Knox Hollow: Mein kleines Häschen

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Zusammenfassung

Als Beatrice Foster in die abgeschiedene Kleinstadt Knox Hollow zurückkehrt, um den Nachlass ihrer Großmutter zu regeln, plant sie, nur so lange zu bleiben, bis sie das geerbte Haus renoviert und verkauft hat. Doch der Sheriff der Stadt hat ganz andere Pläne.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
21
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Altersfreigabe
18+

Kapitel 1 - Der Schatten

Die Bäume wichen zurück, als die Straße sich bergab bog und den Blick auf eine Stadt freigab. Zuerst sah man nur Hausdächer. Die Fahrerin umklammerte das Lenkrad, während sie die Landschaft musterte. Triumph und Stolz erfüllten sie. Sie hatte es geschafft. Endlich war sie da. Nachdem all die Fragen und Zweifel halbwegs geklärt waren, kam ihr die Idee immer noch ziemlich verrückt vor.

Sie passierte das Schild mit der Aufschrift: Willkommen in Knox Hollow: Einwohnerzahl 303. Jemand hatte die Drei durchgestrichen und eine Zwei daneben geschrieben, bemerkte sie.

Ein verblichener Kirchturm kam in Sicht. Dazu eine gedrungene Tankstelle mit einem Neonschild, das dort wohl schon seit den 50er Jahren hing.

Die Leute warfen ihr schweigende Blicke zu, als sie an ihnen vorbeifuhr. Genauso schweigend wandten sie sich wieder ihrem Alltag zu. Knox Hollow hieß sie nicht willkommen; der Ort nahm sie lediglich zur Kenntnis.

Sie folgte der Wegbeschreibung, bis die Straße schmaler wurde. Der Asphalt wich Schotter, der unter ihren Reifen knirschte.

Dann sah sie es: das Haus. Das Haus von Edith Foster.

Zwei Stockwerke. Weiß, oder zumindest war es das mal gewesen. Jetzt blätterte die Farbe ab. Efeu rankte sich um die Fenster. Ein Fensterladen hing schief. Während sie parkte, nahm sie sich fest vor, das in Ordnung zu bringen.

Sie stieg aus und nahm ihre Tasche mit dem Nötigsten für die ersten Nächte mit. Im Kofferraum stapelten sich zugeklebte und beschriftete Pappkartons. Manche waren vom hastigen Packen halb zerdrückt. Sie hatte nicht zurückgeblickt, als sie den Kofferraum an jenem Morgen zugeschlagen hatte und losgefahren war. Still betete sie, dass es drinnen eine funktionierende Waschmaschine gab.

Die Luft roch nach Kiefern und alter Erde. Sie war auf halbem Weg zur Veranda, als sie das leise Knirschen weiterer Reifen hörte. Ein Streifenwagen des Sheriffs hielt am Ende der Einfahrt. Die Tür öffnete sich.

Zuerst kamen dunkle Stiefel zum Vorschein, dann der Rest des Mannes. Er war groß, hatte breite Schultern und eine schlanke Uniform. Sein Gang wirkte selbstbewusst. Eine gerade Nase und ein markanter Kiefer wurden von der Krempe eines dunklen Stetson eingerahmt.

Sein Gesicht war wie ein offenes Buch, in dem nichts stand. Der Ausdruck war ruhig, aber bestimmt. Er wirkte wie jemand, der die Last der Verantwortung ohne Klagen trug. Er rückte seinen Hut zurecht und musterte sie.

„Sheriff Kade Mercer“, sagte er. „Sind Sie die Enkelin?“

Beatrice richtete sich auf. „Ja. Ich bin Beatrice Foster –“, dann fügte sie eher aus Gewohnheit als aus Erziehung hinzu: „– Sheriff.“

Bei diesem Wort veränderte sich etwas fast Unmerkliches in seinem Gesicht. Sein Kiefer spannte sich an. Es war keine Verärgerung, aber auch keine Zustimmung. Er korrigierte sie nicht. Es schien aber auch nicht so, als würde er den Titel besonders schätzen.

