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Bloodline Silver

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Summary

Seit siebzehn Jahren wartet Elara Bennett auf ihren Wolf. Doch nichts geschieht. Als sie aus dem Silverpine-Rudel verstoßen wird, bleibt ihr nur ein Ort: Blackwood. Das Rudel ihres Bruders Ryan, der dort als Beta lebt. Elara will lediglich neu anfangen. Dann trifft sie Damon Devaux. Alpha von Blackwood. Selbstbewusst, dominant, verboten attraktiv - und mit elektrisierend blauen Augen, die es ihr verdammt schwer machen, ihn so nervig zu finden, wie sie gerne würde. Zwischen einem überfürsorglichen Bruder, einem Alpha, der sie ständig aus dem Konzept bringt, und einem Rudel voller Chaos findet Elara etwas, womit sie nicht gerechnet hat: ein Zuhause. Doch in Blackwood erwacht noch etwas anderes. Etwas, das viel zu lange verborgen war. Denn das Blut vergisst nicht.

Status
9d ago
Chapters
11
Rating
5.0 (1 review)
Age Rating
18+

Verbannung


Elara


„Du bist eine Belastung für dieses Rudel."


Alpha Marcus Hales Stimme ist ruhig, beinahe sachlich, und vielleicht ist genau das der Grund, warum seine Worte so tief treffen. Kein Zorn liegt darin, kein Bedauern, nicht einmal die Unsicherheit eines Mannes, der gerade das Leben eines anderen Menschen auseinanderreißt. Er steht oben auf den breiten Steinstufen des Versammlungshauses, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sieht mich an, als würde er eine Entscheidung über eine beschädigte Grenzmauer oder eine Patrouillenroute verkünden.


Für einige Sekunden kann ich nichts sagen.


Hinter mir stehen Menschen, die ich mein ganzes Leben lang kenne. Ich höre ihr leises Atmen, das Rascheln von Kleidung, irgendwo weiter hinten das unruhige Scharren eines Schuhs über den Kies. Niemand spricht. Niemand protestiert.


Diese Stille tut beinahe mehr weh als Marcus' Worte.


Langsam zwinge ich meine Finger auseinander, nachdem ich erst jetzt bemerke, dass ich sie zu Fäusten geballt habe. „Eine Belastung", wiederhole ich schließlich und hebe den Blick zu meinem Alpha.


Noch meinem Alpha.


Meine Stimme klingt erstaunlich ruhig für jemanden, dessen Herz gerade versucht, sich aus der Brust zu schlagen. „Ich möchte nur sichergehen, dass ich dich richtig verstanden habe."


Ein leises Raunen geht durch die Menge. Marcus' Beta Graham verlagert neben ihm das Gewicht, doch Marcus selbst reagiert kaum. Nur seine Mundwinkel verhärten sich ein wenig.


„Du hast mich verstanden, Elara." Er spricht meinen Namen mit derselben geduldigen Autorität aus, mit der er ihn früher benutzt hat, wenn ich als Kind während einer Rudelversammlung nicht stillsitzen konnte. „Diese Entscheidung wurde nicht leichtfertig getroffen."


Ein bitteres Lachen steigt in meiner Kehle auf. Ich kann es nicht zurückhalten. „Das beruhigt mich ungemein."


Graham richtet sich etwas gerader auf. „Pass auf deinen Ton auf."


Mein Blick springt zu ihm. Noch gestern hätte diese Stimme gereicht, damit ich automatisch den Kopf senke. Heute starre ich ihn einfach an.


„Oder was?"


Seine Stirn legt sich in Falten.


Ich breite langsam die Hände aus. „Werft ihr mich raus?"


Jemand hinter mir zieht scharf die Luft ein.


Marcus' Kiefer spannt sich sichtbar an. „Das hier ist keine Bestrafung."


Diesmal glaube ich wirklich, mich verhört zu haben. Ich starre ihn an, während sich etwas Kaltes in meinem Magen ausbreitet. „Keine Bestrafung?"


