1. Gang
Das GepΓ€ckband sprang an. Dutzende Blicke zuckten zur Ausgaberampe, einige Wartende traten vor die Anlage. Die ΓΌbrigen Passagiere gΓ€hnten, rieben sich ΓΌber die Augen, beobachteten teilnahmslos, wie ein Koffer nach dem nΓ€chsten auf das FΓΆrderband rutschte. Jeder hoffte, dass sein GepΓ€ck die Reise ΓΌberstanden hatte.
Fast jeder.
Emil kaute auf seiner Unterlippe, wΓ€hrend FamilienvΓ€ter die bunten Rollkoffer ihrer Kinder vom Band hievten. Vielleicht griff jemand versehentlich nach seinem. Vielleicht packte ihn jemand in seinen Mietwagen und fuhr damit 2000 Kilometer ins Outback. Wenn er richtig GlΓΌck hatte, war sein GepΓ€ck beim Umstieg verloren gegangen und er sah es nie wieder.
Aber er war Emil Wilmbach-Pech. Und der Name war Programm.
'Oh my god ...'
Leises Gekicher fachte Emils Herzschlag an. Er sah zur Ausgaberampe, das Blut schoss ihm in die Wangen. Seine Haut glΓΌhte wahrscheinlich intensiver als sein Haar, aber es half nichts. Nach zwanzig Stunden Flug hatte er so viele Strapazen hinter sich, dass er auch das noch ΓΌberstand.
Mit gesenktem Blick schlurfte Emil zur Anlage und ergriff den Henkel des gewaltigsten Regenbogenkoffers, der diesen Flughafen jemals erreicht hatte. Erst nach dem dritten Ruck gelang es ihm, sein buntes Monstrum vom Band zu zerren, und er japste, als sich das Kofferrad in seinen Schuh bohrte. Ein weiteres MosaikstΓΌck in seinem SelbstportrΓ€t aus Blamagen. Zumindest lenkte ihn der Schmerz kurz davon ab, sich mit dem Weihnachtsgeschenk seiner Mutter bis zur Ankunftshalle durchschlagen zu mΓΌssen.
Unter stierenden Blicken reihte er sich in die Schlange vor der Passkontrolle ein, drΓΌckte sich den Schirm seines grauen Cappys ins Gesicht und ΓΌberflog seine Angaben auf dem Einreiseschein. Dreimal hatte er das Formular unter den Augen der Grenzbeamtin falsch ausgefΓΌllt. Trotzdem hatte er den Visa-Check irgendwie ΓΌberstanden. Nun trennten ihn noch fΓΌnfzig Meter vom offiziellen Start seines Zwangsabenteuers.
Ein verzΓΌcktes Quieken lieΓ Emil erschaudern. Die Dame, die in der Schlange hinter ihm stand, beugte sich zu einem jungen Australian Shepherd herunter, der an ihrem GepΓ€ck schnΓΌffelte. Um den KΓΆrper des Hundes wand sich ein rotes Geschirr mit der Aufschrift 'Biosecurity'. Der Beamte am anderen Ende der Leine lΓ€chelte, tauschte ein paar Worte mit der Dame.
Emil drΓΌckte den Zettel zwischen seinen Fingern zusammen und trat nΓ€her an die Familie vor sich. Im Gegensatz zum Kontrollbeamten entging dem Hund seine Flucht aus dem Geruchsradius nicht. Er lieΓ vom Koffer der Dame ab und beschnΓΌffelte ausgiebig Emils Sneakers. Emil hielt den Atem an. Seit dem Zwergpudelvorfall vor drei Jahren pumpte sein Herz beim Kontakt mit Hunden eine LKW-Ladung Adrenalin durch seinen Kopf. Je lΓ€nger das Tier ihn inspizierte, desto fester drΓΌckte NervositΓ€t auf seine Kehle. Und entlud sich in einem Schreckenslaut, als es plΓΆtzlich bellte.
Das GesprΓ€ch zwischen der Dame und dem Beamten stoppte, sie musterten ihn. Als der Mann an seine Seite trat und den Hund beschwichtigte, blieb Emil fast das Herz stehen.
Β»Good day. Wie geht's?Β« Der Beamte steckte eine Hand in die Tasche seiner Uniformjacke und sprach weiter. Er musste Ende zwanzig sein, zehn Jahre Γ€lter als Emil, trug einen gepflegten Oberlippenbart. Emil imitierte seine freundliche Mimik, doch seine Mundwinkel bebten. Der LΓ€rm in der Halle machte es ihm unmΓΆglich, auch nur ein Wort zu verstehen.
Als der Mann schwieg und ihm ins Gesicht sah, blinzelte Emil, sein Puls pochte in seiner SchlΓ€fe. Es entstand eine unangenehme Pause, bis der Beamte auf den Zettel in Emils Hand nickte.