Er nickte langsam und sah ihr fest in die Augen. Er blinzelte nicht. Er schaute nicht weg. Nicht einmal, als hinter ihm ein anderes Auto vorbeifuhr.

Er trat ein Stück näher. „Haben Sie vor, lange zu bleiben, Miss Foster?“

„Nur lange genug, um alles zu regeln. Dann will ich es verkaufen“, antwortete sie.

„Hm. Das Haus wird es Ihnen nicht leicht machen.“ Er nickte zu dem Gebäude hinüber, das nun ihr Zuhause war. „Die Leute hier meiden es. Schlechte Isolierung, knarrende Böden ... eine lange Geschichte.“

Er blickte kurz auf ihre Hand, die die Tasche hielt, und dann wieder hoch. Er sah ihr erneut in die Augen.

„Sie sollten Ihre Türen verschlossen halten. Die Leute denken oft, in solchen Städten passiert nichts.“ Sein Tonfall war ruhig. „Damit liegen sie falsch.“

Er zog einen Zettel aus der Tasche und hielt ihn ihr hin.

„Wenn sich irgendetwas ... wenn sich irgendwas seltsam anfühlt, rufen Sie mich an. Nicht die Zentrale. Mich. Verstanden?“

Beatrice nickte und nahm den Zettel langsam entgegen.

Er warf ihr einen letzten Blick zu. Er dauerte lang genug, dass sie seine Augenfarbe erkennen konnte: Grün. Dann drehte er sich um und ging zurück zu seinem Wagen.

Beatrice atmete tief durch. Er war nicht feindselig. Er war auch nicht kalt. Er war einfach nur ... intensiv. Er war die Art von Mann, die nicht laut werden muss, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen.

Die Haustür ließ sich nur mit mehr Mühe öffnen, als Beatrice erwartet hatte. „Na komm schon“, murmelte sie, während sie sich mit der Schulter dagegenstemmte. Das Holz ächzte protestierend, bevor es schließlich nachgab.

Sie ließ ihre Tasche mit einem leisen Plumps zu Boden fallen. Die Stille, die darauf folgte, war so dicht, dass man sie förmlich einatmen konnte. Keine summenden Geräte. Kein murmelndes Radio. Nur sie und die Ruhe des Hauses.

Staub und altes Holz mischten sich mit einem blumigen Duft, der noch immer an den Wänden haftete. Das musste ein hartnäckiger Rest vom Parfüm ihrer Großmutter sein.

Das gehört jetzt dir, dachte sie. Zumindest vorerst.

Sie schloss die Tür hinter sich, und das Schloss rastete mit einem leisen Wimmern ein.

Zuerst packte sie die wenigen Lebensmittel aus. Earl Grey. Haferflocken. Ein paar Konserven. Honig. Und dann die Tasse mit Bugs Bunny, die sie von zu Hause mitgebracht hatte. Sie lag gut in ihren Händen. Ein vertrautes Gewicht und ein Stück Wärme in all dieser Fremde.

Als der Wasserkocher pfiff, war es in der Küche durch den schwindenden Nachmittag schon dunkler geworden. Sie goss das Wasser über den Teebeutel und sah zu, wie der Dampf wie ein tröstlicher kleiner Seufzer an ihrem Gesicht vorbeizog.

Sie kam nicht einmal zum ersten Schluck, als die Türklingel durch das Haus schallte.

Beatrice erstarrte.

Sie hatte niemanden erwartet.

Ihre Schritte waren leise und lautlos auf dem alten Holz, während sie zurück durch den Flur ging. Vor der Tür zögerte sie kurz. Dann holte sie tief Luft, berührte das Schloss, drehte es langsam um und öffnete die Tür gerade so weit, dass sie sehen konnte, wer davorstand.

Eine Frau stand auf der Veranda. Vielleicht Mitte fünfzig, lilafarbene Strickjacke, ordentliches grau-blondes Haar. Ihre Hände umklammerten eine mit Alufolie abgedeckte Schüssel. Sie stand einfach nur da und wartete. Dann, mit einem plötzlichen Umschwung, lächelte sie süßlich.

