Prolog
Der schlimmste Moment ist nicht, wenn man zitternd auf den kalten Fließen des Badezimmers sitzt, nachdem man jegliche gerade aufgenommene Kalorie die Toilette runtergespült hat. Er ist auch nicht, wenn man um halb 3 nachts mit geschwollenen Augen und von Blut beschmierten Armen auf dem Bett hockt mit dieser verdammten Klinge in der einen Hand, die einen erneut die Anspannung genommen hat, um sie nur wenige Sekunden später wieder in einer Flut von Selbstvorwürfen zurückzubringen. Ebenso ist es nicht die Derealisation am Essenstisch nach dem Essen, dass man am liebsten auf direktem Weg wieder loswerden möchte, die Panikattacken oder Dissoziationen in der Schule oder das zu schnelle Aufstehen, dass einen viel zu sehr um den Kreislauf raubt, als es sollte. Wenn man in den Phasen dieser Krankheit drinnen steckt, nimmt man diese Momente nicht als schlimm war. Du nimmst sie nicht als schlimm war, weil du sie nicht mehr wirklich erlebst. Wenn es zu diesen Momenten kommt, hast du deine Emotionen schon längst wieder betäubt und durch die Taubheit und die ständigen Gedanken an das Essen ersetzt, die es dir unmöglich machen die Situation als so Gefährlich wahrzunehmen, wie sie ist. Der schlimmste Moment ist der, an dem man realisiert auf direkten Weg wieder in die schlimmsten Phasen der Krankheit zu finden. Der Moment, in dem sich der nächste Rückfall ankündigt und man sich so verdammt machtlos gegen die Welle an Schuldgefühlen fühlt und es scheint nur einen möglichen Ausweg zu geben. Den Ausgang, den man sich noch vor wenigen Monaten geschworen hat, nie wieder zu wählen. Und dann geht alles ganz schnell. Es ist erst das Auslassen vom Frühstück, da man so früh ja sowieso nichts runter bekommen würde. Man redet sich ein, es einfach mit einem größeren Mittagessen und Abendessen zu kompensieren. Und dann kommt irgendwann das Mittagessen, was erst immer weniger wird und schlussendlich ebenfalls ausfällt. Die Menschen um dich herum merken es nicht. Wie sollen sie auch? Den Tag über bist du in der Schule und wenn jemand stutzig wird isst du, um zu zeigen, dass es dir doch gut geht und die Sorge unbegründet ist. Schleichend kommt dann auch noch das Abendessen dazu, was immer mehr eingeschränkt wird. Dann fängst du mit Sport an, unter dem Vorwand einen freien Kopf zu bekommen und weil du dir einredest dadurch wieder mehr essen zu können. Als du merkst, dass du nicht mehr genügend Energie hast, um zu trainieren fängst du wieder an zu erbrechen. Dann kommt wieder der Apfelessig, der vom letzten Mal noch “sicherheitshalber” aufbewahrt wurde. Natürlich darf auch das Salzwasser nicht fehlen, was schon beim alleinigen Trinken die Gallensäure hochkommen lässt. Und ganz schnell hast du keine Energie mehr. Du musst aufpassen ja langsam aufzustehen und meidest jeglichen sozialen Kontakt. Aber dir geht es ja gut. Viel besser als vorher. Du hast die Schuldgefühle kompensiert mit dem Betäuben jeglicher Gefühle und ganz plötzlich ist dir wieder alles egal. Bis auf die Kalorien, die dich in den absoluten Wahnsinn treiben und diese verdammte Besessenheit die Zahl auf der Wage fallen zu sehen. Du definierst dich mit dieser Zahl. Das hast du schon immer und rational weißt du, dass dein Gewicht nichts über dich und deinen Wert aussagt. Und doch machst du deinen Wert an dieser Zahl aus. Das Fallen, Stagnieren oder Steigen der Zahl auf der Wage bestimmt, ob es ein guter oder schlechter Tag wird. Sie bestimmt, ob du zu Abend essen wirst oder ob du heute darauf verzichtest, ob du heute eher die Treppen nimmst und riskierst dein Bewusstsein zu verlieren oder dich sicherheitshalber für den Aufzug entscheidest, ob du später noch spazieren gehst oder lieber den Tag im Bett verbringst und vergeblich versuchst Schlaf zu finden. Eigentlich ist dir bewusst, dass der Gedanke an Schlaf absolut utopisch ist. Du traust dich nicht zu schlafen aus der Angst heraus nicht mehr aufzuwachen und gleichzeitig bist du viel zu müde, um wach zu bleiben. Immer mehr häufen sich die Gedanken das nicht aufzuwachen eine der besseren Methoden sind an dieser verdammten Krankheit zu sterben. Deine Freunde mustern dich besorgt und manche sprechen dich darauf an, dass du in den