1. Dezember
Schwanger.
„Nein. Bitte nicht.“
Lillian Harris starrte auf den Schwangerschaftstest, der am Badewannenrand lag. Das Starren wurde intensiver, als ob sie so den zweiten Strich, der sich verflucht schnell bildete, wieder zurück zwängen konnte. Doch er verschwand nicht.
„Das kann er mir nicht antun.“
Wen sie genau meinte, konnte man nicht sagen, wenn man die verfahrene Situation nicht kannte, in der Lilly steckte.
Sie atmete tief ein, doch es half nicht viel. Übelkeit kam in ihr auf und es hatte dieses Mal nichts mit der Schwangerschaft zu tun, die sie jetzt schon so lange ignorierte, weil sie sich ein Baby einfach nicht leisten konnte.
Nicht hier auf der Farm, die ihre Schwester Heather betrieb. Nun ja, seit einiger Zeit führte die Farm, die nun eher eine Ranch war, Cord Steward, aber auf dem Papier gehörte sie immer noch den Schwestern. Aber sie konnte auch nicht in der kleinen Stadt bleiben.
Nein, sie konnte nicht hierbleiben.
Nicht nur, weil der Vater dieses Kindes in der Nähe war und er nicht mitbekommen sollte, dass er eben Vater wurde.
Doch was sollte sie nur tun?
Lilly war die Jüngste der Harris-Schwestern und von ihnen auch immer beschützt worden. Wahrscheinlich zu sehr, denn ansonsten wäre ihr das doch nicht passiert.
Sie sollte eigentlich auch mit Heather oder Rose sprechen, doch das wollte sie den beiden nicht antun. Nicht jetzt, wo es gerade gut für die beiden lief. Endlich hatten sie mal keine Sorgen, da wollte Lilly ihnen bestimmt nicht ein Problem aufbrummen.
Heather war mit ihrem Mann Patrick in so einer Art Flitterwochen. Nun, wenn man das so nennen konnte, denn beide waren verfluchte Arbeitstiere und sie nahmen sich vor, ein halbes Jahr in New York und dann für den Rest des Jahres auf der Farm zu leben. Im Moment waren die beiden in Europa, weil Patrick dort geschäftlich zu tun hatte. Und weil er seine Frau sehr liebte, verlegte er das Geschäftstreffen nach Irland, nur weil Heather ihm mal gestand, dass sie sich in dieses Land auf einer ihrer Reisen verliebte.
Glückliche Heather, die früher als Modell arbeitete und deswegen schon viel von der Welt gesehen hatte.
Rose lebte noch in der Stadt. Sie war glücklich mit ihrem Mann Marshall und den Kindern Archie und Cassy. Sie lebten nahe der Bäckerei, die sie beide betrieben.
Noch vor nicht allzu langer Zeit war sie von den Leuten der kleinen Stadt gemieden worden. Eine neidische Frau verbreitete sehr viele Lügen über Rose und ihren Sohn Archer, aber das hielt Marshall nicht auf, sich in Rose zu verlieben und sie auch zu heiraten.
Wenn man die beiden Hochzeiten verglich, war es ein Unterschied zwischen Tag und Nacht. Während Rose in Las Vegas heiratete, ohne dass jemand von den beiden Familien dabei war, war Heathers Hochzeit ein Megaevent, dem die Kleinstadt beinahe nicht Herr wurde, weil es so viele Gäste gab, die eine Übernachtungsmöglichkeit benötigten.
Lilly seufzte leise.
Sie fand die beiden Varianten einer Hochzeit nicht besonders toll. Als sie früher noch davon träumte, waren ihr Bräutigam und sie auf Pferden gesessen und sie hielten sich an den Händen, während sie langsam die Wiesen von Vermont zu einem kleinen Haus ritten, das in der Nähe der Farm war, aber weit genug weg, dass sie ein gemütliches Heim für sich und ihren Mann schaffen konnte. Hinter ihnen würden ihre Familien zusammen feiern und ihren Weggang überhaupt nicht mitbekommen. Vorher sollte es eine kleine Zeremonie geben. Im Freien. Es sollte viel gelacht werden, weil es ein freudiges Ereignis war.
Aber das waren eben die Träume eines Mädchens.