„Hallo“, sagte die Frau mit einer viel zu hohen Stimme. „Tut mir leid, dass ich so früh hereinplatze. Ich wohne ganz in der Nähe und wollte Sie nur willkommen heißen.“

Die Frau trat ein Stück zurück, das Lächeln wie festgenagelt im Gesicht.

„Ich bin Martha. Ich wohne ein kleines Stück die Straße runter. Das weiße Haus mit den Rosen und dem Lavendel davor.“

Sie blickte kurz zur Straße und dann wieder zurück.

„Ich habe das mit Ihrer Großmutter gehört. Ich kannte sie nicht besonders gut, eigentlich kannte sie niemand. Aber ich wollte vorbeikommen und mein Beileid aussprechen. Und Ihnen etwas Warmes bringen.“

Sie hielt die Schüssel ein wenig in die Höhe, wie eine Opfergabe. Unter der Alufolie dampfte es einladend.

„Sie sind die Enkelin, nicht wahr?“, fragte sie und legte den Kopf schief, sodass sich eine Falte an ihrem Kinn bildete.

Beatrice nickte und öffnete die Tür ein Stück weiter.

„Ja. Ich bin Beatrice. Freut mich, Sie kennenzulernen, Martha“, sagte sie. „Danke fürs Vorbeikommen ... wirklich.“

„Aber gerne doch, Liebes.“ Marthas Tonfall wurde noch weicher. „Ich weiß, wie seltsam es sich anfühlen kann, in ein Haus zu ziehen, das einem plötzlich ganz allein gehört.“

Ihr Blick glitt an Beatrice vorbei in den Flur.

„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich frage, aber ... gibt es schon Pläne? Für Ihre Großmutter? Eine Trauerfeier?“

„Ja. Es wird eine Beerdigung geben. Ich treffe mich morgen mit dem Bestatter.“

Martha nickte langsam. „Das ist gut. Das ist das Richtige.“

Sie hakte nicht weiter nach, aber ihre Augen verweilten ein wenig zu lange im Flur hinter Beatrice, bevor sie sie wieder ansahen.

„Nun ja ... wenn Sie etwas brauchen, ich wohne nur ein paar Minuten entfernt.“ Sie lächelte wieder, aber es wirkte wie einstudiert.

„Und wenn Sie Hilfe mit dem Haus brauchen oder ... sonst irgendwas, sagen Sie einfach Bescheid.“

Beatrice zögerte. Dann fragte sie: „Möchten Sie auf eine Tasse Tee reinkommen? Ich habe gerade frischen gemacht.“

Marthas Lächeln wurde zu einem faltigen Grinsen. „Sehr gerne, Liebes. Vielen Dank.“

Sie trat ohne Zögern ein und putzte sich die Schuhe auf der Matte ab, als wäre es Routine. Ihre Augen suchten gierig den Raum ab, wanderten die Treppe hoch, zur Küche und über die Wände mit den Gemälden.

Sie folgte Beatrice in die Küche und setzte sich an den kleinen Tisch. Dabei faltete sie die Hände im Schoß wie jemand, der gelernt hatte, in fremden Häusern stillzusitzen.

„Es ist seltsam, das alles hier zu sehen“, sagte sie. „Ich war nie drin, als sie noch lebte.“ Sie schaute sich weiter um. „Sie hat nie jemanden eingeladen.“

Beatrice goss den Tee ein und schob ihr eine Tasse hin. „Mussten Sie weit reisen, um hierherzukommen?“, fragte Martha, während sie den Henkel umgriff.

„Nicht allzu weit. Nur ein paar Stunden“, antwortete Beatrice. „Ich war die Einzige, die übrig war, um sich um alles zu kümmern.“

Martha nickte langsam.

„Ich habe nicht vor, lange zu bleiben“, fuhr Beatrice fort. „Nur lange genug, um das Haus auf Vordermann zu bringen und zu verkaufen. Ich brauchte sowieso mal eine Pause von zu Hause. Das hier ... kam irgendwie zum richtigen Zeitpunkt.“

Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee und behielt den Rest ihrer Gedanken für sich.

„Schon komisch, wie das Leben so spielt“, murmelte Martha. Die Worte hingen schwer in der Luft. „Schlafen Sie oben?“, fragte sie plötzlich.

