Customize readability
Aa

Kommunal. Regional. National.

All Rights Reserved ©

Summary

Alexander Krone will eigentlich nur, dass eine marode Grundschule in seiner Heimatstadt saniert wird. Doch eine Rede, ein Interview und ein politischer Skandal ziehen ihn tiefer in ein System, das er erst verstehen, dann verändern und schließlich beherrschen will. Vom stillen jungen Kommunalpolitiker steigt Alexander über Landespolitik bis in den Bundestag auf. Er lernt, wie Macht funktioniert: durch Deals, Loyalitäten, Verrat, Medienbilder und das richtige Schweigen zur richtigen Zeit. An seiner Seite steht Leon Breuer, Stratege, Mentor und gefährlicher Spiegel seiner eigenen Ambitionen. Doch je erfolgreicher Alexander wird, desto weiter entfernt er sich von dem Menschen, der er einmal sein wollte. Am Ende steht eine Frage, vor der keine Karriere schützt: Kann Reue noch etwas bedeuten, wenn der Schaden längst angerichtet ist?

Status
3mo ago
Chapters
8
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1 - Der Anfang

Ich war 24 Jahre alt. Frisch zurück aus unserer Unistadt, zurück in die Straße meiner Kindheit, in das Haus meiner Mutter, zurück in ein Leben, das ich längst hinter mir glaubte.

An diesem Donnerstag hatte ich mein erstes Treffen beim lokalen Sprechtag unserer Partei. Es war mir unangenehm, meine schweißnassen Hände an der Hose meines Anzugs abzuwischen. Mein Hemd war zerknittert, mein Anzug billig – ein H&M-Teil, noch mit dem Geruch vom Laden, nicht einmal gebügelt. Aber ich war da.

Bereit, irgendwas zu verändern.

Der Partei war ich schon während des Studiums beigetreten. Sie klangen wie das, was ich suchte.

Kompromisslos sozial. Zukunftsorientiert. Idealistisch.

Im AStA haben Sie sich für die Studis stark gemacht auch wenn das hieß, sich mit den BAföG-Leuten rumzuschlagen, die wieder mal ein halbes Semester für einen Antrag brauchten.

Ich wollte ein Weltverbesserer werden. Einer von denen, die man zitiert, wenn man an Hoffnung glaubt.

Und an diesem Abend – diesem ersten, kleinen Abend in einem schlecht gelüfteten Nebenraum des Rathauses – begann alles. Ohne Applaus. Ohne Pauken. Nur mit einem lauwarmen Kaffee und einem Stapel vergilbter Flyer auf dem Tisch.

„So, Alexander. Frisch den Bachelor geschafft, was? Haste dich eigentlich in der Uni in die Hochschulpolitik eingemischt – oder waren dir die da doch zu links?“

Herr Marten grinste mich an, wie ein Onkel, der immer ein bisschen zu laut lacht. Er war der kommunale Spitzenkandidat der Partei – und der ungekrönte König jedes Parteigrillens im Umkreis von fünfzig Kilometern.

Seine Halbglatze zog sich über den Kopf wie eine Schneise durch einen alten Wald. Wenn man wollte, konnte man sich dort eine bepflanzte Schnellstraße vorstellen, gesäumt von den letzten Haarbüscheln, die sich gegen den Rückzug stemmten.

„Ich wollte mich während meines Gesellschaftsstudiums voll und ganz auf die Vorlesungen und unsere Diskussionen konzentrieren“, antwortete ich mit einem leichten Grinsen. „Deshalb hatte ich leider keine Zeit, mich in der Hochschulpolitik zu engagieren.“

Ich wollte nicht, dass Herr Marten mich direkt in irgendeine Schublade steckte. Nicht in die linke, nicht in die naive, schon gar nicht in die bequeme.

Er hob seine Tasse, die schon halb leer war – schwarzer Kaffee, wie immer, zwei und ein halber Zuckerwürfel.

Mit leichtem Kopfnicken meinte er:

„Du tatest gut daran. Ich erinnere mich noch an meine Zeit an der Freien. Damals war’s noch wild. Hausbesetzungen, Flugblätter, Seminare mit mehr Rauch als Inhalt.“

Er lachte heiser.

