Prolog
Der Morgen roch nach feuchter Erde und kaltem Stein.
Lia stand barfuß am Rand des Innenhofs, die Zehen im nassen Gras, und hielt den Atem an. Der Nebel hing tief zwischen den Mauern von Thalen und verschluckte alles: Schritte, Stimmen, ihre Gedanken. Sie liebte diese Stunde. Noch erwartete die Welt nicht, dass sie funktionierte.
Langsam ballte sie die Hand zur Faust. Unter ihrer Haut lief ein feines Kribbeln entlang, nicht schmerzhaft, aber fremd genug, dass sich ihr Magen zusammenzog.
Seit Tagen wurde es schlimmer. Kerzen brannten länger, als sie sollten. Das Wasser im Eimer begann zu zittern, wenn sie wütend wurde. Ihre Träume fühlten sich echter an als der Tag. Und letzte Nacht war der Spiegel in ihrer Kammer zersprungen, ohne dass sie ihn berührt hatte. Sie hatte die Scherben im Dunkeln eingesammelt, in ein Tuch gewickelt und unter die Dielen geschoben.
Niemand durfte davon erfahren.
In Thalen schrie niemand einen an, der anders war. Man hörte einfach auf, ihn zu sehen. Lia hatte es oft genug beobachtet: Grüße, die ausblieben. Türen, die sich schlossen, wenn jemand vorüberging. Ihre Eltern waren nicht grausam. Aber Menschen fürchteten, was sie nicht verstanden, und in Thalen fürchtete man es leise.
„Reiß dich zusammen“, flüsterte sie. Ihre Stimme klang dünner als sonst. Sie presste die Finger gegeneinander, bis das Kribbeln nachließ. Fast.
Da bewegte sich der Nebel. Er trieb nicht, er wich auseinander, als hätte jemand die Hand durch ihn gelegt.
Zwischen den grauen Schleiern stand eine Gestalt. Groß. Reglos. Sie sah Lia an.
Ihr Herz stolperte. Einen Atemzug lang war sie sicher, helle Augen zu sehen, ruhig und wach, als wüsste ihr Besitzer genau, wen er vor sich hatte. Dann blinzelte sie, und der Hof war leer. Der Nebel schloss sich, als wäre nie jemand dort gewesen.
Lia zwang sich zu atmen. Doch etwas in ihr hatte sich geregt, etwas Altes, Waches, das nicht ihr gehörte. Es fühlte sich an, als hätte jemand eine Saite in ihr gespannt und begonnen, daran zu ziehen.
Weit jenseits der Mauern, in Cealthara, hob ein Mann den Kopf. Vor ihm spannten sich unzählige Fäden, silbrig und dünn wie Haar, und einer von ihnen hatte gezuckt.
Er sah ihn lange an. Dann lächelte er. Nicht überrascht. Er hatte darauf gewartet.