Prolog
Raluca
Zitternd zog ich mir die Kapuze über den Kopf und starrte missmutig auf das Haus auf der gegenüberliegenden Seite. Alle Fenster waren dunkel und an der Tür flatterte ein Zettel. Ich wusste schon jetzt was darauf stehen würde. Der Wird wehte mir meine langen Haare ins Gesicht, also drückte ich sie ebenfalls unter die Kapuze. Ich wusste nicht, wie lange ich noch hier stehen müsste, bis ich mich bereitfühlte die leeren Hallen zu betreten. Fest schlang ich den Mantel um meinen mageren Körper. Drei Wochen. Drei schreckliche Wochen hatten sie mich gezwungen außerhalb zu überleben. Nur um zu verschwinden. Ob ich überhaupt etwas zu Essen finden würde? Langsam ertrug ich die tierische Nahrung nicht mehr. Langsam ließ ich meinen Blick über die Fassade wandern. Große Fenster, alte Steine, Flügeltüren, riesige Bögen bildeten die Steine. Ein einzelnes rundes Fenster direkt unter dem Dach. Dieses alte Haus war zwar schon immer im Familienbesitz, aber es war nicht lange mein Zuhause. Die alte Burg war mein Zuhause. Dort wo wir nie allein waren. Dort wo meine Freunde wohnten. Dort wo meine Eltern jetzt wieder waren. Dort wo sie meine Sprache sprachen. Doch jetzt war ich allein. Sie hatten mich zurückgelassen.
Mürrisch schob ich die weite Kapuze wieder von meinem Kopf und betrat die Straße. Wie ein Schatten huschte ich hinüber zu dem alten Tor und drückte es auf. Erneut blieb ich stehen und sah die Treppe hinauf. Der Zettel strahlte geradezu in der Dunkelheit unter dem Mondlicht. Seufzend setzte ich meinen Fuß auf die erste eingetretene Steinstufe und bezwang auch die nächsten, bis ich die Namen meiner Eltern entziffern konnte. Doch erst als ich direkt vor der Tür stand, konnte ich lesen, was sie geschrieben hatten.
Raluca,
sei uns nicht böse. Wir versuchen das Beste für dich zutun. In Rumänien wärst du nicht sicher. Hier jedoch schon. Wir werden wieder kommen. Ganz sicher.
„Ja, ganz sicher.“, zischte ich und riss den Zettel ab. Dann holte ich den Schlüssel aus meiner tiefen Manteltasche. Quietschend schwang die schwere Tür auf und gab die Sicht frei auf den weiten Flur und die große, ausladende Treppe. Langsam trat ich in das Gebäude und erschrak fürchterlich als die Tür hinter mir mit einem lauten Knall zurück ins Schloss fiel. Dann war Ruhe. Toten Ruhe. Leise um die Stille nicht zu stören, ging ich zu der Garderobe und hängte meinen Mantel auf. Dabei fiel mein Blick in den Spiegel über dem Schuhschrank. Meine Wangen waren eingefallen und mein Haar wirkte glanzlos. Meine braunen Augen versuchten leicht aufzuleuchten. Aber sie erreichten nicht mehr das Rotbraun, welches sie sonst immer zeigten. Also vergaß ich die Anstrengung und wand mich zum Wohnzimmer. Immer noch mit leisen vorsichtigen Schritten betrat ich den Raum. Hunderte Augen, ach was, mehrere hundert Augen starrten mich an. Schienen herablassend auf mich hinabzublicken. Im stummen Vorwurf. Die hätten sie zumindest mitnehmen können.
Mein Blick glitt über die Gemälde meiner Vorfahren bis hin zu meinem. Zurecht gezerrt und eingeschnürt hatte ich dort sitzen müssen. Meine schwarzen Haare flossen silbrig über meinen Oberkörper, umrahmten mein blasses Gesicht mit den viel zu übertriebenen roten Lippen. Und daneben? Jeder hatte seinen Partner an seiner Seite. So wie mein Vater neben meinem Bild auch das meiner Mutter auf der anderen Seite hatte. Doch neben meinem war ein großer weißer Fleck. Der einzige Fleck im ganzen Raum. Sonst wurde die Wand gänzlich bedeckt.
Stumm wand ich mich ab und drehte mich dem Kamin zu. Wärme, ich brauchte dringend Wärme. Also legte ich ein paar der Holzscheite, die in diesem kalten Gemäuer schon wieder etwas klamm geworden waren in die Feuerstelle und versuchte die Flammen zum Leben zu erwecken. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zischend nachgaben und über das Holz leckten. Dann setzte ich mich in den Sessel neben dem Kamin. Umständlich öffnete ich mein Korsett und warf es auf die Couch neben mir. Wohlig seufzend zog ich die Beine auf die Sitzfläche und nutze den Stoff meines Rocks, um meine Beine zu wärmen. Erst jetzt fühlte ich wie sehr mein Körper schmerzte. Also versuchte ich jede Anspannung in meinem Körper zu lösen und ließ mich in den weichen Sessel fallen. Abwesend musterte ich die Flammen und genoss das warme Gefühl auf meinem Gesicht. Wenn ich wieder bei Kräften war, würde ich zuallererst jeden Raum säubern. Der Staub, der mir sogar schon ohne Bewegung aus dem Stoff entgegenkam, deutete mir die Dringlichkeit.
Erst als die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht berührten merkte ich, dass ich eingeschlafen war. Sofort stand ich auf und zog die Vorhänge zu. Sonnenlicht war schrecklich, nicht gefährlich wie ich in den drei Wochen feststellte, aber ich mochte es nicht. Dennoch etwas müde griff ich nach meinem Korsett und legte es wieder um meine Hüften. Es saß natürlich seit Wochen nicht mehr so fest wie meine Mutter es gewollt hätte. Aber das Gefühl des festen Stoffes um meinen Oberkörper war vertraut und gab mir Sicherheit. Immer noch vorsichtig und leise, um ja keinen lauten Ton in die Stille zu bringen betrat ich die Küche und sah in der Kühltruhe nach Nahrung und wirklich lagen drei letzte angefrorene Rationen in der letzten Ecke. Ich hätte alle verschlingen können, doch ich riss mich zusammen und taute nur die Hälfe von einem der Beutel auf. Jedoch konnte ich nicht warten bis dieser Teil gänzlich flüssig war, so fanden sich einige wässrige Eisbrocken in der roten Flüssigkeit. Doch es stillte den Durst dennoch und gab mir Kraft für mein Vorhaben. Das Haus war groß und einige Zimmer wollten gereinigt oder zumindest durchgewischt werden.