„Heutzutage geht’s den Studenten viel zu gut. Da stimmst du mir doch zu, oder?“

Ich räusperte mich, vielleicht ein bisschen zu auffällig. Ich war nervös – weniger wegen der Frage, mehr wegen dem, was zwischen den Zeilen mitschwang.

Ich erinnerte mich an Gespräche mit Kommilitonen, die jeden Monat bangen mussten, ob sie die Miete zahlen konnten. An überfüllte WGs, verschimmelte Küchen, Nebenjobs bis tief in die Nacht.

Ich selbst hatte Glück gehabt – keine Wohnungsnot, keine Bafög-Schlacht, keine bitteren Elternrechnungen. Aber ich wusste, wie anders es für viele aussah.

„Ich bin der festen Überzeugung“, begann ich vorsichtig, „dass man das von Student zu Student situationsbedingt betrachten muss.“

Frau Beck, eine Lehrerin im Vorruhestand, und Frau Vogel, die früher mal für den Jugendhilfeausschuss kandidiert hatte, nickten zustimmend.

Dr. Baas hingegen, unser ältester Anwesender mit abgewetztem Anzug und promovierter Selbstgerechtigkeit, verzog kaum merklich den Mundwinkel. Herr Marten schmunzelte – nicht abwertend, aber auch nicht ganz auf Augenhöhe.

„Ach, so wichtig ist das auch nicht“, sagte er schließlich und klopfte mir kameradschaftlich auf die Schulter.

„Ich bin glücklich, endlich wieder einen Jungspund bei uns zu haben.“

Er hielt kurz inne.

„Du weißt ja, Kommunalpolitik ist kein Zuckerschlecken. Die meisten haben keinen Andrang, sich wirklich einzubringen. Sitzen lieber auf Twitter und motzen rum.“

Er sah mich an, als wolle er prüfen, ob ich mich ertappt fühlte.

„Aber du hast ja in Berlin schon Wahlplakate aufgehängt, Veranstaltungen mitbetreut – so was merkt man sich.“

Dann setzte er sich wieder, langsam, mit einem leisen Ächzen, und ließ den Kopf in den Nacken fallen.

„Tja. Letzte Wahl hab ich leider verloren. Zum zweiten Mal.“

Ein kurzes Schweigen legte sich über den Tisch, nur das leise Klirren seiner Tasse unterbrach es.

„Unsere Partei hätte mich deshalb fast ausgetauscht. Aber sie haben’s dann gelassen. Aus Mangel an Alternativen – oder aus Gewohnheit.“

Er lächelte dabei, aber es war ein müdes Lächeln. So eins, das nicht aus dem Mund kommt, sondern aus dem Bauch, wo es schon zu lange gärt..“

Herr Marten rieb sich die Stirn, als wolle er die Müdigkeit seiner letzten Niederlage damit fortwischen, dann klatschte er zweimal in die Hände.

„Gut, dann lasst uns anfangen. Sonst sitzen wir hier noch bis Mitternacht.“

Frau Beck kramte ein paar lose Blätter aus ihrer abgewetzten Stofftasche und verteilte sie an alle. Oben stand in dicker Schrift: „Ortsverband Hohenfeld – Tagesordnung, 17. März“

„Erster Punkt“, begann Marten, „die Sanierung der Grundschule. Der Antrag liegt jetzt seit drei Monaten im Ausschuss. Die Stadtverwaltung hat uns zugesagt, bis Ende des Monats Rückmeldung zu geben – aber ich hab da wenig Hoffnung.“

„Die haben kein Geld“, warf Dr. Baas knapp ein, ohne von seinem Notizbuch aufzusehen. „Und was sie haben, geht in die Innenstadt. Wie immer.“

Frau Vogel schnaubte leise. „Wäre auch mal schön, wenn wir ein bisschen mehr Solidarität aus dem Rathaus bekämen. Aber da hängen halt die Investoren am Tropf.“

Herr Marten nickte. „Deshalb müssen wir bei der nächsten Sitzung geschlossen auftreten. Ich weiß, es ist nur ein symbolischer Antrag, aber wir dürfen uns nicht aus der Schule drängen lassen. Alexander, willst du dich da vielleicht mit einarbeiten? Könntest für uns ein kleines Positionspapier zusammenstellen.“

Ich zuckte innerlich, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Ich war gerade einmal fünf Minuten in diesem Raum als mehr als nur Zuhörer – und schon sollte ich ein Papier schreiben.

