Eleonora
»Eleonora, bist du dir sicher, dass du nach Salou gehen möchtest?« Die Stimme meiner Mutter krächzte mir durchs Autotelefon. Sie klang besorgt, leicht dramatisch, wie so oft.
»Natürlich bin ich mir sicher, Mama. Ich fahre schon seit vier Stunden«, erwiderte ich ruhig und rückte meine Sonnenbrille zurecht. Die Sonne blendete grell durch die Windschutzscheibe, die Klimaanlage schaffte es kaum, gegen die flirrende Hitze anzukommen.
Die Straße vor mir lag fast leer. Nur vereinzelt fuhren Autos an mir vorbei, und hin und wieder brummte ein Motorrad durch das goldene Licht. Die Autobahn zog sich lang und geschwungen durch die spanische Landschaft, ein silbergraues Band zwischen grünen Hügeln und ausgedörrten Feldern. Pinien standen am Straßenrand, ihre dunklen Nadeln bewegten sich kaum in der trockenen Luft. Dahinter lagen Olivenhaine, weite Wiesen und das gelegentliche Glitzern eines Flusses oder Bewässerungskanals. Der Himmel war wolkenlos, weit und so tiefblau, dass er fast unwirklich wirkte.
Meine Mutter seufzte schwer.
»Du hast dich nicht einmal richtig verabschiedet. Du hast einfach deine Sachen gepackt und bist losgefahren, Eleonora.«
»Mama, ich habe einfach eine Pause gebraucht«, sagte ich leise. »Nach all den Jahren in der Klinik, den Nachtschichten, den Notfällen. Ich brauche eine Auszeit. Ich will ans Meer. Allein.«
»Allein«, wiederholte sie leise, beinahe vorwurfsvoll.
Ich bog in eine langgezogene Kurve ein. Vor mir lag ein alter Rastplatz mit einem zerbeulten Mülleimer und einem einzigen vertrockneten Baum. Meine Wasserflasche auf dem Beifahrersitz rollte ein Stück zur Seite, als ich leicht bremste.
»Ich bin ja nicht weg für immer«, sagte ich. »Nur zwei Monate. Kein Alarm, kein Handy, keine Klinik. Einfach nur ich. Vielleicht ein Buch. Vielleicht Langeweile. Ich glaube, ich habe vergessen, wie sich das anfühlt.«
Am anderen Ende der Leitung war es still. Nur ein leises Hintergrundgeräusch, vielleicht der Fernseher.
»Na schön«, murmelte sie schließlich. »Aber melde dich, wenn du angekommen bist.«
»Versprochen.«
Ich beendete den Anruf, legte das Handy zurück in die Halterung und atmete tief durch. Noch etwa zwei Stunden, dann würde ich in Salou ankommen. Küste, Sonne, salzige Luft. Das Meer war noch nicht zu sehen, aber ich spürte es schon an der Art, wie sich die Landschaft veränderte, wie die Hügel flacher wurden und der Horizont weiter.
Ein Stück weiter vorn flimmerte die Straße im Licht. Alles war in Bewegung, in leiser, heißer Bewegung. Die Zeit dehnte sich aus. Und ich fuhr einfach weiter.
Richtung Süden.
Richtung Sommer.
Richtung Freiheit.
Die Strecke zog sich, aber es störte mich nicht. Im Gegenteil. Es war das erste Mal seit Monaten, dass ich mich nicht von einem Piepen, Klingeln oder hektischen Rufen antreiben ließ.
Links von mir zog sich die Landschaft in Wellen dahin. Die Felder wurden trockener, das satte Grün der Bäume wich langsam dem staubigen Gold der südlicheren Provinzen. In der Ferne schimmerten Hügel im Dunst, als wären sie nicht ganz real. Die Luft über dem Asphalt flimmerte. Selbst mit Klimaanlage war es heiß. Der Sommer machte keine halben Sachen.
Ich schaltete das Radio leiser. Ein spanischer Popsong, irgendetwas Fröhliches über Liebe oder Sonne. Ich hörte gar nicht richtig zu. Stattdessen glitten meine Augen über die Schilder am Straßenrand. Tarragona: 110 Kilometer. Salou war nicht mehr weit.
Meine Tankanzeige blinkte plötzlich auf. Gelb. Ich runzelte die Stirn und seufzte. Typisch. Ich hatte beim Losfahren in Madrid an alles gedacht, nur nicht ans Tanken.
