Kapitel 1 – Sienna
„Academia Luporum”, murmle ich leise vor mich hin. Das ist das, was auf dem massiven und kunstvoll designten Eisentor eingraviert ist, vor dem ich stehe, und der Name meiner neuen Schule.
Zum bestimmt hundertsten Mal streiche ich mir vorsichtig durch die Haare, um zu überprüfen, ob meine Perücke verrutscht ist. Nein, alles sitzt wie es sollte. Ich zwinge meinen Körper über die Schwelle zu treten. Kaum sind meine beiden Füsse auf dem Schulgelände, stosse ich den Atem aus, von dem mir gar nicht klar war, dass ich ihn überhaupt angehalten habe.
Ich betrachte den riesigen Schulkomplex, der sich nun vor mir erstreckt, und gehe langsam darauf zu. Mir war klar, dass die Academia Luporum eine grosse Schule ist, aber ich hätte nie gedacht, dass sie so riesig ist. Man kann gar nicht alles mit einem Blick erfassen. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und recke meinen Kopf in der Illusion, ich könnte dann weiter sehen. Doch natürlich ist das Blödsinn, also stelle ich mich wieder auf die Füsse und inspiziere das Hauptgebäude vor mir. Es ist ein rechteckiger Komplex mit einer gigantischen Kuppel. Links und rechts davon erstrecken sich symmetrisch die weiteren Gebäude. Die Fassade erinnert an den Barock-Baustil. Eigentlich ganz hübsch, nur vielleicht etwas altbacken.
Plötzlich sprintet eine Schülerin an mir vorbei, rempelt mich dabei an und ich falle fast nach vorne um. Als ich ihr hinterher blicke, sehe ich wie sie einem anderen Mädchen in die Arme fällt und beide lauthals vor Freude kreischen. Unwillkürlich frage ich mich, wie das sein muss, die beste Freundin nach den Sommerferien wiederzusehen, ihr alles haargenau zu berichten, was ich erlebt habe und mir in allen Einzelheiten wiedergeben zu lassen, was ihr so widerfahren ist. Ja, es muss schon toll sein, eine beste Freundin zu haben. Dieses Glück war mir leider nie vergönnt gewesen.
Ich bemerke, dass ich stehen geblieben bin und die beiden eindeutig „Nicht-Neulinge” anstarre. Schnell wende ich den Blick ab und überfliege die restliche Menge an Schülern. Überall ergeben sich ähnliche Bilder: Leute, die sich seit Wochen nicht mehr gesehen haben und sich herzlich begrüssen. Es gibt auch einige Erstsemestler, die etwas verloren in der Gegend rumstehen oder versuchen, sich einer Gruppe anzuschliessen.
Der Vorplatz, auf dem wir versammelt sind, wird von Autos gesäumt, aus denen Schüler aussteigen, die sich sofort unters Volk mischen. Von Eltern, die ihre Kinder in verbeulten VWs bringen bis hin zu Schülern, die aus schwarzen Stretch-Limousinen mit privaten Fahren aussteigen, ist alles dabei.
Immer mehr Leute drängen an mir vorbei, was mir mehr als unangenehm ist, denn ich hasse Menschen-Ansammlungen. Das liegt nicht einmal an meiner unsozialen Ader — zumindest nicht nur — vor allem stört mich der Lärm, das Gewusel, dass ich nicht erkennen kann, wer auf mich zukommt, und was dieser Jemand will. Die Gesichter verschwimmen vor meinen Augen und Panik keimt in mir auf.
Meine Wölfin meldet sich und will vorpreschen, um mich zu beschützen. Ich schliesse meine Augen und zwinge mich tief durchzuatmen. Das hier ist nur eine ganz normale Schule mit ganz normalen Leuten. Niemand will mir etwas Böses. Es hat keiner hier eine Ahnung, wer ich überhaupt bin. Es gibt also keinen Grund durchzudrehen.
Als ich mich genug beruhigt habe, um mich nicht gleich in ein rissiges, bissiges Fellknäuel zu verwandeln, öffne ich meine Augen wieder und blicke auf. Ich habe gar nicht bemerkt, dass sich der Trubel langsam gelegt hat. Kurze Zeit später sehe ich auch wieso: Auf einer Art erhöhten Terrasse vor dem Hauptkomplex hat sich eine wichtig aussehende Gruppe Personen versammelt. Eine Frau geht auf das dort befindliche Rednerpult zu, das mir bisher nicht aufgefallen ist.
