Der Regen von Auris
Man sagt, dass in Auris der Regen niemals aufhört. Für die meisten Menschen ist das ein beruhigender Gedanke. Der gleichmäßige Rhythmus der Tropfen, die gegen die Fenster klatschen, begleitet jeden Moment ihres Lebens wie eine alte, vertraute Melodie. Für mich war es anders. Der Regen war kein Trost. Er war eine Erinnerung. Ich stand am Fenster meiner kleinen Wohnung im 45. Stock eines der unzähligen grauen Türme, die die Skyline von Auris formten. Mein Blick verlor sich in den Schatten der Stadt. Tausende Lichter blinkten im Nebel, doch sie wirkten matt, als könnten sie sich nicht gegen die Dunkelheit durchsetzen, die sich überall ausbreitete. Mein Refugium war spärlich eingerichtet: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Die Wände waren so grau wie der Turm selbst. Persönliche Gegenstände hatte ich kaum. Nur ein kleines Hologramm-Bild stand auf der Kommode – ein Mann und eine Frau, die mich anlachten. Meine Eltern. Das Bild war das einzige, was ich von ihnen behalten hatte, nachdem sie… verschwunden waren.
Die Stadt unter mir war ein Labyrinth. In Auris lebten Millionen, doch es fühlte sich an wie ein Gefängnis. Alles wurde kontrolliert: Unsere Arbeit, unsere Ernährung, unsere Kommunikation. Der „Algorithmus“ entschied alles für uns. Es gab keine Kriege, keine Armut, keine Krankheiten. Aber auch keine Freiheit. Ich hatte gelernt, unsichtbar zu sein. Mit 33 Jahren war ich nur eine Nummer im System, eine Bewohnerin des Distrikts Nord. Tagsüber arbeitete ich in einem der unzähligen Datenzentren, wo ich die Informationen überprüfte, die der Algorithmus an die Menschen ausspielte. Die Arbeit war monoton, aber sicher – und ich brauchte Sicherheit. Doch selbst in dieser scheinbaren Routine lastete eine Schuld auf mir. Ein Schatten aus der Vergangenheit, den ich weder abschütteln noch vergessen konnte.
Ich wandte mich vom Fenster ab. Der Regen war eine Versuchung, in Erinnerungen zu versinken, und das konnte ich mir nicht leisten. Nicht heute. Die Uhr über der Tür zeigte 20:43. Noch knapp zwei Stunden, bis die nächtliche Netzsperre begann. Danach war Auris still. Die Sperre war nicht nur ein technisches, sondern auch ein gesellschaftliches Diktat: Nachts sollte niemand arbeiten, niemand kommunizieren, niemand denken. Doch ich dachte immer. Mein Terminal summte leise, eine Nachricht blinkte auf dem Bildschirm. Die Anrufer-ID war verschlüsselt, eine weitere Erinnerung daran, wie sehr jede Nachricht überwacht wurde. „Privat“ stand da in zitternden Buchstaben. Meine Kehle schnürte sich zu. Niemand schrieb mir privat. Nicht mehr. Mit zögernden Schritten ging ich zum Terminal, setzte mich und öffnete die Nachricht.
„Jemand sucht dich. Pass auf dich auf. Vergiss nicht, wer du bist.“
Die Worte waren kurz, aber sie durchschlugen die trügerische Sicherheit meiner Existenz wie ein Schuss in die Stille. Mein Puls raste, und ich las die Nachricht ein zweites Mal, dann ein drittes. Der Absender war nicht zu identifizieren, doch ich hatte das Gefühl, die Handschrift zu erkennen. Es war unmöglich. Das konnte nicht sein. Ein dumpfes Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Meine Muskeln spannten sich an. Ich drehte mich langsam zur Tür, mein Herz hämmerte in meiner Brust. Wer immer es war, er hatte keinen Grund, hier zu sein. Die Klopfgeräusche wurden lauter, drängender. Ich schlich zur Tür, meine Schritte so leise wie möglich. Auf dem kleinen Monitor an der Wand, der den Flur zeigte, erschien eine Gestalt. Dunkler Mantel, Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Kein Gesicht, keine Identität. „Öffne die Tür.“ Die Stimme war tief, ruhig, aber sie ließ keinen Zweifel daran, dass dies keine Bitte war. Ich antwortete nicht.
„Ich weiß, dass du da bist,“ fuhr die Stimme fort. „Wenn ich dir etwas hätte antun wollen, hätte ich es längst getan.“ Eine Drohung? Nein. Es klang… wie eine Wahrheit. Trotzdem blieb ich wie versteinert. Die Nachricht im Terminal, das Klopfen – alles war ein Alptraum, aus dem ich nicht zu entkommen schien. Doch dann flüsterte die Stimme leise, kaum hörbar: „Es geht um das Projekt. Um sie.“ Mein Blut erstarrte. Dieses Wort. Projekt. Es war Jahre her, dass ich es gehört hatte, doch es ließ meinen Verstand explodieren wie eine Bombe. Ich öffnete die Tür.