Valentins-was?
Die Sonne stand niedrig an einem blassblauen Winterhimmel. Noch reckten die mächtigen Eichen ihre Äste kahl nach oben, aber die Vögel hüpften schon eifrig von Ast zu Ast und zwitscherten was die kleine Kehle hergab. Adelie lief Slalom an den Pfützen vorbei, die sich überall auf den alten und unebenen Wegen gebildet hatten, die den Campus durchzogen. Zu Füßen der mächtigen Eichen standen üppige Tufte an Schneeglöckchen, und sie konnte auch den einen oder anderen Krokus entdecken. Frühling war eindeutig auf dem Vormarsch.
Auf der Terrasse der Cafeteria saßen wie immer einige Unerschrockene, tranken Kaffee und genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Adelie klappte ihren Mantelkragen hoch, ihr war noch nicht nach draußen sitzen zu Mute. Es sah aus wie Frühling, aber es war noch nicht Frühling. Sie bog hinter der Cafeteria auf den Hauptpfad in Richtung Bibliothek. Es war Donnerstagnachmittag, und sie war spät dran. Nate würde bestimmt schon warten, wie immer im Lesesaal 302, am Ende des Westflügels.
Ihr Freund wartete tatsächlich schon. Jeden Donnerstag zusammen in der Bibliothek lernen taten sie schon, bevor sie sich überhaupt ihrer Gefühle für einander bewußt geworden waren, und es bestand kein Grund, mit dieser liebgewonnenen Tradition zu brechen. Nate hatte ihren Lieblingstisch gesichert, direkt am Fenster, halb hinter den hohen Regalen aus Kirschbaumholz versteckt. „Da bist du ja,“ begrüßte er sie, und drückte ihr einen schnellen Kuss auf ihre kalten Lippen. Seine waren warm und weich, dafür das Kinn kratzig.
„Entschuldigung, ich hatte mich verquatscht.“ Sie strich ihm liebevoll durch die Haare. Blaue Augen strahlten sie unter wuscheligen schwarzen Haaren an. Nate war groß, und wie es sich für einen Rugby-Spieler der Auswahlmannschaft gehörte, ziemlich stabil gebaut. Sie lehnte sich an seine breite Schulter und sog seinen herben Duft ein. Nate roch immer gut. Nach Rasierwasser, Kaffeebohnen und Schokoladensirup, weil er die frühe Schicht im Lemon Tree gearbeitet hatte.
„Du bist nicht sehr viel zu spät, ich habe mir noch keine Sorgen gemacht. Auch wenn es ungewöhnlich ist, vor dir hier zu sein.“ Nates Stimme war tief und samtig, und schien wie immer direkt in ihrer Magengrube zu vibrieren ohne den Umweg über ihre Ohren zu nehmen.
Sie setzte sich an den Tisch und holte ihren Notizblock und ihre Stifte heraus. „Manche finden kein Ende, und Professor Alvarez gehört dazu. Wie war deine Schicht? Waren viele Gäste da?“
Sie erzählten sich von ihrem Tag während sie sich häuslich einrichteten, dann versanken sie für geraume Zeit in schweigsamen Lernen. Adelie hatte einen Aufsatz für ihr Studium des Interstellaren Konfliktmanagements zu überarbeiten, und Nate recherchierte für eine Präsentation über Weltraumhandel. Zwischen ihnen stapelte sich schnell eine Bücherwand. Es war draußen schon dämmerig, als sie schließlich ihre Bücher zusammenpackten und Hand in Hand durch die stille Bibliothek zum Ausgang liefen. Mit der Dunkelheit war auch die bissige Winterkälte wieder herangekrochen, und Adelie kuschelte sich schamlos in Nates Arm während sie zum Parkplatz liefen.
„Komm her Süße, nicht dass du erfrierst in deinem Mäntelchen,“ neckte ihre bessere Hälfte, und sie streckte ihm die Zunge raus. Für ihn nur eine Einladung, sie erst Recht in den Arm zu nehmen und im Schutz der Bäume zu küssen.
„Du alter Charmeur,“ schnaufte sie, als er sie endlich wieder zu Wort kommen ließ.
„Nicht meine Schuld, dass du so niedlich bist.“
„Nate!“ Sie knuffte ihn, er lachte nur.
„Weißt du, auf der Erde wäre das jetzt die Jahreszeit des Valentinstags. Und ich finde es gerade sehr bedauerlich, dass es dieser Brauch nicht bis nach Westerhaven geschafft hat.“
„Valtentins-was?“ Sie nahm seine Hand und sah ihn fragend an, während sie ihren Weg fortsetzten.