„Darf ich um etwas Ruhe bitten?“, fragt die Frau höflich. Daraufhin wird es still in den Reihen und die Aufmerksamkeit aller richtet sich auf die Rednerin.
„Dankeschön. Herzlich Willkommen meine lieben Schülerinnen und Schüler. Ich hoffe, dass ihr alle erholsame Ferien hattet –”
„Ja, aber viel zu kurze”, wirft ein Junge von weit hinten ein und alle beginnen zu kichern.
„Danke für diesen Einwurf”, fährt die eigentliche Sprecherin unbeirrt fort, „ganz besonders möchte ich, wie jedes Jahr, vor allem unsere Erstsemestler begrüssen. Mein Name ist Misses Melriel, Alpha-Tochter des Ad Maren-Rudels und Schulleiterin der Academia Luporum.”
Ich bin erstaunt, dass die Akademie eine Alpha-Tochter als Schulleiterin hat. Wobei ich es mir eigentlich hätte denken können, denn diese Schule ist nicht nur die grösste der Welt, sondern auch die einzige ihrer Art. Nur diese Schule steht allen Rudeln offen. Sie wurde sogar gegründet, um genau diese Durchmischung zu erreichen.
Misses Melriel redet immer noch, doch ich kann nicht wirklich zuhören, ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, die Leute auf der Terrasse zu inspizieren. Neben der Alpha-Tochter identifiziere ich auch noch zwei Betas und drei Gammas an ihrem Schopf. Tja, so ist das bei Werwölfen: unser Leben lässt sich in Farben einteilen, denn je nach Rang hat ein Wolf eine andere Fell-, und damit auch der Mensch eine andere Haarfarbe. Als Alpha hat man pechschwarze Haare wie unsere Schulleiterin. Mit grauen Haaren gehört man zu den Betas, mit blonden zu den Gammas und mit roten zu den Deltas. Und braune Haare? Naja, die machen dich zu einem Omega. Die Tatsache, dass man für diese Gruppe den letzten Buchstaben und nicht den auf Delta logisch folgenden Epsilon nutzt, dürfte bereits alles über ihren Stand in der Gesellschaft aussagen.
Ein Blick durch die Menge bestätigt die typische Verteilung: ganz, ganz wenige schwarze, ein paar mehr graue, schon deutlich mehr blonde und grösstenteils rote Schöpfe. Obwohl in allen Rudeln die Omegas die mit Abstand grösste Bevölkerungsanzahl haben, kann ich hier nur wenige Leute mit braunen Haaren ausmachen. Das liegt vermutlich daran, dass nicht viele Omegas ihre Zeit mit einer tollen Ausbildung verschwenden, wenn sie am Schluss doch nur Bauern oder Handwerker werden können. Omegas sind in höheren Positionen nicht gern gesehen und das gilt wohl bereits für die Schulzeit.
Als alle anfangen zu applaudieren, zucke ich zusammen. Ich habe die gesamte Rede verpasst. Der Applaus verklingt und die Schulleitung verlässt die Terrasse. Die Masse an Schülern vertraut sich in alle Himmelsrichtungen, da alle zu ihren zugewiesenen Hütten aufbrechen.
Ich aber gehe in das Hauptgebäude vor mir, da ich noch keine Ahnung habe, wo ich unterkommen werde. Meine Anmeldung war wohl zu kurzfristig, um mir die nötigen Informationen zukommen zu lassen.
Die Selbstsicherheit meiner Mitschüler ist mir fremd. Jeder meiner Schritte ist genau abgewogen. Jeden, der an mir vorbeiläuft, checke ich kurz ab. Sobald ich im Gebäude bin, kontrolliere ich, wo sich Fenster und Türen befinden. Suche nach dem besten Fluchtweg.
Ich bin etwas überfordert, doch nach dreimaligem Nachfragen gelingt es mir endlich, das Sekretariat zu finden. Zaghaft klopfe ich an und nahezu sofort antwortet mir eine Frauenstimme mit einem freundlichen „herein”.
