Kapitel 1 - Das Feuer
Edit: Leute, wusstet ihr, dass wir jetzt auf eure Likes und Dislikes reagieren oder sie kommentieren können? Auch Kommentare zu einzelnen Absätzen sind möglich!
Außerdem VIELEN DANK FÜR DIE GANZE LIEBE. Ich freue mich über jedes Mal, wenn jemand das Buch hinzufügt... Ich sehe euch... ❤️
EDIT: Elize, meine erste Rezension zu diesem Buch. Ich liebe sie. Danke, Süße.
Und los geht’s...
Emelia starrte zu dem viel größeren Mann auf. Ihr Herz raste unter den Schichten aus weißer Spitze. Der Schleier sollte eigentlich Reinheit und einen Neuanfang symbolisieren. Doch nun fühlte er sich auf ihrer Haut wie ein Gefängnis an. Sie rang nach Luft, während ihre Gedanken wild wirbelten.
Der Mafia-Boss, Maximilian Drake, ragte über ihr auf. Seine dunkle Aura strahlte pure Macht und Einschüchterung aus. Seine bloße Anwesenheit füllte die kleine Kapelle aus. Sie stellte das flackernde Kerzenlicht und das Flüstern der Hochzeitsgäste völlig in den Schatten.
„Sprechen Sie Ihr Gelübde. Sonst garantiere ich Ihnen, dass Ihre verräterische Familie bitterböse dafür bezahlen wird“, flüsterte er. Seine Stimme war ein tiefes Grollen, das nur für ihre Ohren bestimmt war. Jedes Wort troff vor eisiger Drohung, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Sie hatte solche Angst, dass sie sogar den Schmerz im Oberarm vergaß. Dort hatten die Männer der Mafia sie beim Einzug in die Kirche regelrecht zum Altar geschleift.
H-Hochzeit? Mit dem Verlobten ihrer Schwester? Emelia drehte sich der Kopf. Das sollte angeblich ihre Schulden begleichen, aber wie? Und was für Schulden überhaupt? Soweit das Mädchen wusste, waren sie steinreich. Doch die Last der Situation drückte sie nieder. Sie blickte kurz zu den Gästen – Freunde, Familie und die Elite der feinen Gesellschaft. Alle waren gekommen, um die Vermählung von Amelia Langston und Maximilian Drake zu bezeugen.
Doch heute stand nicht ihre Schwester am Altar. Es war Emelia, die gegen ihren Willen in diese Rolle gedrängt worden war. Ihr Schleier verbarg ihre wahre Identität vor den Zuschauern.
Niemand schöpfte Verdacht. Alle glaubten fest daran, dass Amelia hier vorne stand. Wo steckte ihre Schwester überhaupt? Ihre Eltern saßen ruhig und entspannt da. Sie lächelten breit und merkten nicht einmal, dass ihre andere Tochter auf dem Platz neben ihnen fehlte. Mit dieser anderen Tochter war sie selbst gemeint.
Sie, Emelia, war nicht als freiwillige Braut zum Altar gekommen, sondern als Schachfigur in einem gefährlichen Spiel. In ihrem Inneren brodelte eine Mischung aus Verrat und Verzweiflung. Sie kämpfte darum, die Fassung zu bewahren. Der weiche Stoff des Kleides ihrer Schwester fühlte sich fremd an. Die feinen Details standen im krassen Gegensatz zum Gefühlschaos in ihrem Herzen.
Mr. Drakes braune Augen durchbohrten ihren Schleier. Sein Blick war so intensiv, dass er keinen Widerspruch duldete. Er war die Verkörperung von altem Geld und dunklen Geheimnissen. Seine Familie war tief in die Abgründe der Gesellschaft verstrickt. Als Erbe eines kriminellen Imperiums nutzte er seine Macht wie eine Waffe. Sie war für ihn nur ein Werkzeug für seine eigenen Pläne.