Beatrice sah sie über den Rand ihrer Tasse an. „Ja ... ich habe meine Sachen im Gästezimmer ausgepackt“, sagte sie. „Dort habe ich als Kind immer geschlafen, wenn ich sie besucht habe.“

Beatrice’ Blick wanderte zur Treppe. „Es würde sich seltsam anfühlen ... ihr Zimmer zu nehmen. Um ehrlich zu sein, fühlt sich das ganze Haus noch wie ihres an. Als wäre ich nur ein Gast auf der Durchreise.“ Sie setzte ihre Tasse langsam ab.

„Dieses Gefühl geht vielleicht nie ganz weg“, sagte Martha aufrichtig. „Manche Häuser lassen die Menschen nicht so einfach los. Ich bilde mir immer noch ein, mein Mann säße in seinem Sessel. Manchmal schwöre ich, ihn aus dem Augenwinkel zu sehen.“

Sie trank ihren Tee aus, strich den Stoff ihrer Strickjacke glatt und stand auf. „Danke für den Tee, Edith.“

Beatrice blinzelte. „Ich heiße Beatrice.“

Martha hielt inne und lächelte dann. Es war die Art von Lächeln, die die Augen nicht erreichte. „Natürlich. Verzeihen Sie mir.“

Sie ging zur Haustür, als hätte sie den Weg schon immer gekannt. Beatrice folgte ihr.

„Wenn Sie etwas brauchen“, erinnerte Martha sie, „geben Sie mir Bescheid.“

Beatrice schloss die Tür hinter ihr ab. Die Wärme des Tees war bereits verflogen.

Das Haus fühlte sich wieder still an. Aber nicht leer.

Sie stieg langsam die Treppe hinauf. Ihre Finger streiften das Geländer. Das Knarren jeder Stufe klang in der Stille weich und hohl. Oben angekommen, ging sie ins Schlafzimmer. Die Vorhänge standen gerade weit genug offen, um das letzte Licht durch das Fenster zu lassen.

Draußen lag der Garten in den letzten Strahlen eines hartnäckigen Sonnenuntergangs. Die Bäume am Rand des Grundstücks wiegten sich sanft im Wind. Ihre langen Schatten streckten sich bis zur Schotterstraße aus.

Dort sah sie es.

Wäre da nicht dieses plötzliche, schwache Glitzern gewesen, etwas Glattes und Reflektierendes, hätte sie es gar nicht bemerkt.

In einem Moment war es da, im nächsten schon wieder weg.

Gerade genug, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Es war zu weit weg, um Einzelheiten zu erkennen. Nur die Andeutung einer Gestalt. Sie war größer als die Zaunpfähle, aber dunkler als die Bäume.

War das ein Mensch?

Sie rührte sich nicht vom Fenster weg und blieb einfach dort stehen. Ihr Herz klopfte ein wenig schneller in ihrer Brust, während sie die Figur beobachtete.

Beobachtete die Gestalt sie etwa auch?

Ganz langsam wich Beatrice zurück. Nicht ganz vom Fenster weg. Nur weit genug, dass der Rand des Fensterrahmens sie verbarg.

Dann streckte sie schließlich die Hand aus und zog den Vorhang mit einer schnellen Bewegung zu. Sie schaute nicht noch einmal hinaus.

In dieser Nacht fand sie nur schwer in den Schlaf.

Sie lag zusammengerollt unter der fremden Decke. Ihre Hand ruhte auf ihrem Bauch, das Gesicht zur Wand gewandt. Das Haus kam um sie herum zur Ruhe, mit einem Knacken und Seufzen, das fast lebendig wirkte. Jedes Geräusch zerrte an ihren Nerven. Das Ächzen der Dielen, das plötzliche Poltern – sie redete sich ein, es sei nur der Wind.

Einmal glaubte sie, das Zuschlagen einer Autotür zu hören. Doch als sie angestrengt lauschte, wurde die Stille nur noch drückender. Irgendwann übermannte sie der Schlaf.

~

Die Gespenster der letzten Nacht wurden von den ersten Sonnenstrahlen des Morgens vertrieben.

