Kapitel 1: Das ersehnte Wiedersehen
Ein herzliches Willkommen an die treuen Leser von „Verbunden mit einem Vampir”. Nach Band 2 war der Wunsch nach Band 3 verdammt groß und auch ich vermisse Leni und all die ganzen anderen Charaktere meiner Geschichte.
In Band 3 geschehen neue, spannende Ereignisse und unsere lieben Charaktere stehen vor neuen Herausforderungen. Um dieses Mal einen tieferen Einblick in das Geschehen zu erhalten, schreibe ich Band 3 aus der Sicht von mehreren Charakteren.
Dies nur als kleine Erklärung und Vorwarnung. Ansonsten frohes Lesen und auf viel Austausch unter uns! 🤗
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Montag, der 23. November im Jahre 2043
• Leni •
Mein Blick fällt auf die Uhrzeit meines Arbeitsplatzes, es ist 09:43 Uhr und obwohl es erst November ist, bricht in meinem Inneren schon die totale Weihnachtsstimmung aus.
Ich kann meine juckenden Finger nur schwer davon abhalten, mein ganzes Büro mit Lichterketten zu überhäufen und in Weihnachtsdeko zu ertränken.
Garantiert liegt das an meinen beiden Kindern, die nun das stolze Alter von 13 und 6 Jahren haben. Milo ist ein richtiger Teenager aus dem Lehrbuch, nur ohne ein richtiger Teenager zu sein. Er besucht zwar normal die 7. Klasse eines Gymnasiums, lässt sich von Viktor in den Ferien aber gerne mit in seine Vorlesungen nehmen. Das absolute Streberverhalten hat er nicht von mir, aber Viktor liebt das besonders an seinem Sohn. Und meine kleine Lilia, die immer Lili genannt wird, feiert in einigen Tagen ihren 7. Geburtstag und kann die Weihnachtszeit ebenso wenig erwarten wie ich. Immerhin hat eines von zwei Kindern positive Züge von mir abbekommen.
„Eindeutig deine ungeduldigen Gene, mein Schatz. Ich war und bin niemals so auf Weihnachtsdeko versessen gewesen“, kommentiert Viktor munter über unsere gedankliche Verbindung drauf los.
Ich zeige ihm einen mentalen Stinkefinger und knalle ihm die geistige Tür vor der Nase zu. Und ich schwöre es euch: Ich kann ihn durch die geschlossene Tür lautstark lachen hören.
Genau 3 Sekunden später klingelt das Telefon an meinem Arbeitsplatz und im Display sehe ich einen gewissen Prof. Dr. Derfelden anrufen.
Das hätte er wohl gerne!
Breit grinsend nehme ich den Hörer ab und konzentriere mich nun sehr bei dem, was ich raushauen will.
„Guten Tag, dies ist der Anrufbeantworter von Leni Derfelden geboren Schilling. Leider bin ich nicht zu erreichen, aber hinterlassen Sie gerne eine Nachricht nach dem Signalton”, spreche ich in leicht monotoner Tonlage.
Leider hat das bei „geboren Schilling” nicht geklappt und ich habe das besonders doll ins Telefon gesagt.
„Mitarbeitergespräch?“, erfragt Viktor mit voller Ernsthaftigkeit und Autorität als Klinikleitung.
Dieses Mal bin ich diejenige, die beherzt auflachen muss. Ich höre sogar meinen lieben Kollegen Gregor aus dem Büro gegenüber lachen, der die kleinen Zankereien zwischen Viktor und mir immer äußerst erheiternd und belebend für den Verwaltungsalltag findet.
Ich arbeite übrigens noch immer mit meinen 20 Teilzeitstunden bei Viktor in der Klinik, weiterhin von Montag bis Donnerstag. Hauptsächlich um für unsere Kinder da zu sein, was Amélie, die auch eine pubertierende 13 Jährige ist, mit einschließt. Amélie ist aber zum Leidwesen ihres Vaters und Großvaters ein richtiges Pubertäts-Nervenbündel.
Sagt, was ihr wollt, aber das ist eindeutig Enna. In stillem Gedenken und viel Liebe für unsere verstorbene Freundin.
„Tatsächlich habe ich einen Fall, den ich gerne vorher besprechen mag. Hast du heute Zeit?“, seufze ich auf.
Viktors Stimmung schlägt sofort wieder um, weil er mich nicht ernsthaft für ein Mitarbeitergespräch antanzen lassen will.