„Klar“, sagte ich. „Ich kann mir das bis nächste Woche anschauen.“

„Gut“, sagte Marten. „Dann zum zweiten Punkt: der Radweg an der Bundesstraße. Es gab Beschwerden von Anwohnern. Frau Vogel, du hattest da was gesammelt, oder?“

„Ja“, sagte sie und zog ein gefaltetes Blatt aus ihrer Mappe. „Drei Schreiben von Eltern, zwei von Lehrern der Gesamtschule. Sie sagen, der neue Verlauf sei gefährlich – der Übergang sei unübersichtlich, vor allem morgens, wenn’s noch dämmert.“

„Und der Bürgermeister ignoriert das?“ fragte Frau Beck.

„Er meint, die Pläne seien genehmigt und fertig. Ich hab aber Fotos gemacht.“

Sie reichte die Bilder herum. Ich beugte mich nach vorne, um sie anzusehen. Tatsächlich – eine Kurve, ein schlecht einsehbarer Zebrastreifen, kaum Beschilderung.

Ich fragte mich, ob ich dort früher selbst mal langgegangen war. Vielleicht. Aber nie bewusst.

„Das könnten wir medial nutzen“, murmelte Dr. Baas, mehr zu sich selbst. „Kinder in Gefahr – das zieht immer.“

Marten hob eine Braue. „Einverstanden. Aber wir bleiben sachlich, ja? Wir bringen das in die nächste Ratssitzung mit und fordern eine Überprüfung.“

Er machte sich eine Notiz, dann sah er auf.

„Sonst noch was?“

„Die Kita-Gebühren“, sagte Frau Beck leise. „Die Erhöhung soll jetzt im Juni kommen.“

Ein Stöhnen ging durch die Runde.

„Dann machen wir’s so“, sagte Marten. „Alexander, du schaust dir das Thema Schule an. Frau Vogel, Sie bleiben am Radweg dran. Beck und ich kümmern uns um die Gebühren. Und Herr Baas…“ – er zögerte – „…behalten Sie bitte die Haushaltszahlen im Blick. Sie haben da ja… Erfahrung.“

Ein spöttisches Lächeln huschte über Baas’ Gesicht. „Ich war vor Ihrer Geburt schon dabei, Marten.“

Noch während ich ein höfliches Lächeln formte, reichte mir Frau Beck einen Stapel getackerter Blätter. Es waren bestimmt zwanzig Seiten, vielleicht mehr – mit Kugelschreiber beschriftet, teils unterstrichen, Eselsohren inklusive.

„Das wirst du für die Schulangelegenheit brauchen“, sagte sie mit einem Nicken, das gleichermaßen freundlich wie verpflichtend war.

„Nichts zu danken. Ich hab das die letzten Jahre gesammelt. Protokolle, Presseartikel, Briefe von Eltern, Sitzungsbeschlüsse. Da steht alles drin.“

Ich nahm den Stapel vorsichtig entgegen, als wäre er schwerer, als er aussah.

Nicht wegen des Papiers – sondern wegen dem, was er bedeutete: Ich war jetzt nicht mehr nur dabei. Ich war drin.

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Die Straßenlaternen tauchten das Kopfsteinpflaster vor dem Rathaus in ein orangefarbenes Licht, das sich auf nassem Asphalt spiegelte. Es hatte geregnet, irgendwann während des Treffens. Ich hatte es gar nicht bemerkt.

Ich zog meinen Mantel enger und trat hinaus in die Kühle. Die Papiere lagen schwer in meiner Tasche, als hätte er in den letzten Minuten an Gewicht zugenommen.

Die Bushaltestelle lag drei Ecken weiter, direkt gegenüber vom alten Getränkemarkt, den es schon zu Schulzeiten gegeben hatte. Der Bus kam erst in zwölf Minuten. Ich setzte mich auf die Bank, lehnte mich zurück und sah auf die leere Straße.