„Es ist eine Entscheidung zum Schutz des Rudels." Marcus kommt eine Stufe herunter, und für einen absurden Moment erinnert mich die Bewegung daran, wie er mir mit neun Jahren nach einem Sturz vom Fahrrad aufgeholfen hat. Damals hatte ich mir beide Knie aufgeschlagen und geheult, während Marcus mir erklärt hatte, dass ein zukünftiger Wolf lernen müsse, wieder aufzustehen.


Heute bleibt er mehrere Meter vor mir stehen.


„Du kennst unsere Regeln, Elara." Seine Stimme bleibt kontrolliert. „Du weißt, was von jedem Mitglied dieses Rudels erwartet wird."


„Ich habe gegen keine einzige Regel verstoßen." Meine Stimme wird lauter, obwohl ich mir vorgenommen hatte, ihnen meine Verzweiflung nicht zu zeigen. „Ich trainiere. Ich helfe bei den Gemeinschaftsdiensten. Ich habe noch nie eine Patrouille behindert oder jemanden in Gefahr gebracht." Ich mache eine kurze Pause und zwinge mich, seinen Blick nicht loszulassen. „Also sag mir, welche verdammte Regel ich gebrochen habe."


Graham macht einen warnenden Schritt nach vorn. „Elara."


Marcus hebt lediglich eine Hand und hält seinen Beta damit zurück. Sein Blick bleibt auf mir. Für einen Moment glaube ich tatsächlich, etwas wie Bedauern darin zu sehen.


Dann sagt er es.


„Du besitzt keinen Wolf."


Da ist es.


Vier Worte.


Vier verdammte Worte, die mich seit Jahren verfolgen.


Meine Fingernägel graben sich erneut in meine Handflächen. „Noch nicht."


Marcus atmet langsam durch die Nase aus. „Du bist fast achtzehn."


„In fünf Wochen", schieße ich zurück. „Ich habe noch fünf Wochen bis zu meinem Geburtstag."


Sein Gesicht wird für einen kurzen Moment weicher. Nicht genug, um irgendetwas zu ändern. „Darum geht es nicht. Das weißt du."


Leider weiß ich es.


Natürlich weiß ich es.


Die meisten von uns bekommen ihren Wolf irgendwann zwischen zwölf und fünfzehn.


Manche hören die Stimme ihres Wolfs bereits mit zwölf. Andere mit dreizehn oder vierzehn. Mit fünfzehn sind fast alle verbunden.


Mit dreizehn hatte ich mir noch keine Sorgen gemacht.


Mit vierzehn hatte ich jeden Morgen beim Aufwachen einige Sekunden still dagelegen und in meinen eigenen Kopf hineingelauscht.


Vielleicht heute.


Mit fünfzehn hatte ich begonnen, die Mondgöttin darum anzuflehen.


Nur ein Wort.


Ein Knurren.


Einen Atemzug.


Irgendetwas.


Mit sechzehn hatte das Flüstern begonnen.


Was stimmt mit ihr nicht?


Mit siebzehn kam das Mitleid.


Und irgendwann verschwand selbst das.


Inzwischen sehen die meisten mich nicht mehr an wie ein Mädchen, dessen Wolf ungewöhnlich spät kommt.


Sie sehen mich an wie jemanden, der wahrscheinlich niemals einen bekommen wird.


Ich schlucke gegen den Kloß in meiner Kehle an.


Marcus beobachtet mein Gesicht. „Wir haben fast drei Jahre länger gewartet, als es üblich wäre. Es gibt keinerlei Anzeichen, Elara. Keine Stimme. Keine instinktiven Reaktionen. Keine körperlichen Veränderungen."


Jedes einzelne Wort trifft.


Nicht weil Marcus grausam ist.


Sondern weil er recht hat.


Da ist nichts.


Seit Jahren.


Und irgendwo tief in mir sitzt dieselbe Angst, die offenbar das gesamte Rudel längst für Gewissheit hält.


Was, wenn wirklich niemand kommt?


Was, wenn ich mein ganzes Leben auf eine Wölfin warte, die überhaupt nicht existiert?


Ich presse die Zähne aufeinander und hebe das Kinn. „Und deshalb werft ihr mich weg."


Marcus' Augen verengen sich. „Wir werfen dich nicht weg."


Ich sehe an ihm vorbei auf die schweigende Menge.


Dann wieder zu ihm.


„Komisch." Meine Stimme ist leiser geworden. „Fühlt sich ziemlich genauso an."


