alle sind sehr nett, und ich glaube, ich werde mich hier wohlfühlen,” sagte ich und nahm einen Schluck von meinem Kaffee. “Das freut mich! Wenn du Fragen hast oder einfach mal plaudern möchtest, komm gerne vorbei. Mein Büro ist gleich um die Ecke.” “Danke, das werde ich tun,” sagte ich und fühlte mich gleich noch ein Stück wohler.
Der restliche Arbeitstag verging ohne besondere Vorkommnisse. Ich vertiefte mich in meine Aufgaben und war überrascht, wie schnell die Zeit verging. Als es schließlich Zeit war, Feierabend zu machen, packte ich meine Sachen zusammen und verabschiedete mich von meinen neuen Kollegen.
Kaum war ich Zuhause angekommen, beschloss ich, eine Runde im nahegelegenen Park zu drehen, um den Kopf freizubekommen. Ich hatte ihn, seit meinem Einzug vor wenigen Tagen, noch nicht besucht, aber ich wusste, dass mir die frische Luft gut tun würde, um meinen Kopf von dem ersten Arbeitstag freizukriegen.
Ohne zu zögern warf ich mich in eine schwarze Leggings und einen dünnen Pullover, zog die Tür hinter mir zu und machte mich auf den Weg. Während ich durch die breiten Wege des Parks schlenderte und die Ruhe der Natur genoss, hörte ich plötzlich das vertraute Geräusch von Motorrädern. Mein Herzschlag beschleunigte sich sofort, und ich konnte nicht anders, als an den Biker von heute Morgen zu denken.
Ich folgte dem Geräusch und sah schließlich eine Gruppe von Bikern, die ihre Maschinen am Rand eines kleinen Parkplatzes abgestellt hatten. Sie schienen sich zu unterhalten und lachten laut. Ich erkannte sofort den großen Mann mit den tätowierten Armen und den stahlblauen Augen. Er stand etwas abseits von den anderen und schien nachdenklich zu sein. Diesmal trug er keinen Helm, sodass ich sein Gesicht klar sehen konnte.
Er war schätzungsweise Ende 20 und mindestens einen Kopf größer als ich. Sein markantes Gesicht war von kurzem, dunkelbraunem Haar umrahmt, das gepflegt und ordentlich geschnitten war. Seine Augen, die mir schon am Morgen aufgefallen waren, hatten eine faszinierende Intensität, die mich magisch anzog. Er hatte hohe Wangenknochen und ein starkes Kinn, das von einem leichten Bartschatten betont wurde. Seine Lippen waren voll und sein Körperbau war athletisch und muskulös.
Ich wusste nicht, ob ich den Mut aufbringen sollte, ihn anzusprechen, oder ob es besser wäre, unbemerkt weiterzugehen. Doch bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, bemerkte er mich und unsere Blicke trafen sich. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Er hob eine Augenbraue und ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen.
Mein Herz klopfte heftig, aber ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Langsam ging ich auf ihn zu, während die anderen Biker mich neugierig musterten. „Hey,“ sagte ich leise, als ich in seiner Nähe war. „Danke nochmal für heute Morgen. Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne deine Hilfe gemacht hätte.“ Er nickte und sein Lächeln wurde etwas breiter. „Kein Problem. Ich bin Jake, übrigens.“ „Emily,“ antwortete ich und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie kurz und seine Berührung war überraschend sanft.
„Freut mich, dich kennenzulernen, Emily,“ sagte er, während er meinen Blick festhielt. Die anderen Biker hatten sich wieder ihren Gesprächen zugewandt, aber ich konnte spüren, dass einige von ihnen uns immer noch beobachteten. „Bist du öfter hier im Park?“ fragte Jake, seine Stimme war tief und angenehm. „Eigentlich nicht. Heute ist mein erster richtiger Tag in der Stadt, und ich wollte einfach ein bisschen frische Luft schnappen,“ antwortete ich ehrlich. Jake nickte und schien kurz nachzudenken. „Dann hast du bestimmt noch viel zu entdecken. Es gibt hier ein paar echt schöne Plätze.“„Das hoffe ich. Bis jetzt habe ich mich mehr verlaufen als alles andere,“ sagte ich und lachte nervös. Er lächelte und schüttelte sanft den Kopf. „Falls du mal wieder Hilfe brauchst, weißt du ja, wo du mich findest.“ „Das werde ich mir merken,“ sagte ich leise und ließ meinen Blick über den Park schweifen.
„Was macht ihr hier im Park?“, fragte ich und richtete meinen Blick wieder auf ihn. „Nur ein paar Freunde treffen und entspannen,“ antwortete er und deutete auf die anderen Biker. „Es ist ein guter Ort, um den Kopf freizubekommen.“
Ich nickte und schaute kurz zu den anderen hinüber, die jetzt lachten und herumalberten. „Hast du Lust, dich zu uns zu setzen?“ fragte Jake dann und zeigte auf eine Bank in der Nähe. „Keine Sorge, wir beißen nicht.“ „Gerne,“ sagte ich und folgte ihm zur Bank. „Also, Emily, was hat dich in die Stadt gebracht?“ fragte er neugierig. „Ein neuer Job,“ antwortete ich. „Ich arbeite jetzt im Marketing bei einer großen Firma hier.“ „Interessant,“ sagte Jake. „GlobalVision, nehme ich an?“ „Ja“, antwortete ich knapp. „Und gefällt es dir bis jetzt?“ Ich nickte zaghaft. „Ja. Aber es ist auch ein bisschen beängstigend, alles hinter sich zu lassen und neu anzufangen,“ gestand ich. „Das kann ich verstehen,“ sagte er mit einem leichten Nicken. „Aber manchmal sind solche Veränderungen genau das, was man braucht.“ „Ja, vielleicht hast du recht,“ sagte ich nachdenklich. „Es ist nur alles so neu und ungewohnt.“ „Du wirst dich schon einleben,“ sagte Jake beruhigend. „Das hoffe ich,“ sagte ich und lächelte ihn an.
Mein Blick fiel auf meine Armbanduhr. Es war bereits 20:00 Uhr und ich musste dringend nach Hause. Ich hatte noch nichts gegessen und noch nicht geduscht und musste morgen pünktlich um 07:00 Uhr im Büro stehen. „Ich habe die Zeit vergessen“, murmelte ich leise, ehe ich ihn erneut anblickte. „Danke, Jake. Es war nett, dich wieder zu treffen“, sagte ich mit einem Lächeln. „Gern geschehen, Emily,“ sagte er und lächelte zurück. „Pass auf dich auf.“ „Du auch,“ sagte ich und stand auf, um zu meiner Wohnung zurückzulaufen. „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.“„Bestimmt,“ sagte Jake und beobachtete mich, wie ich mich entfernte.
Kurze Zeit später fiel meine Wohnungstür hinter mir ins Schloss. Ich lehnte mich gegen die Tür und atmete tief durch. Die Begegnung mit Jake hatte mich mehr durcheinandergebracht, als ich zugeben wollte. Sein gutes Aussehen und sein Charme hinterließen einen bleibenden Eindruck. Ich seufzte leicht, ehe ich mich durch die kleine Wohnung bewegte, die ich nun mein Zuhause nannte. Keine Sekunde später schaltete ich die Lichter an und ließ mich auf die Couch fallen. Der Tag war lang und anstrengend gewesen, aber auf eine gute Art und Weise.