Meistens bekomme ich die immer nur, wenn ich aus seiner ärztlichen Sicht mal wieder nicht auf seinen Rat hören will, beispielsweise nach einer heftigen Erkältung. Aber kommt schon, eine Woche im Bett ausruhen reicht ja wohl auch!
„Wenn, dann jetzt. In 40 Minuten muss ich zu einer Operation”, erwidert Viktor knapp.
In Themen der alltäglichen Arbeit ist er immer professionell und voll bei der Sache. Ich aber natürlich auch, also stimme ich zu und klappe die Akte zusammen.
Mit einem Lächeln stehe ich auf und schaue auf das aktuellste Familienfoto, das Viktor extra bei einem Fotograf hat machen lassen. Viktor und ich Arm in Arm und vor uns Milo und Lili, bei denen wir je eine Hand auf der Schulter liegen haben.
Ich liebe meine Familie.
Nach einem großen Schluck aus dem Wasserglas, weil Viktor und Fabrice noch immer auf meine Ernährung und genügend Sport achten, gehe ich aus meinem Büro.
„Bin kurz oben!“, rufe ich Gregor zu, der hinter seinen beiden Monitoren in einen eigenen Fall vertieft ist.
Er hebt kurz seine Hand und schon trete ich auf den Gang des Derfelden Klinikums hinaus. Ich gehe zielstrebig durch die sterilen, aber auch freundlichen Gänge und fahre, ganz faul wie ich bin, mit dem Fahrstuhl hoch zu Viktors Büro.
Ich klopfe aus Respekt an, trete aber direkt ein, weil Viktor haargenau weiß, dass ich es bin.
Er sitzt gerade an seinem Schreibtisch und lässt seine Finger in bahnbrechender Geschwindigkeit im 10-Finger-System über die Tastatur schnellen, während er konzentriert auf den Monitor schaut. Allein beim Zusehen breche ich mir schon die Finger, ich schwöre es. Seine hellgrünen Augen bewegen sich entlang der Zeilen und die gelben Sprenkel leuchten förmlich im Lichtschein des Monitors.
Kurz schreibt er seinen Satz zu Ende, steht dann aber auf und kommt lächelnd in voller Arzt Montur um den Schreibtisch herum.
Seine blaue Arztkleidung betont wie immer seinen muskulösen und athletischen Körperbau, dessen Oberteil sich ansehnlich über seine Muskeln spannt. Darüber liegt der weiße Arztkittel, den er sich nun auszieht und einfach über meine Schultern legt. Er war auch erst beim Barbier des Vertrauens, seine leicht gelockten, dunkelbraunen Haare sitzen perfekt und gehen wie immer bis zu den Ohren.
Es ist leicht kühl im Raum, weil Viktor sein Büro nicht allzu warm mag, im Gegensatz zu mir. Er sagt immer, dass die Wärme ihn eher müde macht.
„Also, Frau Doktor, wobei kann ich behilflich sein?“, erfragt er und schon sehen mich dunkelrote Augen an.
Meine Augenfarbe wechseln nun garantiert in denselben dunklen Rotton und beinahe hätte ich die Akte einfach fallen gelassen.
Viktor will also spielen, kein Problem!
Ich reiße mich ordentlich zusammen, gehe an Viktor vorbei und ignoriere seinen empörten Gesichtsausdruck. So setze ich mich an seinen Schreibtisch und sehe das noch geöffnete Dokument eines Arztberichtes. Von den Wörtern verstehe ich den Großteil nicht, aber ich bin auch keine Ärztin und will auch keine sein.
Mein heißer Mann als Arzt reicht ja auch vollkommen aus. Ein dunkelrotes Augenpaar findet sich neben mir ein und schaut nun hoch konzentriert über meine Schulter, während ich die Akte aufschlage.
Der Fall ist an sich nicht kompliziert und ich erfrage bei Viktor theoretisch nur die Zustimmung meines Vorgehens. Mittlerweile bin ich gut eingearbeitet und Viktor korrigiert selten meine Vorschläge. Auch diesem hier hat er nichts hinzuzufügen.
Viktor greift nun an mir vorbei, klappt den Aktendeckel zu und sieht mich eindringlich an.
„Wenn sonst nichts ist, Herr Prof. Dr. Kampfarzt, dann verschwinde ich wieder und arbeite weiter”, betone ich bewusst zurückhaltend und stehe einfach auf.