„Valentinstag.“
„Ist das wieder eine dieser absurden Erd-Traditionen, wie dieses Kürbisfest Halloween? War es Halloween?“ Adelie krauste ihre Nase als sie sich daran zu erinnern versuchte, wie Nate diesen Tag im Herbst genannt hatte, an dem Leute Gesichter in Kürbisse schnitzten und Süßigkeiten verteilten.
Ein tiefes, rumpeliges Lachen war ihre Antwort. „Ja, genauso absurd wie Halloween. Obwohl ich mir vorstellen könnte, dass du Freude daran hättest - es beinhaltet Blumen, Pralinen und das Verschenken von hübschen Karten.“
„Da könntest du Recht haben.“ Sie hatten ihren schwarzen Sportwagen erreicht, der auf dem Studentenparkplatz hinter dem Campus-Gym stand. Nachdem sie eingestiegen waren, fragte sie: „Zu dir oder zu mir?“
„Zu dir. Ich will dich heute nicht mit meinen Mitbewohnern teilen.“
Nate stand in Adelies winziger Küche und schnippelte Gemüse. Das engelhafte Wesen, das er seine Freundin nennen durfte, wanderte durch ihre elegante Einzimmerwohnung, und entledigte sich ihrer offiziellen Fassade. Der volle Rock samt Unterrock wanderte in den Schrank, die Bluse auf einen Hänger, und schließlich stand sie in nichts weiter als ihrer seidenen Unterwäsche im Türrahmen und betrachtete sein Tun. Weiche Wellen kastanienbrauner Haare fielen über ihre Schultern, und volle Lippen waren zu einem süßen Lächeln verzogen. Was ihn allerdings wie immer an den Rande der Verzweiflung brachte, war ihre neckend hochgezogene Augenbraue.
„Was gibt’s leckeres?“, fragte sie.
„Wenn du hier weiter so skandalös halbnackt herumstehst: Baroness mit Sahne.“
Sie lachte ihr glockenhelles Lachen. „Okay, okay, ich gehe mir was anziehen. Den Gedanken mit der Sahne kannst du dir aber für den Nachtisch aufheben.“
Nate holte tief Luft, als sie im Badezimmer verschwunden war, ohne Zweifel um einen ihrer luxuriösen Pyjamas anzuziehen. Adelie war bezaubernd schön, berückend schlagfertig und, sofern sie mit ihm alleine war, unanständig verführerisch. Er konzentrierte sich wieder auf die Zubereitung des Abendessens und versuchte, nicht darüber nachzudenken, was sie wohl mit der Sahne vorhatte. Er rührte gerade im Topf, als hinter ihm ihre Stimme erneut erklang.
„Dein Valentinstag, den du da vorhin erwähnt hast - was ist das?“
Sie trug nun einen mitternachtsblauen Pyjama und steckte sich die Haare mit einer goldenen Spange hoch.
Er drehte sich endgültig um und grinste sie an. „Wie genau willst du es wissen?“
Ihre Augenbraue hob sich, schon wieder. „Na, alles natürlich. Eden feiert bei weitem nicht so absurd wie ihr auf der Erde. Gib mir alle Details.“ Sie holte zwei Gläser aus dem Schrank und Besteck aus der Schublade und fing an, ihren Kaffeetisch im Raum zu decken. Da ihre Küche wirklich winzig war, war dies die angenehmere Option.