Ich trete ein und habe gar keine Zeit, mich in dem Raum genauer umzuschauen, weil die ältere Gamma-Dame sofort beginnt, auf mich einzureden:
„Du musst die neue Schülerin sein. Ja, ich muss schon sagen, dass es nicht oft vorkommt, dass jemand in die dritte Klasse einsteigen möchte. Eigentlich weiss ich gar nicht so genau, wie es dazu gekommen ist, aber vielleicht war ja jemand der Meinung, dass man eine 20-Jährige besser zu Gleichaltrigen steckt als zu den 18-Jährigen, oder was meinst du?”
Sie schaut mich erwartungsvoll an, doch ich zucke nur mit den Schultern. Was sollte ich ihr auch sagen? Das mein Ausweis ohnehin gefälscht war? Oder dass Pike seine Beziehungen hatte spielen lassen, um mich hier als normale Schülerin in den passenden Jahrgang einzuschreiben. Äh, nein lieber nicht.
„Naja, auch egal, ich freue mich, Dich an der Academia Luporum begrüssen zu dürfen.”
Wieder dieser erwartungsvolle Blick und ich erinnere mich an meine Manieren.
„Mein Name ist Sienna Tassian, Omega-Tochter des Nox-Rudels.“, stelle ich mich vor. Es gehört zu der Art der Werwölfe sich mit vollem Namen, Rang und Rudel vorzustellen und ich bin erleichtert, dass mir mein Deckname so leicht und flüssig über die Lippen kommt.
Kurze Zeit später trotte ich der Dame des Sekretariats hinterher und passiere dabei dutzende Türen, von denen die meisten in Schulzimmer führen.
„Ich habe leider keine Zeit, dir die Schule genauer zu zeigen, doch ich bin mir sicher, dass deine Zimmerkameraden dich gerne herumführen werden. In jeder unserer Hütten leben sechs Schüler, drei Jungs und drei Mädchen.”
Tatsächlich ist es so, dass Werwölfe nicht nach Geschlechtern getrennt werden. Bei uns ist Paarung und Fortpflanzung sehr hoch angesehen. Es gilt sogar als Lebensziel eines Werwolfs seinen Gefährten oder seine Gefährtin zu finden und viele hoffen, den fehlenden Teil ihrer Seele hier zu finden. Es ist nämlich nicht vorherbestimmt, dass der Gefährte dem gleichen Rudel angehören muss, es ist nur klar, dass jeder Wolf auf der Welt eine Gefährtin hat. Tja, und nirgends sonst trifft man so viele Leute im passenden Alter von verschiedenen Rudeln auf einem Fleck wie in dieser Schule. Auch wenn manche ihre Gefährten erst viel später oder sogar gar nicht finden, hoffen doch die meisten, früh fündig zu werden, um möglichst viel Zeit mit ihren Auserwählten zu verbringen.
„Auch du wirst einer Hütte mit Schülern deines Jahrgangs, also im dritten Jahr, zugeteilt. Vermutlich wirst du auch ein paar Lektionen mit ihnen gemeinsam haben. Doch auch wenn das nicht der Fall sein sollte, bin ich mir sicher, dass sie dir helfen werden, dich hier einzuleben. Allerdings muss ich dir noch etwas über deine Zimmergenossen sagen.”
„Und was?“, frage ich die nun ziemlich nervös wirkende Frau.
„Naja ... also ...“, beginnt sie zu stammeln und ich sehe sie nur mit hochgezogenen Augenbrauen an. Schliesslich seufzt sie und spuckt es aus:
„Normalerweise versuchen wir, Schüler zusammen in ein Zimmer zu stecken, die dem gleichen Rudel und Rang angehören. Dieses Jahr haben wir aber so viele Schüler wie noch nie und nur noch einen einzigen freien Schlafplatz.”
„Es stört mich nicht, mit Wölfen anderer Rudel zusammen zu leben”, unterbreche ich sie.
„Oh nein, vier deiner Kameraden stammen ebenfalls aus dem Nox Rudel ... jedoch aus der Führungs-Riege.“, lässt sie die Bombe schliesslich platzen.
„Wie meinen Sie das?“, frage ich und bleibe stehen, „Sie können doch keine Omega mit Alphas und Betas in eine Hütte stecken.” Da wird man ja bei lebendigem Leibe gefressen!