Niemand sagt etwas.


Natürlich nicht.


Marcus' Brustkorb hebt und senkt sich bei einem langen Atemzug. „Eine Wolfslose kann sich bei einem Angriff nicht ausreichend verteidigen. Sie kann keine Grenzen sichern, nicht gemeinsam mit ihrem Rudel kämpfen und stellt im Ernstfall ein zusätzliches Risiko dar."


„Ich trainiere seit meinem zwölften Lebensjahr." Meine Kehle wird eng, trotzdem zwinge ich die Worte heraus. „Ryan hat mit mir angefangen, bevor er gegangen ist. Danach habe ich weitergemacht. Ich kann kämpfen."


Graham schüttelt langsam den Kopf. „Als Mensch."


Ich fahre zu ihm herum. „Ich bin ein Mensch."


„Du weißt, was er meint", sagt Marcus hinter mir, und etwas an seinem beinahe beschwichtigenden Ton bringt mein Blut erst recht zum Kochen.


Langsam drehe ich mich wieder zu ihm um. „Ja. Leider weiß ich ganz genau, was ihr meint."


Ein Wolf ohne Wandlung ist unvollständig.


Ein Wolf ohne Wolf ist falsch.


Nutzlos.


Schwach.


Eine Belastung.


Ich sehe erneut über meine Schulter.


Mrs. Calloway steht neben ihrem Mann. Sie hat mir nach dem Tod meiner Mutter beigebracht, ihren berühmten Apfelkuchen zu backen, weil ich ihn als Kind geliebt habe. Als sich unsere Blicke treffen, presst sie die Lippen zusammen.


Dann sieht sie zu Boden.


Weiter hinten steht Ethan. Neben ihm seine Gefährtin. Er hat mir das Schwimmen beigebracht, nachdem Ryan gegangen war.


Er schaut weg.


Mara hält die Hand ihrer kleinen Tochter fest. Das Mädchen versteht wahrscheinlich überhaupt nicht, warum alle hier stehen.


Mara schon.


Auch sie schweigt.


Und dann sehe ich Lucas.


Mein bester Freund seit dem Kindergarten steht zwischen seinen Eltern. Sein Gesicht ist blass, seine Schultern angespannt. Unsere Blicke treffen sich, und für einen Moment warte ich.


Nur einen verdammten Moment.


Sag etwas.


Seine Lippen öffnen sich.


Nichts kommt.


Etwas zieht sich schmerzhaft in meiner Brust zusammen.


Ich drehe mich wieder zu Marcus, bevor Lucas sehen kann, wie sehr sein Schweigen mich trifft.


„Und wohin soll ich gehen?"


Zum ersten Mal weicht Marcus meinem Blick aus.


Nur eine Sekunde.


Aber ich sehe es.


„Du bist beinahe achtzehn", antwortet er schließlich, und seine Stimme verliert für einen Moment etwas von ihrer Sicherheit. „Du wirst einen Weg finden."


Ich starre ihn an. „Das war nicht meine Frage."


Seine Augen treffen wieder meine.


Ich muss zweimal schlucken, bevor meine Stimme funktioniert. „Wohin soll ich gehen, Marcus?"


Nicht Alpha.


Marcus.


Graham reagiert sichtbar darauf, aber mir ist es egal.


Die Pause dauert zu lange.


Dann antwortet Marcus: „Das liegt nach deinem Ausschluss nicht länger in meiner Verantwortung."


Da.


Das ist der Moment.


Nicht als er mich Belastung genannt hat.


Nicht als er meinen fehlenden Wolf aufgezählt hat wie einen Defekt.


Jetzt.


Etwas in mir zerbricht so leise, dass niemand außer mir es hören kann.


Silverpine ist mein Zuhause.


Nicht irgendein Ort.


Mein Zuhause.


Meine ersten Erinnerungen sind hier. Meine Mutter ist auf diesem Gebiet begraben. Mein Vater ebenfalls. Ich kenne jeden Waldweg, jeden Bach, jeden knarrenden Dielenboden im Gemeinschaftshaus. Ich kenne die Geburtstage der Nachbarskinder und weiß, welcher alte Wolf beim Abendessen immer viel zu viel Salz benutzt.