Β»Oh, mein ...Β«, wisperte Emil, reichte ihm den Einreiseschein. Β»Sorry.Β«
Β»No worries.Β«
WΓ€hrend der Beamte seine EintrΓ€ge ΓΌberflog, fischte Emil sein Handy aus der Hosentasche und tippte auf seine HΓΆrgerΓ€te-App, schob die LautstΓ€rkeregler nach oben. Unmittelbar nahm er die GesprΓ€che um sich klarer wahr. Gerade im rechten Moment, bevor der Mann erneut das Wort ergriff.
Β»Du reist aus Deutschland an?Β« Er schmunzelte, als Emil schΓΌchtern nickte. Β»Working Holiday nach dem Schulabschluss?Β«
Β»Ja ...Β« Emil beobachtete aus dem Augenwinkel den SchΓ€ferhund, der feuchte NasenabdrΓΌcke auf seinem Hosenbein hinterlieΓ. Nachdem er sowohl in Hamburg als auch Dubai am Security-Check den Sprengstoffalarm ausgelΓΆst hatte, gehΓΆrte ein positiver Drogentest fast zum guten Ton.
Β»In welcher Branche willst du arbeiten?Β«
Β»Oh, Γ€hm ... i-im Gesundheitssektor.Β« Emil blickte beklommen beiseite, als ihm auffiel, wie aufmerksam sein GegenΓΌber ihm in die Augen sah. Als kΓΆnnte er ihm die Wahrheit vom Gesicht ablesen.
In der Gastronomie.
Er presste die Lippen aufeinander. Das war nicht der Grund, weshalb ihn seine Mutter ans andere Ende der Welt geschickt hatte. Er machte sich besser keine Hoffnungen.
Β»All good.Β« Der Mann reichte ihm sein Dokument zurΓΌck. Β»Viel SpaΓ bei deinem Aufenthalt. Ach, und ...Β« Er deutete auf Emils Regenbogenkoffer und zeigte ans Ende der Warteschlange, wo glΓΌcklose Einreisende auf GefahrgΓΌter ΓΌberprΓΌft wurden. Β»Bitte einmal in die Zollkontrolle.Β«
Als sich die GlastΓΌren ΓΆffneten und ihm frische Luft entgegenstrΓΆmte, atmete Emil tief ein. Die Mittagssonne betonte das Azurblau des Himmels, eine warme Brise umspielte die Γste der Pinien vor dem Terminal. Zum ersten Mal, seit er sich in der Abflughalle von seiner Mutter und ihrem LebensgefΓ€hrten verabschiedet hatte, fΓΌhlte er einen Hauch Geborgenheit. Es war sommerlich; vΓΆllig anders als das nasskalte deutsche Januarwetter. So ganz realisierte er noch nicht, dass dieser Ort fΓΌr die nΓ€chsten Monate sein Zuhause war.
Emil erschauderte, als ihm der Koffergriff aus der Hand glitt. Der Fahrer, den seine Mutter fΓΌr seine Abholung vom Flughafen engagiert hatte, fΓΌhlte sich auch fΓΌr sein GepΓ€ck zustΓ€ndig. Mit einem mulmigen GefΓΌhl tappte Emil ihm nach. Auf der einen Seite war er dankbar, dass sie ihm den Start ins Auslandsjahr so komfortabel wie mΓΆglich gestalten wollte. Allerdings hΓ€tte es weder einen Business-Class-Flug noch einen persΓΆnlichen Chauffeur gebraucht. Eine WhatsApp nach der Landung wΓ€re genug gewesen.
Β»Esplanade Hotel?Β«, fragte der Fahrer, wΓ€hrend er Emil die TΓΌr zum RΓΌcksitz aufhielt. Β»Nobler Schuppen, direkt am Hafen von Freo. Normalerweise landen Backpacker im Hostel. Deine Familie hat dich gern.Β«
Β»Ja ...Β«
Emil stieg ein, nahm seinen Rucksack auf den SchoΓ. Sein Fahrer startete den Wagen, schaltete das Radio ein und bog auf die StraΓe, die vom FlughafengelΓ€nde nach Perth fΓΌhrte. WΓ€hrend die Pinien an ihm vorbeirauschten und das internationale Terminal im RΓΌckspiegel verschwand, drΓΌckte Emil seinen Rucksack fester an sich. Er beobachtete den Gegenverkehr durch die Scheibe, las die Werbeplakate der Airlines. Dann beugte er sich nach vorn und vergrub sein Gesicht im GepΓ€ck.
Β»Heimweh?Β« Emil hob den Kopf, woraufhin der Fahrer ihm im RΓΌckspiegel zuzwinkerte. Β»Keine Sorge, 'ne MΓΌtze Schlaf, ein paar Runden im Meer und du fΓΌhlst dich wie zu Hause.Β«
Β»Okay ...Β«
Emil senkte das Kinn wieder in den rauen Stoff seines Rucksacks. Er war nicht mehr zu Hause, und keine noch so hohe Welle brachte ihn dorthin zurΓΌck. Nicht, bevor er diesen Studienplatz bekam. Und dann war es ohnehin kein Zuhause mehr fΓΌr ihn.
Β»Willkommen in Australien, Mate.Β«