„Wie gesagt, wir sind überlastet, das ist der letzte freie Platz, den wir haben”, lächelt sie nervös. Als sie meinen Blick sieht, versucht sie mich zu beruhigen:
„Keine Sorge, sie werden dich sicher mit offenen Armen empfangen.”
Wirklich überzeugt klingt sie zwar auch nicht, aber sie dreht sich um und geht weiter und so bleibt mir gar nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Wir verlassen das Schulgebäude und machen uns auf Richtung Wald, wo sich die Hütten befinden. An vielen Hütten kommen wir vorbei und ich erkenne, dass sie — zumindest von aussen sehr luxuriös wirken. Ich hatte mir unter dem Begriff „Hütte” eher kleine Holzhäuschen vorgestellt, doch dieseHüttenwirken sehr geräumig. Sie stehen auch nicht Wand an Wand, sondern sind immer mit einigem Abstand willkürlich verteilt. Dadurch dass wir uns inmitten eines Waldes befinden, sorgen die Bäume und Büsche für ausreichend Privatsphäre.
„Eure Hütte liegt ein bisschen abseits, das ist immer so bei den Unterkünften der hoch gestellten Wölfe. Auch wenn alle Hütten sehr ähnlich sind, muss man doch sagen, dass je höher der Rang desto luxuriöser und abgeschiedener die Unterkunft. Du kannst davon also profitieren”, versucht mir meine Begleiterin meine Situation schmackhaft zu machen.
Das Gebiet mit den Hütten ist sehr weitläufig und wenn ich mich nicht täusche, erstreckt sich das Schulgelände noch viel weiter und schliesst den ganzen Wald und die Hügel dahinter mit ein. Das ist gar nicht untypisch. Wölfe sind Bewegungstiere. Wir müssen rennen und jagen. Man sagt, je stärker und mächtiger der Wolf, desto grösser sind auch seine Triebe und der Mensch muss sich regelmässig wandeln, um seinen Bedürfnissen nachzugehen.
Das wird auch noch ein Problem, dem ich mich stellen muss. Ich kenne den Druck, der sich in einem aufbaut, wenn man sich längere Zeit nicht mehr gewandelt hat. Auch jetzt merke ich wie mein Wunsch, mich auf alle Viere fallen zu lassen und durch den Wald zu sprinten, immer grösser wird. Doch ich kann mich hier nicht einfach wandeln. Niemand darf jemals meinen Wolf sehen.
Noch während ich darüber nachdenke, was ich tun soll, wenn der Drang wirklich nicht mehr zu bändigen ist, bleibt meine Begleitung plötzlich stehen. Ich sehe auf und kann gar nicht verhindern, dass mein Unterkiefer herrunterklappt. Auf dem Weg hier her sind wir schon an einigen schönen Hütten vorbeigekommen, doch keine davon kann es mit der hier aufnehmen. Anstatt einer Holz-Blockhütte stehe ich vor einem modernen Häuschen, das sehr eckig und dennoch nicht klobig wirkt, da es fast ganz in weiss mit dunkelgrauen Akzenten gehalten ist und Unmengen an Fenstern aufweist. Der obere Stock scheint sowieso komplett aus Fenstern zu bestehen.
Als wir zur Tür gehen und die Dame vom Sekretariat, der ich leider nicht richtig zugehört habe, als sie sich mir vorgestellt hat, die Klingel betätigt, kann ich nicht anders, als mich schäbig und in meinen Klamotten deplatziert zu fühlen. Sie sind zwar nicht dreckig oder zerrissen, aber sie sind äusserst schlicht: lange Jeans und ein luftig leichter, rosa Pullover. Das waren die schönsten Kleider, die ich finden konnte. Nach meiner Flucht musste ich mir irgendwo in den Dörfern, in denen ich mich die letzten Monate über versteckt habe, etwas besorgen. Meinen Fokus habe ich mehr darauf gelegt, dass mir die Sachen passen und angesichts des herbstlichen Wetters auch lang genug sind. Ich habe nicht auf Aussehen und Eleganz geachtet.