Ich habe nie darüber nachgedacht, wohin ich gehen würde.


Warum sollte ich?


Ich gehörte hierher.


Offenbar habe ich mich geirrt.


„Verstanden", bringe ich hervor.


Marcus' Gesicht verändert sich leicht. Vielleicht hatte er mit Tränen gerechnet. Vielleicht mit Betteln. Vielleicht wollte ein kleiner Teil von ihm sogar, dass ich ihm die Gelegenheit gebe, sich großzügig zu zeigen.


Das werde ich nicht.


„Du hast bis Sonnenuntergang Zeit, deine persönlichen Dinge zusammenzupacken." Seine Stimme wird wieder etwas sanfter. „Niemand wird dich daran hindern, dich zu verabschieden."


Meine Lippen ziehen sich zu einem humorlosen Lächeln. „Wie großzügig."


„Elara—"


Ich drehe mich um.


Diesmal sage ich nichts mehr.


Die Menge teilt sich vor mir.


Links.


Rechts.


Menschen, die mich aufwachsen gesehen haben, machen mir Platz, als wäre ich plötzlich eine Fremde.


Ich setze einen Fuß vor den anderen und konzentriere mich darauf, nicht schneller zu werden. Meine Beine fühlen sich weich an, meine Kehle brennt und irgendwo hinter meinen Augen sammelt sich so viel Druck, dass ich kaum noch richtig sehe.


Aber ich werde hier nicht weinen.


Nicht vor ihnen.


„Elara!"


Schritte knirschen über den Kies.


Ich kenne die Stimme.


Natürlich kenne ich sie.


Ich bleibe stehen, schließe kurz die Augen und drehe mich erst um, als Lucas mich erreicht. Er bleibt einen knappen Meter vor mir stehen, fährt sich nervös durch sein hellbraunes Haar und wirft einen Blick zurück zur Versammlung.


„Warte." Sein Atem geht schneller, als wäre er mir hinterhergerannt. „Bitte."


Ich verschränke die Arme vor der Brust, weil ich nicht weiß, wohin sonst mit meinen Händen. „Worauf?"


Lucas schluckt. Seine Augen wandern über mein Gesicht, und für einen kurzen, dummen Moment hoffe ich wieder.


Vielleicht sagt er jetzt, dass Marcus falschliegt.


Vielleicht sagt er, ich kann bei seiner Familie bleiben.


Vielleicht stellt er sich endlich neben mich.


„Es tut mir leid", murmelt er stattdessen.


Mein Herz sinkt.


Ich stoße ein leises Lachen aus und schüttle den Kopf. „Dir tut es leid."


„Natürlich tut es mir leid." Lucas macht einen Schritt auf mich zu und hebt die Hand, als wollte er meinen Arm berühren. Als ich zurückweiche, bleibt sie kurz in der Luft hängen. Langsam lässt er sie wieder sinken. „Elara, ich finde das auch scheiße."


„Dann sag das Marcus."


Lucas sieht sofort zurück.


Das reicht als Antwort.


Ich nicke langsam. „Dachte ich mir."


„So einfach ist das nicht." Frustration schleicht sich in seine Stimme, während er sich erneut durch die Haare fährt. „Er ist unser Alpha."


„Auch meiner." Meine Stimme bricht beinahe bei den nächsten beiden Worten. „War meiner."


Lucas verzieht das Gesicht. „Du weißt, was ich meine."


„Leider höre ich diesen Satz heute ziemlich oft."


„Ich kann mich nicht einfach gegen ihn stellen."


„Warum nicht?"


„Weil ich hier lebe!" Seine Stimme wird lauter, bevor er sich sichtbar zwingt, sie wieder zu senken. „Meine Familie ist hier. Mein Wolf gehört zu Silverpine. Was erwartest du von mir? Dass ich alles aufgebe und mit dir gehe?"


Ich sehe ihn lange an.


Der Junge, der mir mit dreizehn gesagt hat, er würde jeden verprügeln, der mich wegen meines fehlenden Wolfs auslacht.


Der Junge, der mit vierzehn neben mir gesessen hat, während andere ihre Wölfe gefeiert haben, und mir versprochen hat, meiner würde schon kommen.


