Kapitel Eins - Immer derselbe Morgen
Lene
Um 7:42 hält die Linie 4 an der Haltestelle Am Weiher.
Jeden Morgen. A
ußer sonntags.
Im November ist es um diese Zeit noch dunkel, und die Bahn sieht aus wie ein Aquarium, das durch die Nacht geschoben wird.
Warmes Licht.
Menschen hinter beschlagenen Scheiben.
Ich steige immer durch die zweite Tür ein, weil da am wenigsten gedrängt wird, und ich ziehe meine Mütze ab, sobald ich drin bin, weil mir sonst die Stirn schwitzt, und dann warte ich zwei Atemzüge, bis die Türen zugehen.
Er sitzt immer in der dritten Reihe.
Am Fenster.
Links.
Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, ihn zu beobachten.
Vermutlich an dem ersten Tag, an dem es geschneit hat, als alle nass und verhärmt in die Bahn stiegen und nur er lachte, weil der Schnee einer Frau direkt in den Kragen ging und sie sich so empörte, als hätte der Himmel sie persönlich beleidigt.
Er lachte nicht über sie.
Er lachte mit ihr.
Das ist ein Unterschied, den man nur kennt, wenn man darauf achtet.
Ich achte auf zu viel.
Das ist seit mein Problem.
Er liest.
Niemals am Handy, immer ein Buch mit weichem, zerlesenem Umschlag, und er benutzt seinen Daumen als Lesezeichen.
Seit den ersten Regentagen sind die Seiten wellig geworden, und er glättet sie beim Umblättern mit zwei Fingern, vorsichtig, wie man etwas glättet, das nicht zerbrechen soll.
Seine Finger, Wangen und seine Nasenspitze sind morgens rot vor Kälte.
Sein Schal ist blau, aus Wolle, mit einem losen Faden, der am Ende hängt.
Einmal — nur einmal — hat er einer alten Frau mit einem Gehwagen seinen Platz gegeben, ohne sie anzusehen, als wäre es nichts, und die Frau hat es nicht einmal bemerkt, und er hat trotzdem gestanden, sieben Haltestellen lang, mit diesem halben Lächeln, das er macht, wenn er liest.
Ich sehe es mir an.
Jeden Morgen.
Ich sammle es, wie andere Leute Briefmarken sammeln oder Worte oder Mut.
Die Bahn hat ihre Konstanten.
Der Mann mit dem Geigenkörper, der immer einschläft und immer am selben Stop erwacht, als hätte jemand ihn gestellt.
Die zwei Schüler, die sich die neuesten Gemeinheiten des Pausenhofs um die Ohren hauen und sich dabei gegenseitig an den Haaren festhalten, weil das Freundschaft ist, wenn man zwölf ist.
Die Frau mit der roten Umhängetasche und den grünen Stiefeln.
Sie sieht meistens eher mürrisch aus.
Und in der dritten Reihe links, mit dem blauen Schal und dem welligen Buch: eine weitere Konstante, die nicht weiß, dass sie eine ist.
Wenn die Bahn am Teich vorbeifährt, sieht er auf.
Zwei Sekunden, jeden Morgen, über den Rand seines Buches hinweg.
So, als würde er nachsehen, ob die Welt noch da ist.
Das mache ich auch.
Das ist vielleicht das Erste, was wir gemeinsam haben: dieselbe Angst, dass der Teich eines Morgens weg sein könnte.
Und keiner würde es merken.
Außer uns.
Anfang November hat die Bahn einmal zwischen zwei Haltestellen gehalten.
Stellstörung, sagte die Durchsage, wir bitten um Geduld, und alle stöhnten, weil Geduld das Letzte ist, was um Viertel vor acht übrig ist.
Er hatte aufgehört zu lesen und zum Teich geschaut, auf dem das erste Eis lag, dünn und grau wie eine Decke, die zu klein ist.
Irgendwann hatte er, leise, mehr zu sich als zu irgendwem, gesagt: „Das hält nicht."
Und ich hatte, noch leiser, geantwortet: „Es ist auch noch zu warm."
Wir haben beide nicht aufgesehen.
Es war unser erstes Gespräch, es hat zwei Sekunden gedauert, und keiner von uns hat es je erwähnt.
Ich trinke meinen Kaffee im Stehen, aus einem Pappbecher, und ich verbrenne mir jeden Morgen die Zunge, weil ich zu früh trinke, weil ich es einfach nicht lernen kann zu warten.
An nichts.
In meinem linken Handschuhdaumen ist ein Loch.
Ich trage die Handschuhe trotzdem, weil ein Loch nicht schlimm genug ist für neue Handschuhe.
Manches duldet man.
Zu lange.
Ich nehme die 7:42 nicht seinetwegen.
Das habe ich mir oft genug gesagt.
Ich nehme sie, weil sie pünktlich ist, wie ich es bin.
Und weil hinterher ein Büro wartet mit Milchglasscheiben und Verhältniszahlen, und Verhältniszahlen ändern sich nicht, wenn man eine Bahn früher nimmt.
Das habe ich mir oft genug gesagt.
Warum ich nie etwas sage?
Sechs Jahre lang hat Jonas, mein Ex, meinen Kaffee falsch bestellt.
Milch und zwei Zucker.
Überall, wo wir waren: Milch und zwei Zucker.
Ich trinke meinen Kaffee schwarz.
Ich habe es oft genug gesagt, und er hat es gut gemeint, er fand es süß, wie ich mich an zu heißem, zu süßem Zeug verschlucke, und irgendwann habe ich aufgehört, es zu sagen, und irgendwann danach habe ich aufgehört, mich zu wundern, dass es niemand merkt.
Unsichtbarkeit schmeckt nach Sicherheit.
Lange Zeit habe ich das gedacht.
Vielleicht stimmt es sogar.
Aber manchmal, wenn die Bahn am Teich vorbeifährt und er aufsieht und ich aufsehe und unsere Blicke sich in der Fensterscheibe treffen statt im Wagen — weil es im Wagen zu direkt wäre, zu laut, zu echt —, manchmal denke ich: Unsichtbarkeit schmeckt auch nach gar nichts.
Vorgestern war die Bahn voll.
Alle Sitze besetzt, alle Haken voller nasser Jacken.
Ich stand näher an ihm als je zuvor, nah genug, um zu sehen, dass sein Buch nicht nur zerlesen, sondern auch beschrieben ist: kleine Bleistiftworte am Rand, so fein, dass sie aus der Ferne wie Staub aussehen.
Nah genug, um den Regen in seiner Jacke zu riechen.
Er hat den Mund aufgemacht.
Er hat ihn auch wieder zugemacht.
Die Bahn hat gehalten, die Türen sind auf, ich bin ausgestiegen, und der Morgen hat getan, was Morgen tun: Er lief weiter.
Wie immer.
Aber ich weiß, was ich gesehen habe.
Er wollte etwas sagen.
Ich auch.
Morgen ist auch noch ein Tag.