Mir bleibt gar keine Zeit noch weiter über mein Erscheinungsbild nachzudenken, denn in diesem Moment geht die Tür vor uns auf und ein grossgewachsener, dürrer Junge erscheint. Seine blonden Haare verraten mir, dass er zu den Gammas gehört und sein fragender und irritierter Blick, dass er keine Ahnung hat, was wir hier wollen.
„Was kann ich für sie tun, Misses Silika?“, fragt er und beäugt mich und vor allem meine braunen Haare skeptisch.
Genau, Silika heisst die Frau. Ich versuche, mir ihren Namen in Gedanken zu notieren, als sie dem Gamma-Jungen sagt, dass sie das gerne mit ihnen allen klären würde und fragt, ob wir eintreten dürfen.
Der Junge wirft mir noch mal einen Blick zu und tritt dann zur Seite, um uns hereinzulassen.
Wir gehen durch einen hellen Gang und gelangen in einen gigantischen Wohn- und Essbereich. Rechts neben dem Eingang befindet sich eine offene Küche und davor ein grosser, massiver Esstisch. Links von uns stehen mehrere Sofas um einen kleinen Tisch herum und an der Wand hängt ein Fernseher, der grösser wirkt als so manche Haustür. Das Beeindruckendste aber ist die Wand direkt vor uns. Diese kann man vermutlich gar nicht Wand nennen, da sie nur aus raumhohen Schiebetüren aus Glas besteht. Davor ist ein Pool, der locker doppelt so gross ist, wie dieser Wohnbereich. Von der Terrassentür weg, erstreckt sich ein Holzsteg, der in eine Art Insel, in der Mitte des Pools, übergeht. Auf dieser Insel befinden sich ein paar Lounge-Möbel, die eine Lagerfeuerstelle säumen.
Ich bin so beeindruckt von der Wohnung, das ich gar nicht bemerke, dass ich im Eingang stehen geblieben bin und Misses Silika sich zu den Sofas gestellt hat.
Von einem der Sofas erhebt sich gerade ein hübsches Mädchen. Der Junge, der uns hereingelassen hat, stellt sich hinter sie und legt eine Hand auf ihre Schulter. Durch die Terrassentüre kann ich sehen, wie sich ein weiterer Junge gerade aus dem Pool hievt. Ein Mädchen wirfst ihm ein Handtuch zu und die beiden gesellen sich zu uns.
Da mich alle unverhohlen mustern, erlaube ich mir, dasselbe zu tun. Der Junge, der uns hereingeführt hat, ist locker eineinhalb Köpfe grösser als ich, ziemlich dürr und blickt mich aus braunen Augen an. Die blonden Haare von ihm und dem Mädchen in seinen Armen, verraten mir, dass ich es mit zwei Gammas zu tun habe. Sie ist noch ein Stück kleiner als ich und damit deutlich kleiner als ihr Freund. Dennoch könnte sie mit ihren blauen Augen und dem Körperbau locker für eine Zeitschrift modeln.
Ich muss die feinen Narben an ihrem Hals gar nicht sehen, ihr Geruch verrät es mir sofort: sie ist seine Gefährtin. Wenn ein Wolf seine Gefährtin gefunden hat, veranstalten sie die traditionelle Jagd, bei der die Wölfin wegrennt und ihr Gefährte ihr hinterherjagdt. Sobald er sie erwischt, kämpfen sie und der Wolf muss sie auf den Boden werfen. Dann beisst er sie, meist in den Hals. Sobald ein Wolf seine Gefährtin gefunden hat, beginnen seine Reisszähne ein Serum für eben diesen Moment zu produzieren. Mit dem Biss wird sein Serum unter ihre Haut gebracht und damit sein Geruch auf sie übertragen. Diese Markierung signalisiert jedem anderen Wolf, dass dieses Weibchen bereits vergeben ist. Es ist auch das Zeichen, dass die beiden ihre Seelenverbindung akzeptieren und sich für immer aneinander binden.
Das erklärt auch, warum sich der grosse Junge sofort schützend zu ihr gestellt hat. Ein männlicher Wolf hat immer den unbändigen Drang, seine Gefährtin zu beschützen.
Der Junge aus dem Pool hat graue Haare, geniesst also den Beta Status. Er ist kleiner als der andere Junge aber immer noch einen guten Kopf grösser als ich. Seine grauen Augen mustern mich kritisch und sein muskulöser Körperbau wirkt zusammen mit dem mürrischen Gesichtsausdruck ziemlich einschüchternd.