Der Junge, der mit fünfzehn gesagt hat, es wäre ihm egal, wenn es noch Jahre dauert.


Vielleicht hat er damals sogar die Wahrheit gesagt.


Solange es ihn nichts gekostet hat.


„Nein", sage ich schließlich. Meine Stimme ist ganz leise geworden. „Das erwarte ich jetzt nicht mehr."


Sein Gesicht fällt.


„Elara, so habe ich das nicht—"


„Doch." Ich trete noch einen Schritt zurück und zwinge mich zu einem Lächeln, obwohl meine Unterlippe bereits zittert. „Du hast mir gerade ziemlich genau erklärt, wie du es meinst."


Dann drehe ich mich um und gehe.


Diesmal folgt er mir nicht.


⸻


Ich schaffe es bis in mein Zimmer.


Das ist immerhin etwas.


Ich schaffe es an der Küche vorbei, obwohl die Gespräche verstummen, als ich durch den Flur gehe. Ich schaffe es die Treppe hinauf. Ich schaffe es, meine Tür aufzuschließen, hineinzugehen und sie hinter mir zu schließen.


Dann brechen meine Beine unter mir weg.


Ich rutsche mit dem Rücken an der Tür hinunter und lande auf dem Boden. Meine Hand fährt vor meinen Mund, weil der erste Schluchzer so plötzlich kommt, dass er mir beinahe körperlich wehtut.


„Scheiße."


Der nächste ist schlimmer.


Danach ist es vorbei.


Ich ziehe die Knie an meine Brust, presse die Stirn dagegen und weine.


Nicht hübsch.


Nicht still.


Ich schluchze so heftig, dass mein Brustkorb schmerzt, während draußen vor meinem Fenster Silverpine weiterlebt, als wäre nichts passiert.


Mein Rudel.


Nein.


Nicht mehr.


Dieser Gedanke lässt mich nur noch heftiger weinen.


Irgendwann zwinge ich mich hoch.


Ich habe bis Sonnenuntergang.


Also packe ich.


Zwei Koffer stehen offen auf meinem Bett. Eine Reisetasche liegt auf dem Boden. Ich werfe Kleidung hinein, ziehe sie wieder heraus, weil ich irgendetwas vergessen habe, und stehe irgendwann einfach mitten im Zimmer, weil ich keine Ahnung habe, wie man siebzehn Jahre in drei Gepäckstücke packt.


Meine Bücher.


Kleidung.


Fotos.


Die alte Kette meiner Mutter.


Papas Armbanduhr, obwohl sie seit Jahren nicht mehr funktioniert.


Mein Blick fällt auf ein gerahmtes Foto auf dem Regal.


Ryan und ich.


Ich nehme es herunter.


Ich bin sieben darauf. Ryan zwölf. Mir fehlen zwei Schneidezähne, und mein großer Bruder hat einen Arm um meine Schultern gelegt, während er so breit in die Kamera grinst, als könnte ihm die ganze Welt nichts anhaben.


Kurz danach ist er gegangen.


Seit zehn Jahren lebt er in einem anderen Rudel.


Wir haben uns nie völlig verloren. Ryan hat angerufen, geschrieben, Geschenke geschickt und mich besucht, wenn es möglich war. Er hat mir von seinem Leben erzählt. Von Blaze. Von seinem neuen Rudel. Davon, dass er irgendwann Beta geworden ist.


Und ständig von Damon.


Mein bester Freund.


Mein Alpha.


Ein arroganter Bastard.


Du würdest ihn hassen.


Das Letzte hat Ryan meistens lachend gesagt.


Ich setze mich auf die Bettkante und starre auf mein Handy.


Ryans Name steht in meinen Kontakten ganz oben.


Mein Daumen schwebt darüber.


Ich will ihn nicht anrufen.


Nicht deshalb.


Nicht weinend.


Nicht mit zwei Koffern auf meinem Bett und ohne einen verdammten Ort, an den ich gehen kann.


Ich will nicht seine kleine Schwester sein, die nach zehn Jahren plötzlich auftaucht, weil sie Hilfe braucht.


Belastung.


Mein Magen zieht sich zusammen.


„Scheiß drauf", flüstere ich und drücke auf seinen Namen.


