Kapitel 1
Marielle stolperte durch den Wald, der dunkel und düster vor ihr lag. Es war ihr egal, dass es hier gefährlich war. Nichts konnte so schrecklich sein, wie das, was hinter ihr lag.
„Der Graf wird sich gut um dich kümmern“, sagte man ihr. Und: „Du brauchst dir nie wieder Sorgen um dein tägliches Brot zu machen.“ Alle hatten ihr gut zugeredet. Also hatte sie das Angebot des alten Grafen angenommen, war zu ihm auf den Landsitz gezogen und hatte alles getan, was er von ihr verlangte. Es hatte sie immer gewundert, dass sie die einzige Frau im Haus war. Alle anderen Angestellten kamen morgens und gingen abends. Niemand übernachtete in dem großen Haus. Dabei gab es mehr als genug freie Zimmer.
Doch Marielle verdrängte ihr komisches Gefühl. Fleißig ging sie ihrer Arbeit nach. Sie putzte das Zimmer des Grafen, bereitete eine spezielle Kost für ihn zu. Er aß nur wenig, aber das musste perfekt zubereitet sein. Der alte Mann war ein Feinschmecker.
„Alter Mann“, schluchzte die junge Frau und kämpfte sich durch das Gestrüpp. „Grausamer Mann wäre besser!“ Kaum hatte sie es ausgesprochen, hielt sie sich die Hand vor den Mund. Sie durfte nicht zu laut jammern. Er könnte sie hören. Und sie wollte auf keinen Fall zu ihm zurück. Auf keinen Fall!
Mit wild klopfendem Herzen blieb sie stehen und lauschte. Hörte sie nicht in der Ferne das Brechen von Zweigen? Raschelte nicht irgendwo etwas im Laub? Kamen vielleicht Schritte näher? Ihr Atem ging schneller. Sie presste die Hand fester auf den Mund, biss sogar auf die Handfläche, um keinen Laut von sich zu geben. Die Geräusche kamen nicht näher. Sie schienen also keine unmittelbare Gefahr für sie darzustellen.
Schließlich raffte sie ihr Kleid und eilte weiter. Ihr Haar verfing sich in tiefhängenden Zweigen. Aber sie ließ sich nicht aufhalten. Was waren ein paar verlorene Haarsträhnen gegen den Verlust ihres Lebens? Denn genau darum ging es. Um ihr Leben! Der Graf war kein alter Mann, kein normaler Mann. Er aß so wenig, weil er in Wirklichkeit ein Ungeheuer war! Wieso wusste das niemand? Wieso hatte niemand sie gewarnt. Die anderen Angestellten mussten es doch wissen.
Ihr Herz hämmerte panisch in ihrem schlanken Körper. Tränen des Schocks und der Angst schossen ihr in die Augen. Seit einem Monat arbeitete sie für ihn. Bei den mitleidigen Blicken der anderen Frauen hatte sie sich nichts gedacht. Ganz im Gegenteil! Sie hatte sich eingeredet, sie seien neidisch auf sie. Schließlich durfte sie in einem weichen Bett schlafen. Sie durfte auch das gute Essen genießen, der Graf hatte sie sogar dazu ermuntert. Schließlich müsse sie probieren, ob es gut zubereitet sei, hatte er gesagt.
Jetzt wusste sie natürlich, was er wirklich gewollt hatte. Sie sollte zunehmen, weiblichere Rundungen bekommen. So dünn taugte sie nicht für seine Pläne. Und sie nahm zu. Das gute Essen gab ihr Kraft und neue Hoffnung. Beim Grafen war alles besser. Sie war überzeugt davon, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, als sie zu ihm zog.
Und dann geschah das, wovor sie sich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Er kam eines Nachts in ihr Schlafzimmer. Eigentlich hatte sie schon viel früher damit gerechnet. Schließlich war sie für solche Liebesdienste eingestellt worden. Wie ein dunkler Schatten war er an ihr Bett getreten. Schweigend hatte er auf sie herabgeblickt, seine langen, kalten Finger waren über ihr Gesicht gestrichen. Dann über das Kinn und den Hals hinunter. Er legte seine Hand fest um ihre Kehle. Unwillkürlich begann ihr Herz zu rasen. Sie hatte Angst. Was hatte er vor? Wollte er sie ersticken?
Schon wurde sein Griff fester. Jetzt konnte sie sich nicht mehr schlafend stellen. Sie riss die Augen weit auf. Spürte, wie er zudrückte. Sah in seine rötlich und unheilvoll schimmernden Augen. Ein teuflisches Lächeln huschte über seine Züge. Beim Lächeln entblößte er seine Zähne, die im fahlen Mondlicht blitzten. Waren die Eckzähne nicht etwas zu lang und spitz? Marielle öffnete den Mund und atmete hektisch ein und aus. Sie spürte, wie sich Schweißperlen am Haaransatz und an den Schläfen bildeten.
„Noch ist es nicht so weit“, sagte er mit einer betörenden Stimme, die so gar nicht zu seinem unheilvollen Aussehen passen wollte. „Aber bald, meine Liebe, bald wirst du mein sein.“
Noch einmal drückte er so fest zu, dass sie glaubte, er würde ihr die Kehle zudrücken. Dann ließ er sie los und verschwand so leise aus ihrem Zimmer, wie er hereingekommen war. Sie lag noch lange wach im Bett und fragte sich am nächsten Morgen, ob sie sich das alles nur eingebildet hatte. Vielleicht war es nur ein böser Traum gewesen.
Der Graf war einsilbig und freundlich wie immer, als sie ihn mit zitternden Händen bediente. Nichts deutete auf sein seltsames Verhalten in der Nacht hin. Als es Abend wurde und er sie nicht in ihrem Zimmer aufsuchte, beruhigte sie sich ein wenig. Auch am zweiten Abend ließ er sie ungestört schlafen. Jetzt war sie sicher, dass es nur ein schrecklicher Albtraum gewesen war und sie sich alles nur eingebildet hatte.
Marielle schluchzte bei der Erinnerung auf. Sie war einen Moment unaufmerksam und stolperte über einen quer liegenden Ast. Ein leichter Schmerz durchzuckte ihren rechten Knöchel und sie stürzte zu Boden. Wieder drang ein Schluchzen aus ihrer Kehle. Sie griff sich an den Hals und wimmerte. Sie hätte nach dieser ersten Nacht fliehen sollen. Dann wäre ihr viel erspart geblieben!