„Also, pass auf. Der Valentinstag hat seine Ursprünge in der Antike, bei den alten Römern. Die haben Mitte Februar Lupercalia gefeiert, ein Fruchtbarkeitsfest. Einem Papst wurde das dann irgendwann zu doll, und er hat den 14. Februar als den Tag ausgerufen, an dem dem heiligen St. Valentin gedacht werden sollte - interessanter Weise gibt es davon aber mehrere.“
Adelie kicherte, und streifte ihm einen Kuss auf die Wange, weil er immernoch mit Rühren beschäftigt war. „Wie immer hat dein Feiertag viel Personal.“
„Und ich bin noch nicht mal ansatzweise fertig.“
Ein scherzhafter Seufzer und theatralisch verdrehte Augen. „Ich hätte es wissen müssen.“
Er füllte ihre Teller mit Pfannengerührtem und trug sie hinter ihr zum Tisch. „Es dauerte dann bis ins 14. Jahrhundert, bis Geoffrey Chaucer, seines Zeichens ein Dichter in England, in seinen Werken den Tag mit Liebe in Verbindung brachte. Schließlich, in der Mitte des 18. Jahrhunderts, war es etablierter Brauch sich kleine Aufmerksamkeiten und handgeschriebene Karten zu schenken. Und das entwickelte sich dann über die Jahrhunderte zu einer florierenden Industrie. Blumen, Schokolade und Valentinstagskarten, manche schenken sogar Schmuck.“
Adelie machte große Augen. „Das hört sich nach potentiell viel Sprengstoff für ein Liebespärchen an. Was, wenn es die falschen Blumen, oder die falschen Pralinen sind? Und - noch schlimmer - was wenn es einer von den beiden vergisst? Muss man da mitmachen?“
Nate nickte. „Ja, da ist viel Sprengstoff drin, wenn es einem Teil wichtiger ist als dem anderen. Eindeutig etwas, das man klären sollte, bevor es zu spät ist. Aber - und das ist schöne an diesem Tag: Weder muss man mitmachen, noch muss sich das Mitmachen nur auf den Partner beschränken. Viele nutzen diesen Tag auch, um anderen ihre Wertschätzung auszudrücken. Es muss nicht immer romantische Liebe sein.“
Adelie saß an ihrem Schreibtisch und spielte mit ihrem Stift, anstelle sich auf den Text vor ihr zu konzentrieren. Draußen, vor ihren bodentiefen Fenstern, hing ein neblig-grauer Spätwintertag, den selbst ihre drei großen weißen Laternen vor ebenjenen Fenstern nicht aufzuhellen vermochten. Frühling war doch noch ein gutes Stück weg. Sie dachte an das Gespräch mit Nate über den Valentinstag vor ein paar Tagen. Auch wenn die Ursprünge vielleicht mal wirklich was mit Liebe und Zuneigung zu tun gehabt hatten, nun schien es eine performative Veranstaltung sein, deutlich weniger charmant als das Kürbisfest Halloween. Das Einzige, was sie an der ganzen Idee wirklich mochte, waren die Karten. Sie hatte im Archiv nachgeschaut, und gelernt, dass im 19. Jahrhundert selbstgebastelte Karten sehr im Trend waren. Nicht etwas massenproduziertes, sondern etwas das wirklich mit Mühe und Liebe verbunden gewesen war. Sie liebte Nate, und es wäre ein einfaches für sie, ihm ein teures Geschenk zu machen, eine Armbanduhr zum Beispiel, aber war das wirklich ein Symbol ihrer Liebe? Sie griff zu ihren InstaComm und wählte Nates Nummer.
„Schatz, was gibt’s?“
Sie schluckte. „Wegen diesem Valentinstag...“
Ihr Freund lachte leise und sie sah ihn vor sich, wie er die dabei seine schönen blauen Augen zusammenkniff. „Der beschäftigt dich, hm?“
„Ja, schon irgendwie. Vorallem, das ich nicht weiß, wie wichtig er dir ist.“
Nun war sein Lachen lauter. „Oh, Babe. Schau, ich mache mir nicht wirklich etwas daraus. Ich habe nur daran denken müssen, weil es langsam Frühling wird.“
„Hm.“
„Ich habe nicht das Gefühl, dass dich diese Antwort zufriedenstellt.“
Adelie drehte an einer Haarsträhne und lief durch ihre Wohnung. „Ich... ich mag die Idee mit den Karten. Für Herzensmenschen. Und du bist mein größter Herzensmensch. Aber wir haben hier keinen 14. Februar.“
Sie konnte sich Nates Gesichtsausdruck auf der anderen Seite der Leitung lebhaft vorstellen, wahrscheinlich versuchte er, ein Lachen zu unterdrücken. Ihre Sorge war albern, das war ihr völlig bewusst. Aber sie fand irdische Traditionen faszinierend, und Nate war genauso weit weg von Zuhause wie sie. Es brauchte manchmal etwas vertrautes, für jeden von ihnen.
„Babe - schließe ich richtig, dass du gerne irgendwie Valentinstag feiern möchtest?“
„Ja - aber nur die wirklich romantische Variante. Keine großen Gesten, keine teuren Geschenke.“ Das musste sie klarstellen.
Ihr Freund war einen Moment still, dann sagte er: „Passt dir nächste Woche Samstag?“
„Ja.“
Das ließ ihr etwa eine Woche Zeit.