Prolog: Ein Brief, ein Wechsel
Viv [10. Juli, 16:41]
Ich habe Dir einen Brief geschrieben. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihn Dir wirklich zu lesen geben kann. Ich blamiere mich, vielleicht … Ich will vor allem, dass wir uns … begegnen. Der Brief kann nur ein Plus sein.
Roman [10. Juli, 17:03]
Schwer, Briefe zu schreiben im Zeitalter instantaner Gratifikation. Ich bin immer versucht, Dir den Gegenstand, den Gedanken, der mich gerade beschäftigt, gleich hinauszuschreiben und von Dir betrachten und beurteilen zu lassen. Wie soll ich das vermeiden? Ich schätze, mir bleibt das Langformschreiben zunächst verschlossen. Dann eben munter weiter in den fragmentarischen Nebel. Aber ich will Deine Worte dazu. Brauche Dein Wesen. Instant gratification.
Viv [26. Juni, 08:11]
Merkwürdig, wie das Leben spielt. Und die Zeit. Letzten Freitag vor zwei Jahren haben wir uns kennengelernt. Gestern vor zwei Jahren kamst Du mit Erdbeeren und Socken in Sandalen in der Bibliothek vorbei und hast mit Rosa ein weißes Heftchen gebunden. Ich habe es aufbewahrt, ich weiß nicht wo. Am 17. Juni vor einem Jahr sind wir uns nach drei Monaten wiederbegegnet, am 18. hast Du mir einen Strauß Bartnelken hinterlassen, im Verborgenen. Die gleichen Sträuße stehen wieder da, ich sah sie gestern. Eine ziemliche Hinterlassenschaft. Gestern vor einem Jahr saßen wir mit Croissants unterm Lindenbaum und lachten darüber, wie ich, die Romanistin, mit dem butterzarten Hörnchen die Klinge kreuzte. Der Länge nach säbelte ich es auf, klappte es auf und strich Butter darauf. Wie gut es täte, uns zu sehen, sagtest Du. Danach haben wir uns unter meinem Tränenmeer voneinander verabschiedet. Den Abschied haben wir wohl damals schon vorweggenommen.
Immer wieder Abschiede. Ab und zu müsse man sich verabschieden, sagtest Du, während Joni Mitchell Both Sides Now sang. Ich habe in den letzten Wochen auch ihr Woman of Heart and Mind gehört, rauf und runter. Sonst nichts.
Das hier habe ich Dir gestern schon zusammengepackt. Dabei sind die Briefe, die ich Dir im Laufe der Zeit geschrieben habe. Sie kann ich nicht aufbewahren.
Ich wollte Dir das Päckchen zuerst bloß schicken und dann lieber persönlich übergeben. Ich hätte mich gern in Würde von Dir verabschiedet. Dazu kommt es wohl nicht. Das bedaure ich, sehr.
Du hast mir dennoch ein großes Geschenk gemacht. Das bleibt.
Ich les die Zeilen, die ich Dir geschrieben, vor Gezeiten.
Und nun steh ich wieder da und schnüre ein Päckchen. Wieder ist es ein Wolkenpäckchen, wieder ist einer dieser Kartons in meinen Vorrat geraten, weil ich mir neue Schuhe bestellt habe. Denn das Netz ist gerissen, das Profil glatt geschliffen, das Futter abgewetzt. Endlich. Endlich wieder auf Wolken laufen. Nicht in Schwarz, diesmal nicht. Diesmal in Kümmel und Tinte. So steht es auf dem Karton geschrieben. Doch ich lese mein Meergrün in die Töne hinein, meine Türkise. Nur bücken und schnüren muss ich, bevor ich den Berg hochlaufe, mich auf verborgenen Waldwegen zu verbergen. Doch vorher schnür ich das hier zusammen. Vier Bücher. Vier Bücher in Türkis. Darin steht alles geschrieben. Wir stehen darin. Wir haben unsere Geschichte selbst erschrieben.
Du warst mir böse, so böse. Später, nach Monaten der Funkstille. Weil ich einen Teil Deiner Geschichte ausgelöscht hatte, sagtest Du. Ohne Vorwarnung. Du hattest recht. Du hattest recht und auch wieder nicht.
— Löschen — Wirklich löschen? — Löschen
Das Häkchen bei Auch bei Roman löschen setzte ich. Damit löschte ich auch einen Teil meiner Geschichte aus. Doch vorher hattest Du schon vorweggenommen: Kann sein, dass ich meinen Account lösche.
Darum habe ich sie gelöscht, die 35.717 Kurzbriefe [1]. Doch nur die aus Luft. Die hier sind echt, türkis gewandet und auf Wolken gebettet.
Vollbracht oder vielmehr: weggebracht, auf den Weg gebracht. Deine Geschichte ist auf dem Weg zu Dir. Und damit werden wir Geschichte. Beinahe. Das ist die Initiation. Noch muss ich sie nämlich erzählen.
[1] Kurzbriefschreiberei, f. gewohnheit nur kurze briefe zu schreiben. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=K17415>, abgerufen am 27.04.2025. Referenz zur gedruckten Ausgabe.
Anfang des Artikels: Bd. 11, Sp. 2843, Z. 59. Originalausgabe: V. Band, Lfg 12. kundschaft — kyrie eleison. Erscheinungsjahr: 1873, Bearbeiter: R. Hildebrand. www.woerterbuchnetz.de/DWB/kurzbriefschreiberei.