Kapitel 1
England, 1662
„Mylady? Es ist Zeit aufzuwachen!“
Lady Sofia Graves drehte sich in ihrem Bett um und blinzelte. Sie rieb sich die Augen, während das Sonnenlicht durch das große Fenster hereinströmte. Es würde ein perfekter Tag werden. Es war ihr Tag, auf den sie sich schon seit Monaten gefreut hatte.
Ihr persönliches Zimmermädchen Mary ging zum anderen Fenster. Sie zog die schweren Vorhänge auf und ließ noch mehr Licht in das gold-weiße Zimmer.
Sofia seufzte. Sie hatte wunderbar geträumt und war gerade dabei gewesen, ihren Gefährten zu treffen. Doch sie war aufgewacht, bevor er sich zu ihr umdrehen konnte. Im Traum waren sie unten im Ballsaal gewesen. Sie hatte seine Witterung aufgenommen und gesehen, wie er mit dem Rücken zu ihr dastand. Sie war auf ihn zugegangen und hatte seinen muskulösen Rücken im dunklen Gehrock und sein braunes Haar bewundert. Er hatte gerade angesetzt, sich umzudrehen, als sie ihre Zofen hörte.
Es war nicht das erste Mal, dass sie diesen Traum hatte. Aber er endete immer gleich. Es enttäuschte sie jedes Mal, dass sie nie das Gesicht des geheimnisvollen Mannes sah, der für sie bestimmt war. Alles, was sie wusste, war, dass er braunes Haar hatte.
„Mylady, wir haben Ihnen das Frühstück heraufgebracht. Danach müssen wir mit den Vorbereitungen für den Ball beginnen“, sagte Laura, ihr anderes Zimmermädchen. Mary und Laura arbeiteten schon fast ihr ganzes Leben für die Familie. Seit Sofia ein Kind war, dienten sie ihr als persönliche Zofen. Beide waren Wölfinnen und Mitglieder ihres Rudels.
Sofia setzte sich im Bett auf. Mary rückte ihr sofort die Kissen im Rücken zurecht. Ein Tablett wurde vor sie gestellt und Laura nahm die Haube vom Essen. Auf der einen Seite des Tellers lag Brot mit Marmelade, auf der anderen Speck und Eier. Eine Schüssel mit Haferbrei füllte den Raum mit ihrem Duft. Sofia atmete ihn tief ein.
Während sie aß, wirbelten die Zofen im Zimmer herum, um alles für den Ball vorzubereiten. Eine große Wanne wurde hereingebracht und vor das Kaminfeuer gestellt. Mehrere Dienstmädchen kamen nacheinander herein und brachten heißes Wasser für ihr Bad. Während sich die meisten Menschen nur selten wuschen, taten Werwölfe dies viel öfter. Ihr Geruchssinn war einfach viel feiner. Und heute war ein besonderer Tag.
Als sie fertig gefrühstückt hatte, wurde das Tablett weggebracht. Mary und Laura halfen ihr beim Ausziehen und in die Wanne. Sie wuschen schnell ihren Körper und kümmerten sich dann um ihre prächtigen schwarzen Locken.
Sofia ließ ihre Gedanken schweifen, während sie die Prozedur über sich ergehen ließ. Heute Abend wurde ihr zu Ehren ein Ball gegeben. Sie war nun im richtigen Alter, um ihren Gefährten zu finden. Seit zwei Tagen kamen bereits Gäste an, aber Sofia durfte keinen von ihnen sehen. Ihre Eltern wollten, dass sie ihren Gefährten erst auf dem Ball fand. Der Gedanke, dass er direkt hier im Haus sein könnte, machte Sofia ganz kribbelig. Dennoch hielt sie sich an den Wunsch ihrer Eltern.
Tawny, ihre Wölfin, versicherte ihr immer wieder, dass er noch nicht da sei. „Wir würden ihn riechen, wenn er hier wäre.“
Sofia wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Ein kleiner Teil von ihr hatte Angst, dass er gar nicht auftauchen würde. Das war durchaus möglich. Dann wäre der ganze Abend umsonst.
Laura half ihr aus dem mittlerweile kalten Wasser und trocknete sie mit einem Handtuch ab. Sofia schlüpfte in einen Morgenrock. Die Zofen holten die Wanne aus dem Zimmer. Sofia setzte sich wieder vor das Feuer und Laura begann, ihr Haar zu bürsten.
Sofia war die Tochter eines Alphas. Ihr Vater war zudem ein Earl im englischen Adel, weshalb sie schon immer ein privilegiertes Leben geführt hatte. Man verwöhnte und verhätschelte sie. Trotzdem hatte Sofia sich ein sanftes Wesen bewahrt. Jeder, der sie traf, musste sie einfach gernhaben.
Sie fragte sich, ob sie enttäuscht wäre, wenn sie ihren Gefährten heute Abend nicht treffen würde. In ein paar Wochen stand das Werwolf-Gipfeltreffen an. Dort hätte sie eine weitere Gelegenheit, nach ihrem Gefährten zu suchen. Das Gipfeltreffen wurde alle fünf Jahre vom Alpha-König ausgerichtet. Wölfe aus der ganzen Welt nahmen daran teil. Sofia glaubte jedoch, dass ihr Vater enttäuscht wäre, wenn seine Tochter keinen englischen Alpha zum Gefährten hätte. Ihr selbst wäre das egal. In ein anderes Land zu ziehen, wäre ein großes Abenteuer.