Wenige Minuten später kam ein Rasthof in Sicht. Nicht besonders groß, aber mit Tankstelle, Café und zwei staubigen Palmen, die sich im heißen Wind kaum bewegten. Ich fuhr von der Autobahn ab, rollte auf den Hof und hielt an der letzten freien Zapfsäule. Die Sonne stand inzwischen tief und blendete mich im Spiegel.
Ich stieg aus, das heiße Metall der Tür brannte kurz gegen meine Handfläche. Ein süßlicher Geruch von warmem Benzin und Asphalt hing in der Luft. Hinter mir summte eine Wespe um die Mülleimer, die irgendjemand halbherzig neben die Säule gestellt hatte.
Ich steckte die Zapfpistole in den Tank und lehnte mich kurz gegen das Auto. Mein T-Shirt klebte leicht am Rücken. Keine Ahnung, ob es die Sonne war oder die Erschöpfung. Wahrscheinlich beides. Der Tank füllte sich langsam, das Zählen des Displays war das einzige Geräusch in der Stille.
Als es klickte, zog ich die Pistole heraus, schraubte den Tankdeckel zu und ging zur Kasse. Das kleine Kassenhäuschen war klimatisiert, roch aber trotzdem nach billigem Kaffee und Reifendruckprüfer. Eine junge Frau mit dunklem Haar stand hinter der Theke, kaute Kaugummi und warf mir ein kurzes, müdes Lächeln zu.
»Número cuatro«, sagte ich.
Ich bezahlte bar, nickte knapp und trat wieder hinaus in die Hitze.
Zurück im Auto schloss ich kurz die Augen, bevor ich den Motor erneut startete. Die Klimaanlage blies langsam wieder kühlere Luft ins Wageninnere. Ich trank einen Schluck Wasser, stellte das Radio aus und fuhr zurück auf die Autobahn.
Zwei Stunden noch.
Dann Meer.
Dann nichts.
Ich hatte keine Ahnung, dass mein Leben keine dreißig Kilometer später für immer auf den Kopf gestellt werden würde.
Die Straße vor mir lag wieder still. Ich war zurück auf der Autobahn, das Tuckern des Motors wurde zum vertrauten Hintergrundgeräusch. Die Felder links und rechts begannen langsam, sich zu verdunkeln. Die Sonne senkte sich tiefer und färbte den Horizont in warme Orange- und Rosétöne, die langsam in Violett übergingen.
Ich fuhr weiter, den Blick ruhig nach vorn gerichtet. Meine Gedanken schweiften ab, hingen irgendwo zwischen Madrid und Meer.
Die ersten Lichter gingen an. In der Ferne glitzerte eine kleine Ortschaft auf einem Hügel. Ich sah die Bewegung der Schatten, die länger wurden, sich dehnten, sich vermischten. Die Dämmerung kam leise, aber deutlich. Der Tag war fast vorbei.
Dann bemerkte ich es.
Etwas abseits der Straße, kurz hinter einer langgezogenen Kurve, stand ein Auto im Schatten der Böschung. Es wirkte fehl am Platz, als hätte es jemand achtlos dort abgestellt. Doch je näher ich kam, desto klarer sah ich, dass es kein gewöhnlich geparktes Fahrzeug war.
Die Front war stark beschädigt. Der Wagen stand schräg am Hang, leicht verdreht, als hätte er sich gedreht oder wäre abgerutscht. Die Motorhaube war eingedellt, eine Seite gegen einen Baum gedrückt, die Rinde gesplittert. Die Stoßstange lag teilweise auf dem Boden, schief und verbogen. Der rechte Scheinwerfer flackerte schwach. Der Warnblinker blinkte noch in unregelmäßigen Abständen.
Ich fuhr langsamer, hielt schließlich an und lenkte vorsichtig auf den Seitenstreifen. Als ich den Motor ausschaltete, war es vollkommen still. Kein Hupen, keine Bewegung. Nur die letzten Lichtstrahlen der Dämmerung, die sich über die Felder zogen.
Ich blieb kurz im Auto sitzen und starrte auf den Wagen am Straßenrand. Mein Herz klopfte schneller, doch ich zwang mich zur Ruhe.
Dann griff ich nach dem Türgriff und stieg aus.
Die Luft war warm und schwer. Ein leiser Wind ging und brachte den Geruch von trockenem Gras und Staub mit sich. Meine Schritte waren leise, fast automatisch, als ich mich dem verunglückten Wagen näherte.
Die Fahrertür stand offen.
Ich trat näher heran.
Dann stockte mir der Atem.