letzten Wochen enorm an Gewicht verloren hast. Du weißt, dass dieser Fakt Besorgnis bei deinem Gegenüber auslöst und trotzdem freust du dich insgeheim darüber, dass es nicht unbemerkt bleibt. Die Besorgnis deiner Mitmenschen fördern dein Verhalten. Du musst mehr abnehmen. Du musst zeigen, wie tief du gehen kannst. Du musst länger hungern. Noch mehr Gewicht verlieren. Es ist noch nicht genug. Alles Gedanken der Essstörung. Nur langsam kannst du diese nicht von den deinen Unterscheiden. Du fällst immer mehr. Deine Beine knicken beim Laufen ein und alles wirkt so verdammt surreal. Dein eigenes Verhalten macht dir Angst. Insbesondere der Fakt, dass es dir egal ist zu sterben macht dir Angst und am liebsten würdest du deinen Mitmenschen ins Gesicht schreien, dass du verdammt nochmal Hilfe brauchst. Aber das darfst du nicht. Die Essstörung erlaubt es dir nicht. Ana erlaubt es dir nicht. Die Betreuer begleiten dich wieder zu deiner Hausärztin die besorgt feststellt, dass du mal wieder viel zu tief drinnen steckst. Du siehst ihr in ihrem Blick an, dass sie dich am liebsten einweisen würde und dennoch weißt du, dass sie es nicht tun wird. Dort würdest du nach nicht einmal 24 Stunden wieder raus kommen. Du bist ja nicht im Untergewicht. Der Fakt, dass dein Set Point bei etwa 70kg liegt und du gerade an der 50 kratzt ist irrelevant. Du bist noch im Normalgewicht, was für deinen Körper ein absolutes Untergewicht widerspiegelt. Du verfluchst deine Gene für diesen verdammten Körper und gleichzeitig bist du so verdammt froh darüber nicht an die Sonde zu müssen. Das Untergewicht ist dein Ziel, was du niemals zugeben würdest. Aber du willst einmal an den Punkt genau dort zu landen. Einmal willst du auch für die Empathielosen Ärzte der Kinder- und Jugendpsychiatrie schlimm genug sein. Sie sollen dich wenigstens mal anschauen. Rational betrachtet ist dir bewusst, dass du vor dem Untergewicht sterben wirst, doch das könnte dir nicht gleichgültiger sein. Die Ärztin mustert dich. Fragt nach deiner Periode. Nach deinem Trinkverhalten. Nach deinem Schlaf. Der Depression, die als Ausrede dient an schlechten Tagen nicht am Essenstisch zusehen zu müssen wie andere Essen. Du bist besessen von dem Essverhalten anderer. Deine Foryou-page besteht aus den Videos der neusten Food Trends, What I eat in a day Videos aus der anorexen Community, Recovery Content von Essstörungen, deren Creater du als Versager abstempelst und gleichzeitig, um ihre Stärke der Krankheit zu entkommen beneidest, und 10 000 kcal Challenges von Influencern. Du sollst deine Kleidung bis auf die Unterwäsche ausziehen und es fällt dir viel zu leicht aus der Skinny Jeans zu schlüpfen, die an deinem Körper eher wie eine Baggy Jeans sitzt. Du stellst dich auf die Waage und freust dich über die viel zu niedrige Zahl. Von deiner Bezugsbetreuung bekommst du einen besorgt-wahnenden Blick für dein Lächeln nach dem Blick auf die Waage, bevor du deine Klamotten wieder anziehst, dir empfohlen wird Fresubin zu trinken und du bis nächste Woche zur Blutabnahme und Waage verabschiedet wirst. Du hast wieder wöchentliche Arzttermine, die dich zwar nerven aber niemals wirklich helfen, denn du willst die Hilfe nicht. Wieso auch? Dir geht es ja gut. Du bist im Normalgewicht und hast keine Schuldgefühle. Das redest du dir so lange ein, bis du es selbst glaubst, denn du musst es ja glaubhaft rüberbringen, wenn dich jemand frägt. Deine Psychologie Lehrerin mustert dich die letzten Stunden auch schon sehr skeptisch, spricht dich jedoch nicht an. Von den anderen Lehrern erhältst du sogar Zuspruch. Man kommentiert die Körper anderer nicht, weil man nie weiß, was dahinter steckt. Und das ist nicht nur auf das zunehmen oder fülligere Körper bezogen, sondern auch auf das Abnehmen. Denn man weiß nie was dahinter steckt. Anorexia nervosa ist eine psychische Krankheit, die sich zwar häufig in einem extremen Gewichtsverlust zeigt, jedoch nicht unbedingt ins Untergewicht führt. Ein Fakt, der vielen Menschen nicht bewusst ist und eine Krankheit, die von vielen Menschen durch zu wenig Aufklärung viel zu sehr stigmatisiert und erst wenn man dem Stereotyp der Krankheit entspricht, richtig ernstgenommen wird.