Mein Kopf war voll. Nicht von großen politischen Visionen – eher von Gesprächsfetzen, Gesten, Blicken.

Herr Martens Schulterklopfer. Frau Becks unaufgeforderte Zettel. Das leise Lächeln von Frau Vogel, das ich nicht ganz einordnen konnte.

Und ich selbst mittendrin – noch ohne Stimme, aber schon mit Verantwortung.

Ich fragte mich, ob ich wirklich wusste, worauf ich mich eingelassen hatte.

Oder ob ich einfach nur zu stolz gewesen war, um „Nein“ zu sagen.

Ich griff in meine Tasche, zog den obersten Zettel aus dem Stapel und ließ die Augen darüber gleiten.

„Sitzung vom 12. Januar – Thema: Toilettenanlagen GS Hohenfeld“

Ich schmunzelte. Revolutionen begannen manchmal mit Klopapier.

Der Bus bog mit lautem Rumpeln um die Ecke. Ich steckte das Blatt zurück, stand auf und stieg ein.

Hinten, am Fenster, setzte ich mich und sah hinaus in die Nacht.

Es war ein leiser Anfang. Aber ein Anfang war es.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf, obwohl ich keinen festen Termin hatte. Mein Körper war müde, aber mein Kopf war schon zwei Schritte voraus – als hätte er Angst, den Anschluss zu verpassen. Ich saß lange in der Küche, die dampfende Tasse Kaffee vor mir, während der Papierstapel auf dem Tisch wie eine unscheinbare Mahnung lag.

Ich begann zu lesen. Punkt für Punkt, Sitzung für Sitzung. Frau Beck hatte nicht übertrieben – sie hatte alles gesammelt. Zwischen Kaffeeflecken und handschriftlichen Randnotizen entfaltete sich ein erstaunlich komplexes Bild der kleinen Grundschule von Hohenfeld. Marode Sanitäranlagen. Unzureichende Heizkörper. Ein Brandschutzgutachten aus dem Jahr vor meiner Geburt. Dazwischen: Briefwechsel mit der Verwaltung, Fraktionsanträge, Leserbriefe aus der Lokalpresse.

Ich schrieb mir erste Notizen. Dann klingelte mein Handy.

Unbekannte Nummer.

Ich zögerte. Nahm ab.

„Herr Krone? Hier spricht Jasmin Heidrich. Ich leite den Elternbeirat der Grundschule. Frau Beck meinte, Sie wollten sich einarbeiten. Haben Sie heute Mittag Zeit für einen kurzen Spaziergang über das Gelände? Ich bin ohnehin vor Ort.“

Ich hatte keine Zeit – aber ich sagte: „Natürlich.“

Drei Stunden später stand ich vor dem grauen Bau, den ich aus meiner eigenen Kindheit kannte. Nichts hatte sich verändert. Nicht die Fassade, nicht der Geruch von feuchtem Laub und Kreide, der aus dem Eingangsbereich drang.

Jasmin Heidrich war Anfang vierzig, sportlich, bestimmt. Sie begrüßte mich mit einem festen Händedruck und wenig Smalltalk.

„Wir halten’s kurz, ja? Ich hab gleich noch ein Gespräch mit der Schulleitung wegen der neuen Betreuungssituation.“

Wir gingen an der Seite des Gebäudes entlang. Der Asphalt war rissig. Zwei Kinder rannten lachend vorbei, ihre Ranzen wackelten wie überfüllte Einkaufstüten.

„Hier, sehen Sie“, sagte sie und deutete auf die Notausgangstür am hinteren Trakt. „Bei Regen läuft das Wasser hier direkt in den Flur. Das haben wir jetzt schon drei Mal gemeldet. Ergebnis: Ein Aufsteller mit 'Achtung Rutschgefahr'. Das ist’s.“

Ich notierte es. Fragte nach dem Brandschutz, nach Toiletten, nach dem Zustand der Heizungen. Jasmin antwortete schnell, präzise, beinahe routiniert. Ich fragte mich, wie oft sie diese Runde schon gedreht hatte. Und mit wem.