Ich komme genau einen Schritt weit, als Viktor meine Taille umschlingt und mich mit meinem Rücken an sich drückt. Mit wilden und stürmischen Küssen belagert er meinen Hals, ergreift dann meinen Kiefer und dreht meinen Kopf zur Seite. So treffen unsere Lippen krachend aufeinander und jeder Gedanke an die Arbeit verflüchtigt sich ins Nirwana.
Stöhnend lasse ich mich in seine strenge Umarmung fallen und genieße seinen Trieb die Kontrolle zu behalten.
Mitten während der heißen Küsse, die uns binnen einer Minute in den privaten Bereich ein Raum weiter gebracht hätten, klingelt aber Viktors Telefon.
Nur kurz wirft er einen Blick auf die Anzeige, aber das reicht aus, um sofort sämtliche romantischen Interaktionen zum Erliegen zu bringen.
Auch bei mir, denn die Nummer gehört zum Gymnasium von Milo und Amélie. Für die Kinder sind gleich mehrere Notfallkontakte hinterlegt. Neben Viktor, Émile und mir als Hauptkontakte können auch Kilian, Fabrice und Dorian jederzeit angerufen werden.
Mindestens einen von uns erreicht man immer, zuerst versucht das Gymnasium, beziehungsweise die Grundschule von Lili es aber erst bei uns.
Rouven wohnt mit seiner Seelengefährtin Klara und den gemeinsamen Kindern Theo, Finn, Elena und Linus in der Theorie auf unserem Nachbargrundstück, damit seine Kinder die deutsche Bildung genießen, aber die lehnt Viktor als Kontakt für den Notfall ab. Linus ist das neue Nesthäckchen und feiert nächstes Jahr im März seinen 2. Geburtstag. Zum großen Leid von Klara sieht auch Nummer 4 dem Vater sehr ähnlich. Für Klara ist sonst auch noch Daniele da, der mit in deren großem Haus wohnt und den Leibwächter von Rouvens Familie macht. Klara geht aber auch keiner Arbeit nach und wäre sowieso den ganzen Tag für ihre Kinder erreichbar.
Und in regelmäßigen Abständen machen wir einen richtigen Draufgängerabend unter Mädels! Der ist bei Viktor und Rouven sehr gefürchtet!
„Viktor Derfelden”, geht Viktor nun ans Telefon, weil er seine ganzen Titel nicht immer betonen will, wenn er die Nummern kennt.
Er wechselt kurz ein paar Worte mit dem Sekretariat und bekommt von Satz zu Satz immer größere Augen.
„Ich komme sofort vorbei. Nein, da wird kein Rettungswagen notwendig sein, ich übernehme das. Nein. Hören Sie, im Notfall bringe ich die beiden selbst in die Klinik. Ja, besten Dank. Bis gleich”, sagt Viktor und mich durchfährt direkt ein tiefer Schock, allein nur bei seinen Worten am Telefon.
Viktor nimmt seinen Arztkittel von meinen Schultern und wirft ihn über die Lehne seines Bürostuhls.
„Milo und Amélie waren in eine Schlägerei verwickelt. Sie haben aber keine Brüche. Laut Sekretärin haben die beiden sich ordentlich gewehrt und kaum was abbekommen. Aber ich gehe jetzt trotzdem dahin und will wissen, was die beiden sich dabei denken. Émile erreichen die übrigens nicht, der wird wohl mitten in einem Einsatz sein”, verkündet Viktor angespannt.
Émile hat vom Büroplatz zum Kriminaldauerdienst gewechselt, als Amélie von der Grundschule in die weiterführende Schule kam. Er ermittelt nebenbei aber auch Undercover, wenn Vampire oder Werwölfe beteiligt sein könnten.
Er hat sogar eine eigene vampirische Einheit.
Ich sehe Viktor nur schockiert an.
Die Schule hat noch nie wegen sowas bei uns angerufen. Klar, kotzende Kinder gibt es immer mal und natürlich hole ich die dann ab, aber eine verdammte Schlägerei?
Viktor bemüht sich nicht sauer zu sein, weil er die Sachlage noch nicht kennt, aber eine Schlägerei entsteht nun mal nicht einfach nur so. Und er hat klare Wertvorstellungen, die unseren Kindern sehr bekannt sind.
„Geh deine Sachen holen, wir nehmen deinen Wagen”, betont Viktor und geht schon auf den privaten Bereich seines Büros zu.
Ich eile auch schon drauf los und gehe schnellen Schrittes durch die Gänge, um meine Tasche mitsamt Autoschlüssel und auch meinen Wintermantel zu holen. Gregor braucht nur das Wort „Kinder” zu hören und nickt, weil er weiß, dass ich für heute wohl nicht mehr wiederkomme.
