Kapitel 1 – Das Treffen mit Billy
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Martha Withers öffnete die Akte auf ihrem Schoß heute schon zum dritten Mal. Der Inhalt war ziemlich dürftig; dünner als gewöhnlich. Es war eigentlich nur eine einzige Seite, und weit und breit war kein Foto zu sehen. Normalerweise hatte sie mindestens zehn Seiten an Informationen und mehr als ein Foto zur Hand. Diesmal nicht.
„Belinda Rogers, geboren am 12. Juni 2009, Geburtsort unbekannt“, las sie auf dem dünnen Blatt. „Eltern am 28. Mai 2024 bei einer militärischen Übung verstorben.“
Das war vor weniger als einem Monat. Deshalb saß Martha nun in ihrem Wagen und wartete auf den Greyhound-Bus. Er sollte ihr neuestes Pflegekind bringen: die fünfzehnjährige Belinda.
Sie blickte wieder auf das Blatt in ihrem Schoß. Da stand sonst nichts weiter. Es gab keine Aufzeichnungen über die Schullaufbahn des Mädchens. Normalerweise war so etwas in der Akte enthalten, damit Martha den Wechsel zur neuen Schule organisieren konnte. Entweder hatte jemand geschlampt und es nicht beigelegt, oder Belinda war nie zur Schule gegangen. Vielleicht Heimunterricht? Nein, das Erste war wahrscheinlicher.
Martha wollte eigentlich gerade kein Mädchen im Teenageralter aufnehmen. Nicht jetzt. Nicht nach Lucy. Sie wusste nicht, ob sie schon wieder bereit dafür war. Aber die Behörden waren verzweifelt. Laut ihnen war Martha die Einzige mit genug Platz und Erfahrung für ein Mädchen wie Belinda. Zumindest hatten sie ihr den Job so schmackhaft gemacht. Sie seufzte und schloss die Akte.
Als der erwartete Greyhound-Bus endlich anhielt, blieb Martha sitzen. Sie wollte erst aussteigen, wenn sie einen einsamen Teenager sah.
Sie musste nicht lange warten. Als die kleine Gruppe müder Reisender in verschiedene Richtungen verschwand, blieb eine Person zurück. Offensichtlich war das Belinda.
„Ach du Schande“, murmelte Martha leise vor sich hin. „Das wird ja heiter werden.“
Sie stieg aus dem Auto und ging auf das Mädchen zu, das einen schwarzen Rucksack über der Schulter hängen hatte. Je näher sie kam, desto mehr starrte Martha sie an. Belinda war wahrscheinlich das schönste Mädchen, das sie je gesehen hatte – Filmstars und Supermodels aus Zeitschriften eingeschlossen.
Unter der dunkelgrauen Cargo-Hose und dem schwarzen T-Shirt hatte das Mädchen eine Traumfigur, die ihre Kleidung nicht verbergen konnte. Ihr Haar war silberblond und fiel in weichen Wellen bis knapp unter die Schultern. Aber es waren ihre feinen Gesichtszüge, die einen fesselten. Hohe Wangenknochen, volle Lippen, eine gerade Nase, Porzellanhaut und große Augen mit wahnsinnig langen Wimpern. Und die Farbe dieser Augen war ein tiefes Kobaltblau.
„Du musst Belinda sein“, sagte Martha, als sie nah genug war und sich wieder gefangen hatte. „Ich bin Martha, deine Pflegemutter.“
Ihre Stimme klang herzlich. Egal, wie wenig sie über dieses hübsche Ding wusste, das Mädchen war schließlich nur ein Kind. Sie hatte erst vor ein paar Wochen ihre Eltern und alles andere verloren.
Belinda sah sie direkt aus ihren großen blauen Augen an. Sie lächelte nicht.
„Ja. Billy, bitte, Ma'am“, antwortete sie. Ihre Stimme war sanft und melodiös. Sie passte perfekt zu ihrem Aussehen.
„Oh, bitte nenn mich Martha. Ich stehe da drüben. Holen wir den Rest deines Gepäcks und fahren in dein neues Zuhause.“
Belinda, oder Billy, wie sie offenbar genannt werden wollte, ging in die Richtung, in die Martha zum Parkplatz gedeutet hatte. Sogar ihre Bewegungen waren wunderschön und anmutig.
„Es gibt kein anderes Gepäck. Nur das hier“, sagte sie und zeigte auf ihren Rucksack.
Alles klar, dachte Martha. In dem kleinen Rucksack schien nicht viel drin zu sein. Hatte sie denn gar keine anderen Kleider?
Sie folgte Billy trotzdem und ging an ihr vorbei zu dem geparkten Wagen. Sie öffnete die Beifahrertür für Billy, und das Mädchen rutschte hinein.
Als Martha ihren Sicherheitsgurt anlegte, bemerkte sie, dass Billy das nicht getan hatte.
„Anschnallen bitte“, sagte sie ihr. Billy schaute zuerst etwas verwirrt. Dann beobachtete sie, was Martha machte, und tat es ihr nach. Ihre Bewegungen waren etwas unsicher, wie bei jemandem, der sich noch nie im Leben angeschnallt hat. Martha behielt diese Beobachtung im Hinterkopf.
Es dauerte etwas über 40 Minuten, bis sie Marthas Haus in einem Vorort von San Diego erreichten. Billy redete unterwegs nicht viel, obwohl Martha sich redlich Mühe gab. Das Höchste der Gefühle war ein „Ja“ oder ein „Nein, Ma'am“. Billy war dabei nicht unhöflich oder gar schüchtern. Martha spürte auch keinen Groll bei ihr. Es war eher... Desinteresse vielleicht? Möglicherweise war es auch dieser militärische Stil: „Nur sprechen, wenn man gefragt wird, und nur das Nötigste sagen.“
Also übernahm Martha das Reden. Sie erzählte ihr von ihrem Mann David und den anderen Kindern, mit denen Billy in ihrem neuen Zuhause zusammenleben würde. Da waren Mike und Bob, die zwölfjährigen Zwillinge, die mit fünf Jahren zu ihr gekommen waren. Dann die neunjährige Shirley, die eher schüchtern war und seit zwei Jahren bei Martha lebte. Und die kleine sechsjährige Carrie, die Martha vor weniger als einem Jahr aufgenommen hatte.
Dann gab es da noch Jude, einen 16-jährigen Jungen voller Hormone. Er war im Moment Marthas größte Sorge, wenn jetzt so ein bildhübsches neues Mädchen dazukam. Diesen Teil verschwieg sie Billy allerdings.