Das Mädchen neben ihm gehört wohl zu den schönsten Frauen, die ich je gesehen habe. Sie hat pechschwarzes, langes Haar, eindeutig Alpha-Tochter. Sie ist ein klein wenig grösser als ich, hat aber einen Top-Model-Körper. Dieser wird durch ihren knappen, schwarzen Bikini noch betont.
Auch wenn der Beta-Sohn der mit Abstand muskulöseste ist, haben doch alle einen sehr sportlichen, athletischen Körperbau. Das ist für Werwölfe auch ganz typisch, bei dem ganzen Rennen und Jagen.
Minutenlang herrscht nur eisiges Schweigen, während wir uns gegenseitig mustern und abschätzen. Doch irgendwann unterbricht uns Misses Silika:
„Beginnen wir doch mal damit, dass wir uns alle vorstellen.”
Das blonde Mädchen ist die Einzige, die mich nicht herablassend sondern sogar freundlich anschaut und sie macht auch den Anfang, als sich niemand sonst anschickt, den Mund zu öffnen.
„Ich bin Bria Turan, Gamma-Tochter des Nox-Rudels.”
Als auch danach keiner weiter macht, rammt sie ihrem Gefährten unsanft den Ellbogen in den Oberkörper.
„Dylan Murphey, Gamma-Sohn des Ad Maren-Rudels.“, murrt er.
Der andere Junge macht weiter:
„Rafiq Vergahn, Beta-Anwärter des Nox-Rudels.” Na super, nicht nur ein Beta-Sohn sondern sogar ein Anwärter, das heisst, sein Vater ist nun Beta und wird diesen Titel mit seinem Tod an seinen Sohn vererben.
„Kendra Cynwrig, Alpha-Tochter des Nox-Rudels.”
Ich wende den Blick ab, senke meinen Kopf leicht, drehe ihn zur Seite und präsentiere damit meine Kehle. Werwölfe sind rohe Geschöpfe, bei uns läuft viel über körperliche Kraft, Ränge sind enorm wichtig und es ist Pflicht sich seinem Rang entsprechend zu benehmen. Man muss den Rängen über sich Respekt erweisen und da ich Omega-Status habe, stehen sie nun mal alle über mir. Es ist mir untersagt, ihnen zu lange in die Augen zu sehen, dass könnten die Wölfe in ihnen als Herausforderung betrachten. Ebenso gehört es sich, ihnen meine Kehle darzubieten und mich ihnen damit zu unterwerfen. Damit erkenne ich an, dass sie über mir stehen, und zeige ihnen, dass ich nicht auf einen Kampf aus bin.
Dennoch muss auch ich mich noch vorstellen:
„Sienna Tassian, Omega-Tochter des Nox-Rudels.” In dem Moment bin ich ganz froh, dass ich ihnen nicht in die Augen sehen muss, so fällt mir das Lügen leichter.
„Ähm, wo ist Astram?“, fragt Misses Silika neben mir.
„Unterwegs”, lautet die knappe Antwort des Beta-Anwärters Rafiq.
„Naja, dann fangen wir eben schon mal ohne ihn an”, fährt Misses Silika fort, ohne auf Rafiqs nicht gerade höffliche Antwort einzugehen.
„Sienna ist eure neue Mitbewohnerin”, lässt sie die Bombe platzen. Die Antwort darauf ist ein kollektives Augen-aufreissen und Mund-offen-stehen-lassen. Ich bin froh, dass ich nicht die Einzige zu sein scheine, die ihren Unterkiefer nicht unter Kontrolle hat.
Da ich über die frohe Botschaft bereits im Bilde bin, hält sich mein Schock in Grenzen, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, als Omega bei einem Haufen Gammas, Betas und Alphas zu wohnen. Dem Aussehen meiner zukünftigen Mitbewohner nach zu urteilen geht es ihnen ebenso.
Kendra ist die erste, die ihre Sprache wiederfindet:
„Unsere neue Mitbewohnerin? Eine Omega?“. Bei ihrem herablassenden Ton spannt sich alles in mir an und meine Wölfin versucht, an die Oberfläche zu kommen.