Ryan geht beim zweiten Klingeln ran.


„Hey, Kleines." Seine warme, vertraute Stimme trägt dieses leichte Lächeln, das ich selbst durch ein Telefon erkenne.


Mehr braucht es nicht.


Ein Schluchzer entkommt mir, bevor ich auch nur Hallo sagen kann.


Am anderen Ende wird es augenblicklich still.


„Elara?" Jede Leichtigkeit verschwindet aus Ryans Stimme. Ich höre Bewegung, als würde er irgendwo abrupt aufstehen. „Hey. Was ist los?"


Ich presse die Hand vor den Mund und versuche, mich zusammenzureißen. „Ryan—"


Mehr schaffe ich nicht.


„Bist du verletzt?" Seine Stimme wird sofort härter, konzentrierter. Im Hintergrund schrammt offenbar ein Stuhl über den Boden. „Elara, hör mir zu. Bist du verletzt?"


„Nein." Ich wische mir mit dem Handrücken über die nassen Wangen und zwinge Luft in meine Lungen. „Nein, mir geht's körperlich gut."


Ryan stößt hörbar die Luft aus. „Okay. Hat dir jemand etwas getan?"


„Nein."


„Gut." Einen Moment bleibt es still. Als er weiterspricht, ist seine Stimme wieder etwas weicher. „Dann atme erst mal. Und wenn du kannst, erzählst du mir, was passiert ist."


Ich starre auf den offenen Koffer.


Auf mein halbes Leben darin.


„Sie haben mich rausgeworfen."


Stille.


Vollkommen.


„Was?"


Dieses eine Wort klingt gefährlicher als jedes Brüllen.


Ich ziehe die Nase hoch und greife fester um mein Handy. „Marcus hat mich vor dem Rudel verstoßen."


Wieder Stille.


Dann höre ich ein tiefes Knurren durch den Lautsprecher.


Blaze.


„Weshalb?" Ryans Stimme ist jetzt erschreckend ruhig.


Ich schließe die Augen. „Warum wohl?"


Er antwortet nicht sofort.


Er weiß es.


Natürlich weiß er es.


„Weil dein Wolf noch nicht da ist", sagt er schließlich, und allein an seinem Ton höre ich, wie sehr er versucht, sich zu beherrschen.


„Offenbar bin ich eine Belastung."


Das Knurren am anderen Ende wird so laut, dass ich das Handy instinktiv ein Stück vom Ohr wegziehe.


„Sag das nie wieder." Ryans Stimme schneidet durch das Geräusch, hart genug, dass ich tatsächlich zusammenzucke.


Ich blinzle. „Ryan—"


„Nein." Ich höre schnelle Schritte und anschließend das Geräusch einer Tür. „Mir ist vollkommen egal, was Marcus Hale zu dir gesagt hat. Du bist keine Belastung. Hast du mich verstanden?"


Meine Kehle wird eng. „Ich habe aber keinen Wolf."


„Und?"


Die Antwort kommt so schnell, dass ich verstumme.


Ryan atmet einmal tief durch. Als er weiterspricht, ist seine Stimme ruhiger, aber kein bisschen weniger bestimmt. „Du bist meine Schwester, Elara. Ob da irgendeine zweite Stimme in deinem Kopf sitzt oder nicht, ändert daran absolut gar nichts."


Meine Augen füllen sich wieder.


Ich sehe auf das Foto in meiner Hand.


„Ich weiß nicht, wohin ich soll", gebe ich schließlich zu, und diesmal schäme ich mich dafür, wie klein meine Stimme klingt. „Marcus hat gesagt, das wäre nicht mehr seine Verantwortung."


Wieder dieses Knurren.


„Natürlich hat er das."


„Ryan."


„Pack deine Sachen."


Ich schaue automatisch zu den Koffern. „Ich packe bereits."


„Alles, was dir wichtig ist." Im Hintergrund höre ich erneut Bewegung. Eine Schublade wird geöffnet, irgendetwas fällt zu Boden und Ryan flucht leise. „Lass den Rest stehen."


Ich runzle die Stirn. „Was machst du?"


„Meine Schlüssel suchen."


Mein Kopf fährt hoch. „Warum?"


„Weil ich dich hole."