„Ich finde es gut, dass sich jemand aus der Politik endlich blicken lässt“, sagte sie am Ende. „Auch wenn ich mich frage, wie lange Sie das durchhalten.“

„Wie meinen Sie das?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Die meisten tauchen hier einmal auf, nicken freundlich – und wenn's dann um Fördergelder oder Prioritätenlisten geht, heißt es, 'Leider kein Spielraum im Haushalt'. Ich hab's satt.“

Ich nickte, aber sagte nichts. Was sollte ich auch sagen?

Zurück zu Hause tippte ich meine Eindrücke zusammen. Noch wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte – ein Positionspapier war mehr als eine Meinungsäußerung. Es war... nun ja, Politik. Und ich war mir nicht sicher, ob ich das wirklich konnte.

Am Abend schrieb ich eine Mail an Herrn Marten, mit einem Zwischenstand. Sachlich. Höflich. Dann klickte ich sie wieder weg und schrieb sie neu – diesmal mit einem Schlusssatz, der nicht wie der eines Sachbearbeiters klang.

„Ich hoffe, das entspricht in etwa dem, was Sie sich vorgestellt haben. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldung.“

Ich klickte auf Senden und fühlte mich ein wenig wie nach einem Bewerbungsgespräch.

Bewerbungsgespräch. Ja, Bewerbungsgespräch.

Verdammt.

Ich hatte vollkommen verpennt, dass ich am nächsten Morgen um 11:45 Uhr ein Bewerbungsgespräch bei meinem – hoffentlich zukünftigen – Arbeitgeber hatte.

Kein Konzern, kein hipper Startup-Kram. Es ging um eine Stelle bei der Stadtbücherei Hohenfeld, halbtags, mit Aussicht auf Verlängerung. Katalogisierung, Ausleihe, Schulveranstaltungen begleiten, manchmal Vorlesen am Nachmittag. Es war nichts, womit man Karriere machte. Aber es war ehrlich. Und ich mochte Bücher. Immer schon.

Außerdem brauchte ich das Geld.

Ich lebte wieder bei meiner Mutter, in meinem alten Jugendzimmer. Die Möbel waren dieselben. Nur das Gefühl war ein anderes.

Miete zahlte ich nicht, sie hätte das nie zugelassen, aber trotzdem… könnte das nicht für immer so sein. Nicht ewig. Nicht länger als nötig.

Ich wollte einfach genug zurücklegen. Für eine eigene Wohnung. Für Mobilität. Für Unabhängigkeit. Die Kommunalpolitik brachte kein Geld, und ich wollte auch keines dafür.

Aber man konnte schlecht in einem Rathaus mitdiskutieren, wenn man sich das Shampoo vom Discounter nicht mehr leisten konnte.

Also stand ich spätabends noch einmal auf, holte mein Hemd aus dem Schrank und überprüfte es auf Flecken. Ich legte meine Bewerbungsmappe zurecht, druckte meinen Lebenslauf noch einmal aus, auch wenn sich seit der letzten Version kaum etwas geändert hatte. Und dann ging ich schlafen.

Unruhig, aber irgendwie zufrieden.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, duschte zu lang und trank den Kaffee zu schnell.

Ich kam pünktlich zur Bücherei, wurde von einer älteren Dame mit grauem Dutt und strengem Blick in ein kleines Büro geführt. Sie hieß Frau Uhlmann, war die Leitung, seit „die meisten hier geboren wurden“, wie sie selbst sagte.

Wir sprachen über Literatur, Kinderlärm, Digitalisierung, Dienstpläne.

Ich war ehrlich. Und höflich. Und ich glaube, ich wirkte, als wüsste ich, was ich tat.

Als ich rausging, war ich mir nicht sicher, ob es gereicht hatte.

Aber ich wusste, dass ich es zumindest versucht hatte.

Und das war mehr, als ich über viele andere Dinge in meinem Leben sagen konnte.

Am späten Nachmittag saß ich gerade wieder an meinem Schreibtisch, den Kopf halb in Unterlagen zur Schulrenovierung, halb in meinen Gedanken, als mein Handy vibrierte.