„Ganz genau”, hakt Misses Silika freundlich ein. Wenn man ihr steifes Lächeln und die leicht verkrampften Hände ausser acht lässt, könnte man meinen, dass sie die Respektlosigkeit in den Aussagen und dem Verhalten der anderen nicht bemerkt. Komisch. Sie nehmen zwar einen höheren Rang ein, dennoch ist Misses Silika die Erwachsene und wir die Kinder. Heisst das hier denn gar nichts?
Plötzlich fängt es in meinem Nacken an zu kribbeln. Meine Wölfin wird ganz unruhig und ich kann nicht verhindern leicht herumzuzappeln. Irgendwas bemerken meine Sinne. Mein erster Impuls ist, dass Gefahr droht, doch meine Wölfin scheint sich weder auf eine Flucht, noch auf einen Kampf vorzubereiten. Dennoch lässt sie irgendetwas unruhig werden. Allerdings scheine ich die Einzige zu sein, die dieses Gefühl verspürt.
„Sienna wird ab sofort an unsere Schule gehen und da diese Hütte hier die einzige ist, die noch einen freien Platz hat, wird sie bei euch untergebracht. Sie wird ebenfalls die Kurse der dritten Klasse besuchen, wie ihr. Ausserdem stammt sie auch aus dem Nox-Rudel. Es passt also super.”
Ja klar,super. Wenn man mal unsere Ränge ausser acht lässt und die Tatsache, dass mich hier alle ansehen, als würden sie mich gerne zum Frühstück verspeisen. Nur Bria sieht zwar immer noch schockiert aus, aber zumindest versucht sie sich an einem freundlichen, herzlichen Lächeln.
Das komische Gefühl in mir wird immer stärker und bevor noch irgendjemand etwas sagen kann, hören wir die Haustür zuknallen. Kurze Zeit später merke ich, wie jemand dicht hinter mir steht und unwillkürlich verkrampfe ich.
Vorsichtig drehe ich mich um und kann nicht verhindern, dass ein Laut meine Kehle verlässt, der irgendwas zwischen Schock, Überraschung und Furcht signalisiert.
Der Junge vor mir muss der letzte meiner Mitbewohner sein. Astram, wenn ich mich recht entsinne. Er ist etwa gleich gross wie Rafiq und damit einen guten Kopf grösser als ich. Wie Rafiq ist auch er sehr muskulös, was dank seiner kurzen Hose und dem eng anliegenden Sportshirt unübersehbar ist. Sein Gesicht wird von hohen Wangenknochen und braunen, goldgesprenkelten Augen geprägt. Das Sahnehäubchen bilden die kurzen, wild zerzausten, pechschwarzen Haare. Ohne Zweifel ist er der schönste Mann ist, den ich je gesehen habe.
Wir stehen so nahe beieinander, dass sich unsere Körper fast berühren und ich meinen Kopf in den Nacken legen muss, um ihm ins Gesicht zu schauen. Eigentlich müsste ich längst demütig meinen Kopf senken, aber ich kann nicht anders, als ihn eingehend zu mustern.
Sein herber Geruch umhüllt mich und die Wölfin in mir spielt verrückt. Sie will sich zeigen, laufen, jagen. Oder besser noch gejagt werden. Von ihm. Ich will den Abstand zwischen uns verringern und mich an ihn lehnen. Mich in seine grossen, muskulösen Arme legen. Ich versuche, mich zusammenzureissen ... noch nie habe ich dieses Gefühl gespürt ... diesen Widerspruch zwischen komplett energiegeladen und vollkommen entspannt.
Meine Gefühle und meine Reaktion auf ihn lassen nur einen Schluss zu. Jede Faser meines Körpers fühlt es, alle meine Instinkte schreien es mir entgegen: Seelengefährte.









Fängt schon mal gut an. Kann mir die Charaktere vorstellen, weil sie ziemlich detailliert beschrieben wurden.
Bin gespannt wie es weiter geht.
Ein fantastischer Anfang - und so schön, dass du alles erklärst, mit dem Markieren, den Seelengefährten, der Position innerhalb des Rudels. Das ist alles wundervoll gelungen. Ich liebe es❣️
Das hört sich hervorragend an. Bin gespannt, wie es weitergeht.