Chapter 1
Amara
Der Wecker klingelte um 14:37 Uhr wie ein kleiner, sadistischer Folterknecht. Ich zog mir das Kissen über den Kopf und stöhnte leise in die Matratze. Fünf Minuten. Nur noch fünf verdammte Minuten Gnade, bevor ich wieder in die Realität musste.
„Amara Rossi, wenn du diesen verdammten Wecker nicht sofort ausmachst, werfe ich ihn aus dem Fenster – und dich hinterher!“, dröhnte Laras Stimme aus der Küche. Sie klang viel zu wach für diese Uhrzeit. Typisch.
Ich tastete blind nach meinem Handy, brachte das Ding zum Schweigen und blieb noch einen Moment liegen. Mein Körper fühlte sich an, als hätte er die Nacht zuvor schon gearbeitet. Was er ja auch hatte.
Schließlich schleppte ich mich in die Küche. Lara stand schon am Herd, frisch geduscht, mit einem engen Top und Leggings, die ihre Kurven betonten. Sie war das komplette Gegenteil von mir: laut, selbstbewusst, immer einen frechen Spruch auf den Lippen. Wir teilten uns diese winzige Zweizimmerwohnung schon seit zwei Jahren. Billige Miete, dünne Wände, eine Heizung, die im Winter mehr röchelte als wärmte – aber wir hatten einander.
„Kaffee?“, fragte sie, ohne sich umzudrehen.
„Intravenös, bitte. Mit Schuss.“
Sie lachte und schob mir eine dampfende Tasse hin. „Schlechte Nacht gehabt?“
„Schlechte Leben gehabt“, murmelte ich und setzte mich an unseren wackeligen Küchentisch. „Ich habe geträumt, die Schulden wären endlich weg. Dann bin ich aufgewacht und mir ist wieder eingefallen, dass ich wahrscheinlich bis 2048 im Velvet Shadow kellnern muss.“
Lara verzog das Gesicht. „Dein Vater ist ein feiges Arschloch. Und diese Typen, denen er Geld schuldet… das sind keine normalen Kredithaie. Das sind richtige Gangster.“
„Ich weiß.“ Ich nahm einen großen Schluck und verbrannte mir natürlich die Zunge. „Aber ich war damals blöd genug, mitzuunterschreiben. ‚Nur zur Sicherheit, Amara.‘ Tja. Jetzt zahle ich die Rechnung.“
Die Schulden meines Vaters hingen wie ein Mühlstein um meinen Hals. Über hunderttausend Dollar. Mit Zinsen, die jeden Monat höher wurden. Deshalb arbeitete ich fünf Nächte die Woche im Velvet Shadow – einem der exklusivsten und gleichzeitig verrufensten Nachtclubs der Stadt.
Der Club war kein normaler Laden. Von außen sah er aus wie ein eleganter, fast geheimnisvoller Tempel aus schwarzem Glas und roten Neonlichtern. Drinnen gab es teure Drinks, beste Musik, VIP-Bereiche mit Ledersofas und eine strenge Security. Aber das war nur die Fassade. Im Velvet Shadow konnten sich reiche Männer alles kaufen. Alkohol. Drogen. Und Frauen.
Einige der Kellnerinnen und Tänzerinnen boten „Extras“ an. Für viel Geld. Manche verschwanden mit Gästen in den Separees oder fuhren später mit ihnen nach Hause. Es war kein offizielles Bordell, aber jeder wusste, wie das Spiel lief. Ich gehörte nicht dazu. Ich servierte nur Getränke, lächelte höflich und hielt Abstand. Das Trinkgeld war trotzdem gut – solange man nicht zu zickig war.
„Wenigstens siehst du in der Uniform heiß aus“, meinte Lara grinsend. „Dieses enge schwarze Top, der kurze Rock und die Strumpfhosen… Die Männer starren dich an, als wärst du die nächste auf ihrer Liste.“
„Ich will nicht heiß aussehen. Ich will unsichtbar sein, mein Geld verdienen und nach Hause kommen, ohne dass mir jemand an den Arsch fasst.“
„Träum weiter, Prinzessin.“ Sie zwinkerte. „Aber pass heute Nacht auf. Ich habe gehört, dass wieder ein paar schwere Jungs aus der oberen Etage da sind.“
Wir frühstückten zusammen – ich mit viel zu viel Nutella auf dem Toast, sie mit ihrem obligatorischen grünen Smoothie – und redeten über alles Mögliche, nur nicht über die Schulden. Das war unser Gesetz: Tagsüber (oder nachmittags) wurde gelacht.
Gegen halb sieben stand ich vor dem Spiegel und machte mich fertig. Lange dunkle Haare, die ich offen trug, dezentes Make-up, das meine großen Augen betonte, ohne zu aufreizend zu wirken. Das Club-Outfit saß eng: schwarzes Top, das meine Figur betonte, kurzer Rock, hohe Absätze. Ich fühlte mich jedes Mal ein bisschen nackt, wenn ich es anzog.
Die Schicht im Velvet Shadow war wie immer ein Balanceakt. Die Musik dröhnte, rote und goldene Lichter tauchten alles in eine luxuriöse, aber gefährliche Atmosphäre. Ich balancierte Tabletts mit teuren Cocktails und Whiskey durch die Menge, lächelte, nickte und wich geschickt Händen aus, die zu weit gingen.
Im VIP-Bereich saßen heute wieder die wirklich wichtigen Männer. Dunkle Anzüge, teure Uhren, kalte Blicke. Manche der anderen Kellnerinnen flirteten offen, setzten sich auf Schöße, ließen sich Drinks spendieren und verschwanden dann mit den Gästen in den Separees. Ich hörte ihr Lachen, sah die Blicke. Manche kamen später mit zerzausten Haaren und deutlich mehr Trinkgeld zurück.