Für einen Moment starre ich einfach geradeaus. „Ryan, du bist mehrere Stunden entfernt."


„Dann fahre ich mehrere Stunden." Seine Stimme bleibt vollkommen selbstverständlich, als hätte ich gerade das schwächste Gegenargument der Welt geliefert.


„Du bist Beta."


„Gut beobachtet."


„Du hast Arbeit."


„Auch korrekt."


Trotz meiner Tränen schnaube ich. „Ryan."


„Elara." Jetzt höre ich das Lächeln beinahe in seiner Stimme. „Du hast seit zehn Jahren nicht mehr täglich mit mir zusammengelebt. Ich verstehe, dass du vergessen hast, wie sinnlos es ist, mit mir zu diskutieren."


„Ich habe das nicht vergessen."


„Gut. Spart Zeit."


Ein kleines Lachen entkommt mir.


Es fühlt sich falsch an.


Und gleichzeitig unglaublich gut.


Ryan wird am anderen Ende für einen Moment still. Als er wieder spricht, ist seine Stimme weicher. „Da bist du ja."


Ich wische mir erneut über die Wangen. „Ich will dir trotzdem nicht zur Last fallen."


Seine Stimme wird augenblicklich ernst. „Elara."


Ich schließe die Augen. „Was?"


„Wenn du diesen Satz noch einmal sagst, fahre ich zuerst zu Marcus und schlage ihm persönlich die Zähne aus."


Ein echtes Lachen bricht aus mir heraus.


„Du kannst deinen ehemaligen Alpha nicht einfach verprügeln."


„Ich bin Beta eines der stärksten Rudel des Landes." Ryan klingt ausgesprochen zufrieden mit sich. „Ich darf überraschend viel."


„Angeber", murmele ich und schüttle lächelnd den Kopf.


„Schon besser."


Ich ziehe die Beine auf das Bett und lehne meine Stirn auf ein Knie. „Darf ich überhaupt zu euch?"


„Ja."


Seine Antwort kommt sofort.


Zu sofort.


Langsam hebe ich den Kopf. „Hast du Damon gefragt?"


Kurze Pause.


„Nein."


„Ryan!" Ich richte mich auf und starre empört auf mein Handy, als könnte ich meinen Bruder dadurch ansehen. „Er ist dein Alpha."


„Das ist mir bekannt."


„Du kannst nicht einfach jemanden in sein Rudel bringen."


„Du bist nicht jemand."


„Das wird ihn bestimmt überzeugen."


Ryan lacht leise. „Er wird ja sagen."


Ich ziehe skeptisch die Augenbrauen zusammen. „Woher weißt du das?"


„Weil ich ihn kenne."


„Und wenn er Nein sagt?"


„Dann erkläre ich meinem Alpha sehr freundlich, warum er eigentlich Ja sagen wollte."


Trotz allem muss ich grinsen.


In diesem Moment höre ich im Hintergrund eine tiefe Männerstimme.


„Ryan?"


Ich werde automatisch still.


„Wir müssen die südlichen Patrouillen noch—" Die Stimme bricht ab. Einige Sekunden herrscht Stille, dann klingt der Mann deutlich aufmerksamer. „Was ist los?"


Ryan antwortet nicht sofort. Als er es tut, ist die Leichtigkeit aus seiner Stimme verschwunden. „Meine Schwester."


Eine kurze Pause folgt.


„Was ist mit ihr?"


Ich weiß sofort, wer das sein muss.


Damon.


Ich habe seine Stimme noch nie gehört.


Aber Ryan hat mir oft genug von seinem besten Freund und Alpha erzählt, dass niemand sonst mit dieser Selbstverständlichkeit in ein Gespräch mit seinem Beta platzen würde.


„Silverpine hat sie gerade verstoßen", erklärt Ryan knapp.


Die Stille danach ist kurz.


„Warum?"


Damon spricht nur dieses eine Wort, doch irgendetwas an seinem Ton lässt mich gerader sitzen.


Ryan atmet hörbar aus. „Sie hat noch keinen Wolf."


Wieder Stille.


Dann kommt ein leises, tiefes Knurren durch den Lautsprecher.


Nicht Blaze.


Anders.


Dunkler.