„Ich-“, begann sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und schwer vor Emotionen. Wie konnte sie das nur tun? Wie konnte sie ihre Schwester so hintergehen? Der Gedanke an Amelia, die irgendwo in Gefahr sein könnte, schnürte ihr die Kehle zu. Übelkeit stieg in ihr auf.
„Sagen Sie die Worte, Miss Langston“, drängte er sie. Seine Stimme war nun leiser, aber bestimmter. „Sonst kann ich nicht für die Sicherheit Ihrer Familie garantieren.“
Sein Blick traf ihren. Für einen kurzen Moment spürte sie die volle Last dieser Entscheidung auf ihren Schultern. Sie war schon immer die Stille gewesen, die sich an alle Regeln hielt. Doch in diesem Augenblick stand sie vor einer Wahl, die alles verändern würde. Solange sie denken konnte, wollte Emelia nur bei ihren Eltern sein. Und jetzt, wo sie sie endlich gefunden hatte – das hier?
„Als Bonus werde ich herausfinden, was mit Colleen passiert ist.“
Ihre verschiedenfarbigen Augen weiteten sich vor Schreck – noch mehr, als sie es ohnehin schon waren. Colleen? Woher wusste er von ihr?
„Natürlich kenne ich Ihre Akte. Sagen Sie die Worte und werden Sie meine Frau – und zwar ganz legal.“
Einige Jahre zuvor...
Das Waisenhaus war ganz anders, als man es sich aus traurigen Geschichten vorstellte. Für Emelia war es das einzige Zuhause, das sie je gekannt hatte. Die Wände waren zwar alt und abgenutzt, aber die Stimmung im Haus war herzlich. Es gab keine gefühlskalten Betreuer oder grausame Strafen. Stattdessen feierten sie Geburtstage, bekamen kleine Weihnachtsgeschenke und lachten viel. Es war nicht viel, aber es war ihr Zuhause.
Mit vierzehn durfte Emelia einen Nebenjob in einem kleinen Imbiss in der Nähe annehmen. Sie sparte jeden Cent für den Tag, an dem sie mit achtzehn das Waisenhaus verlassen musste. Nachmittags wischte sie Tische ab, füllte Kaffeetassen nach und hörte dem Gemurmel der Gäste zu. Es war ein einfaches Leben, aber es gefiel ihr. Sie hatte ihre Freunde und vor allem hatte sie Colleen.
Colleen war ihre beste Freundin, seit sie denken konnte. Die beiden waren unzertrennlich. Ganze Nächte lang flüsterten sie sich im gemeinsamen Schlafsaal Geheimnisse zu. Colleen träumte davon, Krankenschwester zu werden. Sie wollte Menschen helfen und die Welt ein Stück besser machen. Emelia hingegen wusste nicht, was die Zukunft bringen würde. Doch mit Colleen an ihrer Seite fühlte sich alles nicht so schlimm an.
Sie teilten alles, von Geheimnissen bis hin zu gebrauchten Kleidern. Das Leben war erträglich, solange sie einander hatten. Luxus kannten sie nicht, aber Emelia fühlte sich zugehörig. Trotzdem sehnte sie sich heimlich nach mehr. Sie wollte in einem richtigen Haus bei ihren Eltern leben, wer auch immer sie sein mochten. Vielleicht ein kleiner Bruder dazu, und Colleen könnte ihre Schwester sein.
Nachts, wenn es im Schlafsaal still war, dachte Emelia oft über die Zukunft nach. Sie fragte sich, wie das Leben wohl wäre, wenn sie erst achtzehn war. Der Gedanke löste in ihr Vorfreude und Angst zugleich aus.
„Ich bin immer bei dir“, beruhigte Colleen sie jedes Mal. „Wir suchen uns Jobs und eine eigene Wohnung. Vielleicht reisen wir sogar.“
Das war ihr großer Traum: die Stadt hinter sich lassen, die Welt entdecken und auf eigenen Beinen stehen. Solange sie zusammenhielten, glaubte Emelia fest daran, dass sie es schaffen würden.