Stunden vergingen, während die Zofen Sofias Haar beim Trocknen frisierten. Ein spätes Mittagessen wurde serviert. Danach begann das mühsame Ankleiden für den Ball.
Ihr Vater hatte Stoffe und Spitzen aus Paris bestellt. Er hatte eine bekannte Schneiderin beauftragt, das Kleid zu nähen. Es war grün und gold und sah einfach umwerfend aus. Sie freute sich riesig darauf, dieses Prachtstück zu tragen. Schon die Anproben hatten ihr Spaß gemacht. Jetzt brannte sie darauf, ihrem Gefährten darin gegenüberzutreten.
Unten würden heiratsfähige Alphas und zukünftige Alphas warten. Sie alle wollten wissen, ob die Tochter des Alphas vom Northumbria-Rudel ihre Gefährtin war. Ihr Rudel war eines der größten und mächtigsten in ganz England. Sie war der Hauptpreis des Abends und alle Augen würden auf sie gerichtet sein.
Die letzten Monate hatte sie oft von ihrem Gefährten geträumt, ihrem Ritter in glänzender Rüstung. Ein Mann, der sie verzaubern, lieben und verehren würde. Sie seufzte glücklich. Hoffentlich würde sie ihm viele Welpen schenken.
Für dieses Ereignis wurden keine Kosten gescheut. Ihre Mutter hatte fast ein ganzes Jahr mit der Planung verbracht. Ihre älteste Tochter sollte einen perfekten Tag haben. Ihr Ball war das Ereignis der Saison. Die begehrten Einladungen waren verschickt worden. Sogar der Alpha-König persönlich würde erscheinen.
Sofia seufzte verträumt. Jedes Mädchen, das sie kannte, wollte die Gefährtin des Alpha-Königs sein. Sie war ihm einmal begegnet, vor fünf Jahren auf dem letzten Gipfeltreffen. Sofort hatte sie sich in den gutaussehenden Wolf verschaut. Er war freundlich zu ihr gewesen und seine blauen Augen hatten gefunkelt. Vielleicht würde sie heute Abend die Gelegenheit bekommen, mit ihm zu tanzen. Sie war sehr hoffnungsvoll, da der Ball ihr zu Ehren stattfand und er der wichtigste Gast war.
Mary und Laura begannen nun damit, Sofia in ihre Unterwäsche zu helfen. Das war ein langwieriger Prozess. Sofia setzte sich hin, damit sie ihr die zierlichen goldenen Schühchen anziehen konnten. Wahrscheinlich würde sie diese nie wieder tragen. Sie hoffte, die ganze Nacht am Arm ihres Gefährten durchzutanzen. Musik drang aus dem Ballsaal nach oben und Sofia summte die Melodie mit.
„Lassen Sie uns in das Kleid schlüpfen, Mylady“, sagte Laura und riss Sofia aus ihren Gedanken. Sie stand auf und ging zu dem wunderschönen Gewand, das sie bewundernd betrachtete.
Die Schneiderin hatte stundenlang an dem Kleid gearbeitet. Es würde ihre grünen Augen, ihr dunkles Haar und ihre helle Haut perfekt betonen. Das Kleid war ein Meisterwerk. Sie konnte nicht einmal erahnen, wie viel ihr Vater dafür bezahlt hatte. Sie stand still, während Laura und Mary sie einkleideten. Als sie fertig war, drehte sie sich voller Freude im Kreis. Sie liebte es, dass die neue Mode nackte Schultern zeigte. In diesem Kleid fühlte sie sich wie eine Prinzessin. Hoffentlich würde ihr schöner Prinz sie heute Abend in sein Luftschloss entführen.
„Der Gefährte ist hier“, meldete sich Tawny plötzlich zu Wort und unterbrach Sofias Gedanken. Sie war den ganzen Tag über ungewöhnlich ruhig gewesen und hatte alles genau beobachtet. Sofia konnte ihre Aufregung jedoch spüren.
„Bist du sicher?“, fragte Sofia. Auch sie war nun völlig aus dem Häuschen.
„Ja, ich kann seine Anwesenheit spüren“, erwiderte Tawny und wedelte vor Freude mit dem Schwanz.
„Sie sehen wunderschön aus, Mylady“, sagte Mary mit einem Lächeln und lenkte Sofias Aufmerksamkeit zurück in den Raum.
„Danke. Ich sollte jetzt gehen. Es ist fast Zeit.“ Sie wandte sich zur Tür, die Laura gerade öffnete. Von unten hörte sie die Musik. Ein Schauer der Erregung durchlief sie, als sie ihr Zimmer verließ und auf die Treppe zuging. Ganz kurz wehte ihr der Duft ihres Gefährten entgegen. Sie atmete ihn tief ein. Die Vorfreude sprudelte förmlich in ihr auf. Am liebsten wäre sie den Flur entlanggetanzt, aber sie riss sich zusammen. Sie war jetzt erwachsen und durfte sich das nicht erlauben. An den Stufen hielt sie kurz inne, nahm einen tiefen Atemzug und begann dann mit dem Abstieg.