Beatrice saß in der Küche. Sie hielt denselben Becher wie gestern zwischen ihren Händen. Krümel von ihrem Frühstück lagen auf dem Tisch verstreut.

Der Tee war nur noch lauwarm, aber sie bemerkte es nicht. Ihr Laptop leuchtete sanft. Auf dem Bildschirm waren Stellenanzeigen geöffnet:

Knox Hollow Gemischtwarenladen.

Aushilfe in Teilzeit gesucht.

Kein Lebenslauf erforderlich.

Telefonische Anfrage erbeten.

Sie starrte die Nummer einen Moment lang an. Dann griff sie nach ihrem Handy und tippte auf das Display.

Eine Frauenstimme meldete sich, flach und distanziert. „Gemischtwarenladen, hier spricht Janine.“

„Hallo“, sagte Beatrice und räusperte sich. „Mein Name ist Beatrice Foster. Ich habe die Anzeige für die Aushilfsstelle gesehen und wollte fragen, ob der Job noch frei ist.“ Eine Pause entstand.

„...Mhm. Ja, ist noch aktuell.“ Stille dehnte sich zwischen ihnen aus. Kein Willkommen, kein Zuspruch.

Beatrice hakte vorsichtig nach: „Ich könnte heute vorbeikommen, wenn das hilft?“

Noch eine Pause.

„Denke, das ist okay, wenn Sie mal reinschauen wollen.“

Klick.

Die Leitung war tot. Kein Name. Keine Uhrzeit. Nur eine Tür, die einen Spaltbreit offen stand. Hoffentlich.

Beatrice zog die Stirn kraus und starrte eine Sekunde lang auf das Telefon in ihrer Hand. Dann stand sie vom Tisch auf. Sie schnappte sich ihre Schlüssel und fuhr in den Ort.

~

Die Glocke über der Tür bimmelte leise, als Beatrice eintrat und mit etwas zusammenstieß. Mit jemandem.

Sie keuchte auf und stolperte leicht zurück. Doch eine Hand streckte sich aus und packte sie am Arm. Sie wurde mit überraschender Leichtigkeit abgefangen.

Sie sah auf und blickte in das amüsierte Grinsen von Sheriff Mercer.

Keine Einkaufstüten. Kein Klemmbrett. Keine Entschuldigung. Er stand einfach wie ein Möbelstück im Türrahmen, als hätte er auf sie gewartet. Seine Augen musterten ihr Gesicht. Nicht neugierig, nicht überrascht, sondern eher so, als würde er etwas bestätigen. Seine Hand lag immer noch auf ihrem Arm.

„Auf Jobsuche?“, fragte er mit tiefer Stimme.

Beatrice blinzelte. Das hatte sie niemandem erzählt. Mercer nickte in Richtung des Aushilfe gesucht-Schildes im Fenster, als könnte er ihre Gedanken lesen.

„Ja“, sagte sie schließlich. „Ich habe heute Morgen angerufen.“

Seine Hand ließ sie mit kontrollierter Gelassenheit los. Als ob er die Situation immer noch voll im Griff hätte. „Gut.“ Er nickte einmal kurz. Mehr sagte er nicht. Dann ging er mit derselben ungerührten Ruhe an ihr vorbei, die er immer ausstrahlte.

Die Glocke bimmelte erneut, als er hinausging. Sie sah sich nicht um, aber sie spürte seinen Blick noch auf sich, als die Tür schon längst ins Schloss gefallen war.

Im Laden war es still. Hinter der Theke stand eine Frau, die beide Hände flach auf die Kunststoffoberfläche gestützt hatte. Ihr braunes Haar war zu einem kurzen Bob geschnitten. Die roten Lippen und ein Hauch von blauem Lidschatten verschmolzen mit der Linie ihrer Augenbrauen. Sie lächelte nicht, sah aber auch nicht unfreundlich aus. Eher wie jemand, der darauf wartete, dass gleich etwas Schlimmes passierte.

„Sind Sie Beatrice?“, fragte sie.