Ein Mann saß im Fahrersitz, der Oberkörper zur Seite geneigt. Der Sicherheitsgurt hielt ihn noch aufrecht, aber sein Kopf hing tief, das Kinn fast auf der Brust. Blut klebte an seiner Stirn, an seiner Schläfe, dunkle Flecken zogen sich über sein Hemd. Seine Haare waren verklebt, seine Haut zu blass.
Ich beugte mich vorsichtig näher. Der Innenraum roch nach Metall, nach Hitze, nach etwas, das ich nicht einordnen konnte. Mein Blick glitt hastig über mögliche Verletzungen, bevor ich zitternd die Hand ausstreckte und mit zwei Fingern vorsichtig an seinem Hals nach einem Puls suchte.
Ein Moment der Stille.
Dann spürte ich ihn.
Langsam. Schwach. Aber da.
Er lebte.
Ich atmete flach ein, zog meine Hand zurück und blickte mich reflexartig um. Keine anderen Autos. Kein Mensch weit und breit. Nur ich. Und dieser Mann.
Ein paar Sekunden stand ich reglos da, versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Dann trat ich wieder näher an den Wagen heran und beugte mich vorsichtig hinein. Mein Blick wanderte über seinen Körper. Ersteinschätzung.
Bewusstlos. Atmung vorhanden. Puls schwach, aber tastbar. Blutverlust erkennbar. Stirnplatzwunde, Hämatome an Schulter und Brustkorb. Keine sichtbare Fraktur. Keine offensichtliche Wirbelsäulenverletzung.
Ich tastete noch einmal seinen Hals ab, prüfte erneut den Puls und achtete diesmal bewusst auf Atemfrequenz und Rhythmus. Unregelmäßig, aber nicht bedrohlich flach. Seine Brust hob sich in schleppenden Abständen.
»Hey«, sagte ich ruhig, ohne zu wissen, ob er mich hören konnte.
Keine Reaktion.
Das Lenkrad drückte gegen seinen Oberkörper, und von der Fahrerseite aus kam ich kaum an ihn heran. Also ging ich um das Auto herum und zog vorsichtig die Beifahrertür auf. Sie klemmte leicht, gab dann aber nach.
Der Innenraum war verbeult, die Front komplett zerstört. Aber der Mann war noch immer angeschnallt, und das hatte ihm vermutlich das Leben gerettet.
Ich kniete mich neben ihn, nahm seinen Arm und suchte mit geübtem Griff seine Arteria radialis. Wieder Puls. Konstant, aber langsam. Mein Blick prüfte die Pupillenreaktionen, soweit ich es bei dem schwachen Licht erkennen konnte. Keine sichtbaren Anzeichen für ein Schädel-Hirn-Trauma, aber ich konnte nichts ausschließen.
Ich musste Hilfe holen.
Verdammt.
Ich griff nach meinem Handy und sah aufs Display. Zwei Balken. Kaum Empfang. Der Notruf wählte kurz, brach dann sofort wieder ab.
Ich biss die Zähne zusammen. Ich konnte ihn nicht einfach hierlassen. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich ohne Ausrüstung, ohne Team, ohne Notarzt wenig tun konnte. Aber wenn ich ihn bewegte, ohne zu wissen, ob innere Verletzungen vorlagen, riskierte ich mehr.
Ich sah wieder zu ihm hinunter.
Groß. Mindestens ein Meter neunzig. Schwarzes Haar, durchgeschwitzt, aber dicht. Seine Wimpern lagen wie Schatten auf den Wangen, sein Bart war ein paar Tage alt, gleichmäßig, fast perfekt. Trotz des Blutes, der Verletzungen, des Ernstes dieser Situation …
Er war schön. Unverschämt schön.
Seine Arme, dort, wo das Hemd zerrissen war, zeigten definierte Muskeln. Kein Bodybuilder, aber durchtrainiert.
Was zum Teufel, Eleonora.
Ich schluckte, schüttelte innerlich den Kopf.
Er war bewusstlos. Verletzt. Blutüberströmt.
Und ich hatte ernsthaft gerade darüber nachgedacht, wie attraktiv er war.
Ich spürte, wie mir die Hitze in den Nacken stieg.
Nicht wegen der Sonne.
Ich zwang mich, den Blick von seinem Gesicht zu lösen, und konzentrierte mich wieder. Seine Atmung wurde flacher. Sein Kopf sackte immer weiter nach vorn, das Kinn fast gegen die Brust gedrückt. So blieben die Atemwege nicht frei.
Ich versuchte, ihn im Sitz etwas zu stabilisieren, doch der Sicherheitsgurt hielt ihn in einer Position, die alles nur schlimmer machte.