Nun wusste sie, dass sie wohl nie heiraten würde.
So, wie es aussah, würde sie wohl eine alleinerziehende Mutter sein.
Aber nicht hier.
Sie schnappte sich den Schwangerschaftstest und warf ihn in den Mülleimer. Dann legte sie eine Menge Binden und Tampons obendrauf und verknotete den Müllbeutel. So würde niemand auf die Idee kommen, sich den Müll genauer anzusehen.
Dann ging sie in ihr Zimmer, schnappte sich einen Koffer und packte alles hinein, was ihr wichtig erschien.
Dank Patrick konnte sie sogar etwas Geld ansparen und auch das nahm sie an sich.
Schnell packte sie noch eine große Tasche und schleppte dann alles zum Hinterausgang. Vorsichtig lugte sie durch die Tür, aber es war noch sehr früh.
Die Cowboys, die sich ums Vieh kümmerten, waren noch beim Frühstück und würden ihren Weggang bestimmt nicht bemerken.
Schnell ging sie zu ihrem kleinen Auto, warf ihre Gepäckstücke in den Kofferraum und stieg dann in den Wagen.
Einen Moment atmete sie tief durch, dann startete sie den Motor und fuhr davon.
Immer wieder blickte sie hinter sich, doch es schien niemand zu merken, dass sie floh.
Gut.
Sie fuhr bis zum Flughafen und stellte ihr Auto auf einen gesicherten Platz ab. Später würde sie Rose eine Nachricht schicken und sie darum bitten, ihren Wagen abzuholen. Aber nicht jetzt. Erst musste sie weg sein.
Sie betrat das kleine Flughafengebäude und starrte auf die Abflugtafeln.
Wo sollte sie nur hin?
Der erste Flug war schon in den Vorbereitungen, also konnte sie ihn nicht nehmen. Was wollte sie auch in Atlanta? Nein, das war keine gute Idee.
Sie sah, wohin der nächste Flug ging und grinste.
Nein, dort würde man sie bestimmt nicht suchen.
Sie ging zum Schalter, wo eine Angestellte saß und sich mühsam versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.
Früher war Lilly genauso. Sie schlief, bis es beinahe Mittag war. Doch nun war sie zur Frühaufsteherin geworden. Immerhin musste das Kleinvieh versorgt werden.
Sie schnaubte.
Das mussten nun die Cowboys machen.
„Einmal nach Houston, bitte.“
Die Frau lächelte sie freundlich an.
„Wollen Sie auch gleich den Rückflug buchen?“
Lilly schüttelte den Kopf.
„Nein. Nur den Hinflug, bitte.“
Schnell bezahlte sie alles und dachte daran, wie es ihr nun möglich war, einfach alles zu bezahlen. Noch vor einiger Zeit war es niemanden möglich gewesen. Sie erinnerte sich sogar daran wie Patrick, als er sich noch Hank nannte, Marshall den Flug nach Las Vegas bezahlte, damit er Rose folgen konnte.
Die Zeit bis zum Start verging schnell, aber nicht schnell genug für Lilly. Immer wieder drehte sie sich um und hoffte, dass sie kein bekanntes Gesicht fand. Sie wollte nicht mehr zurück, auch wenn es wahrscheinlich ziemlich kopflos war, was sie hier tat.
Als ihr Flug aufgerufen wurde, seufzte sie erleichtert. Da es noch sehr früh war, war das kleine Flugzeug nur zur Hälfte mit Passagieren gefüllt.
Das war gut.
Sie setzte sich auf ihren Sitz und lehnte ihre Kopf nach hinten. Hoffentlich ging es bald los und niemand setzte sich neben sie, um sie wieder zur Heimkehr zu überreden.
Doch nach einer Einführung des Piloten fuhr der Flieger auf die Startpiste und nur kurze Zeit später war sie in der Luft.
Sie sah aus dem kleinen Fenster.
Jetzt dürfte man ihre Flucht bemerkt haben.
Vielleicht würde man auch irgendwann den positiven Schwangerschaftstest finden.
Und dann stellte man sich wahrscheinlich die Fragen aller Fragen, die im Moment nur Lilly beantworten konnte.
Wer war der Vater?