„Ja. Ich habe vorhin wegen des Jobs angerufen.“

Die Frau – Janine, wenn sie sich recht erinnerte – blickte zur Eingangstür. Nur ein kurzer Blick, aber lang genug, dass Beatrice sich fragte, ob sie jemanden erwartete. Dann holte sie ein Blatt Papier unter der Theke hervor. Ein Formular. Sie reichte es ihr nicht sofort.

„Es ist eine Teilzeitstelle“, sagte sie barsch. „Vormittags und nachmittags, je nachdem, was gerade anfällt. Regale auffüllen. Putzen. Manchmal Kasse.“

Ihre Stimme klang wie die von jemandem, der ein Skript herunterspult, das ihn eigentlich nicht interessiert.

„Sie können morgen anfangen, wenn Sie wollen. Oder heute. Ganz egal.“

Kein Lächeln. Keine Fragen. Kein wirkliches Interesse.

Sie schob das Formular über den Tresen. Ihre Finger zitterten ganz leicht. Dann zog sie sie zurück, als hätte sie sich an dem Papier verbrannt.

Beatrice überflog das Blatt. Es waren nur Basisdaten: Name, Telefonnummer. Nichts Ungewöhnliches.

Als sie wieder aufsah, blickte Janine sie nicht mehr an. Ihre Augen waren wieder auf die Tür fixiert. Ihre Finger trommelten einen schnellen, unbewussten Rhythmus auf die Kante der Theke.

„Sie werden sich schnell einarbeiten“, stellte sie fest. Ihre Stimme war fest, aber ihr Körper war es nicht. Ihre Schultern waren angespannt, als würde sie den Atem anhalten. „Es sind nur Regale und Kunden. Nichts Kompliziertes.“

Plötzlich wandte Janine den Blick wieder ihr zu, als wäre ihr etwas eingefallen.

„Sie wohnen im alten Foster-Haus, richtig?“

Beatrice zögerte. „Ja. Edith war meine Großmutter.“

Die Reaktion war minimal, aber deutlich. Janines Augen huschten nach unten. Ihr Mund verzog sich zu einer schmalen Linie. Irgendetwas Unbehagliches zwischen einer Grimasse und einem Lächeln.

„Das muss ja... ein Erlebnis gewesen sein“, murmelte sie.

Sie beschäftigte sich mit einer Zeitschrift hinter dem Tresen und vermied sichtlich den Blickkontakt.

„Sie war keine Dame, die gerne plauderte, um es mal vorsichtig auszudrücken.“

Ihre Stimme wurde etwas leiser, bevor sie fast flüsternd hinzufügte: „Schätze, Sie haben mehr als nur das Haus geerbt.“

Beatrice zuckte innerlich zusammen, kaum dass die Worte ausgesprochen waren.

Janine zwang sich zu einem dünnen Lächeln. „Es wird Ihnen hier gefallen“, sagte sie. „Seien Sie einfach... pünktlich. Seien Sie zuverlässig. Das ist eigentlich alles, was wir verlangen.“ Sie schob einen kleinen silbernen Schlüssel über den Tresen. Kein weiteres Wort. Kein Händeschütteln. Das Gespräch war beendet.

Beatrice nahm den Schlüssel. Sie war eingestellt, und Janine sah schon jetzt erleichtert aus, dass sie ging.

Als sie mit dem Auto um die Ecke des Ladens bog, sah sie das rot-blaue Blinklicht eines Sheriff-Wagens. Er stand im Schatten einiger Bäume, als würde er sich verstecken oder auf Raser lauern.

Ein Stück weiter die Straße hinunter lag ein Diner. Dort herrschte die typische Flaute am Vormittag. Eine dieser ruhigen Zwischenstunden, in denen das Frühstück vorbei war, aber die Mittagszeit noch nicht begonnen hatte.

Vor der Post sah sie zwei Frauen, die sich unterhielten. Eine von ihnen erstarrte mitten im Satz, als ihr Blick auf Beatrices Auto fiel. Sie beugte sich zu ihrer Freundin und hielt sich die Hand vor den Mund, während sie ihr etwas zuflüsterte. Die zweite Frau drehte den Kopf und verfolgte das Auto mit den Augen, bis es hinter einer Kurve verschwand.