Onyx, denke ich.


Ryans Geschichten über Damons Wolf fallen mir wieder ein.


Als Damon erneut spricht, ist seine Stimme kälter geworden. „Fahr."


Nur ein Wort.


Ryan scheint genauso überrascht zu sein wie ich, denn für einen Moment antwortet er nicht.


Damon offenbar schon. „Hol deine Schwester."


Etwas Warmes zieht durch meine Brust.


Dieser Mann kennt mich nicht.


Er weiß nichts über mich, außer dass ich Ryans kleine Schwester bin und gerade aus meinem Rudel geworfen wurde.


Trotzdem hat er keine Sekunde gezögert.


„Bin in fünf Minuten unterwegs", antwortet Ryan schließlich, und ich höre wieder Schlüssel klimpern.


„Nimm Connor mit."


Ryan schnaubt. „Brauche ich nicht."


„Das war keine Frage."


Ich blinzle.


Dann muss ich trotz allem lächeln.


„Arrogant", murmele ich.


Stille.


Oh nein.


Die verdammte Leitung ist noch offen.


Ryan beginnt zu lachen.


Nicht nur ein bisschen.


Der Verräter lacht richtig.


„Hat sie gerade mich gemeint?", fragt Damon im Hintergrund, und jetzt klingt er nicht mehr kalt, sondern beinahe ungläubig.


„Ja." Ryan lacht noch immer. „Definitiv."


Ich presse die Hand gegen meine Stirn. „Ryan, halt die Klappe."


„Du kennst ihn seit ungefähr zwanzig Sekunden und hast ihn schon durchschaut."


„Ich kenne sie überhaupt nicht", wirft Damon ein, und ich kann förmlich hören, wie genervt er von meinem Bruder ist.


„Wird bestimmt lustig."


„Ryan."


Die Warnung in Damons Stimme lässt meinen Bruder nur noch mehr lachen.


„Bis später, Kleines." Ryan bekommt sich langsam wieder unter Kontrolle. „Bleib im Haus, bis ich da bin."


Ich verenge die Augen. „Ich lasse mir von dir nicht—"


„Hab dich lieb."


Damit legt er auf.


Ich starre das Display an.


„Arschloch."


Aber ich lächle.


Nur ein bisschen.


Dann wird es wieder still.


Mein Blick wandert durch mein Zimmer.


Die Fotos an der Wand.


Die Kerbe am Türrahmen, die mein Vater gemacht hat, um meine Größe festzuhalten.


Das Bücherregal, das Ryan mir gebaut hat, bevor er gegangen ist und das vollkommen schief steht, weil er mit zwölf offenbar überzeugt war, handwerklich begabt zu sein.


Mein Lächeln verschwindet.


Silverpine liegt vor meinem Fenster.


Mein Zuhause.


Zumindest war es das heute Morgen noch.


Der Schmerz ist nicht weg, nur weil Ryan mich abholt. Ich glaube nicht, dass er morgen weg sein wird. Vielleicht auch nächste Woche nicht.


Vielleicht werde ich noch lange morgens aufwachen und für eine Sekunde vergessen, dass ich hier nicht mehr hingehöre.


Meine Finger schließen sich fester um das Foto.


In ein paar Stunden kommt mein Bruder.


Danach fahre ich mit ihm in ein Rudel, das ich nur aus seinen Geschichten kenne. Zu Menschen, die mich nicht kennen. Zu Wölfen, die vielleicht genauso auf meinen fehlenden Wolf reagieren werden wie Silverpine.


Und zu einem Alpha, dessen erste Worte, die ich jemals von ihm höre, ausgerechnet gewesen sind:


Hol deine Schwester.


Ich weiß nicht, was mich dort erwartet.


Ich weiß nur, dass ich hier nicht bleiben kann.


Also wische ich mir ein letztes Mal über die Wangen, stehe auf und packe weiter.


Diesmal nicht, weil Marcus Hale mir bis Sonnenuntergang Zeit gegeben hat.


Sondern weil mein Bruder unterwegs ist, um mich nach Hause zu holen.


Auch wenn ich noch keine Ahnung habe, ob sich dieser fremde Ort jemals wirklich so anfühlen wird.

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Great Character

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Strong Dialog

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