Prolog 1 - Das Bleistift Massaker
Klassenzimmer sind laut. Viel zu laut, zumindest für Kathleen Miller.
Sie saß wie immer hinten auf dem letzten Platz, mit ihrer roten Lockenpracht, und versuchte wirklich durchzuhalten, doch jedes kleinste Geräusch, wie Frau Beckers schrille Stimme, ein quietschender Stuhl und vor allem das hustende Mädchen, zwei Reihen weiter, war wie ein schmerzhafter Schlag gegen den Kopf.
Sie biss sich auf die Unterlippe und versuchte, sich auf ihren Herzschlag zu konzentrieren, doch es half nichts. Die Geräusche verschmolzen zu einem einzigen Rauschen. Ihr Kopf fühlte sich an, als würde er gleich platzen.
„Boah, nimm doch endlich ein Hustenbonbon!“, warf sie dem hustenden Mädchen viel zu laut an den Kopf.
„Miller! Ruhe!“, donnerte es direkt von vorne.
Das Summen wurde stärker und Kathleen kannte nur noch einen Ausweg, das Chaos im Kopf zu stoppen. Sie spitzte ihren Bleistift, als hinge ihr Leben davon ab. Der Bleistift splitterte, das Geräusch des Spitzers erfüllte den Raum und wurde erst von Frau Beckers wütender Stimme gestoppt: „Miller! Sofort raus!“
Kathleen packte ihre Sachen hastig zusammen.
„Mit dem größten Vergnügen.“
„Dir sollte mal jemand Respekt beibringen!“
„Und Sie bräuchten mal eine neue Stimme!“
Ehe die Tür hinter Kathleen zuknallte, hörte sie nur noch das Gekicher ihrer Mitschüler.
Draußen empfing sie die Stille eines Schulflurs, die nur existierte, wenn Unterricht war. Sie setzte sich auf die Holzbank, die direkt vor dem Klassenzimmer stand, zog die Knie an die Brust, umschlang sie fest und vergrub den Kopf im Schoß.Das Rauschen im Kopf ließ langsam nach und sie atmete erleichtert aus.
Doch dann gab die Bank nach, ganz so, als hätte sich jemand daneben gesetzt.
Die Luft wurde plötzlich dicker, eine schwere, fast greifbare Ruhe legte sich über die Stille. Kathleen merkte, dass ihr Rauschen plötzlich verstummte und ärgerte sich, dass auch ihre Wut stiller wurde.
Sie wartete darauf, dass etwas passierte, aber es passierte einfach nichts.
Sie lugte unter der verwaschenen Kapuze ihres Hoodies hervor und sah, wie dort Martin Richter saß, der Direktor höchstpersönlich, und seelenruhig in einer Akte blätterte.
„Oh, nein! Der Endgegner!“, platzte es plötzlich aus ihr heraus.
Martin hielt beim Umblättern einer Seite inne und musterte sie amüsiert: „Endgegner?“
Sie starrte ihn entsetzt an. Das hatte sie nicht laut sagen wollen. Sie rechnete jeden Moment damit, dass er explodieren würde, aber er blieb ruhig.Diese Ruhe war fast noch schlimmer als Gebrüll. In seinen Augen blitzte nur ein Hauch von Spott.
„Ich habe nur laut gedacht“, schoss es aus ihr heraus. Ihre Stimme zitterte.
Er schnaubte leise. „Wie ich höre, quälen Sie gerne Bleistifte, Fräulein Miller.“
„Frau Becker ist einfach zu empfindlich“, erwiderte sie sofort und merkte selbst, wie aggressiv das klang. „Die meckert doch schon, wenn ich zu laut atme.“
Ehe Martin reagieren konnte, flog die Klassenzimmertür auf und Sybille Becker stürmte heraus und noch während sie sich vor Kathleen aufbaute, brüllte sie schon: „Miller, du sollst ...“
Kathleens Rauschen im Kopf war sofort mit voller Wucht, durch Beckers schrille Stimme, wieder da. Sie zog die Beine noch enger an sich und presste ihre Hände so stark gegen die Ohren, dass ihre Finger weiß wurden, sie versuchte das Rauschen wegzudrücken.
„Sybille!“, es war Martins Stimme, die Frau Beckers Schimpftirade unterbrach, aber sie klang kein bisschen mehr amüsiert, eher scharf wie ein Skalpell.
Er stand auf und schob sich zwischen Kathleen und der Lehrerin, während er fortfuhr: „Du hast gerade unser Gespräch unterbrochen, geh wieder in die Klasse.“ „Aber die Miller …“, versuchte sie sich zu rechtfertigen, es klang aber kein bisschen sicher. „Ist jetzt mein Problem, geh!“ Sybille Becker drehte sich wutschnaubend um und verschwand wieder in der Klasse.Kathleen starrte ungläubig auf den Rücken vor ihr , eine Wand aus dunklem Stoff, die sie gerade wie ein Schutzschild vor Frau Becker abgeschirmt hatte. Ihre Hände krallten sich noch immer in ihre Ohren, doch sie spürte, wie seine unerschütterliche Präsenz das Rauschen langsam zurückdrängte.Als er sich langsam umdrehte, beschleunigte sich ihr Atem. Sie rechnete mit Fragen, mit Mitleid oder Unverständnis, doch er tippte ihr nur federleicht gegen den Handrücken.„Sie ist weg“, sagte er mit dieser tiefen, ruhigen Stimme. Dann setzte er sich wieder auf die Bank, als wäre gar nichts passiert.Kathleen beruhigte sich langsam und nahm die Hände runter, aber sie starrte stur gerade aus.Erst als er sicher war, dass sie sich beruhigt hatte, schaute er auf die Uhr, stand auf und sagte im Gehen, als wenn sie eh keine andere Wahl hätte: "Komm mit!""Wohin?""In mein Büro.""Ich geh doch nicht freiwillig in das Büro des Endgegners!" Sie zog sich augenblicklich wieder in ihr inneres Bollwerk zurück.Doch er konterte völlig unbeindruckt: "Dann viel Spaß bei der Frühstückspause."Jetzt war es Kathleen die auf die Uhr starrte und feststellen musste das die Pause in zwei Minuten anfangen würde.Sie grummelte, denn die Pausen waren noch unerträglicher als der Unterricht. Sie sprang auf, holte ihn ein und zischte ihn giftig an: „Denken Sie jetzt bloß nicht, Sie hätten gewonnen!“Er war bereits dabei, die Tür aufzuschließen. Mit einem leisen Klicken gab das Schloss nach und er drückte die Tür ein Stück auf, während er ohne sich umzudrehen sarkastisch antwortete: „Niemals würde ich sowas denken.“Er hielt die Tür einen Spalt weit offen und wartete, bis sie an ihm vorbeihuschte.