Kurz darauf komme ich auf dem hinteren Parkplatz des Klinikums an, der für die leitenden Ärzte reserviert ist. Und für mich, weil Viktor mich nicht vor der Klinik parken sehen will.
Mein Blick geht über das Kennzeichen mit den Ziffern HH KS, welches dieses Auto noch immer als Kilians identifiziert. Streng genommen ist es aber mein Bentley, weil der komplett auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist und der Wagen Kultstatus hat. Viktors Audi R8 mit dem Kennzeichen HH VD steht nun auf seinem Prof. Dr. Derfelden Parkplatz und wird da jetzt auch nicht weg bewegt.
Ich werfe Viktor, der am Bentley schon wartet, den Autoschlüssel zu und er verstaut die Rettungssanitäter Tasche im Kofferraum. Er trägt auch noch seine blaue Arztkleidung, hat darüber aber nun einen schwarzen Hoodie gezogen.
Ursprünglich habe ich mir einen Jaguar F-Type Coupé in anmutigem Schwarzton angeschafft, dessen Kosten ich nie an Kilian zurückgezahlt habe. Den Schlüssel dafür habe ich schon seit Jahren wieder, aber ich fahre den Wagen sehr selten.
Kilian droht mir trotzdem immer wieder mir den Schlüssel wegzunehmen, wenn ich mal wieder nicht auf ihn höre.
Während ich mich auf den Beifahrerplatz setze, klemmt Viktor sich hinter das Steuer und startet auch schon den Motor. Ich kann meinem Mann nach all den Jahren noch wie am ersten Tage hoch verliebt dabei zusehen, wenn er das Lenkrad bedient und sich auf den Straßenverkehr konzentriert.
Das beschert mir einen warnenden Blick aus dunkelroten Augen, den ich besser nicht ignorieren sollte. Viktor liebt das Spielchen mir die Augen bei der Fahrt zu verbinden, wenn ich nicht von ihm ablassen kann.
Heute steht das aber ausnahmsweise mal im Hintergrund. Die Gedanken auf Milo und Amélie auszurichten ist wichtiger.
• Émile •
Ich schaue auf mein Handy und blicke mit einem Gefühl von tiefer Liebe, aber auch einem Stich in der Herzgegend auf meinen Sperrbildschirm.
Eigentlich will ich die Uhrzeit ablesen, weil hier gleich eine Übergabe von einem Serum gegen Vampire oder Werwölfe stattfinden soll. Dafür hocke ich in einem kleinen Versteck in der Nähe des Parks und warte auf die Verdächtigen. Ich schaue dennoch kurz auf das Hintergrundbild, welches Amélie und mich vor der ausgefallenen Geburtstagstorte zu ihrem 13. Geburtstag von vor ein paar Tagen zeigt.
Amélie hatte ganz genaue Vorstellungen zu einer Regenbogentorte mit Wolken und entsprechender Deko. Mein werter Papa ist meiner Tochter aber total verfallen und erfüllt ihr solche Wünsche.
Viktor hat ein richtig schönes Foto von uns aufgenommen und sogar Amélie hat es aktuell als Hintergrund.
Jeden Tag sehe ich aber in die Gesichtszüge meiner verstorbenen Seelengefährtin, nur mit meiner hellbraunen Haarfarbe und den dunkelblauen Augen. Mittlerweile bin ich gut aufgestellt, gehe zur monatlichen Nachsorge und genieße das Leben mit meiner gesunden Tochter. Und natürlich mit dem Rest unserer Familie.
Gespannt schaue ich nun aber auf die Übergabestelle und ... warte. Ich stehe mir echt die Beine in den Bauch und kann nach einer Dreiviertelstunde locker behaupten, dass das vermutlich ein falscher Alarm war.
Die vampirische und wölfische Führung funktioniert soweit einwandfrei und die Zeiten sind sehr friedlich.
Gelegentlich räume ich nur den Müll beiseite, der sich in Form abtrünniger Anhänger von Samantha in den Straßen Hamburgs manifestiert.
Die Fälle werden aber zunehmend seltener und die Hexen, die sich „Samanthas Erben” nennen, scheinen allmählich in der Versenkung zu verschwinden.
Oder es ist der Anfang vom Ende, wer weiß das schon so genau.
Ich breche gerade meine metaphorisch gesprochenen Zelte ab, als ich erneut auf mein Handy schaue und einen verpassten Anruf von Amélies Gymnasium sehe.