Ich atmete langsam aus.
»Okay«, murmelte ich leise. »Dann eben ich.«
Ich schob die Beifahrertür weiter auf und beugte mich vorsichtig hinein. Seine Beine waren angewinkelt im Fußraum, aber nicht sichtbar eingeklemmt. Kein Glas. Keine Trümmer auf seinem Schoß. Ich stützte ihn mit einer Hand am Brustkorb und löste mit der anderen langsam den Sicherheitsgurt
Sein Körper fiel schwer nach vorn, aber ich fing ihn auf, so gut es ging. Er war schwer. Verdammt schwer. So kräftig er aussah, so sehr spürte ich jetzt jedes einzelne Kilo. Ich schob meinen Arm unter seine Schulter, versuchte dabei, seinen Kopf möglichst ruhig zu halten, und drückte ihn behutsam etwas zurück.
»Du musst mitmachen, Großer«, murmelte ich. »Ich kann dich nicht allein tragen.«
Er reagierte nicht. Keine Bewegung. Nur sein schwacher, träger Atem.
Ich zog ihn langsam ein Stück aus dem Sitz, gerade weit genug, damit sein Oberkörper nicht mehr nach vorn zusammensackte. Seine Atmung klang rau, aber freier als zuvor.
Erst jetzt ging ich zurück zu meinem Auto, griff nach meiner Wasserflasche und riss hektisch meinen Rucksack auf. Taschentücher. Irgendetwas Brauchbares.
Dann fand ich ein altes Geschirrhandtuch, das ich irgendwann achtlos eingepackt hatte.
Ich befeuchtete es mit Wasser, beugte mich wieder über ihn und wischte vorsichtig das Blut von seiner Stirn. Die Wunde war tief, aber nicht klaffend. Sie hatte aufgehört zu bluten.
Er sah friedlich aus. Viel zu friedlich für jemanden, der aussah, als hätte er gerade mit dem Tod gerungen.
Ich betrachtete ihn einen Moment zu lange.
Dann räusperte ich mich leise, fast schuldbewusst.
»Du bist eindeutig zu gut aussehend für so einen Schlamassel.«
Er rührte sich nicht.
Aber mein Herz klopfte trotzdem schneller.
Ich hatte keine andere Wahl.
Ich stützte ihn erneut, zog den Gurt ganz zurück und rutschte mit beiden Armen unter seine Achseln. Schritt für Schritt, vorsichtig, zentimeterweise zog ich ihn weiter aus dem Auto. Sein Gewicht drückte auf meine Schultern, mein Rücken spannte sich, aber ich ließ nicht los.
Sein Oberkörper sank schwer gegen mich, als ich ihn rückwärts aus dem Wagen zog und langsam auf den warmen Asphalt niederließ. Seine Beine rutschten aus dem Fußraum, der Kopf fiel seitlich gegen meine Brust.
»Fast geschafft«, murmelte ich keuchend. »Nur raus hier.«
Ich legte ihn vorsichtig auf den Boden, brachte ihn so gerade wie möglich in Position und überprüfte erneut seine Haltung.
Seine Brust …
Bewegte sich nicht mehr.
Ich starrte auf seinen Brustkorb. Kein Heben. Kein Senken.
»Nein, nein, nein.«
Ich kniete mich sofort neben ihn, beugte mich vor und prüfte erneut seinen Puls.
Nichts.
»Verdammt!«
Ich legte zwei Finger unter sein Kinn, kippte den Kopf leicht nach hinten, öffnete den Mund und prüfte Atemgeräusche.
Nichts. Keine Bewegung, kein Geräusch, keine Luft.
Mein Herz raste, doch meine Hände zitterten nicht. Noch nicht.
»Okay. Fokus.«
Ich überprüfte noch einmal schnell den Mundraum. Keine sichtbaren Fremdkörper. Dann begann ich mit der Herzdruckmassage. Dreißig schnelle, kraftvolle Kompressionen, genau in der Mitte des Brustkorbs, gerade genug Druck, um Blut ins Gehirn zu pumpen.
»Eins, zwei, drei …«
Ich zählte in Gedanken mit, ließ mich nicht rausbringen.
Dann neigte ich seinen Kopf, schloss seine Nase mit zwei Fingern und blies zweimal Luft in seinen Mund. Wieder prüfte ich. Noch keine Reaktion.
Zurück zur Herzdruckmassage.
»Komm schon. Du stirbst mir nicht weg, hörst du?«
Ich wusste nicht, wer er war. Nur, dass ich ihn retten musste. Um jeden Preis.