Unbekannte Nummer. Wieder. Ich zögerte – dann nahm ich ab.

„Herr Krone? Guten Tag, hier ist Frau Uhlmann von der Stadtbücherei Hohenfeld.“

Ich setzte mich sofort aufrechter hin.

„Guten Tag, Frau Uhlmann.“

„Ich wollte es kurz machen“, sagte sie knapp. „Wir würden Sie gern einstellen. Es ist zunächst eine Halbzeitstelle, befristet auf sechs Monate, aber mit Option auf Verlängerung.“

Ich sagte sofort zu. Natürlich sagte ich sofort zu.

Als ich aufgelegt hatte, blieb ich einen Moment einfach sitzen. Kein Freudenschrei, kein Luftsprung. Nur dieses stille Gefühl, dass etwas funktioniert hatte. Endlich mal etwas.

Ich ging runter zu meiner Mutter, die gerade in der Küche stand und Brot schnitt.

„Und?“ fragte sie, ohne aufzusehen.

„Ich hab den Job.“

Sie lächelte stolz, vielleicht ein wenig zu sehr.. Dann nickte sie nur.

„Wusste ich doch.“

Zwei Tage später traf sich der Ortsverband wieder – diesmal im Hinterzimmer einer kleinen Pizzeria, weil der Raum im Rathaus von einer Bürgerinitiative belegt war. Es roch nach Knoblauch und Tomatensauce, und die rot-karierten Tischdecken passten nicht so recht zu den ausgedruckten Haushaltsplänen.

Herr Marten war gut gelaunt.

„Alexander, dein Bericht war hilfreich. Hat Struktur. Wenn du so weitermachst, übernimmst du bald meinen Platz“, lachte er.

Marten wollte bestimmt nur Gutes, und ich lachte zurück, doch mein Lachen trug einen bitteren Beigeschmack in sich.

Dr. Baas brummte zustimmend, während er sich eine Mineralwasserkaraffe einschenkte, als wäre es Wein.

„Wir sollten darüber nachdenken, das in die nächste öffentliche Mitteilung aufzunehmen“, sagte Frau Vogel.

„Eine junge Stimme, ein neues Gesicht. Damit erreichen wir vielleicht auch mal wieder unter 40.“

„Na, wenn wir’s richtig verkaufen, vielleicht sogar unter 30“, ergänzte Frau Beck.

„Er ist ja auch nicht hässlich, unser Neuer.“

Ich wurde rot. Und sagte lieber nichts.

Nach dem Treffen sprach mich Herr Marten draußen noch einmal an.

„Du, Alexander – wenn du willst, nächste Woche ist Bezirksausschuss. Wir dürfen da zwar nicht abstimmen, aber zuhören, Präsenz zeigen. Ein bisschen unsere Themen in Gespräche bringen. Komm einfach mit. Ich nehm dich mit dem Wagen mit.“

Ich zögerte. Dann nickte ich.

„Gerne.“

Er klopfte mir auf die Schulter, diesmal fester. „So fängt’s an. Du machst das gut.“

Zwei Tage später – mein zweiter Arbeitstag.

Die Vormittagsschicht war ruhig. Ein paar Rentner lasen Zeitung, zwei Kinder blätterten auf bunten Sitzkissen durch Bilderbücher. Ich saß am Ausleihschalter, sortierte Rückgaben, scannte Barcodes, ordnete ein paar neue Titel ins System ein.

Es war still, aber nicht unangenehm. Die Art von Stille, in der Gedanken Platz haben, ohne laut zu werden.

Kurz vor Mittag hörte ich die Glastür. Ein vertrauter Schritt, ein Rascheln, ein leises Fluchen.

Ich schaute hoch – und erkannte ihn sofort.

Janis Berger.

Früher saß er zwei Reihen hinter mir im Deutschunterricht. Immer mit zerzausten Haaren, einem halben Döner in der Tasche und dieser typischen „Ich schreib das morgen früh ab“-Haltung. Wir hatten nie wirklich viel miteinander zu tun, aber man kannte sich eben. Kleinstadt eben.