Doch das Leben kann sich in einem einzigen Augenblick komplett ändern...
In dieser Nacht wachte Emelia vom Geruch nach Rauch auf.
Zuerst dachte sie, sie würde träumen. Die warme Decke und die Stille im Zimmer gaben ihr ein Gefühl von Sicherheit. Doch als sie die Augen aufschlug, wurde der beißende Gestank stärker. Er brannte in ihrer Kehle und ließ sie in Panik geraten.
„Colleen?“, flüsterte sie und setzte sich auf.
Sie griff instinktiv nach der Seite, doch Colleen war nicht da. Das Bett war leer. Normalerweise schliefen sie getrennt, aber manchmal schlichen sie sich zueinander, wenn die Betreuer schliefen.
Die Angst riss sie endgültig aus dem Schlaf. Emelia schwang die Beine aus dem Bett und stolperte barfuß zur Tür. Auch die anderen Mädchen im Raum wurden wach. Ein verwirrtes Gemurmel erfüllte die Dunkelheit.
„Steht auf!“, rief sie diesmal lauter. Ihre Stimme überschlug sich vor Angst. „Hier stimmt was nicht!“
Der Rauch wurde immer dichter, während sie auf den Flur rannten. Dort herrschte bereits pures Chaos. Betreuer eilten durch die Gänge, versuchten die Kinder zu sammeln und zu den Ausgängen zu treiben. Die Kleinen weinten vor Angst und klammerten sich an ihre Decken, während sie aus den Zimmern gezogen wurden.
Flammen leckten bereits an den alten Holzwänden. Das Feuer breitete sich schneller aus, als Emelia begreifen konnte. Das Gebäude ächzte unter der Hitze. Es stöhnte, während das Inferno alles auf seinem Weg verschlang.
Doch Emelia konnte nur an Colleen denken.
Sie rannte den Flur entlang und wich den panischen Menschen aus. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. „Colleen!“, schrie sie. Doch gegen das Brüllen der Flammen und das Geschrei der Kinder kam sie kaum an. „Wo bist du?“
Sie lief zum hinteren Teil des Waisenhauses. Dort hatten die älteren Jugendlichen ihre eigenen Zimmer. Hier war es unheimlich still. Das Feuer warf flackernde Schatten an die Wände.
Und dann sah sie es: Die Tür zum Fernsehzimmer stand offen. Eine Gestalt lag regungslos auf dem Sofa. Ein furchtbares Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Mit zitternden Händen drückte sie die Tür weiter auf. Sofort wusste sie, dass es ihre Freundin war.
Dann bemerkte sie den dunklen Fleck auf der Brust ihrer Freundin. Er breitete sich auf dem zitronengelben T-Shirt immer weiter aus. „Colleen?“, rief sie, während ihr speiübel wurde. Doch es kam keine Antwort. Sie ging langsam auf sie zu. Ihre Beine fühlten sich bleischwer an, trotz des Chaos um sie herum.
Sie stupste Colleen am Bein an und starrte in ihr Gesicht. Ihre Augen waren offen, aber starr nach unten gerichtet – als würde sie auf Emelias Knie schauen. Emelias Brust fühlte sich an, als würde sie zerquetscht werden. Sie rüttelte sie erneut, diesmal fester. Dabei spürte sie die Starre in ihrem Körper.
Nein – sie wollte es nicht wahrhaben. Sie packte Colleens Hand und zog kräftig daran, um sie wachzurütteln. Doch Colleen rührte sich nicht.
Colleen war tot.
Emelia erstarrte. Ihr Kopf war wie leergefegt, sie konnte das Gesehene nicht verarbeiten. Ihre beste Freundin, die alles mit ihr geteilt hatte, war fort. Ein Messer lag auf dem Boden neben dem Sofa und glänzte im schwachen Licht.
Das war kein Unfall. Colleen war ermordet worden...