Ich blieb bei meinem Tisch. „Noch einen Drink, der Herr?“
Einer der Stammgäste – ein fetter Geschäftsmann mit schweißnassen Händen – musterte mich anzüglich. „Du könntest mir heute mal etwas Besonderes bringen, Süße.“
„Nur Getränke“, antwortete ich höflich und lächelte gezwungen. „Ich hole Ihnen gleich den nächsten Whiskey.“
Gegen vier Uhr morgens waren meine Füße taub und meine Laune im Keller. Lara arbeitete hinter der Bar und warf mir ab und zu einen aufmunternden Blick zu. Endlich war Schluss. Ich zog mich schnell um – Jeans, Hoodie, Sneakers – und steckte das Trinkgeld ein. Heute waren es fast vierhundert Dollar. Nicht schlecht. Aber immer noch ein Tropfen auf den heißen Stein.
„Gehen wir zusammen?“, fragte ich Lara, als wir durch den Hinterausgang traten.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich fahre noch mit Chris mit.“
Chris war einer der Barkeeper und hoffnungslos in Lara verknallt. Ich wollte nicht das fünfte Rad am Wagen sein.
„Gehst du allein?“, fragte Lara, als wir durch den Hinterausgang traten.
„Ich laufe. Ist ja nicht weit.“
Sie zögerte, nickte dann aber. „Schick mir ’ne Nachricht.“
Die Nachtluft war kühl. Ich zog die Kapuze über den Kopf und ging los. Die Straßen waren leer, nur vereinzelt fuhren Autos vorbei. Meine Schritte hallten leise wider. Nach ein paar Minuten hörte ich es: Schritte hinter mir. Schneller als meine.
Ich beschleunigte. Die Schritte auch.
„Hey! Warte doch mal, du kleine Schlampe!“
Es war der fette Geschäftsmann von vorhin. Betrunken, aggressiv, mit glasigen Augen. Er musste mir gefolgt sein.
Ich fing an zu rennen. Er war schneller, als ich erwartet hatte. Plötzlich packte er mich von hinten, riss mich in eine dunkle Gasse und drückte mich gegen die kalte Backsteinwand.
„Du hast den ganzen Abend mit deinem Arsch vor meiner Nase rumgewackelt“, keuchte er und presste seinen schweren Körper gegen meinen. Eine Hand griff grob unter meinen Hoodie, die andere drückte meinen Oberschenkel auseinander. „Jetzt wirst du mir geben, was ich will.“
„Nein! Lassen Sie mich los!“ Ich wehrte mich, trat um mich, versuchte zu schreien. Er schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht und drückte mich noch fester gegen die Wand. Seine Finger nestelten bereits an meiner Jeans.
Panik überflutete mich. Ich schmeckte Blut auf der Lippe. Tränen liefen über mein Gesicht.
Plötzlich war da eine andere Präsenz. Schnell. Lautlos. Gefährlich.
Eine große Hand packte den Mann am Kragen und riss ihn so brutal von mir weg, dass er mehrere Meter durch die Luft flog und hart auf dem Asphalt landete. Ein dumpfes Knacken erklang.
Der Fremde stand vor mir. Groß. Breitschultrig. Schwarzer Maßanzug. Dunkle, eiskalte Augen. Kein Lächeln. Keine Aufregung. Nur kalte, kontrollierte Wut.
Der Betrunkene rappelte sich auf. „Hey, das geht dich nichts an –“
Der Fremde trat einmal zu. Hart. In die Rippen. Der Mann krümmte sich wimmernd.
„Fass sie noch einmal an“, sagte der Fremde leise und gefährlich ruhig, „und ich schneide dir die Eier ab und stopfe sie dir in den Mund. Verstanden?“
Der Mann nickte panisch und kroch davon.
Dann drehte sich der Fremde zu mir. Sein Blick glitt über mein verweintes Gesicht, die aufgeplatzte Lippe, den zerwühlten Hoodie. Etwas flackerte in seinen Augen – kurz, fast unsichtbar. Beschützerinstinkt. Aber sofort war die Kälte wieder da.
„Kannst du laufen?“, fragte er distanziert.
Ich nickte zitternd.
„Gut. Ich bringe dich nach Hause.“
Er führte mich zu einem schwarzen Wagen mit getönten Scheiben. Kein Wort während der Fahrt. Er stellte keine Fragen. Sagte nicht, wer er war. Starrte nur auf die Straße, die Hände ruhig am Lenkrad. Ab und zu spürte ich seinen Seitenblick – schwer, prüfend, als würde er mich bewerten.
Vor meinem Wohnblock hielt er an. Er stieg mit aus und begleitete mich bis zur Haustür. Im fahlen Licht der Laterne sah er noch bedrohlicher aus.
„Danke…“, flüsterte ich.
Er nickte nur knapp. Dann legte er mir kurz eine Hand auf die Schulter – fest, warm, aber ohne jede Zärtlichkeit.
„Schließ zweimal ab. Mach niemandem auf. Auch nicht, wenn es klingelt.“ Seine Stimme war kühl. „Und geh morgen nicht allein zur Arbeit.“
Bevor ich etwas erwidern konnte, drehte er sich um und ging zurück zum Wagen. Ohne sich noch einmal umzusehen.
Ich schloss die Tür hinter mir, lehnte mich dagegen und rutschte langsam zu Boden. Mein Herz raste immer noch.
Wer zur Hölle war dieser Mann?
Und warum hatte ich das Gefühl, dass mein Leben gerade unwiderruflich komplizierter geworden war?