„Ey“, sagte er, als er mich erkannte. „Krone? Bist du das?“

Ich nickte.

„Hey Janis. Lange her.“

Er grinste breit. „Und du sitzt jetzt hier in der Bib? Heftig. Ich dachte, du machst Politik oder so?“

„Halbtags hier. Und ja… politisch ein bisschen aktiv. Ortsverband.“

„Achso, ja klar. Krone for Kanzler und so.“ Er lachte, aber nicht spöttisch. Mehr so, wie man über einen alten Witz lacht, den man selbst mal gebracht hat.

Er stellte einen dicken Wälzer auf die Theke.

„Musste das für meine Schwester verlängern, hab’s aber vercheckt. Is’ das jetzt teuer?“

Ich sah auf den Titel – „Das große Gartenjahr“.

„Zwei Tage überfällig. Dreißig Cent.“

„Hau rein“, sagte er, zog eine einzelne Euro-Münze aus der Tasche und schob sie über den Tresen. „Bezahl ich ihr halt die Mahnung.“

„Wie geht’s dir sonst so?“ fragte ich, während ich das Buch einscannte.

Er zuckte mit den Schultern.

„Passt. Mach grad was im Lager bei Fink & Söhne. Frühschicht. Nicht geil, aber Geld ist Geld, ne?“

Ich nickte.

„Kenn ich.“

„Sag mal… machst du das mit der Politik echt ernst?“ fragte er dann, jetzt ein wenig vorsichtiger.

Ich zögerte kurz, dann sagte ich:

„Ich versuch’s zumindest. Ich glaub, es braucht Leute, die nicht nur meckern.“

Er grinste schief. „Mutig. Ich könnt das nicht, ständig mit so Altfreaks rumhocken und sich durch Papiere wühlen.“

„Dafür muss man Bücher mögen“, sagte ich, schob ihm die Quittung rüber.

Er nahm sie und zwinkerte.

„Oder du wirst halt irgendwann Bundeskanzler und wir lachen dann alle, dass du mal meine dreißig Cent kassiert hast.“

Ich lachte.

„Vielleicht.“

Dann war er weg. Und die Stille kehrte zurück.

Let Xerolo44 know what you thought about this chapter!
Love this

0

Love this

Funny

0

Funny

Spicy

0

Spicy

Suspenseful

0

Suspenseful

Emotional

0

Emotional

Profound

0

Profound

Heartwarming

0

Heartwarming

Shocking

0

Shocking

Good Writing

0

Good Writing

Compelling Plot

0

Compelling Plot

Great Character

0

Great Character

Strong Dialog

0

Strong Dialog

Further Recommendations

Off limits to fate, My Alpha, my sin

Mia: I'm definitely going to read more books from you, this was 🔥

Read Now
The Cleanup Girl: A Dark Mafia Romance

Deonna: I have a soft spot for hot mafia men and the women they love! Abby and Nicky are absolutely perfect for each other, and I'm so glad they were able to make their way back to each other. The story is intriguing enough to keep you reading until the very last page. The roller-coaster ride of emotions ke...

Read Now
My Blacksmith Savior

ROB: This was honestly one of the best simple stories I have ever read.There was no repetitiveness, no over the top drama, lots of love and no miscommunication between the leads.Thank you so much for this gem.God bless you! 💜

Read Now
THE WOMAN HE BOUGHT

Jkind12: Great story but I didn’t like the gap of 4 years in the end! It’s like the writer quit.!

Read Now
Bloodlines

karenfancp: I have noticed a few typos, the story line is good. I can’t put this down.

Read Now
The Rewrite

Heidi Rumfola: Terrific plot and great writing

Read Now
SECRET BILLIONAIRE

Sandra: Interesting characters, a little tension in the Ollie that tracked a satisfying resolution. Heartwarming. Would recommend this writer.

Read Now
Between the Whistle and the Quiet (Book #1 in The Reapers & Roses Series)

Nanana1608: Such a heartwarming and good story. Love the build up

Read Now
Werewolf Hollow [GALATEA DATE TBA]

Bobbie Stull: Very enjoyable read.There were a few grammatical/spelling errors, but they weren’t so bad as to